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REZENSION/661: Fleig, Kumar, Weber (Hg.) - Speak Up! Sozialer Aufbruch und Widerstand in Indien (SB)


Elina Fleig, Madhuresh Kumar, Jürgen Weber (Hg.)


Speak Up!

Sozialer Aufbruch und Widerstand in Indien



Obgleich Indien zu den bevölkerungsreichsten Staaten der Welt gehört und insbesondere aufgrund seiner mineralischen Bodenschätze eine immer größere Rolle im kapitalistischen Weltsystem spielt, sind sozialkritische Sachbücher im deutschen Sprachraum zum indischen Subkontinent recht dünn gesät. Indien ist ein Pulverfaß voller soziale Konflikte, ist doch das Gros der 1,2 Milliarden Einwohner sozial unterprivilegiert und schlichtweg arm. Das Land ist zudem Pakistan in nachbarschaftlicher Rivalität so feindselig verbunden, daß der indische Subkontinent immer wieder an den Rand eines atomaren Waffenganges gerät. Zwar ist Indien weltpolitisch weniger präsent als China, teilt mit diesem jedoch seine eminente Bedeutung für das verzweigte Netz des internationalen Ressourcenhandels und Investivkapitals. Was Indien jedoch vor allen anderen beispielhaft macht, sind die gewaltigen, im Westen kaum wahrgenommenen zivilgesellschaftlichen Verwerfungen, mit denen sich das Land seit den neoliberalen Umbrüchen in den 90er Jahren konfrontiert sieht.

"Die Privatisierung sämtlicher Ressourcen und Dienstleistungen ist zur Regel geworden," (S.25) was zur Folge hat, daß Grundbedürfnisse wie sauberes Wasser, qualitativ hochwertige Lebensmittel und ausreichender Wohnraum in den Elendsquartieren der Ärmsten und Marginalisierten zum unerschwinglichen Luxusgut geworden sind. Fortschrittsapologeten neoliberalen Zuschnitts nennen die rücksichtslos vollgezogene Industrialisierung "Shining India", während der tägliche "Aufruhr an zehntausend Brennpunkten" (S.9) das Land in eine Spirale rigider Aufstandsbekämpfung und ökologischer Katastrophen treibt. Unruhen, die an Schärfe zunehmen, je tiefer die von IWF und Weltbank verordneten Wettbewerbsregularien in die überwiegend kleinbäuerlich geprägte Binnenwirtschaft eingreifen, zeichnen den Alltag in Indien.

Speak up! Sozialer Aufbruch und Widerstand in Indien erhebt die Stimme gegen die mit dem Versprechen neoliberalen Wohlstands durchgepeitschte Modernisierung des Landes, die den Eliten unvorstellbaren Reichtum brachte, aber Millionen zu einem jeglicher Willkür ausgesetzten Dasein als urbanes Subproletariat oder ländliche Elendsbevölkerung verdammt. Die Ghettoisierung orientiert sich nicht mehr wie früher an der tradierten Kastenhierarchie. In der sich verdichtenden Enge sozialer Überlebensräume werden auch die Slums, noch vor Jahren letzte Zufluchtsorte der um ihre Existenz betrogenen Landbewohner, die in die Städte zogen, weil ihre kleinbäuerlichen Strukturen unter dem Preisdiktat großer Saatgut- und Agrarkonzerne zusammengebrochen sind, in neoliberale Stadtsanierungspläne einbezogen.

An diesen Schauplätzen der Hoffnungslosigkeit treibt die Gärung sozialer Widersprüche und Verdrängungskämpfe auf eine Explosion zu, deren Auswirkungen und Konsequenzen für das auf Störungen sensibel reagierende Gefüge indischer Gesellschaften nicht absehbar sind. Slumräumungen, um Platz für repräsentative Bauprojekte zu schaffen, haben in der Vergangenheit als auch in der jüngeren Gegenwart zu heftigen Protesten und Toten geführt. So wurden in Mumbai 2004 bei einer Slumsanierung 75.000 Häuser zerstört. Um einen Eindruck von der existentiellen Armutsmisere zu geben: Etwa 60 Prozent der Bevölkerung Mumbais lebt in Slums auf nur 9,24 Prozent der Stadtfläche.

