Schattenblick →INFOPOOL →BILDUNG UND KULTUR → COMIC

TERMINE/1076: Basel · Proto Anime Cut - Zukunftsvisionen im japanischen Animationsfilm, bis 13.10.2013


Cartoonmuseum Basel - Medienmitteilung vom 6. Juni 2013

Proto Anime Cut
Zukunftsvisionen im japanischen Animationsfilm

8.6. bis 13.10.2013



Anime, japanische Trickfilme, sind seit einigen Jahren nicht mehr nur bei Fans beliebt, sondern gewinnen mit ihren Inhalten und ihrer Ästhetik zunehmend Einfluss auf den Mainstream der globalen Popkultur. Mit "Proto Anime Cut. Zukunftsvisionen im japanischen Animationsfilm" zeigt das Cartoonmuseum Basel zum ersten Mal in der Schweiz die wichtigsten Künstler und prägenden Themen des Genres und bietet Einblicke in den aufwendigen Entstehungsprozess der Filme.

Anime sind japanische Animationsfilme (gezeichnete Trickfilme), die auf der Ästhetik und den Themen der hierzulande noch bekannteren Manga (japanische Comics) aufbauen. Anspruchsvolle Anime sind künstlerisch hochstehend, sie spielen oft in einem Science-Fiction-Rahmen und befassen sich mit gesellschaftlichen Fragen, Zukunftsahnungen und Mensch-Technik-Interaktionen. Im Westen bekannt sind die erfolgreichen Anime "Akira" (1988), "Ghost in the Shell" (1995) und "Neon Genesis Evangelion" (1995), die sich mit Gesellschaften der Zukunft befassen und als experimentelle Projektionsfläche für Fantasien und Utopien faszinieren. Themen wie der technische Fortschritt, die Urbanisierung und die Folgen des Wirtschaftswachstums in Japan scheinen uminterpretiert in der Zukunft auf und werden so verarbeitet. Diese Filme prägen bis heute die Vorstellungen vom visuellen und narrativen Stil von Anime und bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung. Die handelnden Figuren und äusserst aufwendigen Szenerien werden ebenso thematisiert wie die Inhalte, Mechanismen und Möglichkeiten gezeichneter japanischer Science-Fiction.


Meilensteine des animierten Films

Trickfilme entstehen durch Arbeitsteilung, also unter der Beteiligung unterschiedlichster Künstler. Gleichzeitig werden sie von prägenden Personen gestaltet. Die Ausstellung zeigt Künstler aus verschiedenen Disziplinen, die wesentlich dazu beigetragen haben, den typischen Stil von Anime zu etablieren. Die vorgestellten Regisseure und Illustratoren Hideaki Anno (Art Director, "Neon Genesis Evangelion"), Haruhiko Higami (Fotograf), Koji Morimoto (Art Director, "Dimension Bomb"), Hiromasa Ogura (Art Director), Mamoru Oshii (Art Director, "Patlabor", "Ghost in the Shell") und Takashi Watabe (Layout) eint ihr Interesse an realistischer Konstruktion möglicher Weltbilder und wirklichkeitsnahen Visionen zukünftiger Städte und Landschaften. Diese Künstler gehören zu einer Generation von Illustratoren, die noch fast ausschliesslich von Hand zeichnete und den typischen Animestil massgeblich geprägt hat.


Einblick in den künstlerischen Arbeitsprozess

Die Ausstellung zeigt zahlreiche, der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugängliche Originalzeichnungen und -skizzen, Studienmaterial, Inspirationsquellen und eine Reihe weiterer Originalobjekte aus dem Herstellungsprozess der Filme und präsentiert die entsprechenden Filmausschnitte.

Ganz am Anfang durchläuft eine Anime-Produktion Prozesse kreativer Erfindung, lässt neue Welten entstehen und wird durch künstlerische Entscheidungen geformt. In diesen subjektiven Momenten eines ansonsten formalisierten und industrialisierten Prozesses wird der narrative Stoff gewoben, aus dem schliesslich die kleinen und grossen Geschichten der filmischen Vision entwickelt werden. Die ausgestellten Arbeiten sind vor allem Zeugnisse dieser kritischen und erfindungsreichen Phase der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und ästhetischen Themen und sind für ein breites Publikum genauso faszinierend wie für eingeschworene Fans. "Proto Anime Cut" präsentiert diese Arbeiten als das, was sie sind: Zeugnisse eines individuellen und äusserst inspirierenden künstlerischen Schaffens an der Grenze von Film, bildender Kunst und Popkultur.


