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MITERLEBT/001: Die Hörspiel 2009 - Kindheitserinnerungen Live und in Farbe (SB)


Die Hörspiel 2009 - Kindheitserinnerungen Live und in Farbe

Stellen Sie sich vor, es gäbe so etwas wie einen Tunnel durch Raum und Zeit, mit dessen Hilfe man für einen Tag zurück in die eigene Kindheit reisen könnte. Auf der anderen Seite dieser Verbindung würden Sie auf eine überaus vielfältige Gemeinschaft von Menschen treffen, die ohne Ihr Wissen seit Jahren neben Ihnen auf den Straßen der Fantasie durch fremde Welten und auf ferne Planeten gereist sind. Abenteurer, die sich in alle Ewigkeit weigern, den Helden ihrer Vergangenheit abzuschwören und für die Hörspiele ein unverzichtbares Portal zu alternativen Realitäten darstellen. Am Samstag, dem 13. Juni 2009 öffnete sich im Hühnerposten in Hamburg, nahe dem Hauptbahnhof, eine solche, seltene Verbindung. Zum zweiten Mal bot die größte Hörspielmesse Deutschlands in diesem Jahr eine Plattform, auf der Verlage, Online-Anbieter und innovative Hörspielproduktionen sich einer breiten Masse von Zuhörern vorstellen konnten.

Vordergründig betrachtet wirkte die Veranstaltung zunächst allerdings nicht sonderlich spannend. Der erste Raum im Erdgeschoss des großen Backsteingebäudes hatte mit seinem grauen Fußboden und nüchternen, hellen Wänden nicht viel mehr Charme als der Wartebereich einer Behörde. Darin befanden sich die Stände der Hörspiellabels, die in einer lieblosen Formation dicht aneinandergereiht waren. Zwischen den bunten Postern und Pappaufstellern waren die einzelnen Anbieter teilweise schwer zu finden, da sie in der Masse untergingen. Nur wenige Stände, wie zum Beispiel derjenige von Lausch, waren in ihrer Eckposition groß genug, um aus der Menge heraus zu stechen. Alles in allem waren Dekoration und Atmosphäre im Foyer eher zweckmäßig ausgerichtet, so daß an diesem Punkt noch die nackte Realität dominierte. Später entpuppte sich dieser trockene Auftritt aber für den beharrlichen Besucher als eine Art Tarnvorrichtung, hinter der sich das Transportmittel ins Reich der Fantasie verborgen hielt.

Lounge

Lounge

In dem davor liegenden Parcours der Aussteller waren jedoch auch einige interessante Informationen über die Entwicklung am Hörspielmarkt versteckt. Zu entdecken gab es bei genauerem Hinsehen manche Labels, die erst in den letzten Jahren aus der Taufe gehoben wurden, wie etwa "MindCrusher-Studios", die seit dem Jahr 2006 eine bisher unbekannte Art der Hörspielproduktion betreiben. Aus Spaß an der Sache erschuf dieser Verbund von kreativen Köpfen eine Plattform, auf der Mitglieder aus ganz Deutschland gemeinsam ganze Hörspielserien erschaffen, Filme und Computerspiele synchronisieren und ihre Arbeit dann kostenlos im Internet zur Verfügung stellen können. Dabei sind die Macher dieses idealistischen Projektes von Flensburg bis nach München überall im Land verteilt. Sie erarbeiten den Stoff, aus dem ihre Geschichten sind, vollkommen dezentral in privaten Studios und fügen via E-Mail oder Post die Einzelteile zu einem großen Ganzen zusammen. Mittlerweile verfügt die Gruppe nicht nur über einen großen Pool an Sprechern und professionellen Technikern sondern wurde auch schon mit einigen Preisen ausgezeichnet. Solche innovativen Ansätze für die Verbreitung des Hörspiels mögen unter den eingeweihten Konsumenten schon länger bekannt sein, doch für den Normalverbraucher stellen sie eine echte Entdeckung dar. Neben solchen Spezialanbietern stießen die Redakteure des Schattenblick im Gewühl der Aussteller auch auf Neueinsteiger wie den "Zaubermond"-Verlag, der zwar seit langem phantastische Literatur in Form von Hardcover-Bänden vertreibt, aber erst seit 2008 auch Hörspiele im Programm hat. Unter anderem entstand seitdem eine Hörversion der Mystery-Serie "Dorian Hunter", in der bekannte Sprecher wie Patrick Bach und Martin Semmelrogge die Erlebnisse des Dämonenjägers akustisch zum Leben erwecken. Später am Messetag konnte sich der Schattenblick bei einer Live-Kostprobe des Hörspiels vom Spaßfaktor dieser Serie überzeugen. Ein vielseitiges Programm aus den Bereichen Science Fiction, Fantasy und Horror wird derzeit auch von Labels wie "Lausch", "Ohrland" und "Dreamland Productions" angeboten, um nur einige zu nennen. Jene Unwissenden, die jahrelang durch die Einheitswüste eines Marktes getappt sind, an dem nur alle paar Jahre mal ein nettes Hörbuch auftaucht, das dann auch gleich ein Vermögen kostet, entdeckten auf der "Hörspiel" erfreulicherweise eine Menge sprudelnder Quellen für gute Geschichten. Der Katzenjammer über schlechte Sprecher und ausdruckslos intonierte Lesungen dürfte nach dem Besuch dieser Messe ein Ende haben.

