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INTERVIEW/083: Klimacamp trifft Degrowth - Fußfalle Profession ...    Jörg Bergstedt im Gespräch (SB)


Ohne politische Streitkultur keine wirksame Positionierung

Klimacamp und Degrowth-Sommerschule im Rheinischen Braunkohlerevier 2015


Die kapitalistische Gesellschaftsordnung überwinden zu wollen und in ihr zu leben, jede Form von Herrschaft abzulehnen und in hierarchische Strukturen eingebunden zu sein, die Zerstörung der Natur zu bekämpfen und sie mit dem eigenen Stoffwechsel zu betreiben - wer sich einmal aufmacht, als inakzeptabel erkannte Verhältnisse grundlegend zu verändern, sieht sich mit Widersprüchen konfrontiert, für die Menschen, die ihren Frieden mit den sie bedingenden Verhältnissen gemacht haben, nicht einmal eine Sprache haben. Diese auf den Begriff zu bringen, tut schon deshalb not, weil das Feld sonst Akteuren überlassen bleibt, deren materielle Ausstattung und staatskonformer Legalismus einen kaum wettzumachenden Startvorteil beinhaltet. Die angeblich auf Augenhöhe mögliche Aushandlung kontroverser Themen setzt einen Grad an Institutionalisierung und eine Bereitschaft zur Ausübung von Stellvertreterpolitik voraus, die sich bereits als Initiation in die Sphäre systemstabilisierender Funktionseliten auswirken können.

Daß eindeutige Stellungnahmen in einer evasive und opportunistische Manöver aller Art nicht nur stillschweigend hinnehmenden, sondern als besonders entwickelte Überlebensintelligenz preisenden Gesellschaft mächtige Gegner auf den Plan rufen, kann in Anbetracht des Handlungsbedarfs, den Staat und Kapital zur Befriedung virulenter Widerspruchslagen ausmachen, nicht erstaunen. Wer heute beansprucht, den herrschenden Verhältnissen mit gebotener Radikalität zu Leibe zu rücken, trifft an fast jeder Front auf sozialstrategisch, PR-technisch und massenmedial hochgerüstete Gegner. Das Arsenal der Konterstrategien ist in neoliberalen Marktgesellschaften hoch entwickelt, weil die Akteure an der Meinungsfront auf einen in Jahrzehnten stetig angewachsenen Fundus wirksamer Techniken des Social Engineering und der Marktforschung, des Konsens- und Akzeptanzmanagements sowie anderer sozialwissenschaftlich erforschter Methoden zur Konditionierung des Menschen auf die freiwillige Übernahme fremdbestimmter Normen und Werte im Rücken haben. Die Adressatinnen und Adressaten herrschaftsichernder Verfügungsformen sind zudem um so leichter zu erreichen, als sich ihre materielle Existenz im freien Fall nach unten befindet. Wo sich die Schlinge notgedrungener Sozialversorgung immer enger zusamenzieht und die Peitsche sozialdarwinistischer Konkurrenz blinde Wut auslöst, haben es emanzipatorische Formen des sozialen Widerstands schwer.

Nicht nur sozialrevolutionäre Bewegungen sind mit einem Herrschaftsapparat konfrontiert, der aus den historischen Erfahrungen gescheiterter Aufstände und konterrevolutionärer Entwicklungen schöpft. Auch im weiten Feld des ökologischen Aktivismus und sozialer Bewegungen finden sich Grauzonen, in denen schwer zu entscheiden ist, ob das eigene Anliegen nicht Gefahr läuft, denjenigen Interessen zuzuarbeiten, gegen die man ursprünglich angetreten ist. Die aus der linken Geschichte bekannte Debatte um die Dialektik von Reform und Revolution erhält im ökologischen Aktivismus eine grün eingefärbte Neuauflage, wie die Diskussion um das Für und Wider des Grünen Kapitalismus belegt.

