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INTERVIEW/029: Megacities - Urban leben, streben, weben (SB)


Interview mit Prof. Dr. Yongning Li am 16. April 2013 in Bonn



Prof. Dr. Yongning Li arbeitet an der Guangdong University of Foreign Studies (GDUFS) in der Stadt Guangzhou im chinesischen Perlflußdelta. Er ist Direktor des dortigen Zentrums für Urbanisierung und Internationale Stadtforschung sowie am 2009 gegründeten Guangdong Research Institute for International Strategies (GRIIS) tätig. Dort leitet er die redaktionelle Arbeit der "Studies on Strategic Decisions" und der "Trends of the International Affairs", chinesischsprachigen Wissenschaftsjournalen mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Das GRIIS ist der Guangdong University of Foreign Studies als unabhängige wissenschaftliche Beratungseinrichtung angegliedert. Prof. Li hat einige Zeit in Deutschland als Doktorand in Kassel verbracht und blieb weiter mit seinen deutschen Kollegen auf freundschaftliche Weise und als Wissenschaftler verbunden.

Während des dreitägigen Abschlußkolloquiums des DFG-Schwerpunktprogramms "Megacities - Megachallenge. Informal Dynamics of Global Change" vom 14. bis 16. April im Wissenschaftszentrum Bonn hatte der Schattenblick die Gelegenheit, ein Gespräch mit Prof. Li zu führen.

Im Gespräch - Foto: © 2013 by Schattenblick

Yongning Li
Foto: © 2013 by Schattenblick

Schattenblick: Herr Prof. Li, könnten Sie sich unseren Lesern einmal vor dem Hintergrund ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit vorstellen?

Prof. Yongning Li: Von der Ausbildung her bin ich Soziologe. Ich habe einen Master in Soziologie und war unter anderem ein Jahr Gastdozent an der Harvard University und ein halbes Jahr an einer Universität in Minnesota in den USA. Ende des letzten Jahrhunderts, also in den 1990er Jahren hatte ich erste Kontakte nach Deutschland zu Prof. Dr. Detlev Ipsen an der Universität Kassel. Er war mein wissenschaftlicher Betreuer, hat mit mir zusammengearbeitet und mich als Doktorand angenommen. Gleichzeitig wurde ich eingeladen, als Gastprofessor an der Universität Kassel zu arbeiten. Ich habe meinen Doktor in Raumentwicklung, Migration und urbaner Landschaftsgestaltung gemacht und begann dann mit meiner Forschung im Bereich urbane Landschaften, urbane Räume, Urbanisation und urbaner Lebensstil unter dem Aspekt der Landschaft. So habe ich zehn Jahre lang mit ihm zusammengearbeitet. 2006 haben wir angefangen, uns an diesem Projekt zu beteiligen, denn er schätzte die chinesische Kultur sehr und hatte unser Land auch schon vor Beginn dieses Projekts besucht.

Meine Doktorarbeit drehte sich also um Migration und Raumentwicklung, insbesondere ging es um die Migration vom Land in die Stadt, aus dem Hinterland in die Küstenregionen. Wir haben rund 200 Millionen Binnenmigranten in China. Ich habe anhand einiger Fälle die Frage erforscht, inwiefern diese Migrationsströme zu einer neuen Art von Modernisierung in China führen. Denn sie ziehen vom Land in die Stadt, um sich zu bilden, Erfahrungen zu machen und soziales Kapital zu sammeln. Und dann kehren einige in ihren ursprünglichen Distrikt zurück, um ein eigenes Unternehmen aufzubauen, und bringen die Modernisierung und Urbanisierung dieser Region voran. Diese Art von Prozeß hat während der letzten zwanzig Jahre stattgefunden.