MindCrushers Mastermind Mark Kaczkowski

MindCrushers Mastermind
Mark Kaczkowski

Ein weiterer Faktor, der vielen seit langem den Spaß am Hören gründlich verdirbt, sind hohe Preise und eine erbärmliche Auswahl an Serien bei den Standardanbietern im Internet. Bedauerlicherweise wissen viele Menschen immer noch nicht, daß die Lösung dieses Problems nur einen Click weit entfernt ist. Der Online-Hörspieler "Pop.de" hat ein hervorragendes Sortiment an Hörprodukten zu bieten, bei dessen Anblick sich der Konsument erst einmal fühlt wie ein Kind im Bonbonladen. Ähnlich wie bei dem bunten Zuckerzeug laden hier auch die Preise wirklich zum Kaufen und Genießen ein, denn bei durchschnittlichen Kosten von 8 Euro für eine Folge mag man sich gerne ein bißchen durch das Angebot probieren. Nachdem also zwischen den Kulissen der "Hörspiel" geklärt wurde, daß der Beschaffung von neuen Suchtmitteln im Grunde nichts im Wege steht, war es an der Zeit, in die tieferen Gefilde des Rahmenprogramms vorzudringen.

Unser erstes Portal fanden wir hinter der unauffälligen Fassade eines hellen Nebenraums, in dem systematisch die Erschaffung neuer Hörspielabhängiger betrieben wurde. Dazu war nichts weiter nötig als ein Mikrophon, ein Haufen argloser Kinder und ein hoch motivierter Schauspieler namens Dietmar Mues. Seine Live-Lesung war einer der vielen Programmpunkte, mit denen die Kids auf der "Hörspiel 2009" von morgens bis abends aufs Angenehmste unterhalten wurden. In diesem speziellen Fall gab es eine Geschichte von Enid Blyton mit dem viel versprechenden Titel "Der Zauberwald" zu hören. Sie handelte von einem verzauberten Wald, der sich irgendwo in einer ländlichen Gegend von England befindet. Drei Kinder machen sich darin auf die Suche nach dem Wunderweltenbaum, der bis zu den Wolken in den Himmel hinauf reicht. Über seinem Wipfel befindet sich jede Woche ein anderes, märchenhaftes Land und man folgt den drei kleinen Freunden auf einer Reise ins Ungewisse. Kaum waren die ersten Worte des Sprechers Dietmar Mues im Raum erklungen, da öffnete sich für uns die erste Tür, durch die wir von einem Moment auf den anderen zurück in die Kindheit versetzt wurden. Sofort kamen all die kuscheligen Erinnerungen an jene Zeit zurück, als einem abends vor dem Einschlafen noch vorgelesen wurde. Während Herr Mues mit Hilfe der bilderreichen Sprache von Enid Blyton und verschiedensten Tonlagen vor dem inneren Auge der Zuhörer eine andere Welt entstehen ließ, klebten die vielen Kinder förmlich an seinen Lippen. Der Schauspieler lebte jedes einzelne Wort mit dem ganzen Körper aus und sein ganzes Gesicht veränderte sich ununterbrochen mit jeder neuen Stimmung. Mit gekräuselten Lippen und wackelnder Nase gab er so überzeugende, sprechende Kaninchen ab, daß er damit alle zum Lachen brachte. Als er dann die Kinder aufforderte, mit ihm am Wunderweltenbaum hoch zu laufen, machten diese dem Erzähler das schönste Kompliment, als ihre Beine dabei wild durch die Luft ruderten. Im Grunde hatten wir keinen Bedarf, diesen magischen Ort fernab der Wirklichkeit wieder zu verlassen, doch das Programm rund um die Messe lief auf vollen Touren und als nächstes zog es uns zur Talkbühne.


