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REZENSION/662: Das Handeln der Tiere - Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies (SB)


Sven Wirth, Anett Laue, Markus Kurth, Katharina Dornenzweig, Leonie Bossert, Karsten Balgar (Hg.)


Das Handeln der Tiere

Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies



Das Handeln der Tiere zu untersuchen erfolgt notwendigerweise aus menschlicher Sicht. Allein die Kategorie der "Tiere" stößt aufgrund des höchst heterogenen Charakters der unter diesem Begriff subsumierten Lebewesen als grobe Vereinfachung auf. Aus diesem Grund handelt es sich bei den gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnissen um ein hochgradig diffuses, die unterstellte Grenzziehung erkenntnistheoretisch wie biotechnologisch tendenziell aufhebendes Feld. Das ändert allerdings nichts daran, daß der alltagspraktische Umgang mit Tieren, sei es durch den Verbrauch ihrer Körper und Sekrete, sei es durch die sprachliche Nutzung ihrer Namen und Eigenarten in beleidigender und erniedrigender Absicht, von einer Gewalt bestimmt ist, die die religiös und kulturgeschichtlich fundierte Höherstellung des Menschen als Lizenz zur Ausübung monströser Grausamkeiten erkennen läßt.

Schon in der Einführung des vorliegenden Sammelbandes wird festgestellt, daß bei der Analyse tierlicher Agency nicht eine einheitliche Kategorie "Tier" unterstellt wird. Entscheidend sei vielmehr, "dass diese Agency nicht aus dem nichtmenschlichen Tier selbst emergiert, sondern aus den Beziehungen und Verhältnissen, in die dieses Tier eingebunden ist" (S. 14). Wie auch der Begriff der "Agency", einem in seiner inhaltlichen Bedeutung je nach fachwissenschaftlicher Perspektive durchaus unterschiedlich verstandenen Terminus sozialwissenschaftlicher Forschung, zeigt, bereitet die präzise Bestimmung der angewandten Terminologie durchaus Probleme. So scheint die spezifische Begriffswahl der dem Arbeitskreis für Human-Animal Studies - Chimaira, einem "vorrangig in Berlin tätigen Netzwerk, das sich der transdisziplinären Erforschung der gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse verschrieben hat", [1] angehörenden Autorinnen und Autoren maßgeblich vom Diskurs zwischen traditioneller humanistischer Philosophie und den Absetzbewegungen einer posthumanistischen Soziologie bestimmt zu sein, die den anthroprozentrischen Standort klassischer Erkenntnistheorie in Frage stellt.

Da das Konzept Agency "theoretisch offen für die Anwendung auf Mensch-Tier-Verhältnisse und für eine Annäherung an eine Analyse tierlicher Handlungs- und Wirkungsweisen bzw. deren Effekte" (S. 9) sei, wie in der Einleitung erklärt wird, erweist sich die eingestandene "Vagheit des Begriffes" (S. 9) auch als Vorteil, um nicht der Gefahr zu erliegen, den Gegenstand der Forschung zum bloßen Objekt zu machen. Will man zum einen kein handelndes Subjekt unterstellen, über das gesprochen wird, ohne es selbst befragen zu können, zum andern aber auch nicht in den personalen Kategorien menschlicher Kognition und Reflexion verbleiben, die anthropozentrische Sichtweisen hervorbringen, dann kann daraus eigentlich nur eine Vorsicht im Umgang mit dem beanspruchten Ziel resultieren, etwas über die Handlungsmacht oder Handlungsfähigkeit von Tieren in Erfahrung zu bringen, die nicht den herrschaftsförmigen und patriarchalen Charakter einer Wissenschaftlichkeit reproduziert, deren vorrangiger Zweck bei aller immanenter Kritik die Legitimation herrschender Verhältnisse bleibt.

