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BUCHBESPRECHUNG/078: Plophos-Zyklus, Band 1 und 2 (Perry Rhodan) (SB)


Perry Rhodan


Feinde der Menschheit (Plophos-Zyklus Band 1)

Soldaten für Kahalo (Plophos-Zyklus Band 2)



Seit 1978 gibt der Pabel-Moewig Verlag die sogenannten Silberbände heraus, in denen die Perry Rhodan-Heftromane aufbereitet und zu rund 400 Seiten starken Büchern zusammengefaßt werden. Dabei ist so manch liebgewordenes Werk dem Rotstift zum Opfer gefallen, vermutlich weil es für den größeren Handlungsrahmen keine besondere Bedeutung besaß. Daß aber selbst ganze Zyklusabschnitte herausgestrichen wurden, wie zum Beispiel jenen um den Zerfall des Solaren Imperiums durch den Angriff des plophosischen Obmanns Iratio Hondro, haben viele Fans nie verstanden. Zumal in diesem Handlungsteil Perry Rhodan erstmals Mory Abro begegnet, die später seine Frau werden wird. Nun hat sich der Verlag entschieden, eben diese in den Silberbänden unberücksichtigt gebliebene Heftromanfolge rund um die dramatischen Ereignisse von Plophos im Taschenbuchformat herauszugeben. Band 1 (Feinde der Menschheit) und Band 2 (Soldaten für Kahalo) sind im September erschienen, die beiden weiteren Bände in der Reihe "Der abgeschlossene Zyklus" sind für November angekündigt.

Der Plophos-Zyklus beginnt mit dem Heftroman "Der gnadenlose Gegner" (Nr. 180) von William Voltz. Das legendäre Raumschiff CREST wird angegriffen und stürzt auf einem unbekannten Planeten ab. Kugelraumer kämpft gegen Kugelraumer! Jene Raumschifform wird von den Milchstraßenvölkern bereits als Symbol des rasanten Vordringens der Terraner ins All angesehen, nun hat erstmals eine von Menschen kolonisierte Welt die direkte Konfrontation mit der ursprünglichen Heimatwelt gesucht und sich der Expansion entgegengestellt.

An Bord der CREST befinden sich hochrangige Persönlichkeiten wie Großadministrator Perry Rhodan, sein langjähriger Wegbegleiter Reginald Bull, der Arkonide Atlan, der ertrusische USO-Agent Melbar Kasom und der Hypno André Noir. Sie werden von den Schergen des plophosischen Diktators Iratio Hondro gejagt und gefangengenommen, wohingegen jene Besatzungsmitglieder, die glücklich waren, die Bruchlandung der CREST überlebt zu haben, gnadenlos getötet werden.

Hondro hofft, durch die gewaltsame Zerrüttung des Vereinten Imperiums, das aus dem Solaren Imperium der Terraner und dem Reich der Arkoniden besteht, die Macht an sich reißen zu können. Das allein auf seine Person ausgerichtete Regime gründet sich auf die existentielle Abhängigkeit der engsten Untergebenen, die zuvor eine Giftinjektion verabreicht bekommen haben und nun regelmäßig auf die Auffrischung eines Gegenmittels angewiesen sind. Über das verfügt selbstverständlich nur Iratio Hondro.

Die vier Zellaktivatorträger und Melbar Kasom werden nach Zentral-City auf dem Planeten Greendor verschleppt und ins Gefängnis geworfen. Ein Entkommen gilt als unmöglich, denn außerhalb der Stadt gibt es einen Dschungel mit extrem gefährlichen Pflanzen, die ausgefuchste Fertigkeiten des Beutefangs entwickelt haben. Dennoch versuchen die Gefangenen zu fliehen, und im zweiten Anlauf gelingt es ihnen sogar. Das haben sie jedoch im wesentlichen einer Rebellenorganisation zu verdanken, die es geschafft hatte, sich riesige, wandernde Bäume - Drenhols genannt - gefügig zu machen und gegen Hondros Leute ins Feld zu werfen.

Die Rebellen nennen sich Neutralisten und haben ihren Hauptsitz auf dem Planeten Badun, der in der Nähe des mit Sternen dicht gesäten Milchstraßenzentrums liegt und dessen genaue Koordinaten der strengen Geheimhaltung unterliegen. Formal ist Lord Kositch Abro Herrscher Baduns und somit Anführer der Neutralisten. Seit längerem leitet aber seine bildhübsche Tochter Mory Abro die Staatsgeschäfte. Sie ist mit dem Nadler nicht minder schnell wie mit den Worten, doch gegenüber der burschikosen Art der Vertreter des Solaren Imperiums verschlägt es selbst ihr die Sprache.