Dietmar Mues liest

Dietmar Mues liest "Der Zauberwald"

Im Ganzen gab es auf der "Hörspiel 2009" drei wichtige Schauplätze, an denen ständig interessante Live-Hörspiele, Gespräche mit prominenten Gästen und Workshops liefen. Sie verteilten sich auf den "Kids-Bereich", die "Talkbühne" und die "Hörspielbühne". Bei dem vollen Angebot gab es allerdings eine bittere Pille zu schlucken, denn die meisten Veranstaltungen überschnitten sich zeitlich mit anderen Programmpunkten oder fingen viel zu früh an. Als Besucher konnte man sich also weder auf den Zeitplan verlassen, noch davon ausgehen, bei pünktlichem Auftauchen überhaupt noch einen Platz in den überfüllten Räumen zu bekommen. Nachdem uns durch dieses Chaos bereits eine Live-Lesung auf der Hörspielbühne durch die Lappen gegangen war, standen wir für den Talk um 14.30 Uhr schon eine halbe Stunde vorher auf der Matte. Das Thema der Stunde waren die "Hörspiel Lieblinge" bekannter Personen aus dem Showgeschäft, die dort auch erzählten, wie sie schon in früher Kindheit zu Hörsüchtigen wurden. Moderiert wurde das Gespräch von Wolfgang Bahro, den ganz Deutschland aus der Daily Soap "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" kennt. Der bekannte Schauspieler mutiert derzeit in seiner Fernsehrolle zu einem machtbesessenen, kalten Ungeheuer mit pechschwarzer Seele, das für den Erfolg über Leichen geht. Umso erstaunter war man natürlich, den Mann am Wochenende auf einer Hörspielmesse anzutreffen, wo er sich überaus freundlich und unprätentiös als langjähriger Fan gesprochener Geschichten zu erkennen gab. Vielen ist nicht bekannt, daß Wolfgang Bahro neben seinem Job als Fernsehstar schon seit längerem auch als Sprecher in Hörspielproduktionen mitwirkt. Neben ihm kamen auf der Talkbühne unter anderem die Moderatorin und Schauspielerin Nova Meierhenrich sowie der Tenor Toby Wilson zu Wort. Sie alle sind einer gemeinsamen Leidenschaft verfallen, nämlich dem Lauschen von Hörspielen, und gehören zur großen Gemeinschaft der "Kassettenkinder", die im Laufe der achtziger Jahre mit Serien wie "Die drei Fragezeichen", "Sherlock Holmes", "TKKG", "Jan Tenner" und "Perry Rhodan" groß geworden sind. Jeder von ihnen hatte eine ganz persönliche Geschichte über seine Lieblingskassetten zu erzählen, angefangen bei Toby Wilson, der im Internat aufwuchs und ohne die Tonträger kaum hätte einschlafen können. Doch auch als Erwachsene frönen die prominenten Vertreter der Zuhörer wieder regelmäßig dem akustischen Genuß. Da sie durch ihren Beruf viel unterwegs sind und oft in fremden Städten übernachten, vertreiben sie sich die langen Autofahrten oder einsame Hotelnächte mit Hörspielen. Neben bestimmten Sprechern wie dem virtuosen Interpreten Rufus Beck sind es aber noch immer die Favoriten aus der Kindheit, die den Darstellern am meisten am Herzen liegen. Nova Meierhenrich bekannte sich beispielsweise als eingefleischter Fan der "Drei Fragezeichen" und hatte einst sogar die Ehre, in einer der Produktionen mitsprechen zu dürfen. Toby Wilson sucht noch heute nach alten "Captain Future"-Folgen und erfuhr zu seinem Entsetzen von dem überaus bewanderten Publikum, daß diese inzwischen nur für mehrere hundert Euro zu bekommen sind. Die gemeinsame Vorliebe für bestimmte Kinderserien schuf nicht nur eine angenehme Verbindung zwischen Besuchern und Bühnenstars, sondern sorgte auch für einige lustige Anekdoten.

