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HINTERGRUND/005: Kritik und Zensur - Der "Comics Code" in den USA


Der "Comics Code" - Zensur von Comics im Amerika der 50er Jahre


In den 50er Jahren entstand in Amerika als Antwort auf die damals in Unmengen aufgekommenen Horror- und Crime-Comics eine Art freiwillige Selbstkontrolle der Verleger von Comics mit "Realserien", d.h. realistisch gezeichneten Serien. Damit sollte den Kritikern von Gewaltcomics der Wind aus den Segeln genommen und einem drohenden Verbot des gesamten Mediums entgegengewirkt werden.

Die Instanz, die damals gemeinsam von den betroffenen großen Comic-Verlagen gegründet wurde, nannte sich "Comics Magazine Association of America". Sie stellte den legendären "Comics Code" auf, eine Sammlung von Richtlinien über die inhaltliche Gestaltung von Comics, bei der es sich zwar nicht um einen gesetzlichen Zwang und somit auch nicht um Zensur im eigentlichen Sinne handelte, nach der sich aber in gemeinsamer Absprache alle Verleger zu richten hatten und die somit in ihrer Wirkung einer Zensur gleichkam.

Die Verlage gaben ihre Seiten vor dem Druck an die Code-Behörde, die sie durchsah und mit eventuellen Änderungswünschen versehen zurückgab. Durch diese "Vorsorgemaßnahme" ersparten sich die Verleger das Risiko eines kostspieligen nachträglichen Verbots des fertig gedruckten Comic-Books.

Man fragt sich, wie es nun eigentlich zu dieser Situation gekommen war, in der sich die Verleger zu derartig drakonischen Maßnahmen genötigt sahen. Darauf wollen wir im folgenden näher eingehen.


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Im Verlauf des zweiten Weltkriegs erfuhr die ohnehin schon blühende Comic-Kultur in Amerika einen weiteren, ungeheuren Aufschwung. Die Comic-Verlage begrüßten den Krieg geradezu mit Erleichterung und stürzten sich enthusiastisch und mit demonstrativ zur Schau gestelltem Patriotismus auf dieses Ereignis. Als ideales Transportmittel erwiesen sich hier die zahlreichen Superhelden, die Ende der 30er Jahre entwickelt worden waren, allen voran der von Anfang an ausgesprochen beliebte "Superman".

Hier hatte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn es war bereits absehbar gewesen, daß die Verbrechensbekämpfung "daheim", der die Superhelden bislang nachgegangen waren, sich über kurz oder lang abnutzen würde. Dadurch aber, daß man sie nun - sozusagen genau im richtigen Moment - auf einen "realen" Gegner ansetzte, wurden die Superhelden vor dem drohenden Untergang gerettet. Nahezu ausnahmslos zogen sie nun gegen die deutschen und japanischen Kriegsgegner zu Felde. Von dem Popularitätsschub, den sie in der Folge erlebten, profitierte die gesamte Comic- Industrie.

Unzählige GI's fanden in den Comic-Books, die sie in ihren Unterkünften oder in den Schützengräben lasen, nicht nur Ablenkung und Zerstreuung, sondern vor allem auch Halt und moralische Unterstützung in den Leitbildern ihrer Superhelden.

"Captain Amerika", der 1941 eigens zu diesem Zweck entwickelte Super-Soldat und -patriot, feierte wahre Triumphe. Die Geschichte dieses Helden, der ein aus dem amerikanischen Sternenbanner geschneidertes Kostüm trägt, ist so einfach wie einprägsam: der eher schmächtige Steve Rogers, ein junger Mann mit patriotischer Gesinnung, meldet sich freiwillig zur Armee, wird aber abgewiesen und bekommt daraufhin ein Geheimserum injiziert, das ihn zum Super-Soldaten "Captain Amerika" macht. Der Erfinder des Serums wird umgebracht, bevor er weitere Menschen impfen kann, so daß Rogers der einzige Super-Soldat bleibt.

Einen sicherlich nicht unbeträchtlichen Anteil an der enormen Popularität gerade dieses Superhelden hatte der Zeichenstil, der von den Erfindern des "Cap", wie man Captain America auch kurz nannte, eingeführt worden war. Die beiden Zeichner Jack Kirby und Joe Simon bevölkerten ihre Bilder mit wahren Heerscharen von Kämpfern, deren explosive Bewegungen, Drehungen und Sprünge auf geradezu wagemutige Art und Weise dargestellt waren. Muskeln dehnten oder verkürzten sich auf groteske Weise, perspektivische Verkürzungen schafften atemberaubende Spannungseffekte, überall war Tempo, Bewegung und Action.

Doch dieses grandiose Schauspiel der Superhelden fand in den Trümmern des zweiten Weltkriegs ein abruptes Ende. Es fehlte an potenten Gegnern und vor allem - die Menschen hatten andere Sorgen, für Unterhaltung und Kurzweil blieb keine Zeit. Die meisten Comic-Serien gingen sang- und klanglos ein.

