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BUCHBESPRECHUNG/210: Schwarze feministische Literatur. Sechs Neuerscheinungen (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Schwarze feministische Literatur. Sechs Neuerscheinungen



Angela Davis, Porträt - Foto: Oregon State University, CC BY-SA 2.0 [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0], via Wikimedia Commons

Angela Davis
Foto: Oregon State University, CC BY-SA 2.0
[https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0], via Wikimedia Commons

Überzeugt, dass Bücher am besten geeignet sind, um das Bewusstsein zu erweitern, stellt das Online-Magazin Afroféminas sechs neue Bücher vor.

(Havanna, 3. Januar 2022, desinformémonos) - "Bildung wird die Welt verändern!" Afroféminas, das Online-Magazin für Antirassismus und Schwarzen Feminismus, hat sechs interessante Neuerscheinungen zusammengestellt, die zusammen ein breites literarisches Feld abdecken: Mit dabei sind Beiträge zu Feminismus und Aktivismus, erzählende Literatur, ein Kinderbuch, ein Gedichtband und eine Graphic Novel.

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Yo, vieja, Apuntes de supervivencia para seres libres" ("Ich, alt. Notizen zum Überleben für freie Wesen") von Anna Freixas

Die spanische Feministin und Psychologin nimmt uns mit auf eine Reise zur Ergründung der Rechte von Menschen im Alter, oder präziser ausgedrückt: der Rechte von Frauen im Alter. Kernbegriffe in jedem Alter sind für Anna Freixas: Freiheit, Gerechtigkeit und Würde. Die Notizen richten sich an die neue Generation alter Frauen, die beginnen, ihre Freiheiten zu entdecken, die sich ihre Würde bewahrt haben. Sie wurden geschrieben für alte Frauen, die auf ihrem Weg durch die Zeiten die Fähigkeit behalten haben, das Leben und die Beziehungen, die ihren Alltag bevölkern, mit Beharrlichkeit und ungetrübtem Blick zu hinterfragen. Das Buch will anregen zum Nachdenken über die kleinen Dinge, die uns das Leben vergällen oder alles Gewicht von uns nehmen und uns federleicht machen können. Ein Scheinwerfer, der das alltägliche Leben bis in die Ecken ausleuchtet und all die Dinge anstrahlt, die uns so normal vorkommen, dass wir sie nicht für wichtig halten. Und doch manifestieren sich hier Diskriminierung und gesellschaftliche Ablehnung älterer Menschen, schlicht und einfach, weil sie älter sind. Dazu versucht Freixas, bestimmte Faktoren sichtbar zu machen, aus denen sich die Vorurteile zusammensetzen, die innerhalb der Gesellschaft über alte Frauen bestehen. "Yo, vieja ..." ist ein Loblied auf die Freiheit und das Selbstvertrauen, auf die angenehme und bejahende Art, das Alter zu leben. Auf dass es uns allen gemeinsam gelingt, im Alter ein elegantes, entspanntes und selbstbewusstes Leben zu führen.


ESSAY UND AKTIVISMUS

Qué hace un negro como tú en un sitio como este - "Was macht ein schwarzer Mann wie du an einem Ort wie diesem" stammt aus der Feder des spanischen Schriftstellers Moha Gerehou. "Wir wussten, dass Rassismus existiert. In den Vereinigten Staaten. Nun wollen wir sehen, wie rassistisch eigentlich die spanische Gesellschaft ist."

"Lange Zeit habe ich mich gehasst, weil ich schwarz bin." Mit diesem Eingangssatz beginnt dieser eindringliche Bericht, der die tiefe Verwurzelung von Rassismus in unseren gesellschaftlichen Zusammenhängen aufzeigt und deutlich macht, wie Rassismus das Leben der Menschen beeinflusst. "Was macht ein Schwarzer wie du an einem Ort wie diesem?" ist die Frage, die bei vielen rassistischen Vorfällen mitschwingt. Das klassische Narrativ, in dem Schwarze Menschen immer die "Anderen" sein werden, die Außenseiter und niemals "die von hier", wird von Moha Gerehou gezielt durchbrochen.

Gerehou schildert den Rassismus in Spanien in den letzten dreißig Jahren und wendet sich ehrlich an alle, die einen persönlichen und fundierten Zugang zu diesem Thema suchen. Er versucht, rassifizierte Menschen als politische Subjekte auftreten zu lassen, er untersucht die Beziehung zwischen Opfern und Henkern. beleuchtet das Nichtsichtbare und entwirft eine Vision ohne Viktimisierung.


FÜR KINDER

Freedom. Harriet Tubman y la red de liberación de esclavos - "Freiheit. Harriet Tubman und das Netzwerk der Sklavenbefreiung" von Jennifer Dalrymple und Justine Brax.