Den Spionen des Obmanns ist es gelungen, die Koordinaten des Rebellenplaneten herauszufinden. Ohne Verzögerung folgt der Angriff, dem die Verteidiger Baduns keinen ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen haben. Trotz des Bombardements und enormen Durcheinanders können Perry Rhodan und seine Mitstreiter den Planeten verlassen. Während Lord Abro, der schon seit längerem an einer Geisteskrankheit leidet, stirbt, wird die bewußtlose Mory Abro gerettet. Dafür bedankt sie sich nach ihrem Erwachen mit etlichen Verwünschungen und - vergeblichen - Versuchen, dem Griff des Ertrusers, der sie geschultert hat, zu entkommen.

Die allgemeine Gefühlslage der Fliehenden kann man nur als bedrückt bezeichnen, denn abgesehen von Melbar Kasom haben alle ehemaligen Gefangenen des Obmanns eine Giftinjektion erhalten und rechnen fest mit ihrem Tod. Dennoch kämpfen sie unverdrossen ums Überleben, wohin auch immer sie von den turbulenten Ereignissen geworfen werden. Als die Stunde naht, in der sie eigentlich sterben müßten, geschieht nichts. Die Zellaktivatoren haben das Gift neutralisiert.

Dennoch ist der eingeschworenen Gemeinschaft, zu der mittlerweile auch Mory Abro gerechnet werden muß, da sie ihre abweisende Fassade immer häufiger vernachlässigt - insbesondere gegenüber Perry Rhodan -, eine Rückkehr in die Heimat nicht möglich. Die Gruppe wird auf merkwürdige Weise auf ein Raumschiff versetzt und muß zunächst einen Kampf führen, der eigentlich nicht der ihre ist. Das Volk der Bigheads wird von den insektoiden Flooths bedroht, ist aber aufgrund der tief verankerten pazifistischen Einstellung unfähig, selber zu den Waffen zu greifen. Die Gruppe stößt auf dem Planeten Kahalo auf einige rätselhafte Pyramiden, hinter denen sich die hochwertige Technologie eines uralten Volkes verbirgt, die zu erschließen nicht die Zeit bleibt.

Entgegen der Erwartung Iratio Hondros wird das Solare Imperium nach der Verbreitung der Nachricht von Rhodans Tod und dem Lossagen der vielen Kolonien nicht geschwächt. Es geht vielmehr gestärkt daraus hervor, da sich die Führung nun auf die Verteidigung des Kernbereichs konzentrieren kann, während sie die Kolonialplaneten ziehen läßt. Perry Rhodans ranghöchster Stellvertreter auf der Erde, Solarmarschall Julian Tifflor, und der Geheimdienstchef Allan D. Mercant entsenden das Mutantenkorps zum Planeten Plophos, um der Botschaft eines ihrer Agenten nachzugehen. Der hatte mittels eines kurzen Funkspruchs gemeldet, daß Perry Rhodan beim Absturz der CREST nicht ums Leben gekommen sei, sondern gefangengenommen wurde. Damit erhält der Feind endlich ein Gesicht: Iratio Hondro, Herrscher der Plophoser.

Ein permanent im Hintergrund dieses Zyklus schwelendes Grundthema hat seine Aktualität bis heute nicht eingebüßt: Muß ein Imperium zwangsläufig schlecht sein? Nach dem in der Romanhandlung verbreiteten Bild zerbrach das von Perry Rhodan geführte Solare Imperium weniger an dem inneren Widerspruch zwischen Herrschenden und Unterdrückten, sondern in erster Linie aufgrund der reinen Machtgier eines einzelnen Mannes, des Diktators von Plophos. Mit der Idee, daß eine Person allein dadurch, daß sie andere mit Hilfe von Giftinjektionen gefügig machen und auf diese Weise ihre Herrschaft über mehrere Planeten ausdehnen kann, regen die Perry Rhodan-Autoren im nebenbei die Frage an, wie Herrschaft überhaupt zustande kommt. Die hier gegebene Antwort, daß eine einzige Person ein ganzes Volk an sich binden kann, erinnert ein wenig an den Mythos, eine einzige Person habe die Deutschen einst kraft ihres "Charismas" in den Bann gezogen und verführt, so daß sie gar nicht anders konnten, als in den Krieg zu ziehen und vor den fürchterlichen Repressionen die Augen zu verschließen.

