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STANDPUNKT/145: Zwischenruf - Weder sozial noch Netzwerk (ZivilCourage)


ZivilCourage Nr. 2 - Mai/Juni 2016
Das Magazin für Pazifismus und Antimilitarismus der DFG-VK

Zwischenruf: Weder sozial noch Netzwerk
Kann die DFG-VK wollen, was man zu tun beabsichtigt?

Von Gerold Korbus


Wir haben als DFG-VK beschlossen, uns den gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen. So sollen die inzwischen nicht mehr ganz, so "Neuen Medien" in die Verbandsarbeit eingebunden werden. Die Idee ist gut. Das Problem ist, dass niemand wirklich weiß, was das bedeutet, wohin das geht, welche Folgen das zeitigt. Deshalb ist aber auch jede Überheblichkeit, bestimmte Begriffe seien für Mitglieder Fremdworte, völlig fehl am Platze. Denn tatsächlich kann es niemand wirklich wissen.

"Die Bundeswehr als friedenspolitisches Mittel: Das Militär ist als Werkzeug für die Friedensarbeit nicht mehr wegzudenken." Was können wir von einem solchem Satz halten? Nur Quertreiber stellen diese "wichtige" Erkenntnis in Frage? Ich kann mich an Zeiten erinnern, da waren wir als DFG, als IdK, als VK und später als DFG-VK stolz darauf, Querdenker_innen, Quertreiber_innen zu sein, Sand im Getriebe zu sein, in einer militarisierten Gesellschaft den Kriegsdienst zu verweigern und nicht für diese zu werben.

"Soziale Medien sind als Werkzeuge für politische Organisationen in der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken." Ist das so?

Sicher, in der DFG-VK gibt es unterschiedliche Ansichten zu der Frage, wie unersetzlich die unersättlich datenhungrigen, unsozialen und antidemokratischen Internetkonzerne sind. Aber sind wir nicht einig in dem Mut, dass wir uns in offenen Widerspruch zur Gesellschaft begeben, wenn etwas falsch läuft? Bereits unsere Gründer_innen haben dies bewiesen - sie lebten im offenen Widerspruch zu den militaristischen Tendenzen ihrer Zeit. Heute fällt es schwer, die Frage zu beantworten, was sich seitdem wirklich geändert hat.

"Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt." (Erich Fried)

Es muss dringend etwas geändert werden. Klar. Der Dissens geht um das Wie. Erst den Kapitalismus abschaffen, der Rest regelt sich allein? Alle Waffen beseitigen, dann ist die Welt friedlich? Haben wir den Stein der Weis_innen bereits? Wie finden wir die Lösung? Bereits über den Weg sind wir trefflich am Streiten.

Aber bei jeglicher Äußerung innerhalb dieser Debatte werden wir ausgeforscht! Wenn wir furzen, hört Google mit! Das ist kein Witz, das ist eine Untertreibung! Denn das "Internet der Dinge" gibt es bereits. Der TV-Sender NDR berichtete 2014 in dem Beitrag "Im Visier der Hacker ­..." über den Tod eines kritischen Journalisten, dessen neuer Mercedes per virtuellem Angriff in einen Unfall geschickt worden sein könnte. Aber freiwillig geben manche Friedensgruppen alles an Facebook! Jeglicher Debattenbeitrag auf unseren Mailinglisten wird von Google mitgelesen, notiert, ausgewertet. Denn mindestens eine Person ist immer dabei, die Mails bei dem Riesen speichern lässt.

Der Journalist Heribert Prantl sagte zutreffend: Die Ursache der unglaublichen Macht von Google ist die Bequemlichkeit der Nutzer.

Die DFG-VK hat beschlossen, die eigenen Methoden zu überdenken, um die programmatischen friedlichen Gedanken besser zu den Menschen zu transportieren. Es gibt neue Kommunikationsstrukturen - wie sollen wir sie nutzen? Sollen wir sie nutzen? Haben wir vergessen, dass bereits der Grundgedanke des "Internets" kriegerischer Art war? Das Arpanet, der Vorläufer des heutigen Internets, hatte als Zielsetzung, im Falle eines Atomschlages Handlungskompetenz zu behalten, konkret: weiterhin kommunizieren zu können, auch wenn es Bereiche im Land gibt, wo alles zerstört wurde. US-Präsident Ronald Reagan verstieg sich soweit, einen Atomkrieg für gewinnbar zu halten. Muss also die Betrachtung der "Neuen Medien" aus dem Blickwinkel eines Friedensverbandes nicht zwangsläufig immer beide Seiten ansehen?

