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INTERNATIONAL/001: Uruguay - Fünf Jahre ohne Eduardo Galeano (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Uruguay

Fünf Jahre ohne Eduardo Galeano



Porträt - Bild: Jose Francisco Pinton / Public domain via Wikipedia

Eduardo Galeano im Jahr 2008
Bild: Jose Francisco Pinton / Public domain via Wikipedia

Vor fünf Jahren starb Eduardo Galeano, Schriftsteller, Journalist und Historiker, in seiner Heimatstadt Montevideo. Seine Texte berühren noch heute.

(Bogotá, 13. April 2020, Colombia Informa) - Der 13. April 2015 ist als Todestag von Eduardo Galeano in die Geschichte eingegangen. Der Schriftsteller, Journalist und Historiker starb mit 74 Jahren in seiner Geburtsstadt Montevideo. Acht Jahre zuvor war bei ihm ein Lungenkrebs diagnostiziert worden.

"Es gibt nicht zweimal das gleiche Feuer ... wir sind Feuer von allen Farben und Formen, kleine Feuer, zusammen ergeben wir ein wunderschön brennendes Meer". Galeano hat das Erzählen mit dem Journalismus verbunden und eine historische Analyse der Momente geliefert, die Lateinamerika geprägt haben. Seine Werke haben ihn zu einem geachteten Autor gemacht, zur unerlässlichen Referenz, will man Gewalt und soziale, politische und bewaffnete Konflikte auf dieser Welt verstehen. Galeanos Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Zu seinen prominentesten Schriften gehören: Die offenen Adern Lateinamerikas (1971), Su majestad el fútbol (1968), Die folgenden Tage (1963), La canción de nosotros (1975) und Los hijos de los días (2012). Bis kurz vor seinem Tod schrieb Eduardo Galeano an seinem letzten Werk Geschichtenjäger (2012). Die Sammlung von Geschichten und Erzählungen, die die heutige Welt abbilden - schlicht, schnörkellos und doch berührend - wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht. Es geht um die Liebe - el amor mit großem "M" zur Versinnbildlichung der emotionalen Achterbahnfahrt - es geht um die Monster, die die Völker der Welt angreifen, und um die Heldinnen und Helden, die diese Welt jeden Tag aufs Neue retten.


Politische Analysen und Poesie

Einige seiner Werke erlangten weitreichende politische Bedeutung; besonders hervorzuheben sind: China 1964: Crónicas de un desafío (1964), das auf Englisch und Spanisch veröffentlicht wurde. Galeano beschäftigt sich mit dem kommunistischen China und entwickelt einen Fragenkatalog, der an den abgelegensten Orten Chinas Meinungen einholen soll. Außerdem: die Trilogie Erinnerung an das Feuer, bestehend aus den Bänden Geburten (1983), Gesichter und Masken (1986) und Das Jahrhundert des Sturms (1988), die die Bildung des amerikanischen Kontinents behandeln und schildern, wie ihn Ausplünderung, ursprüngliche Akkumulation (im Marxismus der historische Ausgangspunkt der kapitalistischen Aneignung von Privateigentum, Anm. d. Übers.) und breit gefächerter Widerstand zu dem machten, was wir heute Lateinamerika nennen.

Während seiner gesamten Laufbahn als Schriftsteller und Journalist wusste Galeano unterschiedliche Schreibstile zu kombinieren. So konnte sich seine ganz persönliche Art zu erzählen entwickeln, die auch heute noch starke Emotionen bei seinen Leser*innen hervorruft.

Eduardo Galeanos literarische Karriere beginnt 1955 bei der Wochenzeitung Sol der Sozialistischen Partei Uruguays, wo er mit 14 Jahren seine ersten politischen Karikaturen einreicht. Fünf Jahre später ist er Herausgeber der Tageszeitung Marcha. Mit dem Beginn der Militärdiktatur 1973 muss er sein Land verlassen und in Argentinien Schutz suchen. Im Exil kann er seine journalistische Arbeit fortsetzen und gründet ein Kulturmagazin. Nach einigen Jahren außerhalb seines Landes kehrt er 1985 nach Uruguay zurück und gründet dort die Wochenzeitung Brecha. Seine schriftstellerische Arbeit setzt er weiterhin fort und bekommt dafür internationale Anerkennung, unter anderem werden ihm der "Casa de las Américas" und den "American Book Award" der Universität Washington verliehen.

Emanzipatorische Prozesse in Amerika hat Galeano aufmerksam verfolgt, sein besonderes Interesse galt jenen eigenwilligen und besonderen Persönlichkeiten der lateinamerikanischen Geschichte. Über Hugo Chávez schreibt er: "Seltsamer Diktator. Masochistisch und selbstmörderisch: Er hat eine Verfassung geschaffen, die es dem Volk erlaubt, ihn abzuservieren, und riskiert, dass dies durch ein Widerrufs-Referendum geschehe, das in dieser Form in Venezuela Weltpremiere hatte." Für die amerikanischen Völker gilt Eduardo Galeano als Teil der lebendigen Geschichte; seine Bücher haben für viele die Funktion einer Festung: Tausende Menschen auf der Welt flüchten sich in seine Erzählungen und erschaffen von dort aus ihre Traumwelten, transformieren ihre Schmerzen in Abwehrkräfte. Hunderte Anhänger*innen seiner Werke meinen, die Poesie Galeanos berühre das Tiefste in den Menschen und ermutige sie, den Aufbruch zu ihren eigenen Utopien zu wagen. Galeanos Werke sprechen von Liebe, von Solidarität, Rebellion und Zuneigung - was könnte in diesen Zeiten der Pandemie empfehlenswerter sein?