Es ist mithin nicht einer bloßen Binnendiskussion unter Akademikerinnen und Akademikern geschuldet, wenn ein Großteil des Buches nach den konzeptionellen und erkenntnistheoretischen Grundlagen der Human-Animal Studies fragt. Auch wenn dies für ein akademisch nicht vorgebildetes Publikum streckenweise schwierig nachzuvollziehen ist, lohnt es sich, den hier nachgezeichneten und weiterentwickelten Debatten auf den Grund zu gehen, selbst wenn am Ende eine weniger komplexe Stellungnahme für die Befreiung von Mensch und Tier stehen sollte.

Zur Klärung des jeweils eigenen Verhältnisses zu Tieren ist, wie insbesondere der Beitrag Sven Wirths über die Kontroverse um Donna Haraway deutlich macht, die Frage zentral, ob es eines erkenntnistheoretischen Paradigmenwechsels bedarf, wie ihn die Wissenschaftstheoretikerin Haraway unter Anleihen am New Materialism und einer netzwerktheoretischen Wirklichkeitsauffassung propagiert, oder ob die subjekttheoretische Herrschaftskritik marxistischer und radikalökologischer Genese genügend Handhabe für weitere Schritte bietet. Bei genauerer Untersuchung kann man zu der Auffassung gelangen, daß die zugunsten der Aufhebung vom Menschen ausgehender Gewaltverhältnisse durchaus einleuchtende Überwindung humanistischer Kategorien und traditioneller Dichotomien, wie von Haraway gefordert, zwar neue Perspektiven öffnet, zugleich aber nicht in der Lage ist, die Distanz zu und Trennung von Tieren zu überwinden. So bleibt der entscheidende Zweck des Mensch-Tier-Dualismus, die Verfügungsgewalt über animalisches Leben, bei Haraway intakt, indem sie die Tötung von Tieren nach utilitaristischer Maßgabe für vertretbar erachtet.

Bei aller einleuchtenden Argumentation zur Unzulänglichkeit des humanistischen Subjektkonzeptes, stets den Menschen zum Maß aller Dinge zu machen, bleibt Haraway mit der Uneindeutigkeit ihrer Sichtweise, "dass weder Menschen noch nichtmenschliche Tiere eindeutig nur Subjekte oder nur Objekte sind" (S. 121), auf dem Boden einer Erkenntnis, die Beobachtung bleibt und damit Objekte produziert. So stichhaltig der auf Jacques Derrida zurückgehende Verweis ist, "dass die Frage danach, was als 'Mord' bewertet wird oder welches Töten in einer Gesellschaft als ethisch korrekt angesehen wird, immer auch eine Frage der ontologischen Konstruktionen ist" (S. 121), so sehr verliert sich Haraway mit ihrer Kritik, daß "es kein Leben außerhalb des Tötens geben könne, denn in Ökosystemen würde das Leben und sich Reproduzieren immer auf dem Tod von anderen aufbauen" (S. 121), in der abstrakten Sphäre eines entropischen Verlaufs, den in seiner Absolutheit zur Richtschnur zu machen bedeutete, sich an dieser aufhängen zu können.

Selbstverständlich liegt jeder Form der Verstoffwechselung die Totalität des Verbrauchs welcher Subjekte auch immer zugrunde. Zu Lasten des Verzehrten scheint sie nur dann nicht zu gehen, wenn dem systemtheoretischen Konzept vom Kreislauf allen Lebens der Zuschlag gegeben wird. Daß harmonistische Lösungen dieser Art in religiös und naturmythisch orientierten Kreisen verbreitet sind, ist kein Zufall, wird die prinzipielle Distanzierung vom Problem eigenen Sterbens doch metaphysisch entrückt. Demgegenüber die Unteilbarkeit des Schmerzes anzuerkennen hieße die Aufhebung der Distanz zum andern zumindest zu beanspruchen. Obwohl die posthumanistische Kritik an den kategorialen Grenzziehungen ontologischer Bestimmungen den Weg zu deren Überwindung bahnt, läuft sie Gefahr, in deren Relativierung stecken zu bleiben, anstatt sie zugunsten einer Neubestimmung der eigenen Position vollends hinter sich zu lassen.