Über die innerstädtischen Kämpfe, den Widerstand auf dem Land gegen die Profitinteressen großer Minenbetreiber sowie die bürgerrechtlichen Bewegungen gegen den ökologischen Kahlschlag durch Staudammprojekte und den Bau von Atomkraftwerken berichten 22 indische Aktivistinnen und Aktivisten in Einzelbeiträgen sowie drei Gesprächen. Erstellt wurde der Sammelband im Zeitraum vom Mai bis Oktober 2012. Die Beiträge geben den politischen Protest lokaler Initiativen als auch international agierender Netzwerke wieder, die sich gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen eines Großteils der Menschen in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt zur Wehr setzen.

Im besonderen Maße betroffen vom Landraub durch internationale Investoren sind die Dalits und Adivasi, erstere, weil sie als Mitglieder der untersten Kasten überwiegend von Landarbeit ihr Leben fristen, letztere, weil ihre an Bauxit und anderen Metallerzen reichen Stammesgebiete trotz verfassungsmäßiger Garantien zum Verhandlungsobjekt zwischen lokaler Politbürokratie und weltweit agierenden Konzernen geworden sind. "So hat die Regierung den Kapitalist_innen durch die Unterzeichnung vorvertraglicher Übereinkommen (Memorandum of Understanding - MoU) ganze Landstriche, Waldgebiete, Flüsse und Landwirtschaftsbetriebe zugespielt, was sich für die arme Bevölkerung als absolut verhängnisvoll erwies" (S.82), so ein Dalit-Aktivist. Für die Dalit und Adivasi ist das internationale Investmentgeschäft nur ein anderes Wort für Ausplünderung und Vertreibung.

Gegen die Entscheidungsprozesse im Staat, mit denen die Überlebenschancen der einfachen Bevölkerung global integrierten ökonomischen Interessen geopfert werden sollen, wird in den von Adivasi bewohnten Regionen im Norden und Osten des Landes seit Jahrzehnten erbittert Widerstand geleistet. Paramilitärische Verbände der Polizei, aber auch reguläre Armeeinheiten gehen gegen die sogenannten naxalitischen Rebellen, die sich mit der Stammesbevölkerung solidarisch erklären, mit allen Mitteln der Staatsgewalt vor. Trotz der populistischen Stimmungsmache gegen die Rebellen in der Boulevardpresse des Landes begreifen immer mehr Menschen, daß bei der "Kriegserklärung der indischen Regierung" (S.109) gegen die Naxaliten auch die bürgerlichen Freiheitsrechte auf dem Spiel stehen.

Der Konflikt hat indes ältere Wurzeln, die auf die Zeit des britischen Kolonialsystems zurückgehen. Die Besatzer hatten "durch die Festschreibung einer permanenten Grundsteuer das bis dahin in Indien unbekannte Konzept des Privateigentums eingeführt" (S.73), wodurch die Rechte der Adivasi auf durch den Staat verliehene Privilegien reduziert wurden. Nach der Unabhängigkeit hatten der indische Staat und seine regierende Klasse das koloniale Herrschaftsregime "skrupellos aufrecht erhalten und ausgeweitet" (S.73). "Mehr als zehn Millionen Adivasis sind seit der Unabhängigkeit infolge staatlich geförderter Entwicklungs- und Naturschutzprogramme vertrieben worden." (S.73) So kam es von 2002 bis 2004 zu einer beispiellosen Militäraktion in den aneinandergrenzenden Adivasi-Gebieten der zentralindischen Bundesstaaten Andhra Pradesh, Orisha, Chattisgarh, Jharkhand und Maharashtra. Diese Repressalien forderten Opfer in unbekannter Höhe, da die bewaffneten Übergriffe und Exekutionen nicht selten nachts erfolgten und offizielle Meldungen bzw. Medienberichte weitgehend ausblieben. Die weltweit bekannte Friedensaktivistin Arundhati Roy hat 2010 die Stammesgebiete im zentralindischen Dschungel besucht und ein erschreckendes Bild vom verzweifelten Kampf der Adivasi gegen ihre staatlich verordnete und systematische Vertreibung gezeichnet [1].