Da diese Auseinandersetzung insbesondere dort intensiv geführt wird, wo radikale und avantgardistische Ziele verfolgt werden, gebührt ihr besondere Aufmerksamkeit. Das Beharrungsvermögen Mensch, Tier und Natur ausbeutender und zerstörender Interessen markiert gewissermaßen den Stand der sozialstrategischen Produktivkraftentwicklung und ideologischen Vereinnahmung. Da die Stärke des sozialen Widerstands im solidarischen Einstehen füreinander und im kollektiven Handlungsvermögen liegt, gehört das alte Prinzip Divide et Impera zur Basisrezeptur erfolgreicher Herrschaftssicherung. So wurden in den letzten Jahren in den sozialen Bewegungen der EU zahlreche verdeckte Ermittler von Polizei und Staatsschutz enttarnt, die zumindest dafür sorgen, daß das gegenseitige Mißtrauen anwächst. Was die Hardware klassischer Polizeiarbeit mit erheblichem Aufwand betreibt, das erledigt die Software der Professionalisierungsprogramme staatlicher Universitäten und zivilgesellschaftlicher Institutionen auf elegantere und nachhaltigere Weise.

Mit den Widersprüchen zwischen idealistischem Engagement und berufständischer Praxis setzt sich auch der langjährige Aktivist Jörg Bergstedt intensiv auseinander. Mit seinen Erfahrungen und Einschätzungen, von denen er dem Schattenblick auf dem Klimacamp im Rheinischen Braunkohlerevier berichtete, legt er eine Streitbarkeit an den Tag, die überall dort indiziert ist und produktiv wird, wo die kollektive Amnesie den Frieden der Hütten predigt, obwohl diese längst in Brand stehen. Wie auch immer seine Kritik im einzelnen zu bewerten sein mag, sie trägt dazu bei, die aus naheliegenden Gründen eher unterentwickelte Debatte um das Verhältnis von Bewegung und Beruf, von Radikalität und Opportunismus zu beflügeln.


Schattenblick (SB): Jörg, deine Geschichte als Aktivist ist eng mit der Entwicklung der Projektwerkstätten verknüpft. Handelt es sich dabei eher um kollektive Strukturen, die sich kontinuierlich entwickelt haben, oder überwiegt das fluktuierende Element?

Jörg Bergstedt (JB): Die Strukturen sind sehr fluktuierend. Tatsächlich wäre es falsch, von einem Kollektiv auszugehen. Die Idee der Projektwerkstätten wurde 1990 aus einer damals sehr stark ökoanarchistisch orientierten Jugend- und Umweltbewegung geboren. Diese Jugendverbände hatten sich stark gegen die Staatsnähe ihrer Umweltorganisationen radikalisiert. Wir bildeten gewissermaßen ihren Jugendzusammenhang und haben zunächst einmal in den damals noch insgesamt sehr jungen selbständigen Jugendorganisationen die Idee von enthierarchisierter und projektorientierter Arbeit umgesetzt. Auf diese Weise sind wir in einen schweren Konflikt mit den Erwachsenenverbänden, also BUND und Naturschutzbund - damals hieß er noch Deutscher Bund für Vogelschutz - geraten.

1990 kam es dann zum Bruch. Teilweise sind wir auch ausgeschlossen worden. Jedenfalls haben sie ihre Jugendverbände zwangsaufgelöst. Daraufhin standen wir vor der Überlegung, wie wir uns jetzt neu organisieren. Mit Hierarchien und Verbandsmitgliedschaften, wie sie auch heute politischen Bewegungen sehr stark im Wege stehen, indem alle ihr Label und ihre Kontonummer zeigen wollen wie auch Riesenmengen von Hauptamtlichen finanzieren müssen, wollten wir nichts zu tun haben, sondern etwas ganz anderes schaffen.

Nach einigem Ausprobieren kamen wir auf die Idee, überall im Land offene Häuser einzurichten, die mit Aktionsmaterialien, also Druckerei, Theaterwerkstatt, Sabotagematerial, Schweißerei, Bibliotheken, Seminarräumen, Küchen, Übernachtungsplätzen und allem, was man braucht, um unabhängig aktiv zu sein, ausgestattet sind. Wir haben das Experiment der offenen Aktionsplattformen - wenn man die dahinterstehende Idee erweitert - auch als Offene-Räume-Debatte bezeichnet. Es sollte keinen Schlüssel und kein Plenum geben oder daß eine Gruppe irgendeine Art von Entscheidungsgewalt besaß. Wir sind explizit antibasisdemokratisch orientiert gewesen, weil wir das Streben nach Dominanz und die ganzen Ränkespielchen, die in solchen Strukturen immer ablaufen, von Grund auf ablehnen.

