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BIBLIOTHEK/400: Wie ein Kreuzfahrtschiff in der Nacht (Freiburger Uni-Magazin)


Freiburger Uni-Magazin - 4/Juli 2009

Wie ein Kreuzfahrtschiff in der Nacht

Die "UB 1" ist 24 Stunden geöffnet. Auch nachts herrscht in der Universitätsbibliothek Betrieb. Was sind das für Menschen, die ihre Nächte zwischen Büchern verbringen?


Am 6. Oktober 2008 hatte die Universitätsbibliothek (UB) 1 zum ersten Mal rund um die Uhr geöffnet. Inzwischen ist der Nachtbetrieb etabliert und wird von vielen genutzt. Bücher ausleihen bis nach Mitternacht, lernen in den frühen Morgenstunden: Was treibt Studierende nachts in die UB? Benjamin Klaußner hat die Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2009 in der alten Stadthalle verbracht


23.00 Uhr: Zweitwohnsitz UB

Vor etwa anderthalb Stunden ging in Freiburg offiziell die Sonne unter. Mittlerweile ist es wirklich dunkel geworden und auch von den Sternen ist nichts zu sehen, sie werden von einer Wolkenschicht verdeckt. Die Wärme des Tages hat deutlich nachgelassen, seit der Regen stärker geworden ist - es ist kalt, nass und dunkel. Die UB 1 liegt leuchtend in der Nacht wie ein Kreuzfahrtschiff auf einem Ozean. In der alten Stadthalle ist es warm und still. Ab und zu knarzt ein Stuhl, wenn sich jemand zurücklehnt, Laptop-Tasten klappern leise, ein paar Gesprächsfetzen aus der Eingangshalle dringen durch die Türen. Das lauteste Geräusch ist das Summen der vielen Neonröhren.

Etwa 40 Studierende sind in der UB 1. Zwei von ihnen machen gerade bei den Schließfächern am Eingang eine kurze Pause, sie kennen die alte Stadthalle gut aus durchlernten Nächten. Jana Machljankin bereitet sich seit einigen Nächten auf eine Jura-Klausur vor: "Sonst wäre ich nicht hier - meine Freunde sind alle am Feiern. Nachts hat es kaum Leute in der UB, man kann super lernen. Bei mir geht das allerdings selten länger als bis ein Uhr morgens, dann sagt meine innere Uhr, dass es genug ist." Christian Feldinger ist ein Stammgast in der UB, er lernt für seine Klausuren in Wirtschaftsrecht. "Aber auch sonst bin ich oft hier, nachts kann ich am besten lernen. Die UB ist mein zweiter Wohnsitz ... eigentlich mein Hauptwohnsitz. Ich war auch an Heiligabend bis kurz vor Mitternacht hier."


0.50 Uhr: 15 Nacht-Lerner

Die letzte Straßenbahn ist stadtwärts gefahren und hat viele Studierende mitgenommen. Zurück bleibt ein harter Kern von Lernenden wie Patrick Köppen, der sich auf seine Examensprüfung in Jura vorbereitet. "Ich habe im Moment keine andere Wahl, seit ein paar Nächten bin ich regelmäßig hier - oft als einer der letzten." Der Zahnmedizin-Student Henrik Rosol lernt für eine "unangenehme Prüfung" in der UB: "Es ist motivierend zu sehen, dass auch andere nachts hier sitzen und lernen. Zu Hause ging bei mir nichts mehr, zu viel Ablenkung. Hier herrscht eine sehr gute Lernatmosphäre."