Wo Haraways Kritik an der Subjekt-Objekt-Dichotomie humanistischer Erkenntnistheorie in einem Wissenschaftstverständnis resultiert, "dass von aktiven Wissensobjekten ausgeht und in dem Wissen immer situiert ist" (S. 118), da können eben auch sogenannte Versuchstiere in Vivisektionslaboren zu workers in labs werden, denen bei aller Einschränkung angeblich Möglichkeiten bleiben, ihrerseits Einfluß auf das an ihnen durchgeführte Experiment zu nehmen. Diese unter Inanspruchnahme der Überlegungen Michel Foucaults "zu Freiheitsgraden in Machtverhältnissen" (S. 123) gezogene Schlußfolgerung wird nicht dadurch akzeptabler, daß der Begriff der Arbeit zumindest unter kapitalistischen Verhältnissen nicht ohne den fremdbestimmten Charakter der Notwendigkeit, sie als Ware anzubieten und zu verkaufen, gedacht werden kann. Was die Ausführungen Sven Wirths zu Donna Haraway und ihrer Kritikerin, der Tierethikerin Zipporah Weisberg, die ihr eine im herrschaftskritischen Sinne konsequente Analyse der Gewaltverhältnisse zwischen Menschen und Tieren entgegenhält, so interessant macht, ist der exemplarische Charakter einer Argumentation, die in der Betonung des Prozeßhaften und Entgrenzenden, des Räumlichen und Dekonstruktiven, doch den Fallstricken einer Ontologie nicht entkommt, die affirmiert, was sie zu negieren trachtet.

Warum müssen nichtmenschliche Tiere wie Menschen sein, um nicht mehr von diesen genutzt zu werden? Und darüber hinaus: wäre es nicht wünschenswert, eine Gesellschaft zu fördern, in der Moralbefähigung nicht relevant ist für eine gesellschaftliche Besserstellung?
(S. 111)

Leonie Bossert diskutiert in ihrem Beitrag über tierliche Moralbefähigung ein moralisches Verhalten, das als solches nur anzuerkennen sei, wenn es Ergebnis kognitiver und reflexiver Fähigkeiten ist. Während es zum einen genügend Beispiele dafür gibt, "dass bestimmte nichtmenschliche Tiere zu empathischem, kooperativem, reziprokem, u. a. Verhalten fähig sind, welches" - laut Marc Bekoff und Jessica Pierce - "auch bei Menschen den Kern der Moral ausmacht" (S. 97), stellt sich auf der anderen Seite die Frage nach der Universalität einer Moral, die zwar menschlicher Genese ist, aber dennoch Tieren abverlangt wird, wenn diese nicht zum Freiwild werden wollen.

Da die Autorin die Auffassung vertritt, "dass es Sinn ergibt, das Konzept moralischer Agency an Reflexionsfähigkeit und an die Übernahme (moralischer) Verantwortung für die eigenen Handlungen (wo diese möglich ist) zu knüpfen" (S. 110), was von vielen Tieren als auch Menschen nicht geleistet wird, muß sie nicht erklären, warum beim Töten sogenannter Beutetiere durch fleischessende Tiere nicht mit gleicher Elle gemessen wird wie beim Töten von Tieren durch Menschen. Dieser häufig gegen tierethische Positionen formulierte Einwand läßt zudem außer acht, daß der Mensch in Sicht auf die durch ihn trotz seiner Orientierung auf Moral und Vernunft angerichtete Zerstörung des Lebens nichtmenschlicher Tiere wie pflanzlicher Organismen weit räuberischer vorgeht, als es zur Legitimation eigenen Fleischverzehrs angeführte Prädatorinnen und Prädatoren - sogenannte Raubtiere - tun. Schließlich bleibt zu fragen, wie auf der einen Seite die zivilisatorische Überwindung animalischer Praktiken als evolutionäre Spitzenleistung propagiert werden kann, während sie auf der anderen Seite in rechtfertigender Absicht in Anspruch genommen werden.