Unöffentlichkeit

Es gibt im Bereich der "Neuen Medien" zwei Strukturen: öffentliche und private. Das Internet auf technischer Ebene ist privat. Doch sobald jemand in der Internetstruktur zum Anbieter wird, wird es öffentlich. Doch diese Allmende, dieser gemeinschaftliche Aspekt wird angegriffen. Die.Telekom beispielsweise will ein Zwei-Klassen-Netz: Wer zahlt, kriegt es schneller, kriegt mehr. Die Konzerne knabbern an der Netzneutralität.

Wer sich bei Facebook, bei Google+ usw. beteiligt, bewegt sich immer in privaten Bereichen! Das ist kein Netz, kein Zusammenschluss wie etwa bei der Facebook-alternative Diaspora. Facebook kann Nutzer_innen plötzlich ausschließen, Facebook tut das auch und gibt oft keinerlei Erklärung, warum das so ist. Wer auf Facebook und die anderen dieser Anbieter setzt, baut auf Sand, macht sich abhängig.

Inhaltlich eignen sich Konzerne wie Google und Facebook alles an: Wer die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) dieser Großkonzerne liest, sieht das Grundgesetz ausgehebelt. Google erklärt, dass alles einverleibt wird. Wer ein Konto, egal wofür, einrichtet, erklärt sich damit einverstanden. Das bedeutet: Der Postbote öffnet und liest die Post und benutzt jegliche seiner Erkenntnisse. Ein klarer Bruch des Briefgeheimnisses, der Grundrechte, des Grundgesetzes. Ähnlich geht Facebook vor: Man erklärt mittels der AGB, alle Rechte an jeglichem zu haben, was innerhalb der Areale Facebooks geschieht.

Big Brother war gestern

Nach einem Lockruf, es mögen bestimmte Seiten des "Gesichtsbuches" aufgesucht werden, da seien weitere interessante Infos abzurufen, habe ich eine Absage geschickt. Die Antwort der Freunde: Man sei sich der Problematik des Big Brother bewusst. Ich bezweifle das! Big Brother ist ein Bild für Ausforschung. Die Methoden der Superkonzerne heutzutage gehen viel weiter! Jede noch so kleine Information, insbesondere der elektronische Fingerabdruck, womit Metadatenanlyse erleichtert wird, an Facebook etc. bewirkt eine Stärkung dieser Superkonzerne. Zugleich werden damit demokratische Strukturen geschwächt!

Internetanbieter Bundeswehr?

Wie würden wir damit umgehen, wäre Facebook auf den Seiten der Bundeswehr angesiedelt? Ist es vorstellbar, dass jemand dann ernst genommen wird, würde Facebook als "unabdingbar" für die Friedensarbeit erklärt? Doch worin liegt der Unterschied, wenn wir doch wissen: Facebook ist nicht sozial, Facebook ist kein Netzwerk und Facebook ist antidemokratisch! Facebook ist nicht demokratisch gewählt, Facebook agiert nach eigenem Gutdünken, nicht nach Regeln, die etwa von einem Parlament bestimmt werden, und Facebook geht stiften. Der Chef und Hauptaktionär handelt wie der Hauptprofiteur des Lidl-Konzerns: Das Geld wird dem Einfluss des Staates entzogen und nach persönlichen Vorstellungen über eine Stiftung den persönlichen Hobbys zugeführt. Die Demokratie wird so gründlich ausgehöhlt, die Staaten werden geschwächt.

Googlization

Es ist noch schlimmer: Prof. Siva Vaidhyanathan hat das Buch "The Googlization of everything - and why we should worry" veröffentlicht. In der Wiso-Dokumentation des ZDF "Weltmacht Google" wird aufgezeigt, welche große Bedeutung diese Veröffentlichung hat. Google hat auch die Wissenschaft erobert - mit Millionen für das "Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft": Stand Alexander von Humboldt bisher als Sinnbild für freie und unabhängige Wissenschaft, ist dies nun wohl erledigt.

