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BERICHT/032: Lesesplitter (Werner Geismar)


Lesesplitter

von Werner Geismar, April 2013


Foto: © 2013 by Schattenblick

Der Autor bei einer Lesung im Kulturcafé Komm du
Foto: © 2013 by Schattenblick

Ich bin in diesem schlimmen Winter viele tausend Kilometer durch Deutschland gefahren, um aus meinen beiden jüngsten Büchern "Cattenom - Das Ende einer Laufzeit" und "Mord am Hindukusch" zu lesen. Lassen Sie mich meine "Lesesplitter" mit der total unliterarischen Feststellung beginnen: So manche Straße in Deutschland ist in einem erbärmlichen Zustand und eines wirtschaftlich so starken Landes unwürdig. Dies betrifft besonders die Ortsdurchfahrten kleinerer Gemeinden.

Um beim Winter zu bleiben: Man verdrängt all seine Strenge und Unbill nur allzu gern, wenn der Frühling denn endlich da ist, obwohl jeder weiß, dass der nächste Winter unwiderruflich kommen wird. Das möchte ich mit dem Atomausstieg vergleichen. Er beruhigt uns hier in Deutschland, obwohl die Ruhe trügerisch ist. Mal abgesehen davon, dass ja eine Handvoll AKWs wieder ans Netz gehen werden, gibt es an unseren Landesgrenzen genügend Atommeiler, die bis über das Jahr 2040 hinaus am Netz bleiben sollen.

Einen Supergau in einem solchen AKW und seine Folgen im dicht besiedelten Herzen Europas beschreibt mein Roman "Cattenom - Das Ende einer Laufzeit". Am Anfang dieses "Thrillers" steht ein schlimmer Winter mit Frost, Schnee und Eisdrift auf der Mosel, was zu Schwierigkeiten bei der Kühlung des AKW Cattenom führt. Bei einer meiner Lesungen aus diesem Buch in einer kleinen Stadt nicht weit von der französischen Grenze und Cattenom entfernt, war es sehr kalt, und pünktlich zu Lesebeginn fing es an zu schneien, zu stürmen und zu blitzen, ein Wetter wie eine Kopie aus meinem Buch. Es hatte schon etwas Gespenstisches und so mancher meiner Zuhörer/innen blickte sorgenvoll zu den großen Fenstern, vor denen das Wintergewitter tobte. Zurecht fragte mich nach der Lesung ein Zuhörer, ob ich mir nicht vorgekommen wäre wie jemand, der das Menetekel an die Wand schrieb. In der Tat, ein wenig hatte ich mich so gefühlt. Aber viel gespenstischer fand ich, dass in der Woche, in der meine Lesung hier stattfand, im Ort eine "Demonstration gegen Windkraft und die Verschandlung der Umwelt durch Windkrafträder" stattgefunden hatte - mit mehr als zweihundertfünfzig Teilnehmern. Zu meiner Lesung waren etwas mehr als dreißig Zuhörer erschienen, von denen bei einem Wetter wie am Abend der Lesung und einem gleichzeitigen Supergau in Cattenom wohl keiner mit dem Leben davongekommen wäre.

Wie tief sich die Verdrängung in die Bewohner des Saarlands eingegraben hat, erfuhr ich bei einer anderen Lesung aus diesem Buch am eigenen Leibe. Ich war wegen der Wetterkapriolen dieses Winters sehr zeitig zu einer Lesung im Saarland losgefahren und verbrachte die Wartezeit in einem Café am Ort. Plötzlich erhob sich eine Frau mittleren Alters, eine dieser Werbezeitungen aufgeschlagen in der Hand, und kam zu meinem Tisch. Sie warf die Zeitung darauf. Ich sah ein Foto von mir und darunter die Ankündigung der Lesung. "Warum schreiben Sie so einen Scheiß? Warum lassen Sie uns nicht in Ruhe? Sie und Ihr blödes Buch ändern sowieso nichts an unserer Situation!", schrie mich die Dame aufgebracht an.

