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INTERVIEW/065: Aufbruchtage - Pflanzen, Wohnen, Leben ...    Gerda Münnich im Gespräch (SB)


Treffpunkt Gemeinschaftsgarten

Interview am 14. September 2014 in Berlin-Tempelhof



Die Gartenaktivistin Gerda Münnich wuchs auf einem Bauernhof im Spreewald auf und arbeitete viele Jahre als EDV-Expertin, unter anderem im Leitzentrum für Anwendungsforschung in Berlin. Seit über zehn Jahren ist sie in urbaner Landwirtschaft und im Urban Gardening aktiv. Im Rahmen der AG Interkulturelle Gärten in Berlin und Brandenburg und des Allmende-Kontors auf dem Tempelhofer Feld vertritt sie die Interessen der Gartenaktivisten und Bürger gegenüber den Behörden. Das 2011 gegründete Allmende-Kontor ist ein zivilgesellschaftliches Netzwerk, das sich für die Kooperation und Unterstützung von Gemeinschaftsgärten und Projekten der urbanen Landwirtschaft in Berlin engagiert. Bei einem Besuch auf dem Tempelhofer Feld beantwortete Gerda Münnich dem Schattenblick einige Fragen.

Im Gespräch - Foto: © 2014 by Schattenblick

Gerda Münnich
Foto: © 2014 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Frau Münnich, wie sind Sie zu einer Gemeinschaftsgartenaktivistin auf dem Tempelhofer Feld geworden und warum spielt Berlin in gewissem Sinne eine Vorreiterrolle in Deutschland im Urban Gardening?

Gerda Münnich (GM): Ich bin vor zwölf Jahren angesprochen worden, als in Berlin nach dem Vorbild der Göttinger internationalen Gärten der erste interkulturelle Garten entstehen sollte. Damals war das noch eine sehr singuläre Idee, aber die Initiatoren waren der Ansicht, daß es auch in Berlin so etwas geben müßte. Vor diesem Hintergrund ist dann 2003 in Berlin mit dem Wuhlegarten in Köpenick der erste interkulturelle Garten eingeweiht worden. In dem Zusammenhang ist auch dieser Begriff geprägt worden und die Stiftung Interkultur entstanden. Seinerzeit wurde in Berlin die Multikulti-Debatte geführt. Auf einmal gab es auf dem 5000 Quadratmeter großen Garten einen Ort, der an den Fernen Osten erinnerte. Überhaupt gestalteten Menschen aus zehn verschiedenen Ländern den interkulturellen Garten. Jeder hatte ein Beet; die Kulturen waren so vielfältig wie das Essen, und alle haben sich vertragen. Sogar Politiker aus den verschiedenen Parteien besuchten den kommunalen Garten, der Nachfolger im ganzen Bundesgebiet fand, nachdem sich das herumgesprochen hatte. Der Common Garden war einer der Wurzeln jener Bewegung, die man jetzt Urban Gardening nennt, mit dem Schwerpunkt, daß Menschen aus anderen Ländern heimische Wurzeln in der Fremde schlagen sollen.

So auf die Kürze könnte ich gar nicht sagen, warum es in Berlin so viele Aktive gibt. Möglicherweise liegt es daran, daß die Vielfalt der Akteure keine Mauern untereinander aufgebaut hat, und es so praktisch gelungen ist, sich in Berlin zu vernetzen. Dies und das neu erweckte Interesse am urbanen Gärtnern haben zu vielen Anfragen geführt. Es war wichtig, das Wissen an die nächste Generation, die nichts mehr davon wußte, weiterzugeben. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, eine Stelle einzurichten, wo man sich informieren konnte. Vor diesem Hintergrund ist die Idee für das Allmende-Kontor entstanden.

