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INTERVIEW/075: Aufbruchtage - und wenn, für alle Menschen ...    Lucia Ortiz im Gespräch (SB)


Angriffsziel Machtstrukturen

Interview am 6. September 2014 an der Universität Leipzig


Lucia Ortiz in Großaufnahme - Foto: © 2014 by Schattenblick

Lucia Ortiz
Foto: © 2014 by Schattenblick

Globaler Süden, globaler Norden - diese Begriffe gehörten alsbald zum terminologischen Handwerkszeug der rund dreitausend Menschen, die an der Vierten Internationalen Degrowth-Konferenz in Leipzig teilnahmen. Die meisten von ihnen waren - was durchaus kritisch bzw. selbstkritisch reflektiert wurde - jung, weiß, akademisch gebildet und stammten aus den reichen Ländern des Nordens. Wenngleich in vielen Referaten und Diskussionsbeiträgen der Standpunkt artikuliert und vertreten wurde, daß Klimaschutzmaßnahmen nicht zu Lasten der Menschen des sogenannten globalen Südens, die am wenigsten für ihn verantwortlich gemacht werden können, aber schon heute am stärksten von seinen katastrophalen Folgewirkungen betroffen sind, durchgesetzt werden dürften, blieb doch die Frage offen, ob nicht auch auf der Konferenz das so ungleiche Verhältnis zwischen Nord und Süd seinen Niederschlag bzw. Widerhall gefunden hatte.

Zu den zumindest in quantitativer Hinsicht unterrepräsentierten Konferenzteilnehmenden aus den Ländern des Südens gehörte die Brasilianerin Lucia Ortiz, Koordinatorin des Programms für ökonomische Gerechtigkeit und gegen Neoliberalismus bei "Friends of the Earth International" [1]. Am 3. September 2014 hatte sie als Referentin an der Podiumsveranstaltung "Klimagerechtigkeit und Degrowth: Gemeinsamkeiten, Widerstände und Alternativen" teilgenommen und ihre Sicht der Dinge dargelegt. Natürlich trete die Klimagerechtigkeitsbewegung gegen den Klimawandel an, doch sie habe dabei vor allem die Menschen des Südens im Blick, die längst im Begriff stehen, ihre Opferrolle abzulegen und als Akteure eines umfassenden gesellschaftlichen und umweltpolitischen Wandels in Erscheinung treten.

Der Einfluß großer Konzerne auf Regierungen und sogar die Vereinten Nationen müsse zurückgedrängt werden, so Ortiz, die sich gegen eine grünbemantelte Ökonomie aussprach wie auch gegen einen Umwelt- bzw. Klimaschutz, der zu Lasten von Menschen, die beispielsweise im brasilianischen Regenwald lebten, durchgeführt werde. Dazu sage sie Nein, und solange dies so sei, müsse gegen den Extraktivismus genauso gekämpft werden wie gegen diese Art von Wachstum und Entwicklung; Ja sagen könne sie zu vielen anderen Dingen wie zum Beispiel die kleinbäuerliche Landwirtschaft oder das Prinzip der Nahrungssouveränität.

Lucia Ortiz nahm am Abschlußtag der Konferenz auch an der Podiumsdiskussion zu der Frage "Wie geht es weiter?" teil. Im Anschluß daran konnte der Schattenblick im Gespräch mit ihr einige der aufgeworfenen Fragen vertiefen. Zur Sprache kamen das Vorgehen großer Agrar- bzw. Minengesellschaften im Streit um Wasser und Land wie auch die Kämpfe der davon betroffenen Menschen, aber auch die Bedeutung der Leipziger Konferenz für das Zusammenwachsen der Degrowth- und der Klimagerechtigkeitsbewegung.


Die vier Genannten am Tisch sitzend, Lucia Ortiz spricht - Foto: © 2014 by Schattenblick

Zum Ende der Konferenz die Frage: Wie geht es weiter? Christopher Laumanns, Andrea Vetter, Lucia Ortiz und Giorgos Kallis auf dem Abschlußpodium
Foto: © 2014 by Schattenblick

Schattenblick: Sie koordinieren bei "Friends of the Earth International" das Programm für ökonomische Gerechtigkeit und gegen Neoliberalismus. Das wirft die Frage auf, ob Ökonomie überhaupt gerecht sein kann. Besteht Ihrer Ansicht nach ein Widerspruch zwischen Ökonomie und Gerechtigkeit?