Der indische Staat hat sich vom einstigen Kolonialjoch der Briten längst nicht emanzipiert, wie der in Indien lebende Aktivist und Sozialanthropologe Felix Padel an anderer Stelle einräumt. Ihm zufolge hätten die indischen Funktionseliten die Lebensart der Briten samt deren avantgardistischer Arroganz gegenüber den unteren Bevölkerungsklassen adaptiert [2]. Die indische Rechtswissenschaftlerin und Aktivistin Dr. Radha D'Souza wird im gleichen Kontext, einer dem internationalen Widerstand gegen die kapitalistische Moderne gewidmeten Konferenzreihe, noch deutlicher: Seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 habe es "sehr starke und große soziale Bewegungen im Land gegeben, die niemals die Behauptung akzeptiert haben, daß Indien eine Demokratie sei. Sie haben statt dessen stets vertreten, daß die weiße Herrschaft, das britische Raj, in nichtweiße Herrschaft, in ein nichtweißes Raj übergegangen ist. Und das ist nicht nur die Ansicht kleiner linksradikaler Gruppierungen, sondern die Auffassung eines großen Teils der Mainstream-Opposition Indiens. Das gilt auch für den Befreiungskampf und erklärt, warum es so viel Opposition gegen Figuren wie Ghandi und andere prominente nationale Führer gab. Für viele Menschen waren sie einfach britische Liberale, die ihnen vorgesetzt wurden." [3]

Die Repression in Indien hat viele Gesichter. Dazu gehört auch der Versuch weltweit aktiver Agrokonzerne, die industrielle Landwirtschaft gegen den traditionell kleinbäuerlichen Anbau durchzusetzen, um die Bauern durch die Einführung gentechnisch veränderter Pflanzen zu zwingen, vor jeder Vegetationsperiode Saatgut und zudem kostspielige Düngemittel zu erwerben. Dadurch werden sie bei geringen Ernteerträgen oder unvorhersehbaren Katastrophen wie Dürren oder Schädlingsbefall schnell in den finanziellen Ruin gestürzt. Vorsichtigen Angaben zufolge haben zwischen 1995 und 2010 mehr als 250.000 Bauern den Freitod vor einem ungewissen Leben in Armut gewählt. Diese tragischen Ereignisse haben zur Vernetzung kleinbäuerlicher Bewegungen geführt, die die Agrarökologie und Saatgutsouveränität zu zentralen Pfeilern ihres Kampfes gegen die Liberalisierung der Landwirtschaft durch regionale und bilaterale Handelsabkommen erhoben haben.

Eine der Sprecherinnen dieses Bündnisses, die indische Physikerin und Ökofeministin Vandana Shiva, verurteilte denn auch auf dem kürzlich in Den Haag abgehaltenen Tribunal gegen den Agro- und Chemiegiganten Monsanto die Patentierung von Saatgut als "Patentierung des Lebens" und "Verbrechen gegen die Natur" [4 ]. Sie erinnerte daran, daß Monsanto juristisch gegen die indische Regierung vorging, die die Saatgutpreise im Interessen der Ernährungssicherheit regulieren wollte. Dementsprechend wandte sich Vandana Shiva gegen die geplante Übernahme Monsantos durch den Chemiekonzern Bayer, gehe es bei diesem von den Investitionsinteressen großer Anleger motivierten Buy-out doch darum, "den Namen von Monsanto zu verbergen, weil der Konzern mittlerweile völlig in Verruf geraten ist" [5].

