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BUCHBESPRECHUNG/083: Die Glaswelt (Perry Rhodan Silberband) (SB)


Perry Rhodan Silberband 98


Die Glaswelt



Mit dem vorliegenden Silberband 98 befindet sich die Perry-Rhodan-Serie noch nicht ganz im Endspurt, aber bereits im Zieleinlauf für den fulminanten Abschluß des BARDIOC-Zyklus. Im Jahre 3585 hat es die Menschheit an weit voneinander entfernte Orte des Universums verschlagen: Die kurz vor ihrem Sturz durch den Schlund nahezu vollständig entvölkerte Erde kreist mit wenigen Menschen um die Sonne Medaillon in der Galaxis Ganuhr und besitzt heute nur einen einzigen Nachbarplaneten, Goshmos Castle; die SOL mit Perry Rhodan und anderen Zellaktivatorträgern an Bord hat erst nach langer Irrfahrt den neuen Standort der Erde erreicht, muß aber schon bald wieder aufbrechen; und zig Milliarden Menschen befinden sich in einem übergeordneten Kontinuum in der Obhut der Superintelligenz ES.

Sowohl die Erde als auch das Fernraumschiff SOL werden in die Auseinandersetzung zwischen zwei mächtigen Wesenheiten, den Superintelligenzen BARDIOC und Kaiserin von Therm, verwickelt. Zwar fällt BARDIOC in diesem Zyklus der negative Part zu, während die Kaiserin positiv dargestellt wird, aber mit einem strengen Dualismus läßt sich das komplexe Perryversum nicht beschreiben. So hegen die Besatzung der SOL und teils auch die Freunde Perry Rhodans große Skepsis, weil er einen Kristall der mächtigen Kaiserin von Therm um den Hals trägt. Sie glauben, daß Perry von ihr, die zwar den Menschen gegenüber wohlgesonnen ist, manipuliert wird. Auf der anderen Seite erhalten einige Hulkoos, die im Dienste BARDIOCS stehen, durchaus menschliche Charaktereigenschaften. Gut und böse sind nicht eindeutig voneinander zu unterscheiden.

Insbesondere unter den auf der SOL geborenen Besatzungsmitgliedern, den Solanern, macht sich Unmut über die Entscheidung der Schiffsführung, respektive Perry Rhodans, breit, ausgerechnet eine Inkarnation des übermächtigen Wesens BARDIOC zu entführen. Die Nerven liegen blank ob der spürbaren Gefahr, die von der Inkarnation ausgeht, auch wenn sie paralysiert wurde, permanent von den Mutanten überwacht wird und wenn als weitere Sicherheitsmaßnahme der Hantelraumer aufgetrennt wurde, damit die SOL-Zelle 1 mit der Inkarnation an Bord in einigen zehntausend Kilometern Entfernung vom übrigen Schiff durchs All fliegen kann.

Die Befürchtungen sind berechtigt, wie sich alsbald herausstellt. Niemand an Bord ahnt, daß in dem streng bewachten Hangar eine vierte Inkarnation, gefährlicher als alle drei vorangegangenen, die sich die festgesetzte Sphäre teilen, erwacht ist: BULLOC.

Wie aber beschreibt ein Autor die Kommunikation von Inkarnationen einer Superintelligenz untereinander? Nun, die Frage ist leicht zu beantworten (oder nachzulesen). Der gewiefte Science-fiction-Autor bricht die - selbstverständlich unermeßlich abgehobene Kommunikation - für den einfachen Leser herunter. Das Ergebnis liest sich wie folgt: Nachdem sich die drei Inkarnationen CLERMAC, VERNOC und SHERNOC auf der einen und BULLOC auf der anderen Seite eine Zeitlang belauern, wird es letzterem endlich zu bunt:

"Schluss damit!", dachte BULLOC schließlich verdrossen. "Nun bin ich die alleinige Inkarnation BARDIOCS und der Herrscher über diese Sphäre. Zieht euch in den Hintergrund zurück, damit ich überlegen kann, was zu geschehen hat." Dies war eine mehr oder weniger verschleierte Aufforderung zur Selbstaufgabe. Die drei alten Zustandsformen versteiften sich.
(S. 24)