Bei unserem Projekt im Perlflußdelta geht es allerdings um die Erforschung von "Informality". Über die Frage der Informality nachzudenken ist sehr schwierig, aber auch sehr interessant, denn ihre Wege sind eigentlich ein wenig wie Kungfu. Wie Informality in China funktioniert, ist nicht leicht zu verstehen; die chinesische Kultur und Philosophie ist ein wenig kompliziert genauso wie das Wertesystem und der Lebensstil. Insbesondere in dieser Zeit der Industrialisierung gibt es eine Vielzahl von Innovationen, von neuen Methoden oder Mitteln, um mit ihr zurechtzukommen. Auf der einen Seite versuchen wir, Institutionen aufzubauen, verschiedene Gesetze und Regeln zu schaffen, auf der anderen Seite spielt die informelle Art und Weise, Geschäfte zu tätigen, eine sehr aktive Rolle in der Entwicklung und für das Wachstum.

SB: Lassen Sie mich eine Frage zur Informality im chinesischen Kontext stellen. Die chinesische Kultur ist sehr in Familientraditionen verwurzelt. Es gibt eine Vielzahl von Netzwerken unterschiedlicher Art, in denen man sich sozial und natürlich auch wirtschaftlich engagiert. Wir würden das informell nennen, aber ist es dasselbe für die Menschen in China? Ist diese Art der Vernetzung für die Menschen in China nicht vielleicht einfach ein sehr normaler Aspekt des Lebens?

YL: Da haben Sie recht, denn das chinesische Networking ist sehr speziell. Gewöhnlich sind die Familienbande sehr wichtig, nicht nur im Alltagsleben, sondern auch in der Geschäftswelt und im Beruf. Diese Familienbande sind einerseits von großem Vorteil, da sie die Menschen stärken und zusammenbringen. Auf der anderen Seite sind die Aktionen, die gesellschaftlich unternommen werden, zu beziehungsorientiert. Wenn Sie beispielsweise ein Geschäft abschließen wollen, müssen Sie erst ein paar Leute kennen, dann geht es viel leichter, und es wird Ihnen zu mehr Mitteln und Möglichkeiten verhelfen.

In der chinesischen Philosophie gibt es verschiedene Schulen. Das, was Sie über die Familienbande und die Familienorientierung gesagt haben, und auch das Motiv, Familienmitglieder oder Eltern in der Gesellschaft voranzubringen, stammt von Konfuzius. Das ist ein sehr starker Einfluß. Eine andere Schule ist der Taoismus. Über Taoismus habe ich mit meinem Professor diskutiert. Er erinnerte ihn an eine kulturelle und philosophische Strömung in Deutschland, denn er hat etwas von romantischen Ideen, von Naturalismus. Diese Dinge gehören zu einer anderen philosophischen Schule in China, aber beide wirken zusammen. Konfuzius war allerdings über alle Zeiten hinweg immer die philosophische Hauptströmung.

SB: Die chinesische Regierung steht in der Tradition der Kommunistischen Partei, und von außen betrachtet wirkt sie recht technokratisch und pragmatisch. Wie läßt sich dieses Gesellschafts- und Entwicklungsmodell mit der konfuzianischen Tradition vereinbaren?

YL: Dazu ist zu sagen, daß die Entwicklung in China in den letzten 30 Jahren rasant verlaufen ist, in einer Art Hochgeschwindigkeitswachstum, und das System entwickelt sich von einem Plansystem zu einem Marktsystem. Wir sprechen von einer Übergangsphase. Diese Übergangsphase dauert nun schon über 20 Jahre an, aber dieser Wandel wird ständig weiter vorangetrieben. China verdankt seine Entwicklung dem Plansystem. Diese von der Regierung dominierte Entwicklung Chinas hat meiner Ansicht nach einen Vorteil und einen Nachteil. Der Vorteil besteht darin, daß es dadurch ein hohes, gut eingebundenes Angebot aller Kräfte und Ressourcen gibt. Die Regierung kann die Ressourcen zusammenbringen, planen und dann über sie verfügen. Das ist gut, denn es macht die Dinge leichter und schneller. Zudem unterhalten die Geschäftsleute und Regierungsvertreter viele Verbindungen zueinander; auch das macht die Dinge leichter und schneller. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie man mehr Marktorientierung zustandebringt. Das war lange Zeit ein Dilemma.