In den ersten Nachkriegsjahren erlebten die Comic-Verlage ihren absoluten Tiefpunkt. Um aus dieser Misere wieder herauszukommen, mußten sich die Verleger etwas ganz Neues einfallen lassen, damit ihre Produkte wieder gekauft wurden: Die "Crime-Comics" wurden geboren.

Diese Comics lebten durch ihre Darstellungen von bluttriefenden, grausamen und abartigen Verbrechen - und sie bewirkten, was man angestrebt hatte - die Leser wurden wieder aufmerksam auf das Medium und begannen erneut, Comic-Books zu kaufen. Es blieb nun nicht aus, daß die verschiedenen Verlage sehr schnell versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen, wodurch die Brutalität der Gewaltdarstellungen sich weiter steigerte.

Die Gegner waren ebenfalls schnell auf dem Plan: Um das Wohlergehen ihrer Sprößlinge besorgte Eltern und Lehrer, die von den Crime-Comics eine "Verrohung der Sitten", "steigende Verbrechensziffern", "wachsende Jugendkriminalität" und ähnlich schlimme Dinge befürchteten, machten Stimmung gegen die Comics. Auch der "Nationale Eltern und Lehrer-Kongreß" startete Aktionen, zu denen unter anderem regelrechte "Comic-Verbrennungen" gehörten.

Als Antwort auf diese alarmierenden Kampagnen fingen die Verlage 1949 an, in großem Stil sogenannte "Romance-Comics" zu produzieren - schmalzige, herzzerreißende Liebesgeschichten für heranwachsende Teenager. Zwar glätteten sich in der Folgezeit die Wogen der Empörung, doch die Rechnung der Verleger ging trotzdem nur zum Teil auf. Die Romance-Comics ließen sich nur schwer absetzen, von dem durchschlagenden Erfolg, den man erwartet hatte, konnte keine Rede sein. Aus diesem Grund kehrten die Verlage auch schon ein Jahr später zu ihren "bewährten" Crime- Comics zurück.

Diesmal ging man sogar noch weiter: Der Verleger William M. Gaines, der das Haus "EC" von seinem Vater übernommen hatte, brachte nun auch noch "Horror-Storys" auf den Markt. Diese Comics waren, wie man es vom Hause EC gewohnt war, zeichnerisch von sehr hoher Qualität und lehnten sich inhaltlich an die Erzähltradition Edgar Allen Poes an. Der "Horror" wurde nicht durch oberflächliche Effekthascherei erzeugt, sondern im Verlauf der raffiniert angelegten Story aufgebaut. Gaines, der übrigens den Verlagsnamen "EC" - der ursprünglich für "Educational Comics" (erzieherische Comics) stand - in "Entertaining Comics" (unterhaltende Comics) geändert hatte, war mit seinen unheimlichen Horror-Storys, die bei den Lesern ausgesprochen gut ankamen, der Auslöser einer neuen Flut von Crime- und Horror- Comics.

Der nun folgende Feldzug der Kritiker wurde maßgeblich von dem Psychiater Dr. Frederick Wertham angeführt, der schon seit den 40er Jahren Front gegen das Comic-Medium machte, das er schlichtweg als Gefahr für die Jugend empfand. Für sein Buch "Seduction of the Innocent" (Die Verführung der Unschuldigen), das 1954 erschien, sammelte er unzählige "Fälle", die die jugendverderbende Wirkung von Comics "bewiesen". Die teilweise ja nun wirklich recht geschmacklosen Horror- und Crime-Comics kamen ihm für seine Argumentation gerade recht. Auch die Stimmung der Öffentlichkeit tendierte zu dieser Zeit in Richtung auf ein generelles Verbot des Mediums. Ein Ausschuß des amerikanischen Kongresses, das unter der Leitung von Senator Kefauver gebildete "Kefauver Crime Committee" beschäftigte sich mit den Horror- Comics des Verlegers Gaines. Er kam zwar in dieser Untersuchung nicht zu dem Schluß, daß Comics jugendgefährdend seien, doch trotzdem war die Lage für die Verleger inzwischen äußerst kritisch; ein entsprechendes Gesetz, das ein weitgehendes Verbot von Realcomics aller Art bedeutet hätte, lag in der Luft. Die "Notbremse" mußte gezogen werden, möglichst schnell und möglichst wirkungsvoll.

Dies war nun der Zeitpunkt, an dem die Verleger die anfangs erwähnte "Comics Magazine Association of America" gründeten, die 1954 den "Comics-Code" erstellte. Um den moralischen Ansprüchen der Kritiker zu genügen, waren dessen Richtlinien ausgesprochen streng abgefaßt, für Autoren und Zeichner gab es plötzlich eine Unzahl von Vorschriften, die beachtet und eingehalten werden mußten. Als Leitsatz galt: "Stets soll das Gute über das Böse triumphieren und der Verbrecher für seine Untaten bestraft werden."

