Schattenblick →INFOPOOL →BILDUNG UND KULTUR → LITERATUR

BUCHTIP/1145: Archaeopteryx - der Urvogel von Solnhofen (Der Falke)


Der Falke - Journal für Vogelbeobachter 11/2008

Archaeopteryx - der Urvogel von Solnhofen
Von Peter Wellnhofer

256 S., 453 Farb- und 57 s/w-Abb., Hardcover, 32,5 x 24,3 cm
Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München, 2008
ISBN: 978-3-89937-076-8. EUR 78,00


Kaum ein Urtier ist so bekannt und in der Öffentlichkeit beachtet wie der Urvogel Archaeopteryx. Umso erstaunlicher, dass das meiste, was wir wissen, aus Schulbüchern oder irgendwelcher Sekundärliteratur stammt, teilweise auf dem Stand von vor 30 oder 40 Jahren. Der reich bebilderte und schön aufgemachte Band schließt diese Lücke für alle, die aus erster Hand mehr über den Urvogel aus Bayern wissen wollen. Peter Wellnhofer, Archaeopteryx-Experte an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie, breitet nahezu den ganzen Kenntnisstand über den Urvogel in auch für Laien verständlicher Weise vor dem Leser aus. Ein wissenschaftliches Bilderbuch durch die Zeit des Archaeopteryx, die Tier- und Pflanzenwelt in seiner Zeit, die Fundgeschichte, die hier und da durchaus Krimicharakter hat oder zum Politikum wurde.

Der Autor erzählt über das mittelfränkische Solnhofen und dessen Steinindustrie, die Bedeutung der Solnhofer Plattenkalke in Kunst und Geologie, die Entstehung der Plattenkalke und ihre reichhaltigen Fossilien. Auf über hundert Seiten werden dann alle zehn Exemplare des Urvogels vorgestellt. Es gibt jeweils genaue wissenschaftliche Fakten, einen historischen Rückblick, auch der wissenschaftlichen Bearbeitung und Bewertung der Funde, und eine ausführliche Beschreibung. Auf weiteren fast hundert Seiten werden die Kenntnisse in einer genauen Beschreibung des Vogels und seiner Lebensweise zusammengefasst und naturgeschichtlich gedeutet: Ist der Archaeopteryx ein Missing Link? Ist er ein befiederter Dinosaurier? Ein Vogelsaurier? In jedem Fall untergräbt dieses Fossil das Schubladen-Denken (hier Reptil, dort Vogel), das der wissenschaftlichen Systematik zugrunde liegt. Wie auch soll man sich wandelnde Arten oder Missing Links - Bindeglieder zwischen großen systematischen Gruppen - richtig zuordnen? Evolution als "Denknotwendigkeit angesichts des organischen Wandels", nicht als wissenschaftliche Wahrheit, die letztlich mit den Fossilien irgendwo begraben liegt. Abschließend werden die Fragen der Entste hung des Vogelfluges behandelt - von den Bäumen herab oder vom Boden hinauf? - der Erfindung der Vogelfeder und der frühen Vogelevolution.

Über alles kann man sich trefflich streiten, das zeigt auch die Wissenschaftsgeschichte des Archaeoteryx. Er spricht, wie Wellnhofer schreibt, "verschiedene Ebenen des menschlichen Denkens an, die rein naturwissenschaftliche, die wissenschaftstheoretische, die philosophische, die ästhetische und nicht zuletzt die weltanschauliche". In diesem Sinne erschließt sich dieses Buch auch einer ganz unterschiedlichen Leserschaft und kann zur intensiveren Befassung mit dem Urvogel wirklich empfohlen werden. Nur gute Augen oder eine gute Brille sollte man haben, da die Schrift leider etwas klein geraten ist.

Hermann Stickroth


*


Quelle:
Der Falke - Journal für Vogelbeobachter 11/2008
55. Jahrgang, November 2008, S. 444
mit freundlicher Genehmigung des AULA-Verlags
AULA-Verlag GmbH, Industriepark 3, 56291 Wiebelsheim
Tel.: 06766/903 141; Fax: 06766/903 320
E-Mail: falke@aula-verlag.de

Erscheinungsweise: monatlich
Einzelhelftpreis: 4,60 Euro
Das Jahresabonnement für 12 Hefte ist im In-
und Ausland für 47,- Euro zzgl. Porto erhältlich.


veröffentlicht im Schattenblick zum 5. November 2008