Da der in moralphilosophischen Debatten vorgenommene Abgleich von Verhaltensnormen nicht selten die Relativierung als falsch erkannten Verhaltens zum Zweck hat, stellt sich ohnehin die Frage, inwiefern der Nachweis moralischer Agency bei Tieren relevante Hinweise auf eine Veränderung der gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse bietet. Einem anderen Lebewesen keine Schmerzen zuzufügen, wenn es sich vermeiden läßt, bedarf kaum einer tieferliegenden Begründung. Zudem bietet, wer erst Argumente für die Vermeidung des Quälens und Tötens finden muß, eine offene Flanke für das Konstruieren gegenläufiger Gründe.

Auch der Verweis auf die Fähigkeit nichtmenschlicher Tiere zu empathischen Handlungen, die für Bossert ein weiterer Grund dafür sind, "das bestehende Verhältnis zwischen Menschen und nichtmenschlichem Tier grundlegend zu ändern" (S. 112), kann in die Irre führen, schützt ein empathischer Kontakt doch nicht davor, daß etwa das liebevoll aufgezogene Hausschwein am Ende auf dem Teller landet. Von daher trifft die von der Autorin aufgeworfene Frage nach der prinzipiellen Verbindung von Moralfähigkeit und Verletzlichkeit den Kern derjenigen Legitimationsstrategien, die den Anschein erwecken, bei der Entscheidung über Leben und Tod nichtmenschlicher wie menschlicher Tiere gebe es prinzipiellen Verhandlungsspielraum auch in der Ohnmacht völliger Unterlegenheit. Auf das basale Gewaltverhältnis bezogen, in dem über Leben und Tod entschieden wird, kann das Postulat tierlicher Agency eigentlich nur realisiert werden, wenn das von Auslöschung bedrohte Tier seiner Vernichtung widerstehen kann und es sich ihr erfolgreich entzieht. Demgegenüber "Freiheitsgrade", wie bei Donna Haraway diskutiert, auszumachen läßt an jene Form von Tierschutz denken, bei der die Käfige mit dem gleichen Ziel finaler Schlachtung etwas größer gemacht werden.

Standen die fünf von jeweils anderen Autorinnen und Autoren verfaßten Beiträge des ersten Teils des Buches im Zeichen der Frage "Wie können wir handelnde Tiere denken? Transdisziplinäre Konzeptualisierungen tierlicher Agency", so geht es im zweiten, wiederum fünf Beiträge umfassenden Teil um "Konkrete nichtmenschliche Tiere und ihre Agency. Von Subjekten, Kooperation und Widerstand". Hier wird anhand verschiedener Praktiken der Erforschung, Zurichtung und Verwertung von Tieren der jeweilige Grad an Autonomie ausgelotet, insofern sich dieser überhaupt relevant für das Tier und nicht nur seine wissenschaftliche Projektionsfläche bestimmen läßt.

Einen erfreulich kritischen Ansatz wählt Katharina Dornenzweig in ihrem Beitrag zur Erforschung der Sprachfähigkeit von Tieren, deren Sichtweise sie unter dem Begriff eines "neuen Anthropozentrismus" zusammenfaßt. Dieser sei

charakterisiert durch ein Fehlverständnis der im öffentlichen Diskurs heute sehr präsenten und dadurch oftmals völlig fehlrepräsentierten darwinschen Evolutionstheorie. In diesem Verständnis werden Menschen als von den anderen Tieren nicht mehr absolut, sondern nur noch graduell unterschieden begriffen (...). Diese Unterschiede werden allerdings normativ aufgeladen. Der Mensch ist im neuen Anthropozentrismus so zwar Teil der Natur, jedoch der vollkommenste. Die anderen Tiere werden nicht verstanden als verwandte Wesen, die andere, aber an sich gleichberechtigte Pfade gegangen sind, sondern vom menschlichen Standpunkt aus als 'Vorfahren'. (...) Dass nichtmenschliche Tiere hier nun als potentielle Sprecher_innen gesehen werden, ändert nichts am anthropozentrischen Schema. Dies äußert sich nicht zuletzt darin, dass der primäre Ansatz ist, 'den Tieren' 'das Sprechen' beizubringen, anstatt deren Sprache zu erlernen.
(S. 154 f.)