Heute setzen die politischen Strategien manchmal auf eine größere Zentralisierung, in anderen Fällen handelt man jedoch dezentralisiert. Das verändert sich von Stadium zu Stadium, was die Dinge sehr flexibel macht. Und das ist der Grund, weshalb wir Informality so interessant finden. Vieles geschieht informell, aber Informelles wird auch formell. Ganz am Anfang dieses Projekts habe ich mein Verständnis von Informality definiert: Was gestern informell war, ist heute vielleicht formell. Es handelt sich um einen Prozeß, und morgen gibt es vielleicht wieder neue informelle Dinge. In diesem Prozeß sind neue Gesetze und Regulierungen entstanden, und in den letzten 30 Jahren hat es sehr viele davon gegeben. Diese Tendenz kann man feststellen.

Im Rahmen dieser Forschung habe ich mit meinem Professor auf dem Gebiet der urbanen Dörfer gearbeitet. Sie sind etwas sehr Spezielles, denn im globalen Urbanisierungsprozeß der verschiedenen Länder finden sich nicht so viele Dörfer im Stadtbereich, die gleichsam über Nacht, binnen eines Jahres oder sogar einiger Monate Teil der Stadt geworden und von dieser umgeben sind. Diese Orte sind eingeschlossen in den urbanen Raum, aber noch immer ländlich. Das heißt, es gibt noch Agrarland, dessen Nutzung bisweilen ein Problem darstellt. Einiges davon konnte sofort gekauft und für die Stadtentwicklung genutzt werden, doch einige Menschen konnten das Land und ihre Häuser behalten. Wie geht man damit um? In China haben wir dafür unterschiedliche Modelle. In Südchina, beispielsweise im Perlflußdelta, gibt es einen stärkeren zivilgesellschaftlichen Hintergrund. Die Leute feilschen mehr, und es finden mehr Verhandlungen zwischen Regierung, Geschäftsleuten und Ortsansässigen statt.

SB: Heißt das, daß es im Perlflußdelta noch immer ländliche Regionen gibt, in denen Menschen in Dörfern leben und auf den Feldern arbeiten?

YL: Ja.

SB: Und daraus entstehen Konflikte?

YL: Der Weg des Perlflußdeltas ist ein sehr spezieller. Das ganze Perlflußdelta wird jetzt als Megacity betrachtet. Zum Teil gibt es urbane Zentren wie etwa Guangzhou, eine ziemlich große Stadt. Und in den umliegenden Gebieten, einigen kleineren Städten, Satellitenstädten oder Subzentren des Perlflußdeltas geht die Industrialisierung und Urbanisierung manchmal langsam, manchmal auch sehr schnell voran. Weite Teile des Landes, die vor zwei Jahren vielleicht noch Agrarland waren, sind heute von Fabriken oder Produktionsbetrieben besiedelt. So war es zum Beispiel mit einer Stadt namens Dongguan, die zwischen Shenzhen und Guangzhou liegt. Diese Stadt hat jetzt eine mittlere Größe. Wenn wir allerdings von mittelgroß sprechen, ist das für europäische Maßstäbe eine riesige Stadt. Diese Stadt wurde in den letzten 20 Jahren so schnell urbanisiert und industrialisiert, daß Sie, wenn Sie in diese Region kommen, nicht sagen können, ob es sich um Stadt oder Land handelt.

Ich habe mit meinem Professor einen Versuch unternommen. Wir sind ein oder zwei Stunden lang gefahren. Es war endlos, und wir wußten nicht, wo die Stadtgrenze verläuft oder wo das Land anfängt. Wir betrachten dies als Landschaft mit Inseln, weil es dort Fabriken, Werkstätten und Märkte gibt, aber auch landwirtschaftlich genutzte Flächen dazwischen liegen. Man fährt weiter und weiter ohne Ende. So gesehen halten wir es für die größte Stadt der Welt. Das ist unserer Meinung nach etwas ganz Besonderes. Dieses riesige Gebiet mit seinen vielen Industrieansiedlungen und den verschiedenen, sich verändernden Lebensweisen ist der Grund, warum wir die informellen Gepflogenheiten überall studieren.

