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REZENSION/343: Irene und Gerhard Feldbauer - Sieg in Saigon (Politik) (SB)


Irene und Gerhard Feldbauer


Sieg in Saigon

Erinnerungen an Vietnam



Der Buchtitel "Sieg in Saigon", den Irene und Gerhard Feldbauer für ihre Erinnerungen an Vietnam gewählt haben, kündet von ihrer Parteinahme für das von einer Weltmacht überfallene Volk, das der Unterwerfung anheimgegeben schien und doch über sich hinauswuchs, um das Joch des Imperialismus abzuschütteln. Mehr als 30 Jahre sind seit der Befreiung Südvietnams vergangen, und was damals ein weltweiter Impuls von epochaler Bedeutung zu sein schien, droht im Gedächtnis einer jüngeren Generation zu einer historischen Randnotiz zu verblassen, von der man allenfalls fragmentarische Kenntnis hat. Um so wertvoller ist dieser in persönlichem Erleben gewonnene und auf entschiedener Positionierung gründende Bericht in Wort und Bild, der einen fundierten Beitrag dazu leisten kann, die neuen Kriege der Gegenwart in Entstehung, Verlauf und Zielsetzung zu entschlüsseln.

Nicht in der heimischen Studierstube oder Zeitungsredaktion entstand diese eindrückliche Dokumentation der beiden Zeitzeugen, deren unbestreitbare Kompetenz und überzeugende Argumentationskraft vielmehr im Hagel amerikanischer Bomben und inmitten unsäglichen Leids der Opfer eines Vernichtungskriegs gegen die Zivilbevölkerung Kontur gewann. Als Auslandskorrespondenten berichteten die beiden Journalisten von 1967 bis 1970 für den Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst (ADN) und die Zeitung Neues Deutschland über den Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes, das sich unbeugsam gegen die Aggression verteidigte. Dabei besuchten sie nicht nur Nordvietnam, sondern begleiteten auch vietnamesische Kämpfer auf dem Ho-Chi-Minh- Pfad und berichteten aus Laos und Kambodscha. Häufig wurden ihre qualitativ hochwertigen Korrespondentenberichte auch von westlichen Nachrichtenagenturen übernommen und trugen so zu einer realistischen Beurteilung der tatsächlichen Vorgänge in Vietnam bei.

Acht Jahre vorher waren wir im Juli 1967 als Journalistenteam in Hanoi, der Hauptstadt Nordvietnams, das damals Demokratische Republik Vietnam hieß, eingetroffen und berichteten seitdem in Wort und Bild über den Kampf des vietnamesischen Volkes. Wir erlebten Nordvietnam unter dem Hagel amerikanischer Bomben, sahen unsägliches Leid, aber auch den unbeugsamen Willen von Menschen, die ihre unter unsagbaren Opfern errungene Freiheit und Unabhängigkeit verteidigten, wir erlebten das Scheitern der barbarischen US-Luftaggression und während des Tet-Festes im Frühjahr 1968 die strategische Wende im Befreiungskampf in Südvietnam. Im Spätherbst 1970 nahmen wir in der Gewißheit Abschied, dass Vietnam siegen würde.

Das vietnamesische Volk siegte über die Militärmacht der USA, die stärkste der westlichen Welt. Als Nachfolger der französischen Kolonialisten hatten die Vereinigten Staaten seit 1955 Vietnam mit einem barbarischen Vernichtungskrieg überzogen. Die große Hilfe des damals existierenden sozialistischen Lagers, darunter modernste konventionelle Waffen aus der UdSSR und Lieferungen aus der VR China, die weltweite Solidarität der Völker und ihrer Friedenskräfte, eingeschlossen die in den USA selbst, waren entscheidende Grundlagen dieses Sieges. Aber die letztlich ausschlaggebende Bedingung, dass diese Faktoren zur Geltung kommen konnten, waren der nicht zu brechende Widerstandswille des Volkes, der in den Traditionen nationalen und antikolonialen Widerstandes wurzelte, die zu mobilisieren eine kommunistische Partei verstand, die der legendäre Führer Ho Chi Minh gegründet hatte.
(S. 7)