Lucia Ortiz: Ja, auf jeden Fall. Wir diskutieren bei diesem Thema darüber, was wirtschaftliche Gerechtigkeit bedeuten würde und fragen, ob es überhaupt möglich ist, so etwas innerhalb des dominierenden politischen Systems, in dem wir leben, zu realisieren. Wir sagen, daß wir nach einer Welt streben, die frei ist von allen Formen der Ausbeutung, Bevormundung und Dominanz. Doch das ist genau die Art und Weise, wie der Kapitalismus funktioniert. Er lebt von der Ausbeutung arbeitender Menschen und dem Raubbau an der Natur auf der Basis von Akkumulationszwängen und ungerechten wie illegitimen Beziehungen zwischen den verschiedenen Rassen, den Geschlechtern und so weiter. Wir sprechen sehr viel darüber, wie da ein Gleichgewicht hergestellt werden könnte, um ein einigermaßen harmonisches Zusammenleben zu ermöglichen. Dabei kommen wir zu keinem anderen Ergebnis, als daß diese Machtstrukturen zum Angriffsziel gemacht werden müssen. Das ist auch der Grund, warum wir uns mit unseren Kampagnen, ob es nun um konkrete Problemlösungen geht oder darum, dauerhaft nachhaltige Lebensbedingungen für alle Menschen zu schaffen, in den Rahmen einer breiteren Bewegung, die auf einen Systemwechsel abzielt und hinarbeitet, gestellt haben.

SB: Wasser und damit auch die Trinkwasserversorgung ist in vielen Teilen der Welt infolge des Klimawandels und der vielfältigen Verschmutzungen und Schädigungen der Umwelt ein Riesenproblem. Halten Sie es für eine realistische Möglichkeit, innerhalb der vorherrschenden Wirtschaftsordnung am Wassersystem und den ihm zugrundeliegenden Eigentumsverhältnissen etwas zu ändern? Und wie ist es Ihrer Meinung nach in dieser Frage um das Konzept Degrowth bestellt?

LO: Speziell über Degrowth habe ich mir im Zusammenhang mit der Wasserfrage noch nicht viele Gedanken gemacht. Bei "Friends of the Earth International" konnten wir natürlich viele Erfahrungen mit dem Kampf ums Wasser sammeln. Wir haben eine Publikation mit dem Titel "Drivers of Financialisation of Water" [2] herausgegeben. Aus dem Netzwerk unserer Mitgliedsgruppen sind uns etwa 14 verschiedene Fälle solcher Kämpfe bekannt. In einigen hat sich herausgestellt, daß Menschen in Situationen, in denen es keine Investoren gab und der Staat sich nicht einmischte, die Wasserversorgung selbst organisieren konnten und ein dezentrales System mit kollektiv betriebenen Wasserleitungen geschaffen haben. Es ist ihnen wirklich gelungen, in ihren jeweiligen Gebieten Gemeinschaften aufzubauen, die die Wasserversorgung in guter Qualität und mit einer für die Grundversorgung der Menschen ausreichenden Menge und Zufuhr gewährleisten können.

Doch jetzt befinden sie sich in der Situation, daß entweder der Staat ihr System übernehmen will oder private Unternehmen die Fühler danach ausstrecken. Die Menschen in den Gemeinschaften sagen aber: "Nein, das wollen wir nicht. Wir streben nicht nach Entwicklung und sind stolz auf das, was wir aufgebaut haben." Meiner Meinung nach gibt es viele Wege, wie sich, wenn man sich ernsthaft um das Problem kümmert, sinnvolle Systeme der Wassernutzung und -verteilung aufbauen und organisieren lassen, ohne daß man dafür wirtschaftliches Wachstum bräuchte. Umgekehrt jedoch, wenn man also Wirtschaftswachstum hat und agrarindustrielle Plantagen, wird das Wasser nie für alle reichen, denn es wird weggepumpt und aus seinem Lauf gebracht, um es zu den Großanlagen umzuleiten. Dort wiederum werden eine Menge Pestizide und Agrochemie verwendet mit der Folge, daß das Wasser für die Menschen nicht mehr als Trinkwasser geeignet ist. In den Städten geschieht natürlich dasselbe.