Gartenanlage vor Häusersilhouette Neukölln - Foto: © 2014 by Schattenblick

Gemeinschaftsgarten auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof
Foto: © 2014 by Schattenblick

Als der ehemalige Flughafen am 8. Mai 2010 für die Bevölkerung freigegeben wurde, hatte man für drei Areale Pionierprojekte bis zur endgültigen Parkgestaltung und Gesamtplanung ausgeschrieben, die seinerzeit gerade einmal angedacht war. Hier auf der Neuköllner Seite war Integration der Nachbarschaften und Dialog der Religionen das gestalterische Leitbild, während das Areal auf der Tempelhofer Seite für Wissenschaft und Technik vorgesehen war und Sport und Kultur am Columbia-Damm stattfand. Von den über 150 Projektbewerbungen sind am Ende 20 ausgewählt worden, darunter auch unseres. Darauf folgten Einladungen zu Gesprächen, um die Rahmenbedingungen abzustecken. Man überließ uns 5000 Quadratmeter mit der Idee, eine Anlaufvernetzungsstelle vor Ort einzurichten, wo man auf kleinen Seminaren Informationen weitergeben konnte. Darüber hinaus sollte ein Beispiel-Garten ringsherum angelegt werden.

Doch schon beim ersten Gespräch wurde uns verdeutlicht, daß wir weder in die Erde graben noch Zäune aufstellen durften, kein Wasser, keinen Strom und Geld ohnehin nicht bekommen würden, im Gegenteil sogar 5000 Euro pro Jahr - also ein Euro pro Quadratmeter - an das Land Berlin als Nutzungsgebühren zu zahlen hätten. Daraufhin sind wir erst einmal in uns gegangen und haben uns gefragt, ob wir das überhaupt leisten können, sowohl vom Finanziellen als auch vom Konzeptionellen her. Die Fläche ist im April 2011 an uns übergeben worden, und nach vier Wochen waren bestimmt hundert Gärtner hier am Werkeln. Schon nach zweieinhalb Monaten waren alle Flächen bepflanzt, und es standen Leute Schlange, die ebenfalls mitmachen wollten.

Weil die Decke des Flughafens nicht aufgebrochen werden durfte, mußten wir Hochbeete anlegen. Zum Glück hatten wir in den vergangenen Jahren, in denen sich das Gärtnern in der Stadt entwickelt hatte, Erfahrungen mit Hochbeeten sammeln können. Im Grunde kann man überall gärtnern, wo Flächen freistehen. Das hat uns das nötige Know how verschafft, um Hochbeete anlegen und gestalten zu können. Als dann die Leute kamen, um mitzuhelfen, konnten wir ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, um einen Garten von allen für alle herzurichten. Dazu brauchte sich jeder nur eine freie Stelle auszusuchen und ein Beet zu bauen. Eine Normierung der Beete, wie man sie für mobile Gärten in abgemessenen Größen kennt, die dann nur noch mit einem Gabelstapler herangekarrt werden müssen, stand uns nicht im Sinn. So ist denn auch eine erstaunliche Vielfalt erst dadurch entstanden, daß wir nicht reglementiert haben. Auf diese Weise konnte jeder seine Kenntnisse, Fähigkeiten und Vorlieben mit einbringen.

Überdachtes Holzbauwerk mit Anschlagtafel - Foto: © 2014 by Schattenblick

Regengeschützter Treffpunkt im Zentrum des Gemeinschaftsgartens
Foto: © 2014 by Schattenblick

SB: Ganz offensichtlich kommen nicht nur Menschen hierher, um zu gärtnern, sondern auch, weil sie sich hier gern aufhalten.

GM: Ja, daher hat der Garten auch ganz bewußt keinen Zaun bekommen. Der Ort, auf dem wir hier sitzen, ist der sogenannte Dorfplatz des Allmende-Kontors. Schon in der Wortgebung - Allmende - für unser Projekt klingt an, daß der Garten ein Gemeingut ist, den jeder nutzen darf. Das war überhaupt die Intention für dieses Projekt. Auch der Dorfplatz ist in seiner Gestaltung von allen zusammen entwickelt worden. Das Material ist recycelt und stammt von den Stegen auf der Schloßplatzbaustelle von Berlin. Auch für die Beete haben wir recyceltes Material genommen, was immens zur Vielfalt beigetragen hat. Man kann sich selbst davon überzeugen, wenn man durch die Beete geht. In dem ersten Beet stand eine Bank. Dieses Arrangement ist in den großen Medien sogar als neues Stadtmöbel-Design beschrieben worden. In der Folge haben einige Leute eine Vielzahl von Sitzmöglichkeiten mitgebracht oder selbst geschaffen. Für eine bestimmte Zeit stehen dann wie hier komfortable Sessel, bis sie abgeräumt werden, wenn sie nicht mehr gut sind.