So wird mit den gerne spektakulär präsentierten Lernleistungen von Primaten oder Papageien nicht viel mehr erreicht als das ansonsten in Zoo und Zirkus zelebrierte Vorführen von Tieren zum Amüsement sich damit in ihrer evolutionären Höherentwicklung bestätigt wähnender Menschen. Um so weniger gerät eine Konditionierung, die sich bei der Sprachforschung an Tieren nicht minder als bei der Verhaltensregulation von Menschen aus dem behavioristischen Werkzeugkasten bedient, in den Verdacht, eine Form von Sozialkontrolle zu perfektionieren, in deren repressiver, Anpassung und Unterwerfung erzwingender Konsequenz letztlich auch menschliche Agency als irrelevante Mutmaßung erscheinen könnte.

Wenn Markus Kurth "Momente der Irritation in der industriellen Tierproduktion durch tierliche Agency" (S. 180) untersucht und den Schlachthof als "Ort von Macht und Widerstand" (S. 185) entdeckt, dann liegt dem der immer wieder vorkommende Ausbruch einzelner zur Tötung vorgesehener Tiere aus dem perfekt durchorganisierten Betrieb der Fleischproduktion zugrunde. Hier könnte sich die Frage aufdrängen, wozu die positive Bestätigung tierlicher Agency außer zur Bestätigung der Selbstverständlichkeit, daß sich kein Lebewesen gerne umbringen läßt, dient, wenn, wie dargestellt, diese Flucht bestenfalls zur Aufnahme in einen Gnadenhof führt und ansonsten vollständig in das System des Tierverbrauchs eingebettet bleibt. So gilt auch für die meisten Menschen, daß sie sich in der finalen Situation einer Exekution ihrem vermeintlich unausweichlichen Schicksal ergeben. Sind sie dadurch, daß sie sich dem Lauf der Dinge passiv überantworten, weniger Mensch als wenn sie alles nur Erdenkliche tun, um zu überleben?

Wie Kurth in einem kurzen Abriß zur Entstehung industrieller Schlachtfabriken im Rahmen einer biopolitischen Analyse feststellt, ist

das Ziel der Tierindustriedisziplin darauf ausgerichtet, die tierliche Individualität ontologisch auf eine Ressource, eine Maschine, ein Objekt zu reduzieren, die es möglichst vorteilhaft auszuschöpfen gilt. (...) Letztendlich zielt dieser tierindustrielle 'Subjektivierungsprozess' auf die doppelte Auslöschung der Subjektivität der Schlachttiere: Zum Einen wird es in der Routine des Schlachtens keine Geschichte ihrer Eigenschaften geben, keinen Namen, der mit einem Individuum verbunden wäre, keine Identität und Beziehung. Zum Anderen besteht die konkrete Auslöschung in Form der Schlachtung bereits vor der Geburt des Tieres als Plan, den es zu vollenden gilt.
(S. 188)

Was der Autor im Foucaultschen Sinne als Disziplinarmacht der züchterischen Normierung der Schlachttiere, des in einer immer stärker technifizierten und mechanisierten Umgebung erfolgenden Prozesses des Tötens wie der möglichst scharfen Grenzziehung zwischen dem auf ein Produktionsmittel reduzierten "Nutzvieh" und menschlicher Subjektivität analysiert, weise allein durch die Existenz von Disziplinartechniken "auf widerständige Praktiken und eine nicht vollständig auslöschbare Subjektivität hin" (S. 188). Die im Beitrag dokumentierten Ausbrüche zur Schlachtung vorgesehener Kühe können zwar deren massenmediale Popularisierung und mögliche Schonung ihres Lebens zur Folge haben, "aber die grundlegende Differenzierung, wonach Tiere einander ähnlich genug und den Menschen unähnlich genug sind, um schlachtbar zu sein, bleibt unangetastet" (S. 189).