Um ihren Profit zu steigern, schlagen die Konzerne den Regierungen vor, mit Hilfe von Weltbankmaßnahmen eine Veränderung der Wasserpolitik durchzusetzen und die autonomen Wassergemeinschaften den städtischen Großsystemen einzuverleiben. Auf diese Weise wird die Wasserversorgung in den ländlichen Regionen und kleineren Städten sehr viel teurer, und am Ende führt das zu einer vollständigen Privatisierung des Wassers. Das ist ein Beispiel für eine Entwicklung, die bereits in ganz Lateinamerika anzutreffen ist. Seit den erfolgreichen Kämpfen im bolivianischen Cochabamba [3] konnte sie dort jedoch - zumindest in einigen Ländern - aufgehalten werden. Ich bin also der Meinung, daß man keine Degrowth-Bewegung braucht, um den Kampf ums Wasser zu führen, und ganz bestimmt braucht man kein Wirtschaftswachstum, um die Wasserversorgung und -verteilung zu organisieren.

SB: Angesichts der von Ihnen erwähnten Kämpfe ums Wasser möchte ich auf Repression zu sprechen kommen. Einmal angenommen, eine Regierung oder auch eine große Agrargesellschaft ist sehr daran interessiert, die Wasserrechte in einem bestimmten Gebiet zu bekommen. Hat es Ihrer Kenntnis nach schon Fälle staatlicher Verfolgung oder Übergriffe unbekannt gebliebener Täter gegeben, bei denen vermutet werden könnte, daß protestierende Menschen auf diese Weise aus dem Weg geschafft werden sollten?

LO: In Lateinamerika wird viel Bergbau betrieben. Es werden Metalle abgebaut, zum Beispiel Gold. Meiner Meinung nach ist das auch eine Form der Wasserprivatisierung, weil dabei den vor Ort lebenden Menschen der Zugang zum Wasser verwehrt wird, denn es wird verschmutzt und ist als Trinkwasser nicht mehr zu gebrauchen. Noch schlimmer ist, daß sich die Minengesellschaften an Projekten unternehmerischer Sozialverantwortung [4] beteiligen, indem sie in anderen Gegenden Wald aufkaufen, um zu behaupten, daß sie das Wasser schützen. Auf diese Weise betreiben sie in doppelter Hinsicht Landgrabbing. Sie beuten das Gebiet für den Bergbau aus, und dann holen sie sich noch ein weiteres Stück Land, um einen Biodiversitäts-Ausgleich [5] zu machen. Wegen dieser Art naturfinanzierter Ausbeutungsmechanismen machen wir uns große Sorgen.


Sumpflandschaft mit 'golden' verfärbtem Boden - Foto: By User: Abramovich (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

Nach 10 Jahren Goldabbau - Aufnahme vom 14. Mai 2006 einer als renaturiert geltenden Zone bei Maqui (Peru)
Foto: By User: Abramovich (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

Der Widerstand gegen diese Projekte ist gewaltig. In einigen Regionen der Anden müssen die Abbauunternehmen sogar die Gletscher abschmelzen, um an die metallischen Rohstoffe heranzukommen. Doch es gibt viele Organisationen, die sich dagegen zur Wehr setzen. Zu der Konferenz hier in Leipzig sind Menschen aus dem peruanischen Cajamarca gekommen. [6] Mar Daza, eine Aktivistin aus der feministischen Bewegung Lateinamerikas, berichtete in einer Veranstaltung [7] von den Kämpfen in Cajamarca, an denen sie teilgenommen hat.

