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Schattenblick → INFOPOOL → BUCH → SACHBUCH REZENSION/461: nah & fern - Migration literarisch (Kulturmagazin) (SB)nah & fern Migration literarisch:
Allein diese Leseprobe aus der Zeitschrift nah & fern Nr. 39, diesmal mit dem Schwerpunkt "Migration literarisch", trägt die Widersprüche, die das Thema aufwirft, schon in sich: Die unterschiedlichsten Texte der durchweg sehr bekannten Autoren reichen von höchst ambitionierter Schreibweise über Abschiebung, Flucht, Diskriminierung von Minderheiten, rechtliche Verstrickungen, Gewalt, Krieg und Heimatlosigkeit bis zu biographischer und poetischer Prosa. Im Layout hat sich die nah & fern-Redaktion mit Hochglanz für den ästhetischen Teil des Themas entschieden, was (eventuell beabsichtigt?) der Auseinandersetzung mit einer unerträglichen Realität die Spitze nehmen kann und die Assoziation hervorruft, daß Migration "eben nicht ausschließlich ein Armutsthema" sei (laut einer Rezension über diese Zeitschrift bei www.culture-counts.de). Verhelfen dem Leser die Texte vielleicht zu weniger Distanz durch freundliche Autoren-Fotos? Eigentlich hat es sich im deutschen Literaturbetrieb schon längst herumgesprochen: Die als sogenannte "Migrantenliteratur" bezeichneten Werke von Autoren mit Migrationshintergrund, deren meist kritische Themen daran erinnern, daß die Welt weniger an zurückgezogener Innerlichkeit und Partner- oder Familienproblematik leidet als an Krieg, Vertreibung, Armut, Hunger und Gewalt, haben sich zunehmend im deutschsprachigen Raum etabliert. Die inhaltlichen Lücken in der deutschen Gegenwartsliteratur werden bei Bedarf gerne mit den ambitionierten Texten "integrierter" Autoren gefüllt - eine Erinnerung daran, daß Literatur ein Schauplatz der gesellschaftlichen Auseinandersetzung sein könnte. Dennoch wird die Frage nach der Einordnung der Werke deutschsprachiger Literaten nicht-deutscher Herkunft in den deutschen Literaturbetrieb seit Mitte der 1960er Jahre bis heute noch aufrecht erhalten. Nüchtern betrachtet erübrigt sie sich aber, denn als nahezu eigenes Genre unter sich mit der Zeit gewandelten Sonderbezeichnungen (von "Gastarbeiterliteratur" oder "Ausländerliteratur" zur "Migrantenliteratur" oder "Gastliteratur") kann von wirklicher Integration eigentlich keine Rede sein. Die zivilisatorische Überlegenheit der westlichen Moderne wird dadurch aufrechterhalten, daß allzu kritische Worte ausgegrenzt werden oder Autoren, die über biographische Berichte hinaus engagiert schreiben, mehr Schwierigkeiten haben, überhaupt gelesen zu werden (z.B. einen Verlag zu finden oder gefördert zu werden). Zudem wird gezielt eine Entwicklung der Migrantenliteratur in die ästhetische und biographische Richtung verstärkt, so daß sich langsam die Frage stellt, wie groß das offizielle Interesse an solch kritischen Themen überhaupt noch ist, wie sie die Anfänge der Mirgantenliteratur kennzeichneten. Verlegt sich der Schwerpunkt auf exotische Schilderungen des Fremden, auf die eher sprach-ästhetische, poetische Leistung der interkulturellen Schriftsteller? Die Antwort liegt beim Leser. Diese problematischen Zuweisungen im Literaturbetrieb sind ein Spiegel der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und gleichzeitig auch ein Instrument für politische Maßnahmen gegenüber dem Fremden. Die Typisierung als "Migrantenliteratur" ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer Gesellschaft, die Ressentiments gegen eine zu klare Sprache schürt und eine Kultur des Unterschieds pflegt. Die widersprüchliche "Handhabung" der Migranten-Problematik kann man auch in diesem neuen Septemberheft von "nah & fern", dem "Kulturmagazin für Migration und Partizipation", ablesen, das dreimal im Jahr erscheint. Das Wort "Partizipation" im Titel läßt sich allerdings kaum mit der inhaltlichen Absicht dieser Herausgabe vereinbaren, die im Editorial genannt wird: "Grenzen sind überschreibbar"