So mußten zum Beispiel Verbrechen, wenn sie überhaupt abgebildet wurden, "als scheußliche und widerliche Tätigkeit" zu erkennen sein. Sie durften "niemals in einer Art und Weise dargestellt werden, die Sympathie für den Verbrecher wecken, Mißtrauen gegenüber den Vollzugsorganen von Gesetz und Justiz erregen oder andere dazu anstiften könnte, Kriminelle nachzuahmen"; die speziellen "Details und Methoden eines Verbrechens" durften "nicht in ihren Einzelheiten dargestellt werden", "Polizisten, Richter, Regierungsbeamte und ehrbare Institutionen" durften "nie in einer Art und Weise dargestellt werden, die Respektlosigkeit gegenüber der etablierten Autorität erwecken könnte".

Kriminelle sollten "nie so dargestellt werden, daß sie heldenhaft erscheinen oder eine Position innehaben, die Anlaß geben könnte, ihnen nachzueifern" und "Szenen mit übertriebener Gewalttätigkeit, brutaler Folterung, übertriebener und unnötiger Handhabung von Messern und Schußwaffen, körperlichem Schmerz, blutigen und grausigen Verbrechen" waren zu "eliminieren", ebenso wie "Episoden, in denen Gesetzeshüter infolge einer Handlung eines Verbrechens sterben" möglichst zu unterbleiben hatten.

In diesem Stil ging es weiter - es gab Regeln für die Benutzung von Sprache, für Kleidung, für die Darstellung der weiblichen Person, Liebe, Ehe und die Beziehung der Geschlechter. Moralische Werte wie "Respekt vor den Eltern", "ehrenwertes Benehmen" und "Unverletzlichkeit der Ehe" sollten hochgehalten werden. Eine Scheidung zum Beispiel sollte "nie humoristisch abgehandelt oder als wünschenswert dargestellt werden", "Verbotene sexuelle Beziehungen weder angedeutet noch dargestellt werden", "wilde Liebesszenen" waren ebenso wie "sexuelle Abnormitäten" "unannehmbar".

Der Code forderte seine Opfer, denn bei diesen Maßgaben konnten die Crime- und Horror-Comics selbstverständlich nicht unter dem Siegel der Code-Behörde erscheinen. Diese Serien wurden ohne Ausnahme eingestellt. Der bisherige Marktführer EC beispielsweise konzentrierte sich nun ausschließlich auf sein Satire-Magazin MAD, das schon seit einiger Zeit existierte. Hier fanden die ehemaligen Horror-Zeichner ein neues Betätigungsfeld, auf dem sie sich recht schnell erfolgreich etablierten. Ansonsten sah es allerdings während der nächsten Jahre auf dem Comic-Markt recht trübe aus - aus Mangel an neuen Konzepten, die eine interessante Alternative zu den nun nicht mehr existierenden Publikumslieblingen dargestellt hätten, wurden seichte Abenteuer- Serien, Western-Comics und die schon bekannten Romance-Serien aufgelegt.

Etwa sieben Jahre dauerte es, bis sich die Branche einigermaßen von dem Einbruch erholt hatte, den der Comics Codex darstellte. Inzwischen gab es auch schon wieder erfolgreiche Serien, die trotz der strengen Maßgaben und Vorschriften des Codes ein eigenständiges Profil entwickelt hatten und sich großer Beliebtheit erfreuten, wie etwa die "Classic Illustrated" (in Deutschland als "Illustrierte Klassiker" bekannt), die Themen aus der Weltliteratur verarbeiteten. In diesen Comics versuchte man, Bild und Sprache möglichst eng an das Original anzulehnen. So wurde etwa in den Shakespeare-Dramen das Englisch des ausgehenden 16. Jahrhunderts verwendet.

Doch vorerst blieben das eher die Ausnahmen; insgesamt kann man sagen, daß die Realcomics bis weit in die 60er Jahre hinein immer noch in engen Vorgaben und Regeln gefangen waren. So galt es gewissermaßen als unschicklich, wenn ein Held ganz normale menschliche Züge trug - diese Ansicht änderte sich erst in den späten 60ern, als man "menschlichere" Serienhelden entwickelte, die auch Alltagssorgen und -probleme kannten. Außerdem blühte die "Vetternwirtschaft" (Serienhelden hatten keine Eltern, sondern lebten bei Onkeln oder Tanten) - eigentlich ein eher satirisches Merkmal der Disney-Serien - die man notgedrungen von diesen hatte übernehmen müssen, um nicht in den Ruf der "Verführung Jugendlicher" zu geraten, als die Comic-Gegner gegen den "versteckten Sex" Front machten.

Für die Hersteller von Comics bestand nun die Herausforderung darin, sich von diesen strengen Reglements zu emanzipieren, ohne gleich wieder ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten - eine sicher nicht leichte Aufgabe, die einiges an Geschick und Durchhaltevermögen erforderte. Aber wie man am Beispiel der Classic Illustrated sehen kann, gelang es immer wieder, Lücken zu finden, über die sich das Medium erneut etablieren konnte - Comics sind einfach nicht totzukriegen.

1. Februar 2007