In ihrer Blütezeit gab es bundesweit 50 Projektwerkstätten mit einem Organisierungszusammenhang von sicherlich 10.000 aktiven Jugendlichen. Aber ab 1995, nachdem alles fünf Jahre lang sehr gut gelaufen war, zeichneten sich klar erkennbare Kommerzialisierungstendenzen ab, wo Leute anfingen, mit dem so erworbenen Potential Karriere zu machen. Die modernsten Teile hierarchischer Bewegungen sind auf Projektwerkstätten zurückzuführen wie zum Beispiel Campact. Daß diese Organisation in Verden angesiedelt ist, kommt daher, daß dort eine der großen Projektwerkstätten stand. All diese militanten Ökoanarchisten sind heute gewandelt zu dem kommerziellsten Teil der politischen Bewegung.

SB: Was ist deiner Ansicht nach an Campact kommerziell?

JB: Um ein Beispiel zu nennen: Eine Organisation, die bei ihren Kampagnen zunächst einmal durch eine Anzahl zufallsgenerierter Tests prüft, ob eine Kampagne erfolgreich läuft und es genügend Resonanz auf dem Spendenkonto gibt, und erst dann bereit ist, sie durchzuführen, ist in meinen Augen kommerziell. So werden schwieriger zu vermittelnde und daher unpopuläre Kampagnen gar nicht erst angefangen. Auf diese Weise arbeiten eigentlich Firmen, das hat nichts mehr mit Politik zu tun, wo es insbesondere darauf ankommt, Bevölkerungsgruppen zu unterstützen, die marginalisiert oder diskriminiert werden. Das würde Campact nie machen.

Daß Campact jetzt hier auf dem Klimacamp in Erscheinung tritt, liegt daran, daß die Braunkohlebewegung breit und dominant in der öffentlichen Wahrnehmung verankert ist. Und ich habe keine Probleme, mir vorzustellen, daß Campact diese Bewegung mit seinen Professionalitäten komplett unter Kontrolle bekommen und ganz schnell zur führenden Antibraunkohlebewegung avancieren wird. So arbeitet Campact, das ist eine Unternehmenskultur und Firma, die gutes Gewissen verkauft, was sie durchaus sehr gut machen. Schon deshalb, weil es ehemalige militante Anarchisten sind, die genau wissen, wie Herrschaft funktioniert. Man könnte sagen, daß sie die Seite gewechselt haben, aber das wäre ungenau formuliert, denn tatsächlich stehen sie nicht auf der Seite eines autoritären Staates, sondern haben vielmehr mit der Professionalisierung von Proteststrukturen etwas Neues geschaffen, was es vorher noch nicht gab.

SB: Was sagst du zu dem Argument, daß Campact mit der Kampagne gegen das TTIP immerhin dafür sorgt, daß ein EU-Referendum durchgeführt wird und diese wertvolle Arbeit in irgendeiner Weise bezahlt werden muß?

JB: Zweierlei: Zum einen wäre dies kein Argument, den Leuten nicht gleichzeitig auch zu vermitteln, daß es als Teil eines Aktionskunstwerkes dazu gehört, nicht nur E-Mail-Klicks zu machen, sondern auch selber Aktivitäten zu organisieren, also Leute zu schulen und zu trainieren. Daß 1,5 Millionen Menschen in ihrem Verteiler ständig nur zum E-Mail-Klicken und Spenden gebracht werden, ist eine Verschwendung von Ressourcen. Hier geht es bestenfalls darum, ein gutes Gewissen zu verkaufen. Meines Erachtens hat Campact einen hohen Anteil daran, diese Leute stillzulegen, indem ihnen vermittelt wird, daß das Klicken enorm viel bringt.

