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INTERVIEW/107: Deutsch-arabisches Kultur- und Integrationszentrum - aus der Not die Tugend ...    Jutta Noetzel im Gespräch (SB)


"Eine politisch denkende Frau, ein engagierter Mensch"

Interview bei der Vereinsgründung am 17. März 2016 in Hamburg-Altona


Die Diplom-Geographin Jutta Noetzel hat an der Universität Hamburg Geographie, Volkswirtschaft und Soziologie studiert und sich insbesondere mit Stadt- und Regionalplanung, EDV und Statistik befaßt. Sie ist Zertifizierte Projektmanagement-Fachfrau (GPM) sowie SAP Trainerin und Beraterin mit langjähriger Berufserfahrung im Bereich der Weiterbildung bei verschiedenen Unternehmen und Instituten.

Zugleich engagiert sie sich ehrenamtlich für Flüchtlinge und Migranten und gehört zu den Gründungs- und Vorstandsmitgliedern des "Deutsch-arabischen Kultur- und Integrationszentrums", das sich am 17. März 2016 im Rathaus Hamburg-Altona als Verein konstituiert hat. Nachdem Frau Noetzel vom Podium aus die mehrstündige Gründungsversammlung mitgestaltet hatte, erklärte sie sich bereit, dem Schattenblick einige Fragen zu den Motiven ihres Engagements wie auch ihrer Einschätzung der aktuellen Tendenzen in der Flüchtlingsfrage zu beantworten.


Nahaufnahme auf dem Podium - Foto: © 2016 by Schattenblick

Jutta Noetzel
Foto: © 2016 by Schattenblick


Schattenblick (SB): Frau Noetzel, die heutige Gründungsversammlung des "Deutsch-arabischen Kultur- und Integrationszentrums" wurde von vielen Menschen mitgestaltet, die sich bereits mehr oder minder lange in der Flüchtlings- und Migrantenarbeit engagieren. Gab es einen besonderen Anlaß, den Verein gerade jetzt ins Leben zu rufen?

Jutta Noetzel (JN): Der Anlaß bestand darin, daß der Verein "Arab Union of Photographers" [1] eher einen künstlerisch-photographischen Anspruch hat. Über diesen Verein lief jedoch in den letzten Jahren im Grunde genommen die gesamte Beratung von Flüchtlingen und Migranten bei uns in Altona-Nord im Bürgertreff, und das alles ehrenamtlich. Der infolge des stark anwachsenden Flüchtlingsstroms zunehmende Arbeitsanfall führte schließlich dazu, daß wir über Gebühr belastet waren, zumal wir ja auch öffentliche Veranstaltungen gestalten und dort unter anderem um ehrenamtliche Mitglieder werben, die uns zur Seite stehen und das Engagement auf noch breitere Füße stellen. Außerdem sind wir dabei immer als AUOP aufgetreten - das ist die Abkürzung des Vereinsnamens -, so daß es oftmals sehr schwer zu vermitteln war, daß wir längst vorrangig in der Flüchtlingsarbeit tätig sind.

Aus diesen Gründen haben wir uns dazu entschlossen, die künstlerische Seite abzukoppeln und getrennt weiterzuführen, während der heute neugegründete Verein voll und ganz dem Ziel der Integration gewidmet ist. Wird dieser Verein ins Register eingetragen und als gemeinnützig anerkannt, eröffnet sich uns zudem die Möglichkeit, öffentliche Gelder zu beantragen, die unserem Engagement und damit den von uns beratenen und betreuten Menschen zugute kommen. Auch ist uns daran gelegen, eigene Räumlichkeiten zu finden, damit wir eine noch bessere Flüchtlings- und Migrantenarbeit leisten können.

SB: Sie selbst kommen ursprünglich aus dem IT-Bereich. Was hat Sie dazu bewogen, sich auch auf dem Feld der Integration zu betätigen?

JN: Das hat sich in diese Richtung entwickelt, weil ich zunächst im IT-Bereich gearbeitet habe und mein Betätigungsfeld dann später in Gestalt der Weiterbildung ausgebaut habe. Dadurch hat sich der ursprünglich reine IT-Schwerpunkt verlagert, da es in der Weiterbildung bei den jeweiligen Trägern um Menschen und insbesondere Jugendliche geht, die berufliche Perspektiven suchen. Ich habe Berufsvorbereitungkurse speziell für Frauen gegeben, die in IT-Berufen arbeiten wollen, und auf diese Weise auch einen sozialen Background kennengelernt. In diesem Zusammenhang habe ich die Teilnehmerinnen unter anderem bei der Berufsvorbereitung unterstützt, Bewerbungen geschrieben und Praktika begleitet, und in diesen Gruppen war immer eine große Spannbreite an unterschiedlichen Menschen vertreten. Diese Arbeit fand ich wesentlich interessanter und vielfältiger als die reine IT-Geschichte. Und so ist es zu meiner derzeitigen Betätigung gekommen, denn ich bin eine politisch denkende Frau, ein engagierter Mensch und setze mich gerne für die Rechte von Frauen, Kindern und Jugendlichen ein.

SB: Sie haben sich in jüngerer Zeit insbesondere der ehrenamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten gewidmet. Hing das zeitlich und inhaltlich mit dem anwachsenden Flüchtlingsstrom auch hier in Hamburg zusammen?