SB: Wie ist dieser Wandlungsprozeß von einer ländlichen zu einer industrialisierten Region genau vor sich gegangen? Wurden die Bauern enteignet oder konnten sie sich weigern, ihr Land aufzugeben?

YL: Das läuft nach einem festgelegten System. In China hat es beim nationalen Landnutzungsgesetz einige Veränderungen und Verbesserungen gegenüber den 80er, 90er Jahren gegeben, und die neueste Version besagt, daß das Land in den Städten dem Staat gehört. Der Grundbesitz in den ländlichen Gebieten ist zweigeteilt. Ein Teil ist den Ortsansässigen zur eigenen Nutzung überlassen. Jede Familie hat zu ihrem Haus ein ganz kleines Stück Land für den eigenen Gebrauch. Aber das Agrarland und alles weitere Land - Flächen im Dorf oder öffentliche Flächen - gehören den Dorfgemeinschaften. Die Dorfgemeinschaften bestehen aus Teilhabern und jedem gehört ein Teil dieses Agrarlands. Bei der Urbanisierung verfolgt die Regierung in den verschiedenen Regionen unterschiedliche Strategien, politisch damit umzugehen.

Im Hinterland ist es leicht, das Land über Nacht der Stadt zuzuschlagen. Aber im Perlflußdelta ist das sehr kompliziert. Denn alle Dorfbewohner, die als Anwohner über kleine Grundstücke verfügen, die einzeln nebeneinanderliegen, haben Häuser zum Vermieten darauf gebaut. Das ist gut für das Leben der Migranten. Aus diesem Grund haben wir nicht soviele Slums oder ähnliches im Perlflußdelta wie in einigen anderen großen Städten, denn die Dorfbewohner haben zahlreiche dieser Gebäude errichtet. Sie haben auf ihrem kleinen Stück Land fünf- oder sechsstöckige Wohnhäuser gebaut, um sie dann an die Migranten zu vermieten und Geld zu verdienen. Für die Regierung oder die Urbanisierungsagenturen ist es nicht einfach, dieses Land zu übernehmen. Es kostet viel Entschädigung, das macht es schwierig. Da auch einige Vertreter des ausländischen Kapitals angefangen haben, dort Geschäfte zu tätigen, und auch mit nationalem Privat- und Regierungskapital dort Geschäfte gemacht werden, müssen sie darüber befinden, welcher Teil dieses Agrarlands wieviele Jahre lang genutzt werden kann. Manchmal macht die Regierung bestimmte Planungsvorgaben, die 20 Jahre oder 30 Jahre umfassen, die sich aber auf hohem Niveau bewegen und wenig ins Detail gehen. Für die Detailplanung gibt es eine Vielzahl informeller Dynamiken.

Yongning Li - Foto: © 2013 by Schattenblick

Leben und forschen in der Megacity
Foto: © 2013 by Schattenblick

SB: Auf der einen Seite gibt es im Perflußdelta die Kräfte des Kapitals, die sich auf ihre Art wirtschaftlich organisieren, auf der anderen Seite stehen das Planungsinteresse des Staates und administrative Funktionen. Wie verhalten sich Kapitalinteressen und die regulativen Maßnahmen des Staates zueinander?

YL: Manchmal vereinbart die Regierung einen Kompromiß. Ich kenne zum Beispiel ein deutsches Unternehmen, das ein Stück Land für seine lederverarbeitende Fabrik gepachtet hat, und der Vertrag läuft über 20 Jahre. Wenn die Regierung das Land für sich nutzt, handelt es sich um eine Vertragsverletzung. Wenn sie also wirklich diesen Teil ihrer Planungen als neue öffentliche Ressource urbanisieren will, dann muß sie mit dieser Fabrik verhandeln. Ich zahle dir etwas oder du ziehst an einen anderen Ort, und ich finde einen Platz für dich, vielleicht ein wenig weiter weg von der Stadt. Möglicherweise ist der Preis für das Land oder der Pachtpreis dort auch niedriger. Es bringt eine Menge Verhandlungen mit sich. Das gilt für ausländisches Kapital, für ausländische Unternehmen, denn ausländische Geschäftsleute sind an Regulationen gewöhnt.