Hier wird das Verhalten der Inkarnationen mit typisch menschlichen Absichten beschrieben: BULLOC beansprucht die Alleinherrschaft und fordert die anderen auf, sich gefälligst zu fügen (So etwas ist ja nicht unbekannt, wenn man die Tagespresse verfolgt ...). Diese wiederum "versteifen" sich, was bei ihrer feinstofflichen Existenzform schwer vorstellbar ist und deshalb nicht wörtlich genommen werden sollte. Erfahrene PERRY RHODAN-Leser wissen selbstverständlich, daß Superintelligenzen und ihre Inkarnationen nicht so behäbig und eindimensional denken wie die Wesen aus den Niederungen. Aber in einer Übersetzung für das flache Niveau von Menschen braucht eine Superintelligenz eine gewisse Zeit, um nachzudenken (und will dabei genauso wenig gestört werden wie ein Familienvater bei der Arbeit durch seine Kinder). Jedenfalls plant BULLOC - der Name klingt schon recht unangenehm -, die drei anderen zu verdrängen:

"BULLOC verstand außerdem, dass er sich zu skrupellosem Verhalten zwingen musste. Die drei alten Zustandsformen auszuschalten war keine Aufgabe, deren er sich mit Bedenkenlosigkeit entledigen konnte. (...) Vor allem VERNOC nutzte diese Situation und versuchte ihn dadurch zu verwirren, dass er ständig neue Angebote für eine Zusammenarbeit unterbreitete."
(S. 32)

Das war natürlich listig von dem Händler VERNOC, aber gefruchtet hat es nicht. BULLOC obsiegt schlußendlich und übernimmt hernach schlagartig die Kontrolle über die gesamte Besatzung der SOL-Zelle 1. Selbst Mentalstabilisierte wie Perry Rhodan, Atlan und Galbreight Deighton oder Mutanten wie der Mausbiber Gucky, Ribald Corello und der solgeborene Katzer Bjo Breiskoll sind BULLOC auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Lediglich der Hangaringenieur Preux Gahlmann, der zuvor von einer radioaktiven Maus gebissen und zum eigenen Schutz eingesperrt worden war, da er sich wie eine Maus benommen hatte - was das Zerpflücken einer Decke zwecks Nestbaus einschloß -, bleibt von BULLOCS Einfluß verschont.

Dieser inneren Probleme nicht genug, wird die SOL auch noch von zahlreichen Choolk-Raumschiffen unter dem Kommando Puukars eingekreist. Die Vertreter der Kaiserin von Therm wollen die Inkarnation vernichten, was für sie ein ungeheurer Erfolg im Kampf gegen BARDIOC bedeutete. Sie lassen sich aber eine Frist von einer Stunde abhandeln, bevor sie zum Angriff gehen wollen.

Perry betritt daraufhin die rätselhafte Sphäre BULLOCS und wird von der Inkarnation entführt. Die Choolks wurden um ihren Erfolg gebracht. Die SOL kehrt ohne Perry Rhodan zum Medaillon-System zurück, wo einige der von ES ausgesandten Konzepte - bei einem Konzept teilen sich mehrere Bewußtseine einen Körper - Goshmos Castle für die Teilung präparieren. Mit der einen Hälfte des Planeten sollen die Konzepte im Auftrag von ES auf eine Reise gehen, deren Weg und Ziel sie noch nicht kennen.

Die Teilung des Planeten hat zur Folge, daß die ursprünglichen Bewohner Goshmos Castles, Feuerflieger oder auch Mucierer genannt, zwangsumgesiedelt werden müssen. Das wirft natürlich moralische Fragen auf, die von den Autoren nicht ausgespart werden. Das Konzept Claudio Ektem, das die Projektleitung zur Planetenhalbierung innehat, hegt Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihres Tuns; ihm widerstrebe das Ganze, bekennt er gegenüber seinem Stellvertreter. Ihm gefalle es nicht, "dass einem ganzen Volk mit Taschenspielertricks der Mund so lange wässrig gemacht wird, bis es aus eigenem Antrieb beantragt, seine Welt verlassen zu dürfen" (S. 211).