Am Eingang der Stadthalle ist um ein Uhr Schichtwechsel. Die Nacht-Hilfskraft Lotfi Tayari geht nach Hause, Bücher können jetzt nicht mehr ausgeliehen werden. Ilona Hetzel von der Firma FSI Security beginnt ihre Nachtschicht, die bis zehn Uhr dauert. Sie unterstützt ihren Kollegen Klaus Rahnfeld, der heute Nacht von 20 Uhr bis 6 Uhr morgens arbeitet. Die beiden Security-Veteranen aus der Nähe von Lahr sind seit der Umstellung auf den 24-Stunden-Betrieb in der UB angestellt. In der Stadthalle lernen jetzt noch etwa 15 Studierende. Das liegt unter dem Durchschnitt, sind sich Hetzel und Rahnfeld einig, zwischen 20 und 35 Studierende sind normalerweise auch nach ein Uhr morgens noch in der UB. Ist nachts arbeiten schwieriger? Gibt es Probleme mit den Studierenden? "Eigentlich nicht, die Leute sind ruhig und gesittet", sagt Klaus Rahnfeld. "Wir haben keine Klagen, im Gegenteil, die Studenten bringen uns schon mal ein paar Mandarinen mit, für die Vitamine, oder an Weihnachten eine Schokolade", fügt Ilona Hetzel hinzu.


2.00 Uhr: Kaffee und Anekdoten

Die Sitzreihen in der Stadthalle sind fast alle leer, die wenigen Studierenden verteilen sich auf der Empore, den Zeitungslesebereich, den Computerraum und die seitlichen Arbeitsplätze im Erdgeschoss. Die Studentin Martha Geiben macht Schluss für heute. Sie hat für ihre mündlichen Abschlussprüfungen an der Pädagogischen Hochschule gelernt. Seit Januar ist sie fast jede Nacht noch spät in der UB. "Ich kann zu Hause nicht arbeiten, weil es da immer andere sinnvolle Dinge zu tun gibt. Außerdem ist es nachts in der UB schön ruhig, vor allem nach 21 Uhr." Komplett in Regenkleidung gehüllt verschwindet sie mit dem Fahrrad in die Nacht. Auch der Chemiestudent Alexander Haydl geht nach Hause. "Ich schreibe hier immer meine Protokolle, deshalb bin ich oft nachts hier. Die Chemie-Bibliothek hat nur bis 22 Uhr auf, für mich war es deshalb eine gute Nachricht, dass die UB den 24-Stunden-Betrieb eingeführt hat."

Eine ruhige Nacht, die beiden Nachtwächter trinken am Empfang Kaffee und erzählen Anekdoten: Von den Energiesparlampen, die vor allem am Anfang in der UB geklaut wurden, von einer Gruppe von Studierenden, die sich nachts gegenseitig auf der Empore fotografierten. Von einem Professor, der UB-Toilettenpapier mitgehen ließ, und von einem Wissenschaftlichen Mitarbeiter, der Bücher an falschen Standorten versteckte, damit nur er sie benutzen konnte.


3.50 Uhr: "Immer im Kreis laufen"

Security-Frau Ilona Hetzel macht den stündlichen Rundgang durch die Stadthalle. Im Sturmschritt marschiert sie die verschiedenen Bereiche ab, die Empore hoch, am Computerraum vorbei, durch die Caféteria. Dabei sammelt sie Plastikkörbe ein und liest Müll auf. "Immer im Kreis laufen", sagt sie, "damit man nichts übersieht". Ab und zu grüßt sie Studierende, die sie vom Sehen kennt. Zum Beispiel den Referendar Hauke Bestmann, der seinen Unterricht oft in der UB vorbereitet. "Im Referendariat hat man viel zu tun, deshalb bin ich vor allem an den Wochenenden öfter hier. Ich finde es super, dass die UB so lange offen hat. Wenn man sich in Ruhe vorbereiten will, ist die UB nachts der perfekte Ort." Draußen zeigt sich die erste Morgendämmerung. Der Regen hat aufgehört und es ist windig geworden. Gegen 4.30 Uhr kommt der Putztrupp, bis etwa 9.30 Uhr werden sie brauchen, um die Stadthalle aufzupolieren. Es ist immer was los, nachts in der UB.


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Quelle:
Freiburger Uni-Magazin Nr. 4/Juli 2009, Seite 10-11
Herausgeber: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg,
der Rektor, Prof. Dr. Hans-Jochen Schiewer
Redaktion: Eva Opitz (verantwortlich)
Kommunikation und Presse
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veröffentlicht im Schattenblick zum 25. Juli 2009