Für einige Privatunternehmen, insbesondere ortsansässige Geschäftsleute, gibt es eine Reihe weiterer Möglichkeiten, manchmal kommt auch Bestechung oder dergleichen vor. Es kann also eine Entschädigung, eine Bestechung oder Verhandlung sowie aus bestimmten Gründen manchmal auch eine mit Zwangsmitteln durchgesetzte Landübernahme geben. So wurden zum Beispiel in drei Jahren drei neue Hochschulgelände für Tausende neuer Studenten in unserer Stadt gebaut. Dafür mußten sieben Dörfer weichen. Aber diese Universitätstadt ist jetzt sehr bekannt. Insgesamt zehn neue Campus-Universitäten wurden gebaut und ziehen immer mehr Studenten an. Auf der einen Seite ist es gut, sehr effizient, aber auf der anderen Seite bringt das viele Probleme mit sich. Welche Entschädigung sollen die Dorfbewohner bekommen, wenn sie von ihrem Land wegziehen? Was sollen sie mit dem Geld anfangen? Gibt es Arbeit für sie?

SB: Wie sehen Sie als Soziologe die Entwicklung der chinesischen Gesellschaft? Offiziell ist soziale Gleichheit nach wie vor ein Ziel der Kommunistischen Partei Chinas. Entwickelt sich die Gesellschaft mehr in Richtung Gleichheit oder vergrößert sich die Kluft zwischen Arm und Reich?

YL: Darum ging es mir, als ich von der stufenweisen Entwicklung in den verschiedenen Zeitphasen sprach. Ich denke, ganz am Anfang haben die Menschen sich Gedanken über Fragen wie Fairneß und Gleichheit gemacht, aber in den 1990er oder den frühen 2000er Jahren stand die Entwicklung ganz im Zeichen der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Alle Regierungsstellen und -funktionäre sahen das BIP als das Wichtigste an, und es ging darum, Geld zu machen. Nicht nur für die normalen Menschen, sondern auch sie wollten reich werden. In den letzten zehn Jahren ist die Kluft zwischen Reich und Arm immer größer geworden. Seit dem letzten Parteitag vor zwei Jahren gibt es jedoch eine neue Tendenz. Die Menschen haben angefangen, darüber nachzudenken, und festgestellt, daß diese Entwicklung nicht gut ist. Wir müssen etwas finden, das die soziale Kluft verringert. Wir brauchen mehr Regulationen und langfristiges Denken. Was diese Tendenzen angeht, so halte ich sie für flexibel, sie verschieben und verändern sich. In den letzten ein, zwei Jahren, denke ich, ist es besser um die Gleichheit bestellt.

Die Menschen denken zunehmend an das allgemeine Wohlergehen und die Versorgung der Alten und Armen, an einen besseren Schutz der Umwelt für die langfristige Nutzung. Und wenn Konflikte auftreten, gibt es mehr Verhandlungen und Verfahren vor den unteren Gerichten. Es wird besser und besser, regelkonformer. Diese Art der Regulierung und Deregulierung mit darauffolgender erneuter Regulierung ist aus meiner Sicht eine befristete Phase. Das ist der Grund, warum ich die deutschen Gelehrten schätze. Einige meiner Professoren meinen: Du mußt dir keine Sorgen machen, manchmal braucht es einfach Zeit. In der Frühzeit unserer Industrialisierung hatten wir auch so eine elende, schwere Zeit. Wenn ihr euch weiter voranbewegt, werdet ihr das soziale und das natürliche Umfeld verändern, das soziale ganz besonders.

Ich bin der Meinung, es bewegt sich etwas, und es bewegt sich jetzt tendenziell in eine bessere Richtung. Aber es verläuft in den verschiedenen Regionen auf unterschiedliche Weise. Das Perlflußdelta hat aufgrund seiner zivilgesellschaftlichen Tradition und seiner Außenhandelstradition Fairneß in seinem Wertesystem verankert. Die Menschen aus dem Perlflußdelta wissen mehr über die Außenwelt, weil hier eine Öffnung stattgefunden hat. Ich halte den Markt hier für gereifter als im Inland, als im Hinterland, besser als in Beijing und Schanghai.