Animationsfilme als gesellschaftskritische Auseinandersetzung

Ein Höhepunkt der japanischen Trickfilmkunst ist sicherlich Katsuhiro Otomos Film "Akira", der 1988 dem japanischen Anime zu internationaler Anerkennung verhalf. Er basiert auf Otomos gleichnamigem, insgesamt 2000 Seiten umfassenden Manga-Epos, das die Sehgewohnheiten und Vorbehalte gegenüber den künstlerischen Möglichkeiten von Zeichentrickfilmen einer ganzen Generation von Kinobesuchern grundlegend veränderte. Als "Akira" 1988 veröffentlicht wurde, befand sich die japanische Wirtschaftsblase auf dem Höhepunkt. Der Film reflektiert die grundsätzliche Befürchtung, dass die kapitalistischen Fundamente, auf denen Japan nach dem Zweiten Weltkrieg neu errichtet wurde, am Ende doch nicht so stabil sein könnten wie angenommen. Sowohl der grosse Erfolg von "Akira" als auch der Realismus von "Patlabor" und "Ghost in the Shell" sowie die Glaubwürdigkeit von "Neon Genesis Evangelion" hängen vor allem mit der erstklassigen und detaillierten Darstellung Tokios als Bühne der Geschichten zusammen.

Die Ausstellung wird von einem vielfältigen Vermittlungsprogramm mit Vorträgen, Gesprächen, Führungen und Workshops begleitet.


Ausstellungsdaten

Ausstellungsdauer
8.6. - 13.10.2013

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag: 14-18 Uhr
Samstag/Sonntag: 11-18 Uhr

Kuratoren
Anette Gehrig, Basel
Stefan Riekeles, Berlin

Vermittlung / Öffentlichkeitsarbeit
Anette Gehrig, Nadja Venetz

Partner
Ingenodata AG, Basel
Tweaklab AG

Kooperation
les jardins des pilotes


Veranstaltungen

Sonntagsführungen
30.6., 11.8., 15.9., 13.10.2013, 14 Uhr

mittwoch-matinee
Mittwoch, 2.10.2013, 10-12 Uhr
Führung mit Anette Gehrig über die Besonderheiten der japanischen Animationskultur


Künstlerbiographien

Hideaki Anno
Hideaki Anno (*1960) ist Animateur und Regisseur. Er begann seine Karriere im Anschluss an ein Studium an der Kunstuniversität Osaka. Sein Stil zeichnet sich durch eine detaillierte Darstellung der Psychologie seiner Figuren und einen hohen Grad an Realismus in der Bewegungsanimation aus. Ende der 1980er-Jahre produzierte er seine bekannteste Arbeit als Animateur: Das Finale von "Wings of Honneamise" (1987). Diese Szene ist eine der frühesten, auf Realismus angelegten Animeszenen überhaupt und beeindruckt noch heute. 1995 führte Anno Regie bei allen 26 Folgen der Serie "Neon Genesis Evangelion". Diese Serie gilt als eine der einflussreichsten Trickfilmserien überhaupt und ist seither Grundlage unzähliger Varianten und Parodien.

Haruhiko Higami
Haruhiko Higami ist Fotograf. Nach einer ersten Anstellung bei einem Fernsehstudio arbeitete er als Fotograf in einer Werbeagentur und in einem Fotostudio. Seit den späten 1980er-Jahren ist Higami als Konzeptfotograf und Locationscout für Film und Anime tätig. Auf seinen Reisen fotografiert er Land und Leute verschiedener Kulturen und produziert so Bilder, die dann als Grundlage für die spätere Filmkulisse dienen. Higami war bei den Filmen "Patlabor: The Movie" (1989), "Patlabor: The Movie 2" (1993), "Ghost in the Shell" (1995) und "Innocence" (2004) als Konzeptfotograf für Oshii tätig.

Koji Morimoto
Koji Morimoto (*1959) absolvierte ein Studium an der Osaka School of Design und begann anschliessend seine Karriere als Animateur. Seit 1984 ist er freischaffend tätig. 1986 rief er als Mitbegründer das Studio 4°C ins Leben. Im Jahr darauf führte er zum ersten Mal Regie und animierte den Film "Franken`s Gear". Anschliessend übernahm er die Key-Animation von "Akira" (1988). Seinen ersten eigenen Film "Fly! Peek the Whale" schrieb und produzierte er 1991. Im Jahr 1995 arbeitete er als Regisseur an "Magnetic Rose", der ersten Episode der auf einem Manga von Katsuhiro Otomo basierenden Serie "Memories". Morimoto hat den Ruf, Projektangebote abzulehnen, wenn ihm die künstlerische Aufgabe nicht anspruchsvoll genug erscheint. Seit den 1990er-Jahren konzentriert sich Morimoto auf experimentelle Clips und Kurzfilme.

