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ATTAC/735: Hungerkrise zeigt die häßliche Fratze globalisierter Landwirtschaft


Attac Deutschland - Pressemitteilung vom 17. April 2008

* Hungerkrise zeigt die hässliche Fratze globalisierter Landwirtschaft

* Attac: Ursachen beheben, statt Symptome zu kurieren


Anlässlich des globalen bäuerlichen Aktionstags heute hat das globalisierungskritische Netzwerk Attac die aktuelle Lebensmittelkrise als hässliche Fratze der Agrarpolitik der letzten Jahrzehnte bezeichnet. "Jetzt zeigt sich das wahre Gesicht einer Landwirtschafts- und Ernährungspolitik, die nur den Weltmarkt kennt", sagte Pia Eberhardt vom Attac-Agrarnetz.

Die Jahrzehnte währende Liberalisierungs-, Privatisierungs- und Investitionspolitik von WTO und Weltbank, der Europäischen Union und anderer mächtiger Akteure habe zu einer systematischen Vernichtung der bäuerlichen Landwirtschaft geführt. Immer mehr Länder des Südens können ihren Lebensmittelbedarf nicht mehr decken. Derzeit drängt die EU afrikanische und asiatische Staaten, weit reichende Freihandelsabkommen (Economic Partnership Agreements, EPAs) mit Europa abzuschließen, um ihre Agrarmärkte für europäische Unternehmen zu erobern. Gleichzeitig halten EU und Bundesregierung an ihrer zerstörerischen Politik der Exportsubventionierung fest. "In der aktuellen Debatte wird die Lebensmittelkrise aber fast ausschließlich auf den Klimawandel, Agrotreibstoffe und veränderte Konsumgewohnheiten zurückgeführt", kritisierte Pia Eberhardt. Die diskutierten Lösungsansätze griffen ebenso zu kurz: "Ein Stopp des Agrotreibstoff-Wahnsinns ist wichtig. Die Welternährungskrise wird das aber nicht beenden. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel."

Der am Dienstag veröffentlichte Bericht des Weltagrarrates geht Attac zufolge in die richtige Richtung. In diesem macht das von der Weltbank und den Vereinten Nationen berufene Expertengremium die falsche Agrar- und Entwicklungspolitik der Wohlstandsstaaten für die Krise verantwortlich und spricht sich für Anbaumethoden aus, die den jeweiligen ökologischen und sozialen Bedingungen angepasst sind. "Aber dieser Erkenntnis müssen jetzt auch endlich Taten folgen", forderte Alexis Passadakis vom Attac-Koordinierungskreis. Dass das deutsche Entwicklungsministerium die Mitarbeit an dem Gremium als überflüssig ansehe, sei charakteristisch für die Haltung der Bundesregierung.

Seine Kritik an der bestehenden Agrarpolitik teilt Attac mit La Via Campesina, dem weltweit größten Zusammenschluss von in der Landwirtschaft tätigen Menschen. Seit Jahren ruft der Verband am 17. April weltweit zu Widerstand gegen Unterdrückung der ländlichen Bevölkerung auf. Auch die Forderung nach Ernährungssouveränität teilt Attac mit Via Campesina. Dazu Alexis Passadakis: "Ausrichtung auf regionale Märkte statt Weltmarktfetischismus, gemeinschaftliche Kontrolle der Landwirtschaft statt Monopole für Monsanto, Nestlé und Co. sowie Unterstützung der Landwirtschaft statt Liberalisierung um jeden Preis - nur das kann die ausreichende Produktion von qualitativ hochwertigen Lebensmitteln langfristig garantieren."

Informationen im Internet:
www.attac.de/agrarnetz
www.viacampesina.org



HINTERGRUNDINFORMATIONEN:

* 17. April
Am 17. April 1996 wurden in der Stadt Eldorado do Carajas im Norden Brasiliens 19 Aktivisten der Landlosenbewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) brutal niedergemetzelt. Mitglieder von Via Campesina, die sich gerade für eine Konferenz in Mexiko versammelten, antworteten mit einem Marsch auf die brasilianische Botschaft und riefen den 17. April zum internationalen Tag des Widerstands und der Aktion gegen alle Formen von Unterdrückung der ländlichen Bevölkerung aus.