Toby Wilson und Wolfgang Bahro im Gespräch

Toby Wilson und Wolfgang Bahro im Gespräch

Nach diesem aufschlußreichen Gespräch durften wir im selben Raum die Fortsetzung des erfolgreichen Talkformats "Hollywood spricht" erleben. Schon auf der "Hörspiel" im vergangenen Jahr war dieses Treffen mit berühmten Synchronsprechern bei den Fans ein großer Hit gewesen. Dieses Mal waren Helmut Krauss, Thomas Karallus und Santiago Ziesmer zugegen, die mit donnerndem Applaus begrüßt wurden. Für Günter Merlau, den Chef des Hörspiellabels Lausch, war die Moderation des Talks eine willkommene Gelegenheit, die Stars seiner Kindheit zu treffen. Helmut Krauss kann als Urgestein des Sprechermetiers auf eine immens lange Erfahrung zurückblicken und lieh schon der Filmlegende Marlon Brando seine deutsche Stimme. Neben John Goodman gab es zahlreiche Rollen im Fernsehen und Hörfunk, die der charismatische Schauspieler mit phonetischem Leben erfüllte. Eine seiner bekanntesten ist jedoch für Viele der fiese Nachbar von Peter Lustig in der Kindersendung "Löwenzahn". Im Laufe des Gesprächs offenbarte er sich als Verfechter des klassischen, alten Radiohörspiels und erzählte, daß er früher wahnsinnig gerne Gedichte auf Schallplatte gehört hätte. Die Faszination an dieser poetischen Sprache war es, die ihn dazu brachte, selbst Hörspiele machen zu wollen. Es war für Helmut Krauss auch eine große Freude, feststellen zu können, daß es einen allgemeinen Trend zurück zum Hören gäbe, da die Menschen von der immer gleichen Bilderflut im Fernsehen die Nase gestrichen voll hätten. Es sei eine besondere Qualität des Hörspiels, die Fantasie der Zuhörer anregen zu können. Die Zustimmung des Publikums lag bei diesen Worten deutlich greifbar in der Luft.

Helmut Krauss und Thomas Karallus

Helmut Krauss und Thomas Karallus

Mit Thomas Karallus war auf der Bühne ein weiterer, erfahrener Synchronsprecher zugegen, der in den letzten Jahren auch für Fernsehzuschauer extrem präsent war. Er leiht dem amerikanischen Schauspieler Kevin James seine Stimme, der als Douglas Heffernan in der Serie "King of Queens" für überschäumend witzige Unterhaltung sorgt. Ein kurzer Ausschnitt aus jener Folge, in welcher Doug seinen Schwiegervater zwingt, das Wort "Ketchup" richtig auszusprechen, brachte alle Anwesenden zum Lachen. Namentlich vielleicht weniger bekannt war der Dritte im Bunde, nämlich Santiago Ziesmer, der ebenfalls seit ewigen Zeiten im Geschäft ist. Unverwechselbar aber ist seine lustige, quäkende Stimme und als er sich mit einer kurzen Kostprobe als Sponge Bob zu erkennen gab, ging kurzzeitig alles im begeisterten Johlen der Zuschauer unter. Dabei wurde deutlich, wem der niedliche gelbe Schwamm seinen immer fröhlichen Charakter und die positive Ausstrahlung zu verdanken hat. Der Moderator machte aber auch darauf aufmerksam, daß Santiago Ziesmer schon früher als großer Kinderstar bekannt war. In den Enid- Blyton-Geschichten und bei vielen anderen Produktionen war der charismatische Darsteller ein Begleiter unserer Kindheit. Dieser Talk fungierte als das zweite Portal auf der Zeitreise der Schattenblick Redakteure, denn er entführte uns an die Gestade glücklichster Erinnerungen und schlug eine Brücke in die Vergangenheit.