Bei "Friends of the Earth International" haben wir eine Solidaritätskampagne gemacht für Menschen in El Salvador und in Guatemala, die nicht nur protestiert, sondern die Zufahrtswege blockiert haben, die die Konzerne benutzen, um zu den Minen zu gelangen. Dabei sind viele Menschen ins Gefängnis gekommen, einige wurden sogar getötet. Wir haben einen Bericht erstellt über 40 Fälle, in denen es um solche Kämpfe ging und an denen unsere Mitgliedsorganisationen beteiligt waren. Das betrifft zwar nicht die ganze Welt, aber es regt sich doch überall Protest und Widerstand. Seit zwei Jahren berichten wir über die Gefahren und Bedrohungen, denen die Umwelt-NGOs, unsere eigene Bevölkerung, die Anführer der Proteste und die lokalen Gemeinschaften ausgesetzt sind. Auf Realworldradio.fm [8] haben wir alle Fälle von Sozial- und Umwelt-Aktivisten, die in Gefahr sind, dokumentiert.

SB: Was halten Sie von der Idee einer Süd-Süd-Kooperation ähnlich der Zusammenarbeit zwischen den lateinamerikanischen Staaten? Es gibt bereits Beispiele für eine kontinentale Grenzen überschreitende Solidarität, ging doch vor kurzem die Meldung durch die Medien, daß die Regierung Venezuelas eine Aktion zur Unterstützung palästinensischer Kinder auf den Weg gebracht habe. Wie denken Sie über solche Ansätze?

LO: Wo immer ich hinkomme, wenn ich die Mitgliedsorganisationen von "Friends of the Earth International" besuche, ob in Lateinamerika oder Afrika, treffe ich auf Menschen mit einem klaren Standpunkt zu dem so ungleichen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, denen das Recht auf ihr eigenes Territorium nicht zugestanden wird. Die Vereinten Nationen, die eigentlich der wichtigste Platz für demokratische Regierungen sein sollten, tun nichts, um dieses Gewaltverhältnis zu beenden, auch sie erkennen das Recht der Palästinenser auf ihr Land nicht an.

Die militärische Stärke Israels ist immens, sie wird sogar ins Ausland exportiert. Für die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien beispielsweise hat unsere Regierung eine Partnerschaft mit israelischen Unternehmen geschlossen, um militärische Einheiten aufzubauen, die die Proteste unterdrücken und die FIFA und andere Konzerne schützen. Dieses Sicherheitsmodell wird von Israel in andere Länder verkauft. Es ist nicht zu vergleichen mit Menschen, die darum kämpfen, ihr Gebiet zu verteidigen. Dabei geht es häufig auch ums Wasser. Im Gazastreifen beispielsweise gibt es ein israelisches Unternehmen, daß den Menschen, die dort leben, den Zugang zum Wasser verwehrt und Partnerschaften mit Argentinien, Mexiko und Brasilien, in denen es um neue Wassertechnologien geht, geschlossen hat. Wir nennen das "Wassergier-Techniken". Ich meine, daß es da ein völliges Ungleichgewicht gibt, ungerecht und unfair. Wir sprechen hier nicht über verschiedene Religionen oder Rassen, sondern um die Asymmetrie von Macht und Gewalt. Ich habe auf den Friedenscamps überall in der Welt schon viele jüdische Menschen getroffen, die das nicht gutheißen und nicht verteidigen würden.

Ich war wirklich schockiert, als ich hierher nach Leipzig gekommen bin und die Menschen nicht einmal erwähnt haben, daß dieser Konflikt stattfindet. [9] Ich bin in Akre [10] im Herzen Amazoniens gewesen und habe dort Menschen getroffen, die gesagt haben: "Wir hier in Akre sind Gazastreifen. Wir leben in einem eingezäunten Gebiet, das eigentlich unser Gemeingut ist. Wir erfahren Gewalt und versuchen, den Wald zu verteidigen. Wir führen dieselben Kämpfe um unser Territorium, um Wasser und das fruchtbare Land, das uns genommen wurde." Diese Menschen sind mit repressiver Gewalt konfrontiert, erleben aber auch viel Solidarität. Es hat mich wirklich erstaunt, daß das hier auf der Konferenz kein Thema war.