Diese Offenheit und Freiheit wird von den Berlinern, aber auch von den Besuchern unendlich genossen. All das so zu organisieren, daß es nicht zum Chaos kommt, treibt mich und die anderen an. Unser Trägerverein bringt neue Projekte zum Laufen und entläßt die Initiativen dann wieder in die Selbständigkeit. Nicht zu institutionalisieren ist ein sehr gutes Prinzip. Unser Vertrag mit dem Land Berlin lief drei Jahre bis 2013. Für 2014 haben wir praktisch eine Verlängerung bekommen, geknüpft an die Frage, ob wir weiter hier bleiben wollen. Wir haben erst einmal bejaht, aber das hängt natürlich von der politischen Umsetzung des Volksentscheids ab. Auf diesem Platz sollen nach Maßgabe des Senats eigentlich Bauflächen für neue Wohnquartiere stehen. Deswegen wurde über die Pionierprojekte schon heiß diskutiert und uns vorgeworfen, egoistische Interessen zu verfolgen.

SB: Gegenüber denen, die Häuser bauen und daran verdienen wollen?

GM: Die werden nicht genannt, sondern nur die vielen jungen Leute, die in Berlin ein Dach über dem Kopf brauchen. Nicht erwähnt wird jedoch, daß diese hier nie eine Wohnung bekommen werden, weil der Mietspiegel für sie viel zu hoch sein wird. Wir haben im Juni dieses Jahres einen eigenen Verein gegründet, damit der Gemeinschaftsgarten im Allmende-Kontor eine juristische Form erhält. Die Gärten und Freizeitmöglichkeiten sind vor allem für die Neuköllner wertvoll und wichtig, denn hier leben 150.000 Menschen und über hundert Nationalitäten auf engem Raum mit kaum vorhandenen Grünflächen.

Menschen sitzen am Rande des Tempelhofer Feldes in der Sonne - Foto: © 2014 by Schattenblick

Neuköllner Abendidylle
Foto: © 2014 by Schattenblick

SB: Hat sich an der Lebensqualität der Menschen im Stadtteil Neukölln etwas positiv verändert, weil sie jetzt auf das Tempelhofer Feld gehen können und damit der zunehmenden Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums ein Riegel vorgeschoben wurde?

GM: Ja, es gibt Kontakte mit Quartiersinitiativen und der Bürgerinitiative, die dieses Feld von Anfang an freihalten wollte. Vor allem für türkische Familien, aber auch für Ostasiaten ist das Tempelhofer Feld so etwas wie der Vorgarten von Neukölln. Dieser Ort hat sich zu einem wichtigen kommunikativen Treffpunkt entwickelt, was sich auch in den einzelnen Stufen des Volksbegehrens widerspiegelt. Bei den Unterschriftensammlungen gab es eine große Zahl ungültiger Stimmen, was dadurch bedingt war, daß viele ausländische Einwohner, die kein Wahlrecht besitzen, mit unterschrieben und damit ihr Interesse am Erhalt der Gärten bekundet haben. Der Volksentscheid gegen die Baupläne des Senats, denen die Gärten weichen sollten, bringt die Befindlichkeiten aller Berliner zum Ausdruck. Nun soll ein neues Beteiligungsmodell erarbeitet werden, das die bisherigen Mängel im Umgang mit hohen Kosten zu Lasten der Bevölkerung beheben soll.

Laufschuhe als Blumentopf - Foto: © 2014 by Schattenblick

Endlich angekommen ...
Foto: © 2014 by Schattenblick

SB: Was spricht dagegen, das Tempelhofer Feld so zu belassen, wie es ist?