Solch ein Konzept erinnert aber ebenfalls daran, daß zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung der im Plophos-Zyklus verarbeiteten Heftromane keine zwei Jahrzehnte seit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland vergangen waren. Die damalige Geschichtsschreibung war weit davon entfernt anzuerkennen, daß das Regime ohne eine breite Beteiligung der Bevölkerung einen langen Bestand gehabt hätte. Für die Romanhandlung wiederum ist daraus der Schluß zu ziehen, daß die Vorstellung einer auf Giftinjektionen gegründeten Diktatur unplausibel wirkt - womit überhaupt nicht in Abrede gestellt werden soll, daß durch die Idee der Giftinjektionen wichtige dramaturgische Akzente gesetzt wurden.

Die Perry Rhodan-Autoren haben einen starken Kontrast konstruiert zwischen der negativen Herrschaftsform, auf die sich Iratio Hondro stützt, und dem positiven Solaren Imperium, das zwar ebenfalls stark von einer Person, nämlich Perry Rhodan, getragen wird, aber das den in der Peripherie liegenden Welten viele Freiheiten zur Entfaltung gelassen hatte. Indem nun die Vorstellungen des Obmanns als zum Scheitern verurteilt beschrieben werden, wird umgekehrt der Eindruck einer vermeintlichen Alternativlosigkeit des Solaren Imperiums erzeugt.

Allerdings werden an mehrere Stellen in den ersten beiden Bänden des Plophos-Zyklus Verhaltensweisen der eigentlich positiv besetzten Helden geschildert, die frappant daran erinnern, daß in der realen Menschheitsgeschichte im Grunde genommen kein Imperium ohne Knechtschaft, Sklaverei oder, allgemein gesprochen, Unterdrückung errichtet wurde. In den vorliegenden Romanen erweist sich ausgerechnet der immer zu Späßen aufgelegte Mausbiber Gucky, der mit seinen Superkräften eine wichtige Stütze Perry Rhodans ist, gleich an mehreren Stellen als ziemlich hintertrieben und, ja, man muß es sagen, brutal.

Hintertrieben zeigte er sich, als er das telepathisch begabte und friedliebende Volk der Drechselpfeifer für seine Zwecke einspannte, ohne sie vorher darüber aufzuklären, daß sie mit ihrer Unterstützung seines telepathischen Impulses höchstwahrscheinlich zahlreiche intelligente Wesen in den Tod schicken werden. Es wäre nett gewesen, ihnen zumindest die Wahl zu lassen, ob sie dazu bereit sind. Gucky wollte per telepathischem Fernbefehl sämtliche von Terra zur Verfügung gestellten Transformkanonen in einem viele Lichtjahre weiten Umkreis zur Explosion bringen. Im politikwissenschaftlichen Jargon würde man das als Verhinderung der Proliferation gefährlicher Waffen bezeichnen. In der folgenden Beschreibung zeigt der Mausbiber, daß er durchaus über Leichen geht:

Einen Augenblick lang dachte Gucky an die Opfer, die der Befehl kosten würde. Dann wischte er alle Bedenken beiseite. Der Befehl lag vor, und er diente der Sicherheit des Solaren Imperiums. Er entsprang dem Willen zur Selbstverteidigung. Es war, so besehen, Notwehr. (Bd. 1, S. 317 f)

Erinnert solch eine Inkaufnahme von "Kollateralschäden" nicht an die Legitimationsversuche für Verwüstungen, wie sie beispielsweise die USA im Irak angerichtet haben und heute noch anrichten? Oder an die Beteiligung von Kampfjets der Bundeswehr 1999 an der Bombardierung Belgrads?

Als Folterspezialist erweist sich Gucky, als er einem Gefangenen telekinetisch die Luftröhre zupreßt und ihm mit dem Erstickungstod droht, falls er nicht willens sei auszupacken. Als Solarmarschall Tifflor das mitbekommt, gebietet er Gucky nicht etwa Einhalt, um diese, ethische Normen aufs schwerste verletzende Gefangenenmißhandlung zu stoppen, sondern lächelt statt dessen und gibt dem Ilt noch zwei Stunden Zeit, in denen er den Gefangenen ausquetschen darf (Bd. 1, S. 366). Und daß Geheimdienstchef Mercant den Zellaktivator Iratio Hondros schon mal als Belohnung für denjenigen in Aussicht stellt, der Hinweise auf Perry Rhodans Aufenthaltsort liefert (Bd. 1, S. 382), obgleich er den Obmann damit zum Tode verurteilt, liegt auf der gleichen Ebene wie Guckys Machenschaften. Das Imperium Perry Rhodans hat durchaus Zähne ... und sei es auch nur jener berühmte einzelne Zahn des Mausbibers.