Santiago Ziesmer (Sponge Bob)

Santiago Ziesmer (Sponge Bob)

Doch es sollte alles noch viel besser kommen, denn unsere nächste Station auf der "Hörspiel 2009" war die Hörspielbühne. Hier wurde am späten Nachmittag eine Folge der Mystery-Serie "Dorian Hunter" live auf der Bühne gespielt. Wer als Kind einmal dem Irrtum erlegen ist, daß die Musiker und Sprecher im Radio tatsächlich selbst im Studio spielen, während man ihre Stimmen aus dem Äther empfängt, wurde später von der Realität bitter enttäuscht. Anders war es bei dieser Gelegenheit, wo sich das, was man hörte, wirklich direkt vor einem auf der Bühne abspielte und trotzdem genauso klang wie ein Hörspiel. Der stockdunkle Raum vor der Hörspielbühne war schon weit vor Beginn der Vorstellung bis zum Rand vollgepackt mit Besuchern und Fotografen. Auf der Bühne war es jedoch nicht weniger überfüllt, denn dort drängte sich die gesamte "Dorian Hunter"- Besetzung hinter schwarzen Gestellen, auf denen ihr Skript ausgebreitet lag. Ungefähr fünfzehn Personen mußten bei sehr spärlicher, blauer Beleuchtung gemeinsam eine Szene nach der anderen spielen und dabei öfter mal die Standorte tauschen. Allein aus logistischer Sicht war die Situation nicht ganz einfach, denn jeder Positionswechsel hinter den Mikrophonen machte das Podest zu einem potentiellen Twister-Feld. Erstaunlicherweise gelang es den Darstellern jedoch, sich untereinander nicht so zu verknoten wie in dem Spiel mit den bunten Feldern. Um das Ganze noch aufregender zu gestalten, holte einer der Sprecher noch mehrere Personen aus dem Publikum mit dazu, welche die Aufgabe bekamen, verschiedene Geräusche zur Handlung beizusteuern. Ihnen wurde kurz erklärt, wie sich das Schließen und Öffnen von Türen oder Pistolenschüsse anhören sollten, wonach jeder einmal demonstrieren mußte, daß er seinen Sound korrekt erzeugen konnte. Allerdings blieb die Palette der Aufgaben nicht so übersichtlich und nachdem noch etliche Dinge wie Lichtschalter, Schiebetüren, Massenkampfszenen und Ähnliches hinzugekommen waren, fragte man sich doch, ob diese Aufführung nicht im totalen Chaos enden würde. Wahrscheinlich erwarteten einige Zuhörer einen akustischen und logistischen Totalausfall, doch es geschah nichts dergleichen. Allein der Umstand, daß die Laiendarsteller ihre Töne nicht immer richtig heraus brachten, machte das Live-Hörspiel unglaublich lebendig und witzig. Man hatte als Zuschauer das Gefühl, mitten in der Handlung um den Dämonenkiller Dorian Hunter zu stecken. Wirklich dabei zu sein, wenn versierte Sprecher wie Thomas Schmuckert und Patrick Bach sich nur mittels ihrer Stimmen durch die mysteriösen Ereignisse um einen verbrecherischen Arzt und seine monströsen Schöpfungen schlagen, war die Erfüllung eines Kindheitstraums. Die echten Glanzlichter des Schauspiels waren aber ohne Frage jene beiden älteren Herren, die schon seit Ewigkeiten in Gruselhörspielen wahnsinnige Professoren und zwielichtige Hausangestellte mimen. Sie trugen auch diesmal mit ihrem Charisma zum Entstehen einer dichten Atmosphäre bei. Vor diesen Stimmen hat man sich schon früher auf dem Schoß der Eltern bis ins Mark gegruselt, denn ihr Auftreten verhieß nichts Gutes. Sie öffneten eine weitere Schleuse im Zeittunnel der Messe und ließen uns wieder zu Kindern werden. Nachdem wir eine Stunde lang mit unseren Mitreisenden in einem dunklen Raum gesessen hatten, war der Alltag draußen vor der Tür wie weggeblasen.