Die daraus resultierende "Verunsicherung" (S. 191) am System der Fleischproduktion führt letztlich zu seiner Perfektionierung, zum Schließen noch verbliebener Lücken, in denen die betroffenen Tiere eine Chance zum Entkommen und Widerstehen hätten. Zur Abdichtung dieses Systems profitorientierter Fleischproduktion gehört, so sei an dieser Stelle hinzugefügt, auch das institutionelle Aufgreifen der Leidensfähigkeit von Schlachttieren im Sinne eines Tierschutzes, der, wie etwa die Kritik an der "Initiative Tierwohl" [2] zeigt, vor allem legitimatorische Aufgaben zu erfüllen hat. Markus Kurth stellt anhand der geschilderten Ausbrüche eine Leerstelle im System der "Disziplinierung", der "Maschinen" und "Reproduktion" fest, die er "als Momente der Transdifferenz" zu fassen versucht, "welche etwa die Grenze von Schlachttier, Wildtier und Gnadenhoftier unterlaufen und die über ihre Sichtbarkeit die Distanz zwischen Gesellschaft und Nutztierproduktion überwinden" (S. 197). Im Endeffekt handelt es sich für ihn um eine "Agency jenseits der Schlachtung, die ohne eine bestimmte Form von Subjektivität nicht denkbar ist" (S. 198).

"Schau mal, wie die Tiere kämpfen", sagt ein Arbeiter an der ersten Station in einem französischen Schlachthof, wo die angelieferten Tiere mit einem Bolzenschußgerät umgebracht werden [3]. Er weiß um den Lebenswillen seines Gegenübers und gibt zu, viel "Mut" zu brauchen, um die Arbeit des Tötens zu verrichten. Die Zugänge zu dieser Problematik sind vielschichtig, und sie betreffen ebenso individuelle Fragen der Lebensführung wie die gesellschaftliche Entwicklung der Produktivkräfte. Wenn zum Beispiel in der Bundesrepublik sehr viel mehr Tiere getötet als hierzulande verspeist werden, während den Menschen an anderen Orten der Welt das Getreide auf dem Teller fehlt, da es für deren Aufzucht benötigt wird, die wiederum maßgeblichen Anteil am Klimawandel hat, dann ist unschwer zu erkennen, daß die Frage des Tierverbrauchs von existentieller Bedeutung für alle Beteiligten ist.

Auch die im vorliegenden Buch des weiteren untersuchten Themenfelder [4] lohnen die Lektüre, und sei es nur, um die wissenschaftlichen Konzepte und Begriffe des in der Bundesrepublik noch relativ jungen Forschungsfeldes der Human-Animal Studies kennenzulernen. Da die Leser bei der Frage nach der subjektiven Handlungsfähigkeit von Tieren stets auf die Kategorien eigener Welterkenntnis stoßen, kann die Annäherung an das Handeln der Tiere durchaus zur Emanzipation vom zerstörerischen Charakter gesellschaftlicher Naturverhältnisse beitragen.


Fußnoten:
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[1] http://www.human-animal-studies.de/has-links/

[2] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/raub1093.html
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/raub1094.html

[3] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/sele0988.html

[4] http://www.chimaira-ak.org/?page_id=1060

30. Oktober 2016


Sven Wirth, Anett Laue, Markus Kurth, Katharina Dornenzweig, Leonie Bossert, Karsten Balgar (Hg.)
Das Handeln der Tiere
Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies
transcript Verlag, Bielefeld 2016
272 Seiten, 29,99 Euro
ISBN 978-3-8376-3226-2


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