Der Vietnamkrieg war die längste militärische Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. Im Laufe dieses Konflikts fanden mehrere Millionen Menschen den Tod, darunter weit über zwei Millionen Vietnamesen, hunderttausende Kambodschaner, Laoten und Angehörige anderer in Indochina lebender Ethnien, 58.000 Amerikaner, rund 15.000 Franzosen, etwa 20.000 Nordafrikaner, Schwarzafrikaner und Angehörige der Fremdenlegion. Hinzu kommen Australier, Neuseeländer, Koreaner, Chinesen, Filipinos und Thailänder. Mehr als zwei Millionen Tonnen amerikanische Bomben fielen auf Laos, etwa 7,5 Millionen Tonnen auf Vietnam und Kambodscha - insgesamt ein Mehrfaches dessen, was an Sprengstoff im Zweiten Weltkrieg verbraucht wurde. Allein die nationale und ethnische Vielfalt der Täter und Opfer dieses Krieges verweist darauf, daß der Indochinakonflikt nur im Kontext weltweiter Auseinandersetzungen unter direkter und indirekter Beteiligung der führenden Mächte angemessen zu analysieren ist.

Die Kriegsberichte von der Lage in Hanoi, der Luftschlacht über Nordvietnam und der Kämpfe um die unbesiegte Provinz Quang Binh wie auch von der Front in Laos und Kombodscha werden höchst aufschlußreich ergänzt um Gespräche mit zahlreichen Vietnamesen, die ihren tagtäglichen Kampf ums Überleben schildern. So begegnet man einfachen Leuten in den Städten und Dörfern, Soldaten und Offizieren, aber auch hochrangigen Persönlichkeiten bis hin zu Ho Chi Minh. Man hört vom Einsatz der Wissenschaftler und Techniker aus befreundeten Ländern und erfährt insbesondere, welch außerordentliche Kompetenzen erarbeitet und Leistungen unter schwierigsten Bedingungen erzielt wurden.

Die beiden Korrespondenten bekamen auch Gelegenheit, mit gefangenen Besatzungsmitgliedern abgeschossener Jagdbomber zu sprechen, die nicht selten bereitwillig und mit einer gewissen Einsicht schilderten, wie sehr sich ihre Sicht des Krieges geändert habe. Interessant ist in diesem Zusammenhang nicht zuletzt, daß die Autoren dank dieser Gespräche die damaligen Angaben amerikanischer Bomberpiloten deren späteren Äußerungen nach dem Aufstieg in prominente Positionen der US- Politik gegenüberstellen und so in mehreren Fällen die Rückkehr zur haarsträubendsten Propaganda dokumentieren konnten.

Unter ihnen befand sich der Marineflieger Major John Sydney McCain vom Flugzeugträger 'Oriskany', der am 26. Oktober mit seiner F4-'Phantom' über Hanoi vom Himmel geholt worden war. Er war ein prominenter Offizier. Sein Großvater befehligte im Zweiten Weltkrieg die US-Flugzeugträger im Pazifik und der Vater war Befehlshaber der US-Flotte in Europa. (...)

Der Marineflieger landete mit seinem Fallschirm im Wasser des Truc Bach-Sees von Hanoi, brach sich Arme und Beine und wäre ertrunken, wenn ein Hanoier ihn nicht aus dem Wasser gezogen hätte. Sein Lebensretter war Mai Van On, der als Leutnant der Volksarmee am Befreiungskrieg gegen die Franzosen teilgenommen hatte. Am Ufer half er McCain ein zweites Mal, denn nach einem eben erlebten schweren Bombenangriff auf die Hauptstadt war zu befürchten, dass wütende Hanoier gegenüber dem Amerikaner handgreiflich würden. Van On hielt sie zurück, eine Krankenschwester half ihm und leistete erste Hilfe. Kurze Zeit später kamen Soldaten und nahmen McCain in Gewahrsam. (...)