Hier drei Texte von Eduardo Galeano:

Bésame mucho

Los besólogos han demostrado que el beso apasionado hace trabajar treinta y nueve músculos de la cara y otras zonas del cuerpo. También se ha comprobado que el beso puede transmitir gripe, rubeola, viruela, tuberculosis y otras pestes.
Gracias a los científicos, sabemos ahora que el beso puede dejar exhaustos a los atletas olímpicos y puede enfermar sin remedio a los más sanos ejemplares del género humano.
Y sin embargo ...

Küss mich leidenschaftlich

Kuss-Wissenschaftler haben bewiesen, dass bei einem leidenschaftlichen Kuss 39 Muskeln im Gesicht und in anderen Teilen des Körpers arbeiten. Ebenfalls wurde nachgewiesen, dass ein Kuss Grippe, Röteln, Pocken, Tuberkulose und andere Seuchen übertragen kann.
Dank der Wissenschaftler wissen wir heute, dass ein Kuss selbst olympische Athleten erschöpft zurücklassen und die gesündesten Menschen unheilbar anstecken kann.
Und trotzdem ...


La educación

En las cercanías de la Universidad de Stanford, pude conocer otra universidad, más chiquita, que dicta cursos de obediencia. Los alumnos, perros de todas las razas, colores y tamaños, aprenden a no ser perros. Cuando ladran, la profesora los castiga apretándoles el hocico con el puño y pegando un doloroso tirón al collar de pinchos de acero. Cuando callan, la profesora les recompensa el silencio con golosinas. Así se enseña el olvido de ladrar.

Die Erziehung

In der Nähe der Universität von Stanford konnte ich auch eine andere, kleinere Universität besichtigen, die Kurse in Gehorsam anbietet. Die Studenten, Hunde aller Rassen, Farben und Größen, lernen, keine Hunde mehr zu sein. Wenn sie bellen, bestraft die Lehrerin sie, indem sie ihnen die Schnauze zudrückt und ihnen einen harten Schlag auf das mit Stahlspitzen gespickte Halsband versetzt. Wenn sie ruhig sind, belohnt die Lehrerin sie mit Leckerlis. So erzieht man zum Vergessen des Bellens.


El miedo global

Los que trabajan tienen miedo de perder el trabajo.
Y los que no trabajan tienen miedo de no encontrar nunca trabajo.
Quien no tiene miedo al hambre, tiene miedo a la comida.
Los automovilistas tienen miedo a caminar y los peatones tienen miedo de ser atropellados.
La democracia tiene miedo de recordar y el lenguaje tiene miedo de decir.
Los civiles tienen miedo a los militares. Los militares tienen miedo a la falta de armas.
Las armas tienen miedo a la falta de guerra. Es el tiempo del miedo.
Miedo de la mujer a la violencia del hombre y miedo del hombre a la mujer sin miedo.
Miedo a los ladrones y miedo a la policía. Miedo a la puerta sin cerradura.
Al tiempo sin relojes.
Al niño sin televisión.
Miedo a la noche sin pastillas para dormir y a la mañana sin pastillas para despertar.
Miedo a la soledad y miedo a la multitud. Miedo a lo que fue.
Miedo a lo que seráedo de morir.
Miedo de vivir.

Die allumfassende Angst

Die, die arbeiten, haben Angst, ihre Arbeit zu verlieren.
Und die, die nicht arbeiten, haben Angst, niemals Arbeit zu finden.
Wer keine Angst haben muss, Hunger zu leiden, hat Angst vor dem Essen.
Die Autofahrer haben Angst vor dem Laufen und die Fußgänger haben Angst, überfahren zu werden.
Die Demokratie hat Angst, sich zu erinnern, und die Sprache hat Angst zu sprechen.
Die Bürger haben Angst vor den Soldaten. Die Soldaten haben Angst vor dem Mangel an Waffen.
Die Waffen haben Angst vor dem Mangel an Krieg. Es ist die Zeit der Angst.
Angst der Frau vor der Gewalt des Mannes und Angst des Mannes vor der Frau ohne Angst.
Angst vor den Dieben und der Polizei. Angst vor der Tür ohne Schloss.
Vor der Zeit ohne Uhr.
Vor dem Kind ohne Fernsehen.
Angst vor der Nacht ohne Schlaftabletten und vor dem Morgen ohne Aufputschmittel.
Angst vor der Einsamkeit und vor der Menschenmenge. Angst vor dem, was war.
Angst vor dem, was sein wird.
Angst vor dem Tod.
Angst vor dem Leben.


Übersetzung: Anton Kästner


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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. April 2020

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