Harriet Tubman ist eine Schlüsselfigur im Kampf für die Abschaffung der Sklaverei in den USA. Behutsam in der ersten Person erzählt und als Tagebuch verfasst, entreißt das reich bebilderte Werk diese beeindruckende Frau der Vergessenheit und vermittelt den Leser*innen (jung und alt) auf anschauliche Weise historische Fakten. Zugleich hilft Freedom, die Hintergründe der heutigen Black-Lives-Matter-Bewegung zu verstehen und zu kontextualisieren. Die Illustrationen stammen von der renommierten französischen Künstlerin Justine Brax, die sich dem Thema Sklaverei mit viel Respekt und Gefühl nähert.

In einfachen Verhältnissen aufgewachsen und selbst der Sklaverei entflohen, gelang es der mutigen Aktivistin Harriet Tubman (1822-1913), die Underground Railroad mit aufzubauen. Mit Hilfe eines komplexen und sehr effizienten Netzes von Helfer*innen konnten versklavte Männer, Frauen und Kinder über geheime und ausgeklügelte Wege und Routen aus dem Süden in die Freiheit fliehen. Harriet war außerdem eine entschlossene Befürworterin des Frauenwahlrechts. Im Jahr 2013 hatte die US-Regierung die Edition einer 20-Dollar-Note mit ihrem Konterfei erwogen, doch bisher ist aus diesem Projekt noch nichts geworden.

Das Buch hält sich an die historischen Fakten, die lebendige Erzählung tritt immer wieder für Werte wie Freiheit und Liebe zum Leben ein.


ERZÄHLUNG

Agua dulce - "Süßes Wasser" von Akwaeke Emezi

Akwaeke Emezis außergewöhnlicher Debütroman Agua dulce erforscht die Erfahrung, mit einem gebrochenen Selbst zu leben. Protagonistin Ada ist ein nigerianisches Mädchen, das "mit einem Fuß auf der anderen Seite" geboren wurde und die Fähigkeit besitzt, Gottheiten und Vorfahren in sich aufzunehmen. Als sie zu studieren beginnt, wird die Ich-Gruppe stärker und gewinnt an Autonomie. Während Ada sich in einen Bereich in ihrem eigenen Kopf zurückzieht, nimmt ihr Leben überraschende Wendungen.

Aufwühlend und herzzerreißend wird hier eine ungewöhnliche Art, die Welt kennenzulernen, thematisiert. Die Kosmologie der Igbo tritt in einen Dialog mit westlichen Formen der Identitätskonstruktion. Der Roman basiert auf Emezis eigenen Erfahrungen. Schillernd und witzig mit lyrischer Sprache und überschäumender Energie, der von einer starken neuen Stimme der zeitgenössischen Literatur kündet.

Dieses Buch wurde von Publikum und Kritiker*innen gleichermaßen begeistert aufgenommen. The New Yorker und die Chicago Public Library wählten es zum "Besten Buch des Jahres 2018". Agua dulce wurde in dreizehn Sprachen übersetzt und erhielt den Otherwise Award 2019 (ehemals Tiptree Award) und den Nommo Award. Neben vielen weiteren Auszeichnungen kam das Werk in die Endrunde für den PEN/Hemingway Award, den Lambda Literary Award und den Women's Prize for Fiction.


LYRIK

Derecho de admisión - "Recht auf Aufnahme" von Yeison F. García López

Die Gedichtsammlung befasst sich mit der Konstruktion von Identität. Ein poetisches Gespräch mit den Töchtern und Söhnen von Menschen, die auswandern mussten. Eine Ausgrenzungserfahrung, die den Dichter bis in sein Innerstes durchdringt. Es gelingt ihm, diese Gefühle in Versen auszudrücken. Ergänzt wird das Werk durch Visuals der Künstlerin, durch grobe Brocken, die die Stimme des Dichters verstärken und in Gesichter verwandelt wird.

Ein Buch für eine Epoche. Ein Buch, das eine Antwort auf eine der grundlegenden Herausforderungen dieses Jahrhunderts gibt. Ein notwendiges Buch in diesen Zeiten des Hasses.


ROMAN

"Angela Davis" von Maripaola Pesce und Mel Zohar

Warum versuchen schwarze Brüder immer noch, es den Weißen recht zu machen, anstatt gegen die zu kämpfen, die sie beherrschen und unterdrücken? Als junger Mensch beginnt Angela Davis, sich über dies und das Gedanken zu machen und Fragen zu stellen. Sie lebt im Viertel Dynamite Hill in Birmingham, Alabama, wo der Ku-Klux-Klan Bomben vor den Häusern schwarzer Familien platziert, um sie zu zwingen, aus der Gegend wegzuziehen. Das Buch nimmt uns mit in das Leben einer der wichtigsten Repräsentantinnen des schwarzen Feminismus und zugleich einer der emblematischsten Figuren im Kampf gegen Rassismus und für Gleichberechtigung in den USA: die politische Aktivistin Angela Davis in den 1960er Jahren in Los Angeles.


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Quelle:
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick zum 12. Februar 2022

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