Riesengroße Baumwurzeln inmitten des Regenwaldes - Foto: By Daderot (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Solidarität mit den Menschen im Gazastreifen inmitten des brasilianischen Regenwaldes
Foto: By Daderot (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

SB: Ich habe Leute aus Lateinamerika sagen hören, Degrowth sei nicht radikal genug. Wie ist Ihre Meinung dazu?

LO: Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß Degrowth für uns von Interesse ist, um dem Wachstumszwang entgegenzutreten und all diese Fragen zu reflektieren. Ich glaube auch, daß das für das herrschende System bereits ein Störfaktor ist, und das finde ich gut so. Die Inhalte von Degrowth sind von Mensch zu Mensch verschieden, als Bewegung ist das noch gar nicht voll ausgereift. Auf der Konferenz gab es verschiedene Ansichten. Manche sagen, Degrowth sei anti-kapitalistisch, andere sehen das nicht so. Es gibt sowohl die Perspektive, Kapitalisten zu bekämpfen, als auch die, verändernd auf sie einwirken zu wollen.

Ich glaube, das variiert je nach persönlichem Hintergrund oder politischer Bildung. Dementsprechend wird nach einer makroökonomischen, globalpolitischen oder einer den gesamten Planeten erfassenden wissenschaftlichen Perspektive gesucht, das können dann ganz unterschiedliche Ansätze sein. Deshalb ist diese Konferenz aber auch so wichtig für uns, damit wir Modifikationen vornehmen können an dem politischen Kontext, so wie wir ihn bisher gesehen haben. Dann erst können wir darüber sprechen, ob wir alle zusammen überhaupt dasselbe meinen, ganz egal, welchen Namen die Bewegung dann trägt. Das kann "Degrowth" sein, das kann aber auch "Klimagerechtigkeit" sein oder sonst ein Begriff, der für einen Systemwandel steht. Das könnte sogar irgendein Bewegungsname sein.

SB: Glauben Sie, daß eine solche Bewegung, egal wie sie heißt, noch wachsen muß, bevor sie das System tatsächlich verändern kann?

LO: Aber ja. Das muß keine Bewegung zu Degrowth oder für Klimagerechtigkeit sein. Hauptsache, es ist eine größere Bewegung für einen Wandel, in dem wir all die Prinzipien, um die es uns geht, wiedererkennen können. Bis dahin haben wir aber noch sehr viel Arbeit vor uns, um die Macht der Konzerne zu brechen. Es reicht nicht zu denken, wir verändern unser Leben, und damit ist es dann getan. Da müssen beide Ebenen zusammenkommen. Am Ende werden die Menschen ein anderes Bewußtsein haben, weil sie die Ideologie des Neoliberalismus einfach nicht mehr akzeptieren. Sie werden ihr Konsumverhalten ändern und die Konzerne nicht länger bestehen lassen wollen, weil es für die in einer anderen Gesellschaft keinen Platz mehr gibt.


Lucia Ortiz spricht - Foto: © 2014 by Schattenblick

Während des Interviews
Foto: © 2014 by Schattenblick

SB: Eine letzte Frage noch zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Wie sieht Ihr Fazit jetzt - einige Monate später - aus?

LO: Es war ein Desaster. Zuvor hat es drei Jahre lang Kämpfe der Menschen gegeben, die aus den zwölf Städten und späteren Austragungsorten vertrieben und gewaltsam entfernt wurden. Wichtig ist, daß sie dadurch vereint wurden. Diese Kämpfe haben im ganzen Land die Menschen zusammen- und einen wunderbaren nationalen Standpunkt zum Ausdruck gebracht - gegen die FIFA, aber auch gegen die Macht der Konzerne, gegen die Inbesitznahme der Städte durch die Unternehmen und, ganz generell, gegen die Militarisierung unserer Städte, ja der ganzen Gesellschaft. Die Menschen sind zusammengekommen und haben ihre Erfahrungen ausgetauscht aus den Kämpfen für öffentliche Verkehrsmittel, gegen die Privatisierung öffentlicher Räume wie Märkte oder Plätze und so weiter. Sie tauschen sich über Fragen des städtischen Gartenbaus ebenso aus wie über eine andere Landwirtschaft und alternative Lebensweisen, die Möglichkeiten und Probleme gemeinsamer Kinderbetreuung oder Care-Ökonomie.