In der Diskussion nach einer Lesung aus meinem Thriller "Mord am Hindukusch" beklagte eine anwesende Therapeutin die mangelhafte psychologische Betreuung von traumatisierten Auslandseinsatz-Veteranen der Bundeswehr. Das mag wohl so sein, entgegnete ich, das sei aber für mich nur die Kehrseite der Medaille. Ist die Zahl der traumatisierten Zivilisten und darunter Kinder und Frauen in Afghanistan nicht ungleich höher und ihre psychologische Betreuung nicht verschwindend gering, fragte ich. Die Therapeutin nickte und sagte, in ärmeren Ländern sei die psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung im allgemeinen äußerst mangelhaft, das sei bekannt.

Ich hakte nach und fragte, ob sie mir zustimmen könne, dass psychologische Betreuung ein globales Wohlstandsprivileg sei. Sie dachte eine Weile nach und meinte dann, das sei eher eine globale Mangelware.

So ähnlich wie Erdöl, fragte ich. Die Therapeutin schüttelte den Kopf und meinte, das würde ich jetzt nicht ernst meinen, der Vergleich sei ihr zu zynisch. Ich fragte sie, ob es nicht auch Zynismus sei, an den Ursachen für Traumata mitschuldig zu sein, die Betroffenen damit aber allein zu lassen? Die Therapeutin entgegnete, diese Fragestellung sei ihr zu eindimensional. Ich meinte, mit dieser Art von Wertung ließe sich ja wohl jede Frage abblocken. Eine andere Zuhörerin mischte sich ein und fragte, was ich denn für ein Land wie Afghanistan für wichtiger halte als eine bessere psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung? Ich meinte, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, ich hielte eine gute psychotherapeutische Versorgung der afghanischen Bevölkerung für wichtig, aber eine Verbesserung des Bildungswesens, der Infrastruktur, des Arbeitsmarktes, der Rechte der Frauen, den Kampf gegen Korruption, eine gerechtere Verteilung des durch die Bodenschätze des Landes erzielten Gewinne hielte ich für vorrangig. Ein anderer Zuhörer meldete sich mit einem Satz zu Wort, der sich tief in mein Gedächtnis eingegraben hat. Ich glaube, sagte er, für die meisten Länder der Dritten Welt sind gerechte Richter wichtiger als gute Psychologen.

Nach einer Lesung fragte mich eine Zuhörerin, was ich wohl anders machen würde, wenn ich mein Buch "Mord am Hindukusch" noch einmal schreiben könnte. Ich entgegnete: "Auf jeden Fall den Anfang. Ich würde mein Buch mit dem Satz beginnen: "Mutter, ich muss jetzt in den Krieg und Menschen erschießen."

Nach einer Lesung tief im Südwesten aus meinem Buch "Cattenom - Das Ende einer Laufzeit" fielen aus den Reihen der Zuhörerschaft zwei Bemerkungen, über die ich viel nachgedacht habe. Die erste äußerte ein älterer Herr, der meinte: "Ich habe bisher geglaubt, zwischen Jürgen Trittin von den Grünen und Umweltminister Peter Altmaier lägen Welten. Wahrscheinlich sind es aber bloß ein paar tausend Windkrafträder." Ein junger Mann meinte: "Die Grünen sollten aufpassen, dass sie nicht zu einer Wohlstandsbauchpartei mit schlechtem Gewissen werden. Die sollten mal wieder ihre Turnschuhe anziehen."