SB: Liegt das auch an dem Einfluß Hongkongs auf die Zivilgesellschaft?

YL: Das stimmt. Das ist wichtig.

SB: Wie ist das Fach der Soziologie in der chinesischen Wissenschaftstradition zu verorten?

YL: Tatsächlich wurde die Soziologie vor weniger als 100 Jahren in China eingeführt, in den 1920er oder 1930er Jahren. Einige Soziologen, die in westlichen Ländern wie England, Deutschland oder den Vereinigten Staaten studiert hatten, begannen diese Forschung und Lehre an einigen Universitäten einzuführen. Nach 1945 wurde das unterbunden, weil damals einige kommunistische Parteifunktionäre der Ansicht waren, Soziologie habe nichts mit Marxismus zu tun und sei auch keine wissenschaftliche Disziplin. Aber nach der Kulturrevolution gelangten die neue politische Führung und immer mehr Wissenschaftler zu der Auffassung, daß die soziologischen Theorien für die Gesellschaftsforschung sehr wichtig sind, um Vorschläge zu entwickeln, die Regierung zu beraten und das soziale Leben zu verstehen.

In den 1980er Jahren begannen einige Universitäten, erneut Soziologieabteilungen einzuführen, und wir schickten mehr Leute zur Ausbildung ins Ausland und schulten dann unsere eigenen Soziologen und Professoren, auch Doktoranden und Masterstudenten. Das war die Zeit, in der ich anfing, meinen Master in Soziologie zu machen, Ende der 80er Jahre. Aber es liegt noch ein weiter, vielleicht Jahrzehnte währender Weg vor uns, bis diese neue Disziplin zu einer eigenständigen chinesischen Wissenschaftstradition wird. Zur Zeit beruht ihre Theoriebildung hauptsächlich auf den Ergebnissen westlicher Soziologen. Wenn man die lokale traditionelle Forschung im Bereich der Soziologie betrachtet, so ist die Konfuzius-Forschung zum Beispiel sehr philosophisch ausgerichtet. Sie ist nicht empirisch. Die empirische Forschungstradition ist vielleicht auch nicht ganz neu, dennoch brauchen manche chinesische Forscher mehr regelmäßige Ausbildung und mehr theoretische Werkzeuge. Ich denke, wir machen Fortschritte, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Nehmen wir dieses DFG-Projekt als Beispiel. Es führt noch zu anderen Fortschritten, die eher interdisziplinärer Art sind und nicht nur die Soziologie betreffen, sondern auch die Geographie und Informationen über die chinesische Kultur. Die chinesischen Partner dieses Projektes konnten eine Menge Daten sammeln, Rohdaten, weil sie China besser kennen. Sie wissen, wie man Kontakt mit den Leuten aufnimmt. Sie wissen, wie man diese befragt und welche Fragebögen man machen muß. Das ist der Vorteil. Das Problem dabei ist, daß den chinesischen Wissenschaftlern nicht viele theoretische Werkzeuge zur Verfügung stehen. Der Forschungsrahmen wurde hauptsächlich von der deutschen Seite erstellt. Die deutschen Forscher haben eigene analytische Methoden und Wege, sehr ausgeklügelte Hypothesen aufzustellen. Die chinesischen Partner hingegen haben die Daten gesammelt; da zeigten sich die Unterschiede. Deshalb bin ich der Auffassung, daß chinesische Soziologen und Wissenschaftler noch mehr über diese neuen theoretischen Analysemethoden lernen müssen.

SB: Aber vielleicht könnte auch die andere Seite vom philosophischen Ansatz Chinas etwas lernen?

YL: Das stimmt. Aber das ist nicht einfach; es geht vielleicht, wenn man im Land selbst lebt. Als wir hier Forschung in Deutschland machten, fand ich es auch schwierig für uns, Kontakt mit Menschen aufzunehmen und die Informationen und Daten zu sammeln. Deshalb denke ich, daß diese Art von Projekt verschiedene Vorteile miteinander verbindet und man voneinander lernen kann. Das ist gut. Ich selbst habe durch dieses Projekt sehr viel gelernt.