Zum anderen muß eine kommerziell ausgerichtete Organisation, die 80 Hauptamtliche unterhält, gigantische Tageseinnahmen akquirieren. Darauf ist alles ausgelegt. Ich will den Kampf gegen TTIP als solches gar nicht schlechtmachen, aber um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, muß Campact den ganzen Widerstand dagegen wie andere Verbände auch populistisch organisieren. Dazu gehört ein tiefgreifender Antiamerikanismus.

Das heißt, die Qualität von Kampagnen leidet sehr stark unter dem Zwang zur Profitabilität. Oder anders ausgedrückt: Wenn eine politische Bewegung kapitalistisch organisiert ist, also profitabel sein muß, hat man ein Problem mit Campact. Hier neige ich dazu zu sagen, daß es notwendig wäre, solche Bewegungen wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das Wertvollste an politischer Bewegung sind eigentlich unabhängige, unberechenbare, vielfältige Gruppen in Kooperation miteineinander, die in der Lage sind, auch selbständig Aktionen zu organisieren und im Bedarfsfall gemeinsam zu großen Aktionen zusammenzukommen, so daß man im günstigten Fall so etwas wie Campact einfach nicht mehr braucht. In dem Moment wäre es auch nicht gefährlich, wenn es so etwas wie Campact gibt.

Man muß ganz klar sagen, daß die Apparate so angelegt sind, daß die Basisaktivisten absichtlich dumm gehalten werden. So werden der Basis eine Menge Informationen nicht gegeben, die im umgekehrten Fall dazu führen könnten, daß unabhängige Gruppen wirksamer sind. Ein Beispiel dazu: Das Akteneinsichtsrecht ist hochwichtig für Bürgerinitiativen. Man kann in diesem Land Einsicht in fast jede behördliche Akte, Planung oder Haushaltsbilanz bekommen. Doch dies ist in Basisinitiativen weitgehend unbekannt. Auch wird man in den Spektren von Campact, BUND oder Greenpeace wenn überhaupt, dann nur schwer und häufig gar nicht an solche Informationen herankommen. Sie haben erkennbar keinerlei Interesse daran, daß ihre Leute in Erfahrung bringen, wie sie sich selbst wehren können. Vielmehr sollen sie sich ohnmächtig fühlen, weil sie dann eher dazu bereit sind, zu klicken und zu spenden und alles weitere den Leuten überlassen, die angeblich den Durchblick haben.

Das gibt es auch in anderen Bereichen. Wir haben jetzt viel dazu gemacht, wie man sich vor Gericht selbst verteidigen kann. Unsere Idee ist immer die Selbstermächtigung der Leute. So machen wir zum Beispiel Trainings, wie man sich gegenüber der Polizei verhalten kann. Aber die Führungsorganisationen in diesem Antirepressionsspektrum wie zum Beispiel die Rote Hilfe machen ihren Leute etwas über das Ausmaß ihrer Möglichkeiten vor. So wird teilweise behauptet, daß sie kein eigenes Akteneinsichtsrecht und kein eigenes Antragsrecht haben, damit sie darauf verzichten, selber aktiv zu werden. So kann die Organisation über Soli-Foren Geld sammeln, um die Anwälte zu finanzieren. Das trifft jetzt nicht auf jede Ortsgruppe der Roten Hilfe und anderer Gruppen zu. Es läßt sich nicht auf alle verallgemeinern, aber es gibt ziemlich eindeutig die tendenzielle Hauptlinie wider.

SB: Bist du mit deiner Kritik an den Organisationen, die du beim Namen nennst, schon angeeckt, indem man versucht hat, dich mundtot zu machen?