* Via Campesina
Weltweit organisiert sich die ländliche Bevölkerung, um ihre Interessen gegen Großgrundbesitzer, Konzerne, Regierungen und internationale Institutionen zu verteidigen und durchzusetzen. Immer wieder leisten Menschen vielfältigen Widerstand: Sie besetzen Land, kämpfen gegen die Privatisierung der Wasserversorgung, brennen Genfelder ab, gründen Kooperativen oder bauen eigene Saatgutbanken auf. Eine treibende Kraft in diesem Prozess der bäuerlichen Selbstorganisation ist Via Campesina.
Via Campesina ist der weltweit größte Zusammenschluss von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, Landarbeitern, Landlosen, Landfrauen und indigenen Gemeinschaften. Seit der offiziellen Gründung im Jahr 1993 haben sich Hunderte von Organisationen der Bewegung angeschlossen. Sie umfasst etwa 200 Millionen Menschen - von den Reisbauern und -bäuerinnen der Indonesian Peasants' Union (FSPI) und den AktivistInnen der Unao Nacional de Camponeses (UNAC) in Mosambik über die europäischen LandwirtInnen der Coordination Paysanne Européenne (CPE) bis zu den LandarbeiterInnen in der Association of Caribbean Farmers' Organisations (WINFA). In Deutschland ist die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Mitglied. Diese Organisationen teilen die Einschätzung, dass der zentrale Konflikt in der globalen Landwirtschaft kein Nord-Süd-Problem, sondern ein Konflikt zwischen zwei Produktionsmodellen ist: dem einer industrialisierten, exportorientierten und globalisierten Landwirtschaft im Dienste der Profitmaximierung auf der einen und dem Modell einer bäuerlichen, ökologischen Landwirtschaft auf der anderen Seite. Im Kampf für das bäuerliche Modell setzt Via Campesina auf die basisdemokratische Organisierung und Mobilisierung der ländlichen Bevölkerung, auf Weiterbildung und ständige Diskussionsprozesse. Die Aktionen von Via Campesina setzten dabei auf allen Ebenen an - von der lokalen bis zur globalen. Bei Protesten gegen die Welthandelsorganisation WTO oder auf dem Weltsozialforum sind ihre grünen Kappen und Halstücher der visuelle Ausdruck eines starken transnationalen Aktivismus.

* Ernährungssouveränität
Das Konzept wurde seit den 90er Jahren maßgeblich von Vía Campesina geprägt. Gemeinsam mit Via Campesina wendet sich Attac gegen die gegenwärtige exportorientierte, industrielle Landwirtschaft, die auf die Profitinteressen transnationaler Konzerne ausgerichtet ist, und setzt sich ein für eine Landwirtschaft, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, die Lebensmittel benötigen, erzeugen und verteilen. Ihre Rechte sind die Grundlage von Ernährungssouveränität:

das Recht auf Nahrung - jeder Mensch muss einen stabilen Zugang zu gesunden, nahrhaften, kulturell angemessenen Nahrungsmitteln in ausreichender Menge haben, die es ihm ermöglichen, ein Leben in Würde zu führen. Das schließt das Recht ein, selbst über die eigene Ernährung entscheiden zu können.
  
das Recht zu produzieren - jeder Mensch ebenso wie jede Gemeinschaft muss die Möglichkeit haben, Nahrungsmittel selbst herzustellen. Voraussetzung hierfür ist der Zugang zu und die Kontrolle von Produktionsmitteln wie Land, Wasser oder Saatgut.
  
das Recht auf eine selbst bestimmte Landwirtschafts- und Ernährungspolitik - jede Gemeinschaft muss ihre Landwirtschaft und ihre Ernährung den eigenen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und ökologischen Umständen entsprechend gestalten können, allerdings ohne eine Schädigung anderer. Das beinhaltet das Recht, landwirtschaftliche Produktion zu schützen und zu regulieren.

Ernährungssouveränität gründet also auf einem umfassenden Verständnis von Selbstbestimmtheit. Daneben umfasst Ernährungssouveränität die folgenden Prinzipien:

Vorrang des regionalen Marktes und der Versorgung der heimischen Bevölkerung: Produktion, Verarbeitung und Vermarktung von Nahrungsmitteln sollen primär auf lokale und regionale Märkte sowie die Versorgung der heimischen Bevölkerung ausgerichtet sein. Das heißt nicht, dass es keinen Handel geben darf, allerdings sollen quer über den Globus verschiffte Produkte das Nahrungsmittelangebot höchstens ergänzen, nicht ersetzen.
  
sozial- und umweltverträgliche Landwirtschaft: Die Erzeugung von Nahrungsmitteln soll möglichst vielen Menschen eine Lebensgrundlage bieten und natürliche Ressourcen nachhaltig nutzen.
  
gerechte Preise und Löhne sowie faire Arbeitsbedingungen: Preise, die Landwirtinnen und Landwirte für ihre Produkte erzielen, sowie die Löhne und Arbeitsbedingungen derjenigen, die in der Produktion, Verarbeitung und Vermarktung von Agrarprodukten beschäftigt sind, müssen ihnen ein Leben in Würde ermöglichen.
  
Demokratisierung der Agrar- und Ernährungspolitik:
Entscheidungsverfahren und Institutionen der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik sollen ebenso basisdemokratisch organisiert sein wie die Orte der Erzeugung, Verteilung und des Konsums von Lebensmitteln.
  
Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, Nord und Süd sowie ethnischen Gruppen: Es gilt, patriarchale, rassistische, koloniale sowie sonstige Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse in Landwirtschaft und Ernährung zu überwinden.

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Quelle:
Pressemitteilung vom 17.04.2008
Pressesprecherin Attac Deutschland
Frauke Distelrath
Post: Münchener Str. 48, 60329 Frankfurt/M
Tel.: 069/900 281-42; Fax: 069/900 281-99
E-Mail: presse@attac.de
Internet: www.attac.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 18. April 2008