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MARVEL-BROKER/007: "Lobo - entfesselt"


Keith Giffen, Alex Horley


Lobo entfesselt (1 von 3)



Lobotomie bei den Fans erforderlich

Mit dem ersten Band "Lobo entfesselt" startet DC-COMICS eine Trilogie, die wahrscheinlich nur bei eingefleischten Lobo- Enthusiasten Freudentaumel auslösen wird, eventuell könnte es noch alten "Heavy-Metall"-Comic-Fan ein paar müde Erinnerungen aus vergangenen Tagen entlocken, und vielleicht fühlen sich auch noch ein paar "Werner"-Leser angesprochen. Doch eigentlich eher nicht, weil ihnen bei dieser Story der gewohnte Tiefgang fehlen wird. Ansonsten bewegt sich Lobo, wie die ersten zwei Seiten des Heftes zeigen, irgendwo zwischen "Mad" und dem klassischen Erwachsenen-Comic wie "Schwermetall", "U-Comics" und "Epic".

Zugegeben, die Illustrationen von Alex Horley sind hervorragend und schließen vom Stil her an einige alte Geschichten an, wie z.B. die Geschichten um "Den" von Möbius, aber die Story von Autor Keith Giffen, einem der beiden Lobo-Schöpfer, ist ein einziges Loblied der Gewalt - je brutaler und menschenverachtender, desto cooler und lustiger. Was lustig allerdings mit Gewalt zu tun hat, wird erst vor dem Hintergrund ersichtlich, daß Gewalt nur dann Spaß macht, wenn man ihr Verursacher ist und sie nicht selber erleiden muß. Dieses Ziel wird ja auch in der modernen westlichen Spaßgesellschaft zunehmend favorisiert und baut im Kern auf die gleiche Lebenseinstellung auf, die auch Lobo vertritt, frei nach dem Motto: "Ich nehm', was ich kriegen kann, so viel Creds wie geht (...) mit keinem laß ich mich ein, weder Partner noch Freund, ich werde der Beste, der im Kosmos streunt." - Herzlich willkommen im Zeitalter der sozialen Gegenseitigkeit, wo jeder zu Lasten des anderen das eigene Überleben zu sichern versucht!

Bei dieser ganzen Lebensverachtung ist es auch nur konsequent, daß Lobo, wie es in seinen zweiseitigen Lebenslauf geschildert wird, die gesamte Bevölkerung seines Heimatplaneten durch die Schaffung eines Bakteriums vernichtete, nur um einzigartig zu sein. Dabei entdeckt er seinen Spaß - was er selbst als Talent bezeichnet - am Quälen und Töten und will damit fortan sein Geld verdienen. So wird er Kopfgeldjäger und verschafft sich im ganzen Kosmos einen Ruf als "Präsi". Doch dieser Ruf hat mit der Zeit arg gelitten, und er will ihn durch einen Auftrag, der ihm eine halbe Milliarde Creds Kopfgeld einbringt, wieder herstellen.

Der Begriff des Kopfgeldes tauchte in jüngster Zeit in den Tagesmedien auf, weil amerikanische Staatsorgane, wie das Militär, das FBI, und die CIA, mehrere Männer islamischen Glaubens beschuldigt, mutmaßlich an verschiedenen Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Schon der Begriff mutmaßlich spricht eigentlich für sich und macht deutlich, daß es noch zu keiner gerichtlichen Verurteilung gekommen ist und daß damit die Männer nach internationalem Recht als unschuldig gelten. Kopfgeld jedoch wird normalerweise auf Leute ausgesetzt, die rechtmäßig verurteilt wurden und sich der Vollstreckung des Urteils entzogen haben. Doch seit neuestem gilt auch diese Praktik nicht mehr, und das Kopfgeld wird unrechtmäßig seitens der Vereinigten Staaten von Amerika auf Unschuldige im Sinne des Rechts ausgesetzt: tot oder lebendig.

Angesichts dieses Hintergrunds ist es auch nicht verwunderlich, daß es in den amerikanischen Comics die unterschwellige Offensichtlichkeit einer Indoktrination gegen arabische Staaten zum einen und gegen den islamischen Glauben im besonderen gibt, bei der sogar ein Finsterling wie Lobo, der sich unübersehbar westlicher Lebensart befleißigt und aus irgendeiner Gosse entstiegen ist, seine Feinde, die eindeutig arabische und islamische Merkmalen aufweisen, nach Strich und Faden niedermetzeln kann.

Zielort Lobos ist der Planet "J'Abbah Dhabba Dhu", dessen Herrscher, Nabob Abui, ermordet werden soll. Die Bewohner verehren eine Göttin, bei der sie "Pluspunkte" sammeln können, wenn sie sich gemeinsam mit einem Heiden in die Luft sprengen. Diese Art des Ablebens ist ein Brauch mit dem Namen "Dschihad", und "es braucht nur ein wenig", daß die Einheimischen "durchdrehen". Viele, denen Lobo begenet, sprengen sich mit dem Ausruf "Heide!" in die Luft, nichts ahnend, daß dies einen richtigen Kopfgeldjäger nicht einmal kratzt.

Ob der Autor vergessen hat, daß er davon träumt, ein Hooligan zu sein, aber sich mit dem dünnen, leicht überschaubaren Inhalt seiner Story nur als anständiger Schreiberling outet und verkrampft versucht, seine Schöpfung cool an den Leser zu bringen, ist unerheblich, denn angesichts der Vielzahl seiner Gesinnungsfans erfährt er offenbar genug Zuspruch, daß seine Botschaft vom überlebensfähigen Einzelkämpfer nach dem Vorbild eines Rambos, der sich gegen dumme religiöse Fanatiker durchsetzt, angekommen ist.

Euer Marvel-Broker


Lobo entfesselt (1 von 3)
Autoren: Keith Giffen, Alex Horley
Panini, Stuttgart, März 2004
52 Seiten, farbig, Softcover-Album, Kleinformat, 4,- Euro