JB: Ich bin in fast allen linken Zentren in Deutschland als Referent verboten und darf keine Trainings zur Selbstermächtigung geben. Verbote werden auf Kampagnen auch gegen die Projektwerkstatt ausgesprochen, wenn wir versuchen, solche Aktionsplattformen aufzubauen. Wir sind auch beim Castor-Widerstand und bei der NATO-Sicherheitskonferenz in München angeeckt. Im Prinzip sollen Kampagnen kontrolliert sein. Wir stören, weil wir das Ganze anders angehen. Man beherrscht eine Bewegung, wenn man sie nach außen vertritt, und das geschieht über einen privilegierten Zugang zu den Medien, beispielsweise wenn man die Journalisten vor Ort kennt. Aus diesem Grund haben wir in München Offene Presse-Plattformen aufgebaut mit Kontaktadressen, Faxgerät usw., damit die Basisaktivisten ihr Anliegen direkt an die Journalisten herantragen können. Das Konzept war sehr erfolgreich, aber ein Jahr später haben die politischen Gruppen selber dafür gesorgt, daß wir in der Stadt keinen Fuß in irgendein Gebäude reingekriegt haben, um es nochmal zu wiederholen. Die allermeisten Probleme bereiten uns die Bewegungsführer, gar nicht die Polizei.

SB: Welches Motiv könnten die Organisatoren politischer Bewegungen haben, euch aus den Kampagnen herauszuhalten?

JB: Tatsächlich nutzen sie ihre Bewegungsmacht dazu, um mich überall rauszuhauen. Ähnliches haben wir in anderen Kampagnen wie in der Gentechnik-Auseinandersetzung erlebt. Bei jeder Feldbesetzung und bei jeder Feldbefreiung war am nächsten Tag nicht das Gejammere von Bayer und BASF zu hören, vielmehr haben sich die Grünen und der BUND ostentativ von uns distanziert. Dabei war unsere Kampagne Monsanto auf Deutsch ungemein wichtig wie gleichermaßen konsequent, weil wir den militanten kreativen Widerstand mit einer inhaltlich prickelnden Aussage verbunden haben, was sonst selten der Fall ist. Hier beim Hambacher Forst zum Beispiel machen die einen die Aktionen, während die anderen für den Inhalt und die mediale Korrespondenz sorgen, was ich für eine bedauerliche Trennung halte. Als wir mit der Tonbilderschau Monsanto auf Deutsch anfingen, mischten sich plötzlich die Umweltverbände ein und forderten ihre Ortsgruppen auf, mich nicht als Referenten einzuladen. Das hat zum Glück nicht geklappt, aber versucht wurde es. In Hessen gab es das Aktionsbündnis Gentechnikfreies Hessen mit allen Leuten, die bei Feldbefreiungen und Feldbesetzungen beteiligt waren. Und was war? Wir wurden verboten als Folge einer Abstimmung, daß alle, die unsere Aktionen gut finden, nicht kommen dürfen. Das hat in Hessen dazu geführt, daß die Kampgane völlig unbedeutend wurde.

SB: Geht es den Organisationen darum, sich der Militanzfrage nicht stellen zu wollen?

JB: Ja, aber das könnte man bei der Roten Hilfe nicht behaupten, das ist nicht deren Problem. Es geht auf jeden Fall immer um Machtkämpfe, und ich vermute, deren Hauptangst ist, daß der Glaube verlorengehen könnte, daß man diese Apparate braucht. Und ich will auch gar nicht verschweigen, daß ich diese Sorge bei ihnen sehe, daß die Leute tatsächlich bemerken, daß der Widerstand viel stärker von unten organisierbar wäre und die Konzepte, die wir haben, durchaus Anklang finden könnten. Man denkt ja immer, naja, das ist noch nie gelungen. Aber dazu braucht man sich nur den Castor-Widerstand anzuschauen. Seit Jahrzehnten lebt dieser von der Idee des Streckenkonzepts: Alle machen auf ihren Metern, was sie wollen. Und gerade weil die zentralistische Kontrolle fehlt, sind in diesem Widerstand unglaublich viele kommunikativ-vernetzte Elemente entstanden, die aber nicht pyramidal organisiert sind, sondern horizontal zueinander stehen. Das heißt, der Wegfall von Kontrolle bringt mehr Kommunikation und Vernetzung. Daraus kann man lernen, daß wir die Apparate nicht brauchen. Möglicherweise stören sie sogar. Natürlich bin ich nicht überrascht, daß sich die Apparate gegen solche Ideen wehren.

