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KALTE PLATTE/0025: Klatsch auf krossen Kräckern (SB)


Satirische Canapés und Cocktailbissen


"Fisch in Dosen aus Athen" - Rückblick auf das Jahr 2010

Ein Nana-Mouskouri-Song im Wandel der Ereignisse

Kiel, 20. April 2011

Es war Mitte April 2010, also ungefähr vor einem Jahr. Die LaLeLu-Verhohnepiepelung von Nana Mouskouris Schlager "Weiße Rosen aus Athen" klang uns noch frisch in den Ohren. "8 Milliarden nach Athen" jaulte das Comedy-Ensemble mit unverhohlenem Spott. Damals dachten alle, es wären Euro gemeint. Unsere Euro für die ökonomischen Versager da unten im europäischen Süden. Man soll eben nicht spotten.

Denn als es dann geschah, am 20. April 2010 (ein Datum, das den von den USA zum Top-Horror-Datum erklärten 11. September 2001 bald auf den Rang eines Verkehrsunfalls verweisen sollte), fühlten wir Nordeuropäer uns noch völlig sicher. Er war ja so weit weg, der Golf von Mexiko. Daß das Öl per Golfstrom bereits auf dem Weg zu unseren Küsten war, bemühten sich offizielle Stellen damals noch erfolgreich zu bestreiten. Allerdings von vornherein mit eingebautem Hintertürchen. Schließlich wollten nicht einmal regierungskonforme Wissenschaftler hinterher als totale Blödmänner dastehen. Dementsprechend hatte Anfang Juni 2010 das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel folgende Meldung herausgegeben:

"'Auch wenn wir auf der Basis der bisherigen Rechnungen für Europa Entwarnung geben können, benötigen wir weitere Untersuchungen, insbesondere um die langzeitlichen Entwicklungen besser abschätzen zu können. Wenn das Öl bis zum August weiter ungemindert ausströmt, müssen wir möglicherweise unsere momentanen Abschätzungen revidieren', so Prof. Visbeck."
(Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, Kiel, 04.06.2010)

Als dann aber die ersten Öllachen die englische Küste verklebten, war Schluß mit der Abwiegelei. Alles ging Schlag auf Schlag. Zusammenbruch der Fischereiwirtschaft in der Nordsee, Zusammenbruch des gesamten Küstentourismus, Zusammenbruch des - na eben das ganze Desaster, mit dem wir es heute zu tun haben. Diese totale ökologische und ökonomische Katastrophe.

Dagegen begann in Griechenland und anderen südeuropäischen, vom Golfstrom-Öl verschonten Ländern jener beispiellose wirtschaftliche Aufschwung, der bis heute ungebremst anhält. Die auf dem Weltmarkt explodierten Preise für Fisch und Meersfrüchte bescherten der griechischen Fischindustrie trotz strenger EU-Fangquoten Traumprofite. Und der über dem gesamten Süden der USA hängende, übelkeiterregende Ölgestank sowie die ölverschlierten Strände Nordeuropas sorgten im Land der Griechen für eine wahre Touristen-Flut.

Doch zurück zu Nana's Song. Okay, "8 Milliarden nach Athen", das klingt noch übertrieben, aber das Ende der Lawine deutscher Gastarbeiter, die sich nach Griechenland wälzt, ist noch lange nicht absehbar. Hauptsächlich in der Gastronomie und in der griechischen Fischverarbeitungsindustrie werden die Deutschen, die im eigenen Land keinerlei Perspektive auf einen Job mehr sehen, als Saisonkräfte eingestellt. Heute, ein Jahr nach dem LaLeLu-Lästerlied, ist Nana Mouskouri vollständig rehabilitiert. Denn wenn ein deutscher Gastarbeiter seinen Lieben daheim in Deutschland "Weiße Rosen aus Athen" schickt, dann ist das wohl rührend. Dann ist das wohl traurig. Witzig ist es nicht.

10. Juni 2010