Es bleibt mithin zu wünschen, daß die in Speak Up! den sozialen Bewegungen des Landes zugewiesene Widerstandskraft Zukunft hat: "Heutzutage sind sich Dalits, Adivasis und die Slumbewohner_innen in den Städten ihrer Rechte deutlich mehr bewusst, als sie es noch einige Dekaden zuvor gewesen sind. Durch ihre Basisbewegungen und überregionalen Zusammenschlüsse wurden sie zu zentralen Akteur_innen im Widerstand gegen den Diebstahl der natürlichen Ressourcen durch lokale Eliten sowie nationale und internationale Unternehmen." (S.57)

In Folge der weltweit wahrgenommenen Gruppenvergewaltigung in Delhi 2012, bei der das Opfer von sechs Männern den Verletzungen erlag, hat auch die Bewegung für Geschlechtergerechtigkeit und die Befreiung der Frau wie bislang unterdrückter Lebensformen der LGBTI-Bewegung an Fahrt aufgenommen. Das traditionelle System der Mitgift, der ökonomisch damit verbundenen Abtreibung weiblicher Föten oder der Tötung weiblicher Nachkommen kurz nach der Geburt gibt viel Anlaß zu Protest, und es ist bei weitem nicht so, daß die Justiz des Landes auf der Seite der Schwachen und Betroffenen steht.

Doch allein die Tatsache, daß sich rund ein Drittel des Landes dauerhaft im militärisch kontrollierten Ausnahmezustand befindet, weil in zehn Unionsstaaten mehr oder minder offener Bürgerkrieg herrscht, zeigt, wie groß die Gefahren für emanzipatorische Bewegungen sind und auf welch wackligem Boden bürgerrechtliche Schutzgarantien stehen: "Immer öfter wird die Frage nach den Gefahren für Demokratie und Rechtsstaat angesichts eklatanter Mängel bei der Umsetzung demokratischer Kontrolle staatlichen Handelns, der Aufrüstung des Sicherheitsapparates, neuer, weitgehender Staatsschutzgesetze [...] und der Rückständigkeit des Rechts- und Justizsystems aufgeworfen" (S.109). Diese Gefahren sind nicht geringer geworden, nachdem der Kandidat der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP), Narendra Modi, 2014 zum indischen Premierminister gewählt wurde. Als Chief Minister von Gujarat hatte er 2002 zumindest nichts unternommen, als Hindu-Fanatiker ein Massaker an Muslimen verübten.

Zu all diesen Fragen und keiner Fragezeichen bedürfenden Gewißheiten bietet der Sammelband auch drei Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nützliche Anregungen. In ihm manifestieren sich die verschiedensten Erfahrungen, Hoffnungen und stets gebrochenen Teilerfolge des sozialen Aufbruchs und Widerstands gegen die Unerträglichkeit von Verhältnissen, die den Menschen zu einer verwertbaren Ressource degradieren. Um nicht im jeweils eigenen Land weltweit aktiven transnationalen Akteuren zu unterliegen, ist der internationale Zusammenschluß widerständiger sozialer Bewegungen die logische Folge des in Indien geführten Kampfes. So kann die Lektüre des Buches auf all jene inspirierend wirken, die nicht vergessen haben, daß die Menschenfeindlichkeit der Lebensverhältnisse in Indien exemplarisch ist für Ausbeutung und Unterdrückung in aller Welt.

26. Oktober 2016


Fußnoten:

[1 ] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/redakt/asie-767.html

[2] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/report/prbe0108.html

[3] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/report/prin0266.html

[4] https://www.jungewelt.de/2016/10-21/043.php

[5] http://www.jungewelt.de/2016/10-21/036.php


Elina Fleig, Madhuresh Kumar, Jürgen Weber (Hg.)
Speak Up!
Sozialer Aufbruch und Widerstand in Indien
Mitherausgeber: BUKO (Bundeskoordination Internationalismus)
Assoziation A, Hamburg/Berlin 2013
320 Seiten, 18,00 Euro
ISBN 978-3-86241-423-9


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