SB: An dem einen Ende des Spektrums linker Bewegungen stehen libertäre, antiautoritäre Aktivistinnen und Aktivisten, am anderen Ende von diesen als autoritär bezeichnete Parteien wie die DKP und andere Traditionskommunisten. Wie beurteilst du die politische Arbeit, die über Partei- und Kaderstrukturen erfolgt? Siehst du darin einen Irrweg oder glaubst du, daß diese Form der Organisierung ihre eigene Berechtigung hat?

JB: Ich bin ein klarer Gegner aller Formen von Hierarchie. Insofern würde ich mich solchen Konzeptionen immer kritisch entgegenstellen, aber ich leite daraus keine Abgrenzungskämpfe ab. Denn ich weiß, daß im libertären Hambacher Forst eher Bildungsbürger-Kids dominieren, die ganz eklig-spießig abgehen werden, wenn ihre Lebensbiographien normal weiterlaufen, während ich mit den DKPlern in Gießen, deren autoritäre Positionen ich schlicht und ergreifend zum Kotzen finde, richtig gut klarkomme, weil sie eine vernünftige Soliarbeit leisten. Wenn Hartz-IVler einen Arbeitsamtstermin haben oder Mieter Schwierigkeiten mit der städtischen Wohnungsbaugenossenschaft bekommen, sind es diese autoritären DKPler, die mit ihnen dort hingehen und sie dazu ermutigen, sich zu wehren. Das heißt, bei aller Kritik vertrete ich die Ansicht, daß es keine einheitlichen Kategorien gibt, sondern daß ich überall Ansatzpunkte finde, mit Leuten in Kooperation zu kommen unter Wahrung meiner grundsätzlichen Position, die sicherlich eher eine libertäre ist.

Nicht, daß ich jetzt irgendwie falsch verstanden werde: Ich bin in allen deutschen anarchistischen Zeitungen zensiert und darf als Person nicht für sie schreiben. Egal, was ich im einzelnen einreiche, es wird nicht gedruckt. Nur in einer einzigen anarchistische Veranstaltung in Deutschland bin ich nicht verboten. Das ist ziemlich absurd, zumal ich im anarchistischen Spektrum viel mache, auch theoretisch arbeite. Der Hintergrund dazu ist keine inhaltliche Frage, sondern ein Machtkampf. Auch unter den deutschsprachigen Anarchisten gibt es unglaublich viele zentrale Zirkel, quasi ZKs, wo vieles geregelt wird. Die einzige Veranstaltung, an der wir teilnehmen können, ist die anarchistische Buchmesse in Mannheim. Beim letzten Mal waren wir mit unserem kleinen, nicht kommerziellen Seitenhieb-Verlag dort und haben alle möglichen experimentellen Bücher ausgestellt.

Uns war es jedoch zu langweilig, nur einen Verkaufsstand zu machen. Ich finde ein anarchistisches Treffen, wo nur Verkaufsstände stehen, geradezu pervers. Deshalb haben wir einen Schwarzfahr-Aktionsstand gemacht, weil das gerade eine Kampagne war, die wir damals durchgeführt haben. Dabei fiel mir auf, daß wir unter den ganzen anarchistischen und ein paar marxistischen Verlagen der einzige Stand waren, dessen Bücher Creative Commons sind. Ich habe mich dann gefragt, unter was für einem peinlichen Stand an anarchistischer Bewegung wir eigentlich dahinsegeln, wenn diese, wie ich finde, naheliegendste Selbstverständlichkeit nicht einmal ansatzweise verwirklichst ist und statt dessen nur der Kommerz regiert. Ich verstehe das nicht. Was wir dort haben, ist doch höchstens ein embryonales Stadium von Bewegung.

SB: Herrschaftskritik sollte eigentlich eine selbstverständliche Sache sein. Aber möglicherweise wird ein herrschaftskritischer Diskurs auch dadurch behindert, daß Leute, die sich eine Funktionskompetenz erwerben und auf ihrem Gebiet eine Autorität darstellen, dafür kritisiert bis diskreditiert werden, als würde es sich dabei um eine Machtposition handeln. Sollte es unter Aktivisten nicht möglich sein, daß einzelne Entwicklungsfortschritte machen, ohne daß es gleich in eine Form sozialer Konkurrenz ausufert?