Nach einer meiner Lesungen aus "Cattenom - Das Ende einer Laufzeit" stellte mir ein anwesender Buchhändler sinngemäß folgende Frage: Sie haben Ihr Buch ja als eine Art literarische Doku-Soap geschrieben. Folgen Sie damit dem Trend, dass Erzählen und Erzählungen als unzeitgemäß gelten? Diese Frage hat mich zutiefst verstört. Ich antwortete sinngemäß: Wenn Erzählungen und erzählendes Schreiben als unzeitgemäß gälten, würde das viel über unsere Zeit und den Zeitgeist aussagen. Für mich seien Erzählungen etwas zutiefst Menschliches und eine der Wiegen der Kultur. Ich erzähle Geschichten, nicht mehr und nicht weniger. Und sollten Erzähler tatsächlich unzeitgemäß sein, dann wäre ich es gerne.

Man kann sich als Autor bei Lesungen die Zuhörerschaft nicht aussuchen, und das ist gut so. Ich habe den Eindruck, dass eine Mehrheit der Zuhörerschaft meiner Lesungen durch die vorgetragenen Inhalte nicht irritiert war, eine starke Minderheit jedoch war es. Mich als Vortragenden hat nur eine Zuhörerin wirklich irritiert. Sie saß bei einer meiner Lesungen in der ersten Stuhlreihe genau in meinem Blickfeld und trug um die Schultern ein "totes Tier". Das kann ich nicht ab. Ich musste mich so darauf konzentrieren, keine ausfallende Bemerkung abzulassen, dass die gesamte Lesung darunter gelitten hat. Andererseits hatten bei meiner Lesung im Hamburger Kulturcafé "Komm du" auch zwei Zuhörer Fan-Shirts des FC Sankt Pauli an. Das fand ich toll. Das ist wohl eher meine Welt...

Um das Thema Fußball abzuschließen: Wenn man als Autor bei seinen Lesungen fast ausschließlich vor Zuhörerinnen lesen möchte, sollte man solche Lesetermine wählen, an denen im Free-TV Spiele der Champions-League übertragen werden. Das ist mir in diesem Winter dreimal passiert. Und führte mich zu der Überlegung, eine Möglichkeit, das Matriarchat wieder einzuführen, wäre, die Champions-League täglich stattfinden zu lassen.

Wenn man als Autor in Gebäuden im Besitz der öffentlichen Hand liest, sind dem freien Austausch von Meinungen nach der Lesung Grenzen gesetzt, und zwar in Person des Hausmeisters. Der taucht unweigerlich dann auf, wenn die Diskussion am interessantesten ist, und sagt: "Jetzt ist aber Schluss!" Bei meinen Lesungen in diesem Winter zweimal passiert.

Nach einer Lesung aus "Mord am Hindukusch" kam ich mit einem der Zuhörer ins Gespräch. Unsere Autos standen auf dem Parkplatz nebeneinander. Es stellte sich heraus, dass wir vor vielen Jahren in Köln mal an der gleichen Demonstration teilgenommen hatten. Er sagte etwas, das mich sehr beeindruckt hat: "Ich fühle den Strahl des Wasserwerfers noch heute auf meiner Brust."

In eine meiner Lesungen aus "Cattenom - Das Ende einer Laufzeit" hatte sich der örtliche CDU-Bürgermeister verirrt. In der Pause kam er zu mir und meinte, obwohl er viele Inhalte meines Buches politisch nicht teile, wolle er mein Buch kaufen. "Manchmal braucht man ja ein kleines Geschenk für den politischen Gegner", fügte er dann augenzwinkernd hinzu. Ich kam mir vor wie ein Verkäufer von irgendwelchen "dirty pictures".

Aber ich hatte auch meine Lesungs-Highlights. So kam nach einer Lesung eine wirklich alte Dame zu mir, drückte mir die Hand, bedankte sich und meinte, das letzte Mal, dass ihr jemand etwas vorgelesen habe, sei vor mehr als siebzig Jahren ihre Großmutter gewesen. Der Dank der alten Dame hat meiner Seele gut getan.

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Quelle:
© 2013 by Werner Geismar, Remagen
mit freundlicher Genehmigung des Autors


veröffentlicht im Schattenblick zum 16. April 2013