Über einhunderttausend Menschen wurden aus ihren Häusern und Stadtteilen entfernt, doch der Kampf um Gerechtigkeit ist noch nicht zu Ende. Diese Leute müssen wirklich neue Häuser und Wohnungen bekommen und in ihre gewohnte Umgebung zurückkehren können. Glücklicherweise ist die Weltmeisterschaft vorbei, aber der Widerstand geht weiter für die Menschen, die ihre Lebensgrundlage verloren haben.

SB: Herzlichen Dank, Frau Ortiz, für dieses Gespräch.


Fußnoten:


[1] "Friends of the Earth International" ist ein internationaler Zusammenschluß von Umweltschutzorganisationen aus 76 Ländern mit über zwei Millionen Mitgliedern und Unterstützern. Pro Staat kann in diesem Verbund nur eine Organisation vertreten sein, in der Bundesrepublik Deutschland ist das der "Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland" (BUND). "Friends of the Earth" wurde 1971 von Organisationen aus England, Frankreich, Schweden und den USA gegründet und bekennt sich zu dem Prinzip der Unabhängigkeit von politischen Parteien und wirtschaftlichen Interessengruppen.

[2] Die Publikation "Drivers of Financialisation of Water" vom 10. November 2013 kann heruntergeladen werden auf der Webseite von "Friends of the Earth International":
http://www.foei.org/resources/publications/publications-by-subject/economic-justice-resisting-neoliberalism-publications/economic-drivers-of-water-financialization/

[3] Cochabamba ist die viertgrößte Stadt Boliviens und Hauptstadt des gleichnamigen Departamentos. Der Name stammt aus der Quechua-Sprache und bedeutet "sumpfige Ebene". Ende der 1990er Jahre wurde die öffentliche Wasserversorgung in der Stadt Cochabamba - wie an vielen anderen Orten in der sogenannten Dritten Welt auch - infolge neoliberaler und vom Internationalen Währungsfonds erzwungener Strukturreformprogramme privatisiert. Im Jahr 2000 kam es zu einem "Wasserkrieg", in dem eine soziale Bewegung, nachdem die Wasserpreise ohne Subventionen für die Armen gestiegen waren, die Rücknahme der Privatisierung sowie den Rückzug eines internationalen Wasserkonsortiums erzwingen konnte. Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, in deren Verlauf sieben Menschen starben und hunderte verletzt wurden, hatte die damalige Regierung Boliviens im April 2000 sogar das Kriegsrecht über die Stadt verhängt, kurz bevor sie die Privatisierungsmaßnahmen zurücknahm.

Der zweite "Wasserkrieg" von 2004/2005 nahm in El Alto, der zweitgrößten Stadt Boliviens, unter ganz ähnlichen Voraussetzungen, sprich der Privatisierung des Wassers zu Bedingungen, durch die vielen Armen der Zugang verwehrt wurde, seinen Anfang, vereinte sich dann jedoch mit den Protesten gegen den geplanten Ausverkauf der nationalen Gasressourcen. Die Protestierenden in El Alto blockierten die Stadt und die großen Überlandstraßen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Im Ergebnis führten der Wasser- und Gaskrieg zu einem politischen Wandel. 2005 wurde mit Evo Morales ein "indigener" sozialistischer Präsident gewählt, der sich dem Forderungsdiktat internationaler Organisationen nicht zu beugen bereit ist und bis heute für das neue Lateinamerika steht.

[4] Mit dem Begriff "Unternehmerische Sozial- oder Gesellschaftsverantwortung" (Corporate Social Responsibility - CSR) werden (angeblich) freiwillig von Wirtschaftsunternehmen geleistete Beiträge für eine nachhaltige Entwicklung umschrieben. Die Freiwilligkeit bezieht sich darauf, daß diese unternehmerischen Schritte über das Maß gesetzlich verlangter Maßnahmen hinausgeht. Dieser Begriff wird der Unternehmensethik, in der nach der gesellschaftlichen Verantwortung der Konzerne gefragt wird, zugerechnet. Doch ändern derartige Konzepte, mit denen Unternehmen sich als gesellschaftlich und sozial verantwortungsbewußt präsentieren können, etwas an ihren grundlegenden Interessen?