1973 wurde McCain entlassen. 1985 und auch später besuchte er Hanoi ohne einmal nach seinem Lebensretter zu fragen. Erst 1996, er war inzwischen Senator von Arizona, traf er sich mit Van On und überreichte ihm eine 'Erinnerungsmedaille' des USA-Kongresses. Im Jahr 2000 bewarb sich McCain für die Republikaner um die Präsidentschaft. Die humane Rettungstat eines vietnamesischen Offiziers passte nicht ins Konzept seiner rechts ausgerichteten Wahlkampfreden und so behauptete er, die Nordvietnamesen hätten ihn misshandelt.
(S. 24/25)

Viel erfährt man auch über die Kontakte der Korrespondenten aus aller Welt, zwischen denen die Gräben der verfeindeten Lager oftmals weit weniger ausgeprägt waren als zwischen ihren Regierungen. Denkt man an die zu Modulen der Kriegsmaschinerie mutierten eingebetteten Journalisten und Lautsprecher denkkontrollierender Propagandafabriken unserer Tage, muten diese Erinnerungen an einen Berufsethos, der dem kritischen Geist und Drang nach authentischer Berichterstattung mitunter noch nicht den Laufpaß gegeben hatte, beinahe an wie Erzählungen aus einer untergegangenen Epoche der Menschheitsgeschichte. Wenn man heute live im Fernsehen verfolgt, wie Flugzeuge, Panzer, Geschütze und Raketenwerfer ihre tödlichen Geschosse auf namenlose Ziele abfeuern, ahnt man kaum noch, daß man ausgeschlossener von dem Wissen um diese Vorgänge kaum sein könnte. Was man demgegenüber für primitive technische Mittel in chaotischen Verhältnissen halten mag, entpuppt sich in den Berichten des Autorenteams als ein außerordentlich lebendiger und parteiergreifender Zugang, dessen Qualität nicht nur aus der geteilten Lebensgefahr, sondern vor allem aus dem solidarischen Schulterschluß mit den Verteidigern erwächst.

Als deutsche Journalisten befassen sich die Autoren intensiv und aufschlußreich mit der Beteiligung von DDR und Bundesrepublik am Vietnamkrieg. Während der Osten Deutschlands auf vielerlei Weise solidarische Hilfe im Befreiungskampf leistete, zählte das verdeckte westdeutsche Engagement zugunsten der USA zu den schmutzigsten, kaum bekannten Kapiteln in der Geschichte der Bonner Republik. Obgleich sich etliche westliche Regierungen von der US-Aggression distanzierten und Frankreich sie sogar verurteilte, stellte sich die Führung der Bundesrepublik voll hinter Washington. Bundespräsident Heinrich Lübke beglückwünschte Präsident Johnson zu den ersten Luftangriffen auf Hanoi am 29. Juni 1966, und Kanzler Erhard hieß "alle Maßnahmen der Amerikaner" gut. Bonns Botschafter in Saigon, Dr. Wilhelm Kopf, lobte die Greueltaten, bei denen bis dahin mehr als tausend südvietnamesische Dörfer mit Napalm ausgelöscht und hunderttausende Menschen getötet oder verstümmelt worden waren, als "konsequentes Eingreifen". Verteidigungsminister Gerhard Schröder sprach sich "für eine Entsendung deutscher Soldaten auf den fernöstlichen Kriegsschauplatz" aus. Bonn stellte Rüstungsgüter, Kredite und Zuschüsse in Höhe von 1,165 Milliarden DM bereit. Unter den Regierungen Adenauer und Erhard leistete die Bundesrepublik auf der Grundlage eines "Devisenausgleichsabkommens" in Form von Waffenkäufen zwischen 1961 bis 1965 Devisenhilfe in Höhe von über 10,8 Milliarden DM.

Die Bundesrepublik beteiligte sich in verdeckter Form auch personell am Vietnamkrieg, indem rund 2.500 "technische Spezialisten" sowie Angehörige der Bundeswehr in amerikanischen Uniformen zum Einsatz kamen. Darunter befanden sich 1965 auch 121 Soldaten der Bundesluftwaffe, die unter anderem Bombenangriffe gegen Nordvietnam flogen. Auch lieferte man 40 Kampfhubschrauber der Bundesluftwaffe samt Flugpersonal. Hinzu kamen deutsche Legionäre, die sich an Kriegsverbrechen beteiligten.

