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BUCHTIP/1159: Die Bedeutung von Mr. Hyde und Kafkas Ungeziefer (RUB)


RUB - Ruhr-Universität Bochum - 27. Januar 2009

Die Verwandlung in der Literatur

Die Bedeutung von Mr. Hyde und Kafkas Ungeziefer
RUB-Komparatistin veröffentlicht "Poetiken der Verwandlung"


Wenn aus dem Ei die Raupe wird, die sich verpuppt und als Schmetterling davon flattert, dann spricht der Biologe von einer Metamorphose. Auch Kunst, Musik und die Literatur kennen Verwandlungen. Eine der bekanntesten ist Gregor Samsas Erwachen im Körper eines Ungeziefers - in Kafkas "Die Verwandlung". Prof. Dr. Monika Schmitz-Emans (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität) untersucht in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Poetiken der Verwandlung" eine Reihe literarischer Texte auf die poetologische Relevanz ihrer Verwandlungsmotive hin.

Das Undarstellbare thematisieren

Verwandlungsdarstellungen kennt die europäische Literatur viele - von den "Metamorphosen" des römischen Dichters Ovid bis zu Kafkas Ungeziefer oder Stevensons Monster Mr. Hyde. Auch wenn diese Verwandlungen ganz unterschiedliche Formen annehmen, so bleibt ihnen in der Literatur doch einiges gemein. Eine Verwandlung zu beschreiben bedeutet für den Autor auch immer, etwas Zeitliches darzustellen, einen Verlauf, Zustände, die aufeinander folgen und ineinander übergehen. Doch was sich ständig wandelt und so nie mit sich identisch bleibt, das entzieht sich der Fixierung durch den Leser. Es wird ungreifbar - und somit auch undarstellbar. Die Verwandlungsliteratur macht daher auch auf die Grenzen des Darstellbaren aufmerksam. Die Verwandlung ist zugleich mit der Verfremdung verwandt, einem zentralen ästhetisch-poetologischen Prinzip. Wird Vertrautes verfremdet oder gar verwandelt, so kann das dem Leser helfen, bislang Unentdecktes am Vertrauten zu sehen und so auch die Einstellung des Lesers zur Ausgangsform selbst zu verändern.

Verstörend oder lustvoll

Prof. Schmitz-Emans interpretiert in ihrem Buch "Poetiken der Verwandlung" Texte aus verschiedenen Sprachräumen und Zeiten und gibt eine exemplarische Einordnung der europäischen Verwandlungsliteratur. Die Autorin erörtert den poetologischen Sinn solcher Metamorphosen. Ihre ausgewählten Beispiele zeigen, welche unterschiedlichen Empfindungen die Verwandlungsliteratur im Leser auslösen kann. So mag Kafkas nächtliche Verwandlung von Gregor Samsa in ein nicht näher bestimmtes Ungeziefer durchaus verstörend wirken; ebenso wie das Monster in Stevensons "Dr. Jekyll und Mr. Hyde". Andere Verwandlungen können im Gegensatz dazu eher lustvolle Gefühle auslösen; Spaß machen - so zum Beispiel Kurt Schwitters' "Geschichte vom Hasen", in der ein Hase sich in rasanter Weise in Wesen um Wesen verwandelt, um am Ende doch noch ein Hase zu sein.


Die Autorin
Monika Schmitz-Emans ist seit 1995 Professorin am Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2005 ist die Mitglied der Academia Europaea und seit 2007 auch Präsidentin der Jean-Paul-Gesellschaft.

Schmitz-Emans, Monika:
Poetiken der Verwandlung
Studienverlag, Innsbruck 2008; broschiert, 320 Seiten
36,90 Euro, ISBN: 978-3-7065-4660-7


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Quelle:
Pressemitteilung Nr. 29 vom 27. Januar 2009
RUB - Ruhr-Universität Bochum
Dr. Josef König - Pressestelle - 44780 Bochum
Telefon: 0234/32-22830, -23930; Fax: 0234/32-14136
E-Mail: josef.koenig@presse.ruhr-uni-bochum.de
Internet: ruhr-uni-bochum.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 28. Januar 2009