JB: Auf jeden Fall. Es wäre meines Erachtens fatal, wenn wir es schlimm finden, daß sich Menschen Fähigkeiten aneignen, auch wenn sie dadurch anderen überlegen sind. Zunächst einmal ist es im Sinne eines biographischen Wandels völlig normal, daß jemand mit 21 Jahren mehr Wissen hat, als er als Dreijähriger hatte. Positiv dargestellt hieße das, daß wir eine Situation erzeugen, in der Wissen für alle zugänglich ist, einmal grundsätzlich im formalistischen Sinne wie auch im Sinne der Creative Commons. Ich denke da an eine offene Produktionsplattform, daß die Produktionsmittel - denn im politischen Kampf sind Presseverteiler, Megaphon und so weiter auch Produktionsmittel - für alle zugänglich sind und daß wir darüber hinaus Strukturen entwickeln, in denen das Wissen, das einzelne haben, optimal an andere weitergegeben werden kann, und zwar im wesentlichen von unten organisiert.

Ich selber lasse mich beispielsweise ungemein gern als Trainer für Aktionstraining, Verteidigung vor Gericht und dergleichen einladen. Innerhalb dieser Tage bin ich natürlich die dominante Person. Das kann ich nicht verhindern, schließlich leite ich das Training und die Leute wollen etwas von mir lernen. Meine Hoffnung ist, daß wir danach auf Augenhöhe sind, aber vor allem ist klar, daß ich wieder gehe. Ich bin nicht der Guru dieser Gruppe, sondern für eine bestimmte Zeit der Trainer. Das handwerkliche Wissen zum Beispiel zum Häuserbauen und so weiter habe ich erworben, weil ich selber zu irgendwelchen Handwerkern hingegangen bin und gefragt habe: Ich will Sanitärtechnik lernen, kann ich für eine Zeitlang hier mitmachen? Wenn die Person mir dann sagt, nein, das Hanf um die Gewinde mußt du so und nicht anders herumwickeln, dann werde ich nicht sagen, ich habe die gleichen Rechte, sondern ich mache das mit der Absicht, mir Wissen anzueignen. Und natürlich kann ich das später auch überprüfen. Dies gezielt zu organisieren finde ich sehr interessant. Das haben wir in der politischen Bewegung gar nicht drauf, weil ganz viel von oben nach unten delegiert wird und die Leute, die richtig Ahnung haben, die anderen nicht fit machen, damit sie das auch können, sondern ihren Wissensvorsprung nutzen, um die Bewegung in eine bestimmte Richtung zu lenken.

SB: Zum Herrschen gehören immer zwei. Wenn Menschen über andere verfügen, dann kann das auch funktionieren, weil die Betroffenen ein Interesse daran haben, sei es, daß sie partizipieren möchten, Schutz suchen oder sich arbeitstechnisch schonen wollen. Bewegungsmanagern einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie ihre Art von Kompetenz nach vorne bringen und andere dem einfach folgen, wäre zumindest solange fragwürdig, wie die anderen keine Verantwortung übernehmen wollen.

JB: Ich finde nicht, daß sich daraus die Kritik ableitet, daß man nicht kritisieren darf. Richtig ist jedoch, daß man nicht einseitig kritisieren darf, indem man so tut, als wären die anderen Opfer. Es wächst immer zusammen, was zusammen gehört. Wir haben eine zunehmende Bereitschaft, sich führen zu lassen. So gibt es zum Beispiel in der politischen Bewegung fast keine Jugendprotestbewegung, die den Erwachsenen sagt, was für Schlaffis sie sind. Auch in die Projektwerkstätten kommen überwiegend Leute, die nach Orientierung suchen. Das ist ein großes Problem, denn wenn dort Personen sind, die ihnen Orientierung geben, sind sie erfolgreicher als ich, der ich das verweigere und meine Sachen lieber alleine mache, als nur Leute als Zuarbeiter um mich zu haben. Campact ist überaus beliebt und muß dazu die Leute nicht mit machtvollen Mitteln manipulieren, weil sie bereits mit dem Clicktivism zufrieden gestellt sind oder das mit geringem Aufwand sichergestellte gute Gewissen haben wollen. Das paßt alles wunderbar zusammen. Aber ich finde, daß dieser Vorwurf trotzdem gemacht werden muß. Ich möchte dazu ein zugegebenermaßen vielleicht schräges Beispiel geben: Es gibt eine Menge Umfragen darüber, daß viele Frauen in patriarchalen Rollenverteilungen mit ihrer Position als Hausfrau ausgesprochen glücklich sind, wenn es aus ihrer subjektiven Sicht gelingt, ihre Kinder großzuziehen und ihr Mann das Essen gut findet. Daraus zu schlußfolgern, daß das Patriarchat eigentlich ganz okay ist, wäre fatal.