Nachgewiesen ist zudem die deutsche Beteiligung am Einsatz chemischer Gifte und Kampfstoffe in Südvietnam. Zu den Partnern des Napalmproduzenten Dow Chemical gehörten die BASF, die Farbwerke Hoechst und die Bayer AG. Auch in der Bundesrepublik wurde an chemischen Waffen für den Einsatz in Vietnam gearbeitet. So stellte Hoechst Experten bereit, die den USA Unterlagen und Angaben für die Herstellung tödlicher Gase vom Typ Zyklon B überließen. Westdeutsche Chemiker und Bakteriologen arbeiteten in Südvietnam in einer Sondereinheit der US-Armee.

Gewürdigt wird von den Autoren auch die Protestbewegung in zahlreichen Ländern, darunter der Bundesrepublik und den USA, wie auch unter den Soldaten, der maßgebliche Bedeutung bei der Auseinandersetzung mit diesem Konflikt in den Metropolen zukam. Die Bewegung gegen den Vietnamkrieg trug nicht nur zur militärischen Niederlage der US- Amerikaner und ihrer Verbündeten bei, sondern war zugleich Initialzündung der politischen Bewußtwerdung einer ganzen Generation in den westlichen Ländern. Tribunale, wie sie von dem britischen Philosophen und Nobelpreisträger Bertrand Russel und den französischen Schriftstellern Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir einberufen wurden, erwuchsen zu Kristallisationskernen des Gewissens an den Heimstätten der Aggressoren und der von diesen profitierenden satten Gesellschaften.

Neben der unmittelbaren Anwendung massivster Waffengewalt machte ein Regime ebenso brutaler wie ausgeklügelter Repression das Leben der südvietnamesischen Bevölkerung zur Hölle.

Kehren wir zu Vietnam zurück, wo die USA zwei Jahrzehnte den bis heute ungeheuerlichsten Terrorfeldzug führten und Völkermord begingen. Was jetzt in Irak einen Anfang nimmt, wurde dort massenweise systematisch und geplant praktiziert. Beispiele für Tausende eingeäscherte Dörfer, Hunderttausende erschossener, erstochener, vergifteter oder zu Tode gefolterter Vietnamesen wurden bereits gebracht.
Wiederholt trafen wir in der Vertretung der FNL, später der RSV in Hanoi mit Menschen zusammen, die jahrelang gefoltert, gequält, verstümmelt worden waren. Es waren erschütternde Begegnungen und oft sträubte sich die Hand, die Bestialitäten zu Papier zu bringen. (...)

Das bereits geschilderte Con Son, auch Teufelsinsel genannt, war kein Einzelbeispiel, sondern Glied in der Kette von KZs und Zuchthäusern im Saigoner Machtbereich. Auf Con Son waren Zehntausend Gefangene eingekerkert. In dieser Größenordnung existierten über ein Dutzend KZs und Zuchthäuser, zu denen Hunderte von Lagern und Gefängnissen der örtlichen US- Kommandanturen und der Marionettenverwaltungen hinzukamen. 'Amnesty International' schrieb im Dezember 1972, dass die Zahl der politischen Gefangenen in Südvietnam zwischen 200.000 und 300.000 liege.
(S. 202/203)

Den fundiert recherchierten Kriegsberichten, die nicht zuletzt Perspektiven, Zusammenhänge und Details liefern, wie man sie westlicherseits vielfach kaum kennen dürfte, gesellt sich ein ausführlicher Streifzug durch die Geschichte Vietnams hinzu, dessen roter Faden der Kampf gegen Invasoren ist. Der erste Teil dieses historischen Überblicks erstreckt sich von der Feudalzeit über die frühbürgerliche Revolution und den Widerstand gegen die koloniale Eroberung bis hin zur Augustrevolution 1945 und endet mit einer Schilderung der Niederlage Frankreichs in Dien Bien Phu. Der zweite Teil befaßt sich mit den neuen Kolonialherrn, berichtet vom Aufbau der Befreiungsfront FNL, der Tongkin-Provokation und dem massiv anwachsenden Kriegseinsatz der USA bis zu dessen Ende beim Fall Saigons. Auch fehlt nicht ein kurzer Blick auf das heutige Vietnam, der den Exkurs durch die Geschichte abrundet.

