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BUCHBESPRECHUNG/037: M. Crichton - Die Gedanken des Bösen (SciFi) (SB)


Michael Crichton


Die Gedanken des Bösen



Während der Leser aufgrund des Originaltitels "Sphere" noch nicht ahnt, wohin ihn der Erfolgsautor Michael Crichton diesmal entführen wird, so deutet der deutsche Titel "Die Gedanken des Bösen" schon an, wohin die Reise geht. Nicht in den "Jurassic Park" übergewichtiger Dinosaurier, nicht in den tiefen Dschungel des "Congo" und auch nicht nach "Andromeda", um nur einige von Crichtons Erfolgstiteln zu nennen, sondern in die unauslotbaren Abgründe des menschlichen Geistes, dort wo das Unterbewußtsein haust und finstere Pläne schmiedet, um seine fleischliche Umhüllung in allerhand mißliche Lagen zu bringen. Dort, wo die "Gedanken des Bösen" unerkannt lauern und nur durch eine geheimnisvolle Sphäre hervorgelockt werden - treffender als jeder Jungianer es zustandebrächte.

Seit dreihundert Jahren liegt ein riesiges Raumschiff auf dem Meeresgrund des Pazifiks - die Korallenbänke ermöglichen hier eine eindeutige Datierung. Dennoch konnte es unmöglich damals gebaut worden sein. Keine irdische Macht wäre zum Bau eines solchen Flugkörpers in der Lage. Aber es handelt sich auch nicht ein Raumschiff einer außerirdischen Intelligenz, wie ein von der US-Navy einberufenes wissenschaftliches Untersuchungsteam alsbald feststellt, sondern um ein Schiff aus der Zukunft der Menschheit, aus dem Jahre 2043, und es ist "made in the USA".

Crichton hatte schon immer eine Vorliebe dafür, seine SF- Thriller vornehmlich unter Wissenschaftlern abspielen zu lassen, und dazu wechselt er dann für jeden Roman die Kulisse. Diesmal taucht er dreihundert Meter unter die Wasseroberfläche, wo die Probleme des Menschen so groß sind und seine Existenz so unmittelbar gefährdet ist, daß allein dieses Szenario reichlich Stoff für brisante Verwicklungen und scheinbar unlösbare Probleme bietet. Diese können aber dank der wissenschaftlichen Ausbildung der Protagonisten, beziehungsweise des Psychologen der Gruppe, gelöst werden. Das ist auch die wesentliche Aussage des Romans: Der Mensch hat große Probleme, aber sie sind lösbar, denn die Wissenschaft hat letztlich auf alles eine Antwort. Daß es zwischendurch manchmal nicht so aussieht, bestätigt nur das zu guter Letzt positive Ergebnis.

In "Jurassic Park" war es nicht anders. Auch da mußten die geklonten Dinosaurier erst alles kurz und klein schlagen, bevor der Mensch die entfesselte Natur wieder in den Griff bekam. In dem Roman "Gedanken des Bösen", der gleichfalls verfilmt wurde, findet die Auseinandersetzung allerdings mit einer entfesselten Natur im Menschen selbst statt.

Der Psychologe Jung vertrat das Konzept der Archetypen, Urängste eines jeden Menschen, die in seinem Unterbewußtsein anzusiedeln seien, so daß der Mensch ihrer nicht gewahr ist. Aber sie wirkten und bestimmten viel mehr unser Tun, als wir wüßten, behauptete Jung. In seiner psychoanalytischen Schule werden Handlungen aus der realen Welt auf den Einfluß jener Archetypen zurückgeführt.

Michael Crichton hat sich nun die Frage gestellt, was wohl geschähe, wenn sich diese Urerinnerungen manifestierten. Dazu hat er ein Raumschiff aus der Zukunft, das durch ein Schwarzes Loch geflogen sein soll, auf die Erde versetzt. An Bord befindet sich eine geheimnisvolle Sphäre, die sich einem Besucher erst dann öffnet, wenn er sie sich geöffnet vorstellt. Das Vorstellungsvermögen sei es, das der Mensch den Tieren voraus habe - wobei zu dieser These angemerkt werden muß, daß sich naturgemäß kein Mensch vorstellen, wie sich Tiere etwas vorstellen.

Die Hälfte des wissenschaftlichen Untersuchungsteams kommt im Laufe der Handlung ums Leben, und die US-Navy kann nichts unternehmen, weil oberhalb der Unterwasserstation ein Sturm tobt. Ein Ausweichen ist also nicht möglich. Durch diesen unglücklichen Umstand auf sich allein gestellt, beginnen die Menschen sich untereinander zu bekämpfen, und sie wissen nicht, daß es ein Kampf gegen sie selbst ist. Drei Personen betreten im Laufe der Romanhandlung die Sphäre, und jeder von ihnen wird mit einer unvergleichlichen Macht ausgestattet, die es ihm ermöglicht, seine Vorstellungen buchstäblich zu verwirklichen. Doch der Mensch ist laut Crichton für diese Macht nicht geschaffen, denn er hat finstere Gedanken, und diese zudem noch nicht einmal im Griff.