In der Wiso-Doku erklärt Dieter Janecek, wirtschaftspolitischer Sprecher der Bundestag-Grünen, die Bedenklichkeit dieser Abhängigkeit: "Wir haben da in der Vergangenheit nicht drauf geschaut, das muss ich zugestehen."

"Die Suchmaschine belügt man nicht..."

In der Wiso-Dokumentation "Weltmacht Google" untersucht ein Experte in einem Versuch Suchanfragen und stellt mit wenigen Daten ein Profil der Versuchsperson her. Google ist eine "Schicksalsmaschine": Die Trefferlisten entscheiden darüber, in welcher "Filter-Bubble" wir uns als Suchende befinden. Aber es werden auch Schicksale von Firmen beeinflusst. Als aus unerfindlichen Gründen eine gezeigte Firma in der Versenkung auf Seite 2 der Trefferliste verschwindet, decken die Betriebseinnahmen nicht mehr die laufenden Kosten. Rettung in diesem Fall: Die eigenen www-Seiten wurden auf die Suchmaschine Bing optimiert, es gab wieder Kundschaft. Fazit des Unternehmers: Wir dürfen uns nicht auf ein einziges Bein allein stützen!

Wissen wir also, was wir tun? Was können wir tun, um nicht in die offene Tür der Falle Aktionismus zu rennen? Nein, auch wenn mir in lange bekannter Abwehrhaltung signalisiert wurde: "Du kannst ja zu unserem Artikel eine Kritik schreiben, wo Du Deine Alternativen vorstellst." - es sind nicht meine Alternativen. Auch wenn Facebook und Google zweifelsohne die Goliaths sind, heiße ich nicht David.

Eine einzelne Person ist völlig überfordert, solche gewinnträchtigen antidemokratischen Machenschaften zu bekämpfen. So schön es wäre. Das kann ausschließlich funktionieren, wenn so viele Menschen wie möglich sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden und in ihrem Alltag zuerst davon ablassen, sich für kompetent zu halten, weil es ja so schön einfach ist, mit einem Baukasten zack-zack eine www-Seite zu basteln. Denn zuallererst sollten die eigenen Seiten von diesen Lauschern freigehalten werden! Ist es wirklich zu hart, Mailadressen dieser Ausforschungskonzerne von Mailinglisten zu verbannen? In Mailinglisten haben nur solche Postbot_innen etwas verloren, die transportierte Post nicht öffnen!

Der rheinland-pfälzische Landesdatenschutz hat z.B. mit der Staatskanzlei einen schönen Facebook-Kompromiss ausgehandelt. So etwas und weitere Dinge können klappen, wenn wir bereit sind zu lernen. In vielen Städten gibt es Crypto-Parties, wo es genau um die Fragen geht, wie wir unsere Daten und die der Menschen, mit denen wir umgehen, schützen können. Das alles ist keine Lösung, aber viele kleine Schritte können helfen, den Irrweg zu verlassen. Jedenfalls reichen Lippenbekenntnisse wie "Wir sehen Facebook kritisch" keinesfalls, und "Hurra, wir schicken alle Fotos dorthin" halte ich für gefährlich! Wir wissen auch nicht, wie viele Menschen nicht mehr zu Veranstaltungen gehen, weil ständig fotografiert wird und alles im angeblich freien Netz landet.

Aus Platzgründen hier der Verweis zu weiteren Informationen:
https://kuerbis-ol.eu/Demokratie_Angriffe-antidemokratischer-Konzerne-im-Internet/


Gerold Korbus ist aktiv in der DFG-VK-Gruppe Oldenburg-Ostfriesland.

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Quelle:
ZivilCourage Nr. 2 - Mai/Juni 2016, S. 20 - 21
Das Magazin für Pazifismus und Antimilitarismus der DFG-VK
Herausgeberin: Deutsche Friedensgesellschaft -
Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen e.V. (DFG-VK)
Werastraße 10, 70182 Stuttgart
Redaktion: ZivilCourage, Werastraße 10, 70182 Stuttgart
Telefon: 0711 - 51 89 26 20, Telefax: 03212 - 102 82 55
E-Mail: zc@dfg-vk.de
Internet: www.zc-online.de
 
Erscheinungsweise: zweimonatlich, sechs Mal jährlich
Jahres-Abonnement: 14,00 Euro einschließlich Porto
Einzelheft: 2,30 Euro


veröffentlicht im Schattenblick zum 2. September 2016

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