Der erste Indochinakonflikt (1945-1954) war, je nach südostasiatischer oder europäischer Perspektive, ein nationaler Befreiungskrieg oder ein Dekolonisierungskonflikt. Zugleich handelte es sich im Verständnis aller Beteiligten um einen Revolutionskrieg, um eine klassen-, schichten- und regionalspezifische Auseinandersetzung zwischen Kommunisten, linken Intellektuellen, Nationalisten und Bauern einerseits sowie urbanen, antikommunistischen Nationalisten, der traditionellen Führungselite und den von ihnen rekrutierten Bauern andererseits. Daran schloß sich ein Bürgerkrieg im 1954 geteilten Vietnam an. Zum einen handelte es sich dabei um einen Bürgerkrieg innerhalb Südvietnams, dessen Dynamik in erheblichem Maße aus einem Konflikt zwischen Stadt und Land herrührte und der durch konkurrierende Ideologien aufgeheizt wurde. Zum anderen war es ein Bürgerkrieg zwischen den beiden Landesteilen Nord- und Südvietnam. Während der Norden eine unmittelbare Beteiligung bis 1964 öffentlich leugnete (aber seit 1959 aktiv beteiligt war) und den Konflikt dezidiert als Bürgerkrieg bezeichnete, verstand das Regime in Südvietnam den Konflikt als zwischenstaatlichen Krieg, bei dem der nördliche Landesteil als Aggressor auftrete. Dieser Bürgerkrieg ging im Mai 1975 mit dem vollständigen Sieg des Nordens und der Wiedervereinigung Vietnams zu Ende.

Vor allem das Engagement der Vereinigten Staaten und Chinas sowie später auch der Sowjetunion machte den Konflikt zu einem Schlachtfeld des Kalten Krieges, zu einem Stellvertreterkrieg im Rahmen der Systemauseinandersetzung zwischen kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaften. Unmittelbar griffen die Vereinigten Staaten seit 1954 in den Konflikt ein, indem sie den südlichen Teil Vietnams militärisch und wirtschaftlich unterstützten. Bis 1965 kam es zu einer schrittweisen, mit einem personellen Aufbau verbundenen Intensivierung des amerikanischen Engagements. Der Rückzug nach sieben Jahren des amerikanischen Luft- und Bodenkrieges (1965-1973) war eine Kombination von militärischem Patt und innenpolitischen Faktoren. Er reflektierte auch die späte Anerkennung der Tatsache, daß das internationale System im Kalten Krieg nicht bipolar, sondern multipolar konfiguriert war. Mit der Aufnahme amerikanischer Beziehungen zu China, der amerikanisch- sowjetischen Entspannung und der Fortdauer der chinesisch-sowjetischen Konkurrenz verlor Vietnam seine Bedeutung als Schlachtfeld des Kalten Krieges.

In ihrem Epilog stellen die Autoren unter der Überschrift "Damals Vietnam - heute Irak" jenen geradezu zwangsläufigen Bezug her, der Licht auf die Frage wirft, ob man tatsächlich aus der Geschichte lernen kann. Daß das für die Strategen der neuen Weltordnung gilt, steht außer Frage, sind sie es doch, die Geschichte maßgeblich machen und dabei den Verlauf des Projekts Herrschaft fortgesetzt evaluieren und zu perfektionieren trachten. Natürlich findet man im sogenannten Tongkin-Zwischenfall dasselbe Muster eines systematisch produzierten Vorwands zur Rechtfertigung eines Angriffskriegs wie in den Anschlägen vom 11. September 2001 oder den angeblichen Massenvernichtungswaffen des Irak, um nur eine von vielen Parallelen zu nennen. Zukunftsentscheidend dürfte indessen sein, ob es auch den potentiellen Opfern dieser beabsichtigten Durchsetzung eines bestimmten Geschichtsverlaufs gelingt, aus der Vergangenheit zu lernen. Soweit eine in Buchform gefaßte Erinnerung einen Beitrag dazu leisten kann, zählt "Sieg in Saigon" sicher zu den empfehlenswertesten Werken seiner Art.


Irene und Gerhard Feldbauer
Sieg in Saigon
Erinnerungen an Vietnam
Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn, 2005
237 Seiten, Euro 19,90
ISBN 3-89144-366-8