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LESERBRIEF/001: Wetterfrosch und seine Welt - ein Porträt


Wetterfrosch und seine Welt - ein Porträt


Er ist ein Aufschneider und oft der Verlierer, er ist träge und genießt gerne, manchmal unmäßig, er ist draufgängerisch oder ausgelassen wie ein Kind, gesellig und ein wenig eitel, auch zimperlich, eingebildet und so mancher Unbill ausgesetzt, besonders, wenn es um seinen Job geht - kurz, er ist zutiefst menschlich, und hat man als Leser erst einmal diesen Serienhelden der Wettervorhersagen des Schattenblick entdeckt, wird man von seiner Lebendigkeit so vereinnahmt, daß man ihn, jenseits jeder Kritik, einfach in sein Herz schließen muß.

Gemeint ist "Wetterfrosch", der launische, quakige Kerl, der jeden Tag ein neues Abenteuer erlebt, mit dem man bangt, sich freut und ärgert und dessen Meinung zum Wetter und zum Leben schlechthin man keinen Tag mehr verpassen will, hat man ihn erstmal kennengelernt und ein Jahr lang mit ihm im Teich gefeiert, gefaulenzt, geträumt, gebadet, Pfeife geraucht, Kuchen gegessen, Fitneß gepflegt und mehr oder weniger erfolgreich meteorologisch geforscht.

Ich bin einer seiner ältesten Fans und möchte ihn als allen Einwänden Unzugänglicher an dieser Stelle den Schattenblick-Lesern vorstellen und empfehlen, denn ich meine, er hat es verdient, über sein verstecktes Dasein im Pool DIENSTE\WETTER hinauszuwachsen und sich als handfeste lyrische Kreation BRILLEnreif auf seine eigenen vier Flossen zu stellen.


*


Seine biographischen Daten zurückzuverfolgen fällt nicht leicht, denn er hat sich zunächst rar gemacht und sich dann erst immer öfter in die Wettervorhersagen eingemischt. Der erste Vers mit seinem Namen taucht im Februar 1998 im Schattenblick auf:

Die Wetterfrösche melden
die nächste kalte Front;
verhindern hab'n die Helden
das Wetter nie gekonnt.
(Februar 1998)

Das muß ihn wohl entmutigt haben, denn er hat sich ein Jahr lang insgesamt nur neunmal zu Wort gemeldet. Dann mag er sich auf seine fachlichen Kompetenzen besonnen und Leben und Taten unter das Zeichen der Wetterprognosen gestellt haben. Vom Jahr 2000 an erfährt der Leser auf jeden Fall eine ganze Menge Daten über den Wetterfrosch.

Also von Anfang an:

Woher die Wetterfrösche kommen?
Auch sie war'n einst ganz kleine Hüpfer,
in Teichen sind sie 'rumgeschwommen
als Quappen und als Eierschlüpfer.
(Juni 2002)

Der Frosch lebt im Familienverband. Seine Umgebung sind Teich, Wiese und Wetterglas samt Leiter. Die Kleinen lernen in der Schule die Vorhersagen:

"Kleine Frösche in die Schule",
ruft der Lehrerfrosch heut' laut,
"in die große, feuchte Kuhle,
dort, wo man das Wetter braut."
(Juni 2002)

Nahezu beneidenswert üppig ist seine Freizeitgestaltung: Angefangen bei aller Art von Feiern (Familientreffen mit Onkeln, Tanten und Neffen als wasserfeste Leute), Festen (Tanzfeste) oder Parties (z.B. Hüpfpartie im Gras) über Fliegenschach-Partien, Flanieren und Kaffeetrinken, Teilnahme an Gymnastikgruppen, Badevergnügungen und Schlittschuhlaufen bis zum Herrentreffen im Teichzigarrenzimmer und dem Herumstreunen um die Häuserblocks mit seiner Bruderschaft oder einfach Dösen, Schäfchen- oder Wolkenzählen läßt Wetterfrosch nichts aus, was uneingeschränktes Vergnügen bereitet. Er ist ein geselliger Typ mit vieler Art von Freunden (z.B. außer seinen Kumpels und Genossen Fische, Gartenzwerg und Gänserich) und legt Wert auf die Pflege seines Rufs und Ansehens. So ist er sehr um seine Kleidung bemüht, die immer wieder eine Rolle spielt:

Sicherlich ist es kein Scherz,
wenn der Wetterfrosch posiert
und im gelben Friesennerz
um die Leiter rummarschiert.
(Mai 2002)

Technische Probleme tun der imposanten Erscheinung dann allerdings einen Abbruch:

Der Frosch hat eine Regenjacke,
die trägt er allzu gern spazieren,
doch reicht sie nur bis an die Backe
und Hosen wird er schnell verlieren.
(November 2002)

Na ja, dafür klappt's mit den Sommerfreuden besser:

Einmal an diesem Sommertag
erhebt Frosch sich von allen vieren
und trägt, weil er sich leiden mag,
sein Badehöschen stolz spazieren.
(Juni 2003)

Wetterfrosch ist ausgesprochen launisch und seine Handlungen sind deshalb kaum berechenbar. War er eben noch ausgelassen ("Ausgelassen wie ein Kind / wiegt der Frosch auf einem Blatt...), kann er gleich darauf "'ne Fresse" ziehen ("Heute zeigt die Wetterschau ... unser'n Frosch als Miesepeter."). Auf keinen Fall ist er verzagt:

Der kleine Teich
ist überschwemmt,
die Erde weich,
der Frosch enthemmt,
(Juli 2002)

aber oft mißmutig, besonders in sommerlicher Trockenheit:

"Einmal noch mit nackter Haut
unter Regenschauern duschen",
nörgelt Wetterfrosch heut' laut,
"und zurück in's Wasser huschen."
(Juli 2002)

Manchmal ist er auch ängstlich:

Weil es heut' auch noch gewittert
und vom Himmel blitzt und bellt,
ist's zuerst der Frosch, der zittert,
und die Hand vor Augen hält.
(August 2002)

Wenn es um sein leibliches Wohlergehen geht, ist er nicht faul. Er jagt Fliegen, sogar bis in den Traum hinein, trinkt Tee mit Rum, raucht Pfeife und kifft auch