SB: Könntest du einmal deine gesellschaftliche Utopie umreißen?

JB: Ich bin ein Vertreter der radikalen Herrschaftsfreiheit und der Auffassung, daß die Grundebene bereits die Abwesenheit von Herrschaft sein muß. Allerdings ist Herrschaft eine ziemlich verzwickte Angelegenheit, die sich nicht platt in den institutionellen Formen von Staat und Produktionsmitteln klassifizieren läßt. Da muß man schon genauer hinschauen. Ich mache viel Theoriearbeit zur Herrschaft und versuche aufzuzeigen, wie das praktisch aussehen kann. Darüber hinaus haben wir bis ins Filigrane hinein Reader gemacht, wo wir der Frage nachgegangen sind, wie man in politischen Gruppen Hierarchien abbauen kann. Das Spannende daran ist die experimentelle Zone. Wie eine herrschaftsfreie Gesellschaft aussieht, können wir nicht wissen, weil Evolution immer die Evolution der Evolutionsbedingungen ist. Das klingt jetzt theoretisch überladen, bedeutet aber im Kern, daß eine herrschaftsfreie Gesellschaft soziale Innovationen erfinden wird, die wir uns heute nicht einmal im Traum denken können.

So wird zum Beispiel zur Streitkultur in der Gesellschaft unglaublich viel zu erfinden sein, bevor wir in der Lage sind, unsere Meinungsverschiedenheiten ohne Atombomben auszutragen. Sich konkret vorzustellen, wie eine Gesellschaft beschaffen sein könnte, wenn alle Menschen anfangen, daran mitzuwirken und nicht jeden Tag einen Erwerbsjob machen und Angst davor haben müssen, ins Gefängnis zu kommen, halte ich für unmöglich, aber eine notwendige Entwicklung ist es auf jeden Fall.

SB: Jörg, vielen Dank für das Gespräch.


Zur Debatte um die Professionalisierung sozialer Bewegungen siehe auch:

Es gibt kein richtiges Arbeiten im Falschen
https://www.akweb.de/ak_s/ak600/28.htm

Die Dialektik der politischen Lohnarbeit
https://www.akweb.de/ak_s/ak601/02.htm

Beruf und Bewegung
http://www.wildcat-www.de/wildcat/96/w96_berufubewegung.html

berappeln im geröllfeld
https://linksunten.indymedia.org/de/node/25458

Offsetting Resistance
http://www.offsettingresistance.ca/

From The Non-Profit-Industrial Complex With Love
http://www.theartofannihilation.com/

The road to hell is paved with corporate profits and compromised NGOs
http://www.wrongkindofgreen.org/

Umweltschutz und NGOs
http://www.projektwerkstatt.de/oekofilz/haupt.html

Ruth Wilson Gilmore über den Non-Profit-Sektor in den USA
http://www.schattenblick.de/infopool/kunst/report/kurb0009.html

Gesellschaftliche Widerspruchsregulation gestern und heute
http://www.schattenblick.de/infopool/pannwitz/report/pprb0019.html

INTERVIEW/064: Aufbruchtage - Marktplatz der Retter ...    Clive Spash im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brri0064.html


Klimacamp und Degrowth-Sommerschule 2015 im Schattenblick
www.schattenblick.de → INFOPOOL → BUERGER → REPORT:

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12. September 2015


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