Live Hörspiel,

Live Hörspiel, "Dorian Hunter"

Mit einem freien Kopf begaben wir uns danach wieder zurück zum zweiten Portal, namens "Talkbühne", wo das Publikum kurz vor Ende der Messe dem Auftritt eines echten Stars der Hörspielszene entgegen fieberte. Mittlerweile wandelten wohl alle Fans und Besucher auf den verschlungenen Pfaden fantastischer Reiche und vergessen geglaubter Welten. Da war es ein krönender Abschluß für unsere Reise, dem Schöpfer mancher dieser Orte höchstpersönlich zu begegnen. Sein Name ist Legende, denn er ist der Erfinder und Verfasser von Serien wie "Commander Perkins", "Jan Tenner" und "Masters of the Universe". Außerdem schrieb er jahrelang die Drehbücher für "Die drei ???", "TKKG" und "Fünf Freunde". Die Rede ist hier von H.G. Francis, dessen Schaffensdrang ebenso enorm ist wie die Verehrung seiner Fans. Als er vor dem Interview den Raum betrat, brandete ihm stürmischer Applaus entgegen, so daß er einige Momente lang einfach nur still in dem hellen Scheinwerferlicht stehen bleiben konnte. Unter dem Motto "Die Rückkehr der Kassettenkinder" hatte die diesjährige Messe all jene Menschen aus Deutschland angezogen, die mit den Geschichten von H.G. Francis groß geworden waren. Allein seine Gegenwart machte das Universum, in dem seine Erzählungen spielten, für alle Anwesenden noch ein bißchen lebendiger. Selbst dem Moderator Günter Merlau fiel es offensichtlich nicht ganz leicht, dem Grandseigneur des Hörspiels ruhig gegenüber zu sitzen. Doch H.G. Francis wirkte der ganzen Aufregung auf der Bühne mit ruhigem, hanseatischen Charme entgegen. Gelassen erklärte er, wie er seinen eigentlichen Namen, Hans Gerhard Franciskowsky, seinem Verleger zuliebe gegen das Pseudonym H.G. Francis austauschte. Schon in den 60er und 70er Jahren, als Francis begann, Science-Fiction-Romane zu schreiben, ließen sich mit einem amerikanisch klingenden Namen leichter Bücher verkaufen als mit seiner wahren Identität. Ursprünglich stammt der vielseitige Autor aus Schleswig-Holstein und studierte nach seinem Abitur in Hamburg Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Ohne Unterstützung aus dem Elternhaus mußte er sich sein Studium durch harte Nebenjobs bei der Hochbahn und beim Kohlenhandel im Hafen selbst finanzieren. Irgendwann wurde die Doppelbelastung durch die Nachtarbeit zu viel und H.G. Francis stieg ganz auf das Schreiben von Science-Fiction-Geschichten um. Mit seiner unerklärlich großen Produktivität arbeitete sich der fleißige Autor im Lauf der Jahre vom Underdog zum erfolgreichen Schriftsteller hinauf. Der wahre Grund für seine lang anhaltende Karriere liegt jedoch in der ungewöhnlichen Vorstellungskraft von Francis begründet. So sollte sein zurückhaltendes Auftreten auf der Talkbühne nicht darüber hinweg täuschen, daß er weltweit die erste Person war, die das Reisen in Raumschiffen mit der Erfindung des "Dimensionsbrechers" revolutionierte. Sinn und Zweck der Erfindung war es, den Lesern die langatmigen Beschreibungen endloser Raumreisen mit schnöder Lichtgeschwindigkeit zu ersparen. Wirklich interessant waren ja die Abenteuer auf fremden Planeten und nicht der umständliche Weg dorthin. Bei aller