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INTERVIEW/182: Frauenstreik - warum nicht politisch ...    Linda Kabalan im Gespräch (SB)


Interview am 8. März 2019 in Hamburg

Die 28jährige Linda Kabalan gehört zu den Initiatorinnen des Frauenstreiks in Hamburg und dem Orga-Team an, das die Kundgebungen und Demonstrationen am Internationalen Frauenkampftag organisiert hat. Auf dem Rathausmarkt beantwortete sie dem Schattenblick einige Fragen zu den bei diesem Protest vertretenen Positionen.


Im Gespräch - Foto: © 2019 by Schattenblick

Linda Kabalan
Foto: © 2019 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Linda, was ist deine Rolle bei der Organisation des Frauenstreikes in Hamburg?

Linda Kabalan (LK): Ich habe das ganze im September mit angestoßen und viele Vereine und Initiativen in Hamburg angeschrieben, woraufhin die ersten Vernetzungstreffen stattfanden. Seitdem bin ich hier an der Orga beteiligt.

SB: Gab es schon in früheren Jahren einen Frauenstreik in Hamburg?

LK: Es gab bereits 1994 bundesweit einen Frauenstreik, und nun ist es seit 25 Jahren das erste Mal, daß so etwas bundesweit wieder stattfindet.

SB: Worin besteht deiner Ansicht nach der Unterschied zwischen dem Frauenstreik und den vorherigen Frauenkampftagen?

LK: Unser Streik ist natürlich auch symbolisch sehr wichtig, weil wir den Arbeitsbegriff erweitern wollen. Das bedeutet, es geht nicht nur um Lohnarbeit, sondern auch um Haus-, Pflege- und Erziehungsarbeit, und dementsprechend propagieren wir einen erweiterten Streikbegriff im Gegensatz etwa zu den klassischen Gewerkschaften. Genau dies ist der große Unterschied zu den letzten Jahren beim Frauenkampftag, weil wir einfach sagen, wir eignen uns den gesamten Tag an.

SB: Wie sieht es mit der Unterstützung durch die Gewerkschaften aus?

LK: Es gibt verschiedene Gruppierungen in den klassischen Gewerkschaften, die uns unterstützen, die uns auch ein bißchen geholfen haben. Aber offiziell sind die Gewerkschaften noch sehr zurückhaltend bei Streikaufrufen, weil wir zu einem politischen Streik aufrufen, und politische Streiks in Deutschland nicht vom Arbeitsrecht abgedeckt sind.

SB: Könntest du dir auch vorstellen, daß die Gewerkschaften die Unterminierung des hierzulande gängigen Streikbegriffs fürchten?

LK: Ja, wir wurden auch schon öfter gefragt, wieso wir denn weiterhin von Streik reden und ob es nicht besser wäre, den Streikbegriff nicht zu benutzen. Aber genau dies wollen wir ja gerade ändern. Wir wollen, daß es in Deutschland ein politisches Streikrecht gibt, weil wir so viele Themen ansprechen wie ungleiche Bezahlung, aber auch Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung. Das sind politische wie auch gesellschaftliche Themen, weswegen wir einen politischen Streik brauchen und an diesem Begriff ganz klar festhalten.

SB: Ein anderes großes Thema, was gerade Jugendliche heute sehr beschäftigt, ist der Klimawandel. Im Rahmen des Ökofeminismus gibt es Zusammenschlüsse mit Frauen in Ländern des Globalen Südens, die sehr um elementare Rechte zu kämpfen haben wie das Recht auf Land und so weiter. Ist das für euch auch ein Fokus?

LK: Auch wir haben in unserem bundesweiten Forderungskatalog wichtige Fragen im Bereich Energiewende und Klimaschutz mit aufgenommen. Für viele ist das Thema noch nicht ausreichend im Feminismus angekommen. Mein Anknüpfungspunkt besteht in der Lohnarbeit im Rahmen erneuerbarer Energien, weswegen ich weiß, wie wichtig das Thema ist. Denn wir können noch so lange für eine bessere Gesellschaft hier kämpfen - wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, wenn wir das jetzt nicht genauso mit auf unsere Agenda nehmen, haben wir in ein paar Jahrzehnten keine Gesellschaft und keine bewohnbare Erde mehr, für die es sich zu kämpfen lohnt. Und ich finde, da sind wir als Feministinnen vor allen Dingen im Westen hier, im globalen Norden, auch in der Pflicht zu sagen, wir haben die Erde über ein Jahrhundert ausgebeutet, doch die Menschen, die härter davon betroffen sind, leben im globalen Süden.

SB: Welche Bedeutung hat für dich der Begriff des Patriarchates, und was hältst du von Positionen wir derjenigen, bei der Fossilismus und Kapitalismus quasi mit Patriarchat gleichgesetzt werden?

LK: Für mich sind die Diskriminierung und die Ungleichbehandlung, die wir in dieser Gesellschaft erfahren, kein Nebenwiderspruch. Meiner Meinung nach wird sich das nicht auflösen, wenn der Kapitalismus abgeschafft würde. Das Patriarchat würde trotzdem weiter bestehen, weil es auch etwas mit der Sozialisation zu tun hat. Wenn wir das nicht aktiv bekämpfen als System, und zwar nicht nur im Rahmen des Kapitalismus, sondern das Patriarchat selbst, wird sich daran nichts ändern.

SB: Linda, vielen Dank für das Gespräch.


Fronttransparent 'Ohne uns steht die Welt still' auf Kreuzung am Ende der Mönckebergstraße - Foto: © 2019 by Schattenblick

Foto: © 2019 by Schattenblick


Fußnote:


[1] BERICHT/119: Frauenstreik - der gleiche Kampf ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brrb0119.html


16. März 2019


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