Ob die Lösung des Problems allerdings in der Möglichkeit einer interkulturellen Identitätsentwicklung liegt, im Geist der einen menschheitsverbindenden Multikultur ist bei einem Blick auf die gesellschaftliche und politische Realität fraglich, die davon letztlich auch nicht erträglicher wird. Der hierzulande herrschende Rassismus oder die Behördenwillkür, die den Einwanderern entgegenschlagen und ihnen das Leben in dieser Gesellschaft schwer machen, wird nicht allein mit einer möglichen Bereitschaft zur Eingliederung oder der Eingliederung selbst zu korrigieren sein. Tatsächlich sind die Grenzen alles andere als aufgehoben. Aber gerade darüber berichtet die Mehrheit der Texte in diesem Heft eindrücklich... Auf dem dritten Integrationsgipfel der Bundesregierung reichten 17 Migrantenverbände ihre Kritik ein. Die Entwicklungen liefen den Zielen des Integrationsplanes zuwider. So sei in den vergangenen Jahren das Zuwanderungsrecht verschärft und die Einbürgerung erschwert worden. Auch der Ausbildungsmarkt und die Situation an den Schulen für Kinder mit Migrationshintergrund hätten sich nicht verbessert. "Integration bedeutet Partizipation", betonte Angela Merkel, was verdächtig an das Prinzip der Frauenquote erinnert, die einzig dem Zweck dient, ein Umdenken endgültig überflüssig zu machen und unbequeme Stimmen zur Ruhe zu bringen.
Beim Lesen der Zeitschrift kommt man um die immer wieder diskutierte Frage nach der Funktion von Literatur in Deutschland nicht herum. Können Schriftsteller überhaupt etwas bewirken, eine Entwicklung in Denken und Handeln in Gang setzen, Kriege verhindern, Vorurteile abbauen? Intellektuelle und Schriftsteller sind nicht unbedingt selbst die Betroffenen und zerrissen zwischen den Anforderungen des Büchermarktes, den tauben Ohren vieler Leser und der eigenen Stimme. Dennoch können sie festgefahrene Deutungsmuster aufbrechen, Widersprüche aufdecken und der Realität eine neue oder andere Sichtweise geben. In diesem Sinne legt die aktuelle Ausgabe von "nah & fern" auf im wahrsten Sinne des Wortes sprechende und einfache Weise alle Probleme offen. Das Heft regt an, informiert und macht auf beklemmende Weise betroffen. Der von Loeper Literaturverlag, von dem das Magazin erstellt wird, ist ein Profi darin, sein Anliegen zu präsentieren, denn seit über 25 Jahren sind die Themenbereiche Exil, Migration, Asyl und Menschenrechte ein wichtiger Verlagsschwerpunkt. Der Verlag hat die Zeitschrift "nah & fern" seit November 2005 (Ausgabe 31) übernommen. Die redaktionelle und gestalterische Verantwortung liegt jetzt bei ihm. Ein Redaktionsbeirat mit profilierten und sachkundigen Persönlichkeiten berät die Redaktion.
"nah & fern" hat klar definierte Zielgruppen ...
... und ist damit im von Loeper Literaturverlag gut aufgehoben:
Es bleibt zu hoffen, daß das Magazin noch lange fortgeführt werden kann. Die nächste Ausgabe erscheint mit dem Thema "Urbane Jugendkulturen" im Dezember 2008. 10. November 2008
nah & fern
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