An den oben beschriebenen und vielen weiteren Stellen ist den Romanen deutlich anzumerken, daß sie in einer anderen Epoche entstanden sind. Bei einem Vergleich mit aktuellen Heftromanen wird erkennbar, daß in der ersten Hälfte der sechziger Jahre sowohl die Dialoge anders gestaltet als auch die Personen noch nicht so wie heute geschildert wurden. Dazu beispielhaft ein Zitat aus "Soldaten für Kahalo":

Mory war groß, fast zu groß für eine Frau, und doch wiederum gerade richtig gewachsen für diese Versammlung von großen Männern. Niemand hatte sie je etwas anderes als eng anliegende Kleidung tragen sehen. Sie wußte, daß ihre Formen sehenswert waren, und scheute sich nicht, sie zur Geltung zu bringen. Mory Abro war der Typ von Frau, von dem sich mancher Mann nach dem ersten bewundernden Blick mit einem Seufzen abwandte, weil er niemals hoffen konnte, so beeindruckend zu wirken, um Morys Aufmerksamkeit zu erregen. (Band 2, S. 167)

Ein Verhältnis, wie es zwischen Mory Abro und den "großen Männern" (sprich: Mackern) geschildert wird, kommt in den heutigen Heftromanen nicht mehr vor. Es werden Rollenklischees verbreitet, die Anfang der sechziger Jahre womöglich vielen Leserinnen und Lesern kaum aufgefallen sind, aber die heute geradezu ins Auge stechen. Womit nicht behauptet werden soll, daß jenes geschlechtsspezifische Rollenverhalten inzwischen überwunden und aus den Romanen, die schon immer ein Spiegel der Gesellschaft waren, verschwunden sind. Es nimmt jedoch nicht mehr diese Auswüchse an, wie an folgendem, nach heutiger Lesart unfreiwillig komisch wirkenden Zitat festzustellen ist:

Melbar Kasom erkannte neidlos, daß Mory Abro ein besserer Schütze war als er. Am meisten aber bewunderte er ihre Kaltblütigkeit. Angst schien diese Frau nicht zu kennen. Mit ihrem Thermostrahler hantierte sie wie andere Frauen mit ihren Make-up-Utensilien. (Band 2. S. 125)

Während Mory Abro schon mal ihre Contenance verlieren darf, wobei ihr dann - wie apart! - die Zornesröte ins Gesicht steigt, erfüllt Perry Rhodan die Rolle des väterlichen Freunds, der ihren Widerstand gegen seine Bevormundung mit einem gewinnenden Lächeln quittiert. Abgesehen von dem antiquiert wie James Bond wirkenden Umgang mit der Geschlechterfrage - neudeutsch würde man von der "Gender-Frage" sprechen -, erinnert auch manch technologische Beschreibung daran, daß die Romane vor mittlerweile über vierzig Jahren geschrieben wurden. Beispielsweise werden an einer Stelle noch Diaprojektoren eingesetzt, in deren Lichtstrahl eine Person versehentlich tapsen konnte (Bd. 1, S. 238 f).

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kannte man auch noch keine Nanotechnologie, wie sie inzwischen längst breiten Einzug in die Wissenschaft und selbstverständlich auch die Science Fiction gehalten hat. Deshalb wurden damals die kleinsten Mikro- Spionsonden als fingerhutgroß beschrieben, und Taschenpistolen fanden, welch Wunder der Technik, "sogar in Schuhen Platz" (Bd. 1, S. 336). Die Raumschiffe der Neutralisten wurden zwar als veraltet bezeichnet, aber daß die Positroniken "Stanzstreifen" ausdruckten, muß im heutigen Zeitalter der Vollcomputerisierung und Internet- Kommunikation ein wenig erstaunen (Bd. 2, S. 27).

Abschließend bleibt noch anzumerken, daß der Plophos-Zyklus ein Leckerbissen für Science-Fiction-Nostalgiker sein dürfte und problemlos auch von Personen gelesen werden kann, die mit dem damals noch jungen und relativ überschaubaren "Perryversum" nicht vertraut sind.

10.10.2006

PERRY RHODAN
Plophos-Zyklus Band 1: "Feinde der Menschheit"
Pabel-Moewig Verlag, Rastatt, 2006
384 Seiten, Euro 9,90
ISBN 10: 3-8118-5549-2
ISBN 13: 978-3-8118-5549-6


PERRY RHODAN
Plophos-Zyklus Band 2: "Soldaten für Kahalo"
Pabel-Moewig Verlag, Rastatt, 2006
384 Seiten, Euro 9,90
ISBN 10: 3-8118-5550-6
ISBN 13: 978-3-8118-5550-2