[5] Bei Eingriffen in die Biodiversität sollen Restbeeinträchtigungen, nachdem alle Möglichkeiten, Schäden und Verluste zu vermeiden, zu minimieren bzw. wiederherzustellen, erschöpft wurden, zumindest ausgeglichen werden durch einen Biodiversitäts-Ausgleich (offset). Kritiker sehen darin eine Erlaubnis, die Natur zu zerstören.

[6] Cajamarca ist der Name der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, die in der Region Cajamarca in Peru liegt. In diesem Gebiet gibt es viele Bergwerke, unter anderem auch eine Goldmine, die als die profitabelste der Welt gilt und gegen die Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen seit Jahren protestieren. Stein des Anstoßes ist neben der Verknappung des Wassers und der Böden die Kontamination der Umwelt durch Natriumcyanid, das bei der Goldgewinnung anfällt, und Schwermetallschlämme. Gegen den Ausbau der Goldmine hat die Bevölkerung im Juni 2012 einen friedlichen Generalstreik durchgeführt. Ungeachtet der großen Goldvorkommen zählt Cajamarca zu den ärmsten Regionen des Andenstaates.

[7] Am 4. September 2014 nahm Mar Daza als Referentin an einer Special Session der Degrowth-Konferenz zu Entwicklung und Extraktivismus aus feministischer Sicht ("Beyond development and resource extractivism: Feminist perspectives") teil. Das Thema ihres Referats lautete: "A dialogue with feminisms: Mining, social movements and horizons of transformation" (Im Dialog mit dem Feminismus - Bergbau, soziale Bewegungen und der Ausblick auf Transformation).

[8] Radio Mundo Real oder Real World Radio (RWR) ist eine mehrsprachige Radiostation im Internet, die in enger Kooperation mit "Friends of the Earth International" steht. RWR wurde im September 2003 als eine Initiative zur Unterstützung der Proteste und des Widerstands gegen die fünfte Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation gegründet. Seitdem versteht es sich als weltweites Sprachrohr sozialer, indigener und kleinbäuerlicher Aktivisten und Graswurzelinitiativen. Die Beiträge werden auf englisch, spanisch, französisch, italienisch und portugiesisch angeboten.
www.radiomundoreal.fm

[9] Anfang September 2014, als die Degrowth-Konferenz in Leipzig stattfand, war der jüngste Gaza-Krieg, der nach 50 Kriegstagen durch einen formalen Waffenstillstand am 26. August beendet werden konnte, in Medien und Öffentlichkeit noch präsent. Einem Bericht der Deutschen Welle vom 24. Dezember 2014 zufolge wurden 2155 Palästinenser getötet und über 11.000 verletzt, auf israelischer Seite kamen mehr als 70 Menschen ums Leben. Im Gazastreifen waren durch die Bombardierungen von Wohnhäusern, Schulen und der Infrastruktur zehntausende Menschen obdachlos geworden. Nach Angaben von Adnan Abu Hasna, dem Sprecher des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) im Gazastreifen, waren Ende 2014 850.000 Flüchtlinge von der humanitären Hilfe der UN-Organisationen sowie privater und staatlicher Hilfswerke abhängig, die ihnen Wasser und Lebensmittel und Gelder für die Unterbringung und den Wiederaufbau zur Verfügung stellen.
http://www.dw.de/die-katastrophe-nach-dem-krieg-in-gaza/a-18141640

[10] Acre, der westlichste Bundesstaat Brasiliens, liegt im Südwesten des brasilianischen Amazonasbeckens.


Bisherige Beiträge zur Degrowth-Konferenz in Leipzig im Schattenblick unter
www.schattenblick.de → INFOPOOL → BÜRGER/GESELLSCHAFT → REPORT:

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6. März 2015


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