Eines möchte ich gern noch hinzusetzen: Ich bin jetzt das erste Mal wieder hier. Von 2001 bis 2009 war ich jedes Jahr in Deutschland, aber seitdem bin ich nicht zu Treffen in die Bundesrepublik gekommen, weil mein Partner Prof. Dr. Detlev Ipsen [1] während der Planungen für die Arbeit an diesem Projekt beim Besuch einer Konferenz in Guangzhou plötzlich einen Herzinfarkt erlitt und sofort starb. Ich bin die letzten zwei, drei Jahre sehr traurig darüber gewesen und erinnere mich gerne daran, wie aufopferungsvoll er und die Gruppe der deutschen Wissenschaftler sich für diese Forschung engagiert, Beobachtungen angestellt und sich für Chinas regionale Entwicklung im Perflußdelta interessiert haben. Im Gedenken an ihn würde ich gern noch mehr an diesem Projekt in Kooperation mit deutschen akademischen Einrichtungen und weiteren Kollegen arbeiten.

Ich werde Detlev Ipsen nie vergessen, er war ein großartiger Professor und Philosoph. Er war nicht nur Landschaftsforscher, sondern auch ein wunderbarer Lehrer, der Studenten sehr gut anleiten konnte. Er hatte die chinesisch-deutschen Beziehungen schon seit langem mit den besten Wünschen begleitet und hegte die Vision eines modernen China, das eines Tages nicht anders als Deutschland oder irgendein anderes Land sein würde. Ich werde ihn nie vergessen. Das Motiv für mich, zum Abschluß dieses Projekts nach Bonn zu reisen, war die Erinnerung an meinen Professor.

SB: Prof. Li, vielen Dank, daß Sie sich die Zeit für dieses ausführliche Gespräch genommen haben.


Fußnote:

[1] Prof. Dr. Detlev Ipsen - geboren 1945 in Wien, seit dem siebten Lebensjahr aufgewachsen in Dortmund - war Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Gesamthochschule Kassel und Leiter der Arbeitsgruppe Empirische Planungsforschung am Fachbereich Stadt- und Landschaftsplanung. Der Doktorvater von Yongning Li verstarb am 18. Februar 2011 plötzlich und unerwartet.


Bisherige Beiträge zum Kolloquium "Megacities - Megachallenge" im Schattenblick unter
INFOPOOL → BÜRGER/GESELLSCHAFT → REPORT

BERICHT/015: Megacities - Rauburbane Sammelpunkte (SB)
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BERICHT/016: Megacities - Evolution der Umlast (SB)
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BERICHT/017: Megacities - Marktaufbruch der Sieger und Verlierer (SB)
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BERICHT/018: Megacities - Besitzstandsselektive Dynamik (SB)
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BERICHT/019: Megacities - Avantgarde der Erneuerung (SB)
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BERICHT/020: Megacities - Armut, Smog und Emissionen (SB)
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INTERVIEW/015: Megacities - Über den Tellerrand - Prof. Dr. Frauke Kraas im Gespräch (SB)
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INTERVIEW/016: Megacities - Forschungsselbstzweck Überleben - Dr. Johannes Karte im Gespräch (SB)
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INTERVIEW/019: Megacities - Freiheit, Gleichheit, Forschung (SB)
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INTERVIEW/020: Megacities - Konstruktdynamische Prozesse (SB)
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INTERVIEW/022: Megacities - Fehlverteilung urban - Benjamin Etzold im Gespräch (SB)
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INTERVIEW/023: Megacities - Elendsverteilungsvariante Dhaka (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brri23.html

INTERVIEW/024: Megacities - Projekt interdisziplinär gelungen (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brri24.html

INTERVIEW/025: Megacities - Produktivität des Elends (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brri25.html

INTERVIEW/026: Megacities - Blühende Stadt und sterbendes Land (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brri26.html

INTERVIEW/028: Megacities - Guangzhou, krause Stirn und Wissenschaft - Prof. Dr. Desheng Xue im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brri28.html


5. Juli 2013