JN: Wir hatten ja in Hamburg immer schon einen Zustrom von Flüchtlingen. Als dann aber dieser Zustrom in jüngerer Zeit regelrecht in die Höhe schoß, und weil ich in meiner Weiterbildung ohnehin mit interkulturellen Gruppen gearbeitet habe, entschloß ich mich dazu, auch für Flüchtlinge etwas zu tun und mich nach geeigneten Möglichkeiten umzusehen. Ich habe mich dann an den Verein "Arab Union of Photographers" gewandt und angefangen, mich dort zu engagieren. Wir haben im Bürgertreff Altona-Nord jeweils am Donnerstag vier Stunden lang unsere Beratung angeboten, zu der schließlich pro Termin über 40 Menschen kamen, die uns teilweise bis 22 Uhr in Beschlag nahmen. Das ist schon ein bißchen wahnsinnig gewesen, muß ich ehrlich sagen.

SB: Wie ist Ihrer Erfahrung nach die Einstellung gegenüber Flüchtlingen in der deutschen Bevölkerung? Droht nach der Phase der Willkommenskultur nun ein Pendelschlag hin zu wachsender Ablehnung und Fremdenfeindlichkeit?

JN: Legt man die Ergebnisse der jüngsten Landtagswahlen in den drei Bundesländern Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt zugrunde, muß man meiner Einschätzung nach von einem Rechtsruck sprechen, da sich die Stimmung deutlich in die rechtspopulistische Richtung hin zur AfD verschoben hat. Ich bin der Meinung, daß es unbedingt wichtig ist, gegen diese Entwicklung anzukämpfen, um zu verhindern, daß solche Positionen immer stärker in unseren Parlamenten vertreten sind und die Politik mitbestimmen. Der aktuelle Stimmungsumschwung macht mir jedoch persönlich insofern nicht direkt Angst, weil ich mich noch gut an ähnliche rechtsradikale Tendenzen in den Neunziger Jahren erinnern kann. Damals kamen viele Flüchtlinge aus den Balkanländern, was den Republikanern einen enormen Aufschwung gab, so daß zu befürchten stand, daß sie sich dauerhaft in der politischen Landschaft festsetzen könnten. Sie sind dann aber doch relativ schnell und vollständig wieder von der Bildfläche verschwunden. Ich hoffe jedenfalls sehr, daß das mit der AfD und Gruppierungen wie Pegida genauso der Fall sein wird. Davon abgesehen wäre zu wünschen, daß die SPD zur Abwechslung mal wieder einen eigenen Standpunkt in der Flüchtlingsfrage findet.

SB: Eine große Frage geistert durch alle Medien: Wie ist die Politik der Bundeskanzlerin einzuschätzen? Was halten Sie von der Strategie Angela Merkels?

JN: Was ich, ehrlich gesagt, gut finde, ist die Beharrlichkeit, mit der die Kanzlerin an ihrem Standpunkt festgehalten hat und nicht auf diesen CSU-Menschen Horst Seehofer mit seinen Obergrenzen eingegangen ist. Dennoch halte ich Merkel und ihre Politik für doppelzüngig, weil sie ja hintenherum durch Grenzschließung versucht, die Flüchtlingszahlen zu drosseln. Das finde ich einfach falsch. Davon abgesehen rechne ich ihr positiv an, daß sie auf diesem Weg an Europa festhält, weil dessen Auseinanderbrechen rückschrittlich wäre.

SB: Sie haben den heutigen Abend aus der Perspektive des Podiums erlebt und gestaltet. Darf ich Sie abschließend um ein Fazit zum Verlauf der Gründungsversammlung bitten?

JN: Ich fand den Abend sehr gelungen und freue mich, daß wir noch fertig geworden sind und alles geschafft haben, was wir uns vorgenommen hatten.

SB: Frau Noetzel, vielen Dank für dieses Gespräch.


Fußnote:

[1] Arab Union of Photographers e.V. (AUOP) ist ein internationaler Künstlerverein, der sich mit vielfältigen Projekten sowohl kulturell als auch sozial für mehr Zusammenhalt, Demokratie, Toleranz und Vielfalt in Deutschland engagiert. Seit der Gründung im Jahr 2003 hat er einen bedeutenden Beitrag sowohl zum deutsch-arabischen, als auch internationalen Kunst - und Kulturaustausch geleistet. Der Verein bietet seit 2005 kostenfreie Beratungen für Migrantinnen und Migranten an, setzt sich für die soziale Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ein und leistet humanitäre Hilfe für syrische Flüchtlinge und Opferschutz. Seit 2008 engagiert sich der Vorsitzende der AUOP, Fathi Abu Toboul, im Integrationsbeirat der Freien und Hansestadt Hamburg (Region Asien), wo er den Arbeitsgruppen "Zusammenhalt stärken" und "Antidiskriminierung/Interkulturelle Öffnung" angehört.
http://www.auop.eu/


Bericht zur Gründung des Deutsch-arabischen Kultur- und Integrationszentrums in Hamburg-Altona im Schattenblick
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BERICHT/073: Deutsch-arabisches Kultur- und Integrationszentrum - Aufbruch ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brrb0073.html

31. März 2016


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