Nüchternheit ist sich Francis jedoch seiner Fähigkeiten durchaus bewußt, weshalb es ihm auch nicht einfiel, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. So ließ er das Publikum am Rande der Unterhaltung wissen, daß es seine Erfindung war, die später von Roland Emmerich in der Serie "Stargate" mit den allseits bekannten Portalen zitiert wurde. Dieser Umstand ist laut Francis offiziell verbrieft und es ist nur legitim, daß er den Stolz der Fans auf ihren Landsmann noch erhöht. Auf die Frage angesprochen, ob der Autor seiner Produktivität nicht doch zwischenzeitlich mit einem Ghostwriter auf die Sprünge geholfen hätte, erklärte die lebende Legende, wie aufwendig der Prozess des Schreibens damals wirklich war. Er habe all seine Texte und Skripts, selbstverständlich ohne fremde Hilfe, noch auf einer alten, mechanischen Schreibmaschine tippen müssen. Zu allem Übel durften diese Vorlagen bei der Abgabe im Studio keinerlei Fehler enthalten, damit der Redefluß der Darsteller nicht unterbrochen wurde. Natürlich sei es dann oft so gekommen, daß ihm in der letzten Zeile einer Seite, beim vorletzten Buchstaben, ein Fehler unterlaufen wäre, weshalb anschließend alles noch einmal neu abgetippt werden mußte. Es sei ein Segen gewesen, als irgendwann die erste elektronische Schreibmaschine mit einer Speicherkapazität von zwei Seiten auf den Markt gekommen wäre. Mit dem 15.000 Mark teuren Gerät namens "Olympia" konnten die Fehler vor dem endgültigen Druck korrigiert werden. Statt sich selbst und seine Erfindungsgabe zu mystifizieren, gab der bodenständige H.G. Francis solche köstlichen kleinen Anekdoten zum Besten. Gleichzeitig enthüllten diese seine erzählerische Liebe zum Detail, die bei dem Schriftsteller auf eine große Disziplin und Ausdauer trifft. Innere Ruhe und ein lebendiger Geist scheinen bei Francis eine sehr konstruktive Verbindung einzugehen. Auch heute, im Alter von 72 Jahren macht der einfallsreiche Autor vor nichts Halt und schreibt momentan unter anderem historische Romane. Diese Vielseitigkeit ist allerdings selbstverständlich für ihn, denn sie rettet sein Gehirn davor, sich zu langweilen. So lang seine Liste von Pseudonymen ist, so verschieden sind auch die Gebiete, über welche Francis im Lauf seiner Karriere schrieb. Dazu gehören verblüffenderweise auch Sachbücher und Pferdegeschichten. Zur Zeit arbeitet er daran, in Hamburg ein Perry-Rhodan-Musical auf die Beine zu stellen, für dessen Skript er verantwortlich zeichnet.

"Hörspieler" H.G. Francis mit Günter Merlau

Der Auftritt von H.G. Francis war wohl der Höhepunkt der "Hörspiel 2009" und ließ auch die Schattenblick-Redakteure in dem beruhigenden Wissen zurück, das die Feder, aus der die Helden unserer Kindheit stammen, noch immer schreibt. Obwohl wir nur einen Bruchteil des gesamten Programms selbst unter die Lupe nehmen konnten, hatten uns die vielen Hörproben und Begegnungen mittlerweile in eine weit entfernte Dimension hinein katapultiert. Das Verlassen des roten Backsteingebäudes markierte das Ende der Zeitreise, wobei es sich anfühlte wie der Ausstieg aus einem gerade gelandeten Raumschiff.

Hühnerposten

Hühnerposten

J. Barthel

19. Juni 2009