GM: Das müssen Sie die fragen, die über das Feld befinden. An der Logistik und Organisationsstruktur kann es nicht liegen. Am Haupteingang wie auch an den Nebeneingängen stehen Toiletten, und um das Areal verläuft ein Zaun, der am Anfang für Diskussionen gesorgt hatte. Ich finde jedoch, daß es gut geregelt ist. Die Türen werden bei Sonnenaufgang geöffnet und eine Stunde nach Sonnenuntergang geschlossen. Man kommt nur durch Drehkreuze raus. Ein Wachdienst fährt herum und sorgt für Ordnung, und es gibt eine Parkordnung und Auslaufgebiete für Hunde, was sich sehr bewährt hat. Daneben gibt es besondere Plätze zum Grillen. So könnte es hundert Jahre weitergehen. Wenn Wind aufkommt, lassen alle Windbegeisterten ihre Drachen fliegen, und auch für Leute, die sich auf ein Radrennen vorbereiten, gibt es Strecken. Es ist so viel Platz vorhanden, daß alle zu ihrem Recht kommen. Deswegen ist das Argument vom Eigennutz, das gegen uns vorgebracht wird, einfach lächerlich. Jeder, der auch nur einen Tag hier verbringt, kann sich davon überzeugen, daß dies ein Ort ist, den die Bürger lieben und die Besucher vom ersten Moment an zu schätzen wissen.

Person auf Kasten blickt über das Feld - Foto: © 2014 by Schattenblick

Einfach die Weite genießen ...
Foto: © 2014 by Schattenblick

SB: Befürchten Sie, daß ein Senatsbeschluß gegen die Interessen der Leute hier durchgedrückt wird?

GM: Es stand ein Gesetz zum Volksentscheid, es ging nicht darum, ob bebaut werden soll oder nicht. Die Bürgerinitiative hatte ein Gesetz entworfen, das praktisch beinhaltet, daß das Feld in seiner Natur- und Aufenthaltsqualität erhalten bleiben soll, und es bestimmt, daß ein Pflege- und Entwicklungsplan unter Beteiligung der Bevölkerung zu erarbeiten ist. Dazu wird jetzt am Wochenende die erste größere Versammlung von Interessierten stattfinden. Gegen diesen Entwurf stand ein anderes Gesetz. Vor dem Volksentscheid haben die Pro- und Kontra-Seite heftig um Stimmen gekämpft. In der Art, wie die Kontra-Seite mit zum Teil falschen Fakten oder Halbwahrheiten versucht hat, Stimmung zu machen, habe ich viel darüber mitbekommen, wie sich unsere Parteien zu kommunalen Angelegenheiten positionieren, um über die Runden zu kommen. Daß alles so gekommen ist, wie es ist, stellt ein parteienübergreifendes Fazit dar. Dieser Ort soll so bleiben.

Im vergangenen Sommer waren die Bürgermeister der großen afrikanischen Städte beim Auswärtigen Amt in Berlin und haben im Anschluß das Feld besucht, weil es etwas zum Ansehen ist. Die Afrikaner haben in ihren überfüllten Städten viel mehr Platzsorgen als wir. Als sie das Feld gesehen haben, waren sie überaus glücklich und sagten, so einen Ort müßte jede Stadt haben. Mein Engagement gründet sich darauf, daß an diesem Ort Frieden in der Stadt gestiftet wird. In Neukölln geht es rauf und runter. Steigende Mieten und Gentrifizierung treiben die alten Neuköllner hinaus und die neuen hinein. Die Gärten sind direkt vor der Haustür. Hier gärtnert jeder, und das ist so gesehen ein Anfang.

SB: Frau Münnich, vielen Dank für das Gespräch.

Gartenkarte Gemeinschaftsgärten und urbane Landwirtschaft in Berlin - Foto: 2014 by Schattenblick

Berliner Gartenpower
Foto: 2014 by Schattenblick


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14. November 2014


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