Während aber der vermeintlich clevere Harry, ein wahrer Sherlock Holmes, der schon in der Schule allen anderen weit voraus, aber dafür ein schlechter Sportler war (nicht sehr einfallsreich, aber Crichton kolportiert nicht nur an dieser Stelle Klischees), und auch die resolute Biologin Beth nicht bemerken, mit welchen Kräften sie ausgestattet wurden und daß die Angriffe auf die Station durch Giftquallen und einen Riesenkalmar ihrer Gedankenwelt entsprungen sind, findet der Psychologe Norman die Lösung: Er betritt als letzter der dreien die Sphäre, in voller Absicht, ebenfalls mit Macht ausgestattet zu werden, um gegen die anderen bestehen zu können.

Den logischen Bruch in der Beschreibung der Charaktere, daß zumindest der geniale Harry, der beispielsweise in einer für den Laien unüberschaubaren Zahlenreihe auf Anhieb eine Ordnung erkennt und auch ansonsten der erste ist, der herausfindet, daß das Raumschiff aus der Zukunft und nicht von einer außerirdischen Zivilisation stammt, ebenfalls bemerkt haben dürfte, daß er selbst für die Manifestationen verantwortlich ist, diesen logischen Bruch übergeht Crichton mit der etwas halbgaren Begründung, daß Norman eine "gewisse Kenntnis des Unterbewußtseins" habe. So sei es denn der Psychologe, nicht der geniale Wissenschaftler, der das Geheimnis lüftet.

Diese "gewisse" Kenntnis, deren Tiefe unausgelotet bleibt, ja, sogar bleiben muß - andernfalls würde deutlich, daß es sich bei den Archetypen und dem Unterbewußtsein lediglich um Konzepte handelt -, wird hierzulande nahezu jedem, der eine universitäre Ausbildung durchläuft, in Grundzügen vermittelt. Dagegen bleibt das Buch noch weit zurück. In der Logik der Romanhandlung dürfte ein Genie wie Harry nicht mal eine Sekunde zögern, um auf die Lösung zu kommen. Aber dann wäre der Roman eben schon nach 50 und nicht erst 450 Seiten zu Ende. Also darf der genügsame Leser froh sein, daß Crichton die Gehirnwindungen des Genies Harry nach dem Besuch der Sphäre, obschon mit ihrer Macht ausgestattet, nicht den Weg zum rettenden Einfall freischalten. Es bleibt dem Psychologen Norman vorbehalten, seine eigene böse Seite zu bezwingen, mit dem bereits gestarteten Tauchboot umzukehren und die beiden anderen, Beth und Harry, zu retten.

Nun stellt sich nur noch die Frage, wie man einen Roman zum Abschluß bringt, der eigentlich an dieser Stelle erst richtig beginnen könnte: da gibt es in dreihundert Meter Wassertiefe eine Sphäre, die es Menschen ermöglicht, ihre Gedanken Wirklichkeit werden zu lassen. Eine phantastische Macht! Indes, Crichton hat sie nicht für die Menschen vorgesehen. Wie so oft ist einem Autor die Moral in die Feder geflossen. Offenbar will oder kann sich niemand vorstellen, was Menschen mit einer solch unermeßlichen Macht anstellten. Da hocken also die drei Menschen in der Rettungskapsel und beraten sich, wie sie weiter vorgehen wollen. Und so beschließen sie, die ganze Angelegenheit zu vergessen ... ja, zu vergessen, denn da sie die Macht haben, sich vorzustellen, daß all das nicht geschehen ist und es keine geheimnisvolle Sphäre aus der Zukunft gibt, löschen sie sich freiwillig die Erinnerung aus dem Gedächtnis, und die Welt ist wieder in Ordnung. Wie gesagt, die Wissenschaft hat auf alles eine Antwort.

Zwar beansprucht Wissenschaft, den Menschen Mittel an die Hand zu geben, seine Probleme zu lösen, aber eine Macht, wie sie die Sphäre böte, ist verbotenes Terrain, ein Tabu. Dabei wäre es so einfach: Die drei bräuchten sich lediglich vorzustellen, daß alle Menschen genügend zu essen hätten, daß alles Militär seine Kriege hinterm Mond austrägt, daß sie selbst unter Kokospalmen und mit lauter netten Leuten auf einer lauschigen Tropeninsel in einer hurrikanfreien Zone in der Karibik leben, oder was der Wünsche mehr sind. Die Welt stände ihnen offen. Anstelle sich selbst die Erinnerung zu nehmen, könnten sie sie den Verantwortlichen bei der Navy nehmen und - sofern sie ein altruistisches Anliegen hätten - immer mehr Menschen in die Sphäre lassen, wobei sie sich nur vorzustellen bräuchten, daß die böse Seite der Menschen stets unterliegen solle, damit nichts schiefgeht.

Statt dessen bevorzugen die drei das Vergessen, und der Autor hält diesen Schluß offensichtlich für gelungen, sonst wäre er auf die Idee gekommen und hätte mit der Sphäre fundamentale Menschheitsprobleme gelöst. Aber zum Glück ist das ja alles nur fiktiv, im wirklichen Leben wäre selbstverständlich alles ganz anders gelaufen, oder?


Michael Crichton
Die Gedanken des Bösen
Reinbek, Neuausgabe März 1998
445 Seiten, 12,- DM
ISBN 3-499-26032-8