Die Mucierer verlören ihre Heimat. Sie erhielten zwar einen Ersatz, aber niemand vermöge vorauszusagen, wie sich das Volk dort auf Dauer entwickle. Vielleicht werde es degenerieren, weil beispielsweise die Schwerkraft nicht exakt die gleiche sei wie auf Goshmos Castle, gab Ektem zu bedenken. Während sein Stellvertreter ganz auf die Superintelligenz ES vertraute, hatte sich Ektem seine Skepsis bewahrt. Am 15. November 3584 wird der Planet tatsächlich geteilt. Eden II nennen die Konzepte ihre Hälfte, die sie in ES' Auftrag ausbauen und besiedeln sollen.

Zu den ausgesprochen skurrilen Handlungsträgern nicht nur des vorliegenden Sammelbands "Die Glaswelt", sondern der Science-fiction-Serie überhaupt, gehört sicherlich das paranormal begabte Gespann Dalaimoc Rorvic und Tatcher Hainu - pardon, Tatcher a Hainu. Auf das "a" legt der Marsianer besonderen Wert, wie die Autoren nicht müde werden zu betonen.

Ersonnen von Perry-Rhodan-Autor H. G. Ewers kreuzen die beiden immer wieder die Wege von Molekülverformern, die sich Gys-Voolbeerah nennen. Dank ihrer Fähigkeit, andere Wesen nachzubilden, können sie einen wesentlichen Einfluß auf das Geschick ganzer Völker nehmen. Die Molekülverformer, die ein erhebliches Spannungsmoment in die Handlung einbringen, suchen seit grauer Vorzeit nach dem ominösen Tba. (Die sagenhafte Geschichte der Gys-Voolberaah wird aufgeklärt, aber noch nicht in diesem Band.) Jedenfalls gelingt es Tatcher a Hainu und Dalaimoc Rorvic, die beide eine Haßliebe zueinander verbindet, die sie zu unglaublichen Leistungen anspornt, die Molekülverformer aus dem Medaillon-System hinauszubugsieren.

Auf Terra bleiben knapp eintausend Besatzungsmitglieder der SOL zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen, dann bricht das Hantelraumschiff auf, um den entführten Perry Rhodan zu suchen. Drei Milliarden Konzepte werden aus dem Hyperraumreservoir von ES entlassen und tauchen in zahlreichen größeren Städten der Erde auf.

Die Forscher der Kaiserin von Therm um Douc Langur folgen BULLOC mit Hilfe Perry Rhodans Kristalls, den sie zuvor entwendet hatten, zum Planeten Culhm, wo alle Forscher bis auf Douc Langur ums Leben kommen. Dieser erhält dort die Antwort auf seine ewige Frage, ob er künstlichen oder natürlichen Ursprungs ist. Douc Langur ist eine Zeitlang ein wichtiger Handlungsträger in der PERRY RHODAN-Serie. Die immer wieder angesprochene Ungewißheit ob der eigenen Herkunft hat zu einigen kurzweiligen, existentialistischen Eskapaden geführt: Was ist Leben? Worin unterscheidet es sich von artifiziellem Leben? Können Maschinen Gefühle haben oder gar ein Bewußtsein entwickeln? Auf diese Weise wurde in der Perry-Rhodan-Serie auf dem Nebenwege eine in der Science-fiction intensiv geführte Debatte abgehandelt.

Perry Rhodan erreicht in BULLOCS energetischer Sphäre eine Welt aus Glas. Dort trifft er auf ein kleines, frettchenartiges Tier, in dessen Geist sich das Doppelbewußtsein Ernst Ellert/Gorsty Ashdon manifestiert hat. Das "Tier" rettet dem Unsterblichen das Leben und leitet ihn, gestikulierend und ständig den Weg ein Stück vorauseilend, zu einer Höhle. Beide müssen sich gegen einen riesigen Spinnen-Androiden behaupten und sind weiteren Gefahren für ihr Leben ausgesetzt. Schließlich fliegt BULLOC mit seiner Geisel weiter. Kurz darauf trifft die SOL auf der Glaswelt ein. Dort begegnet der Gedankenleser Gucky jenem Frettchen und erhält aus dessen rasch verblassender Erinnerung die Information, daß Perry tatsächlich hier gewesen war. Die Suche geht weiter.

8. November 2007


Perry Rhodan Silberband 98
Die Glaswelt
Pabel-Moewig Verlag, Rastatt 2007
ISBN 978-3-8118-4083-6