Hiromasa Ogura
Hiromasa Ogura (*1950) ist ein legendärer Grafiker und Gestalter von Hintergründen und Konzeptentwürfen. Er war massgeblich an den grossen Anime-Erfolgen wie "Wings of Honneamise" (1987), "Patlabor: The Movie 2" (1993) und "Ghost in the Shell" (1995) beteiligt.

Mamoru Oshii
Mamoru Oshii (*1951) ist einer der führenden Filmregisseure Japans. Neben Trick- und Realfilmen, arbeitet er auch für Fernsehproduktionen und Computerspiele. Während seines Studiums der Kunsterziehung an der Kunst Universität in Tokio kam er zum ersten Mal mit Film in Berührung. 1977 erhielt er eine Stelle als Regisseur bei Tatsunoko Productions, wo er zunächst an der Trickfilmserie "One-Hit Kanta" arbeitete. 1980 wechselte er ans Studio Pierrot, um unter der Leitung des Regisseurs Hisayuki Toriumi zu arbeiten. Seit 1984 ist Oshii freischaffend tätig. Seine zahlreichen Werke haben Regisseure wie James Cameron und die Wachowski-Brüder wesentlich beeinflusst. Seine Hauptwerke sind: "Urusei Yatsura: Only you" (1983), "Patlabor: The Movie" (1989), "Patlabor: The Movie 2" (1993), "Ghost in the Shell" (1995), "Avalon" (2001), "Innocence" (2004), "The Sky Crawlers" (2009).

Katsuhiro Otomo
Katsuhiro Otomo (*1954) ist Manga-Zeichner, Drehbuchautor und Regisseur. Sein bekanntestes Werk "Akira" (1988) war ein Meilenstein für die Verbreitung von Manga und Anime ausserhalb Japans. Der Film basiert auf Otomos gleichnamigen, 2000-seitigen Manga-Epos. Seit den frühen 1980er-Jahren arbeitete er als Trickfilmzeichner, Charakterdesigner, sowie als Regisseur. Als ersten Trickfilm inszenierte er die Anfangs- und die Schlusssequenz von "Robot Carnival", einer Sammlung von neun Kurzfilmen von bekannten japanischen Anime-Regisseuren über das Zusammenleben von Roboter und Mensch. Nach Abstechern in das Realfilm-Genre wandte sich Otomo doch wieder der Welt des Trickfilms zu. So war er an zwei von drei Teilen von "Memories" (1995) massgeblich beteiligt. Im Juli 2004 kam "Steamboy" in die japanischen Kinos. Der Film war mit einem Budget von über 2,4 Milliarden Yen der bis dahin teuerste Anime-Film.

Takashi Watabe
Takashi Watabe (*1959 in Niigata) ist Konzeptdesigner und Layout-Designer. Seine Entwürfe von Gebäuden und mechanischen Elementen wie Fahrzeugen und Robotern sind grundlegend für die Konzeption des gesamten Weltbildes vieler Anime. Watabe ist der Architekt grosser Anime-Erfolge wie "Akira" (1988), "Patlabor: The Movie" (1989), "Ghost in the Shell" (1995) und "Neon Genesis Evangelion" (2007, 2009). Stilprägend ist seine geradezu obsessive Detailgenauigkeit. Mit seinen bis hin zu scheinbar irrelevanten Kleinigkeiten durchdachten Entwürfen trägt Takashi Watabe massgeblich zur Glaubwürdigkeit vieler Zukunftsszenarien in Science-Fiction-Animes bei. Die von Takashi Watabe fertiggestellten Entwürfe tragen stets sein Signet.

*

Quelle:
Medienmitteilung vom 6. Juni 2013
Herausgeber:
Cartoonmuseum Basel
St. Alban-Vorstadt 28
CH-4052 Basel
Fon +41 (0)61 226 33 60
Fax +41 (0)61 226 33 61
info@cartoonmuseum.ch
www.cartoonmuseum.ch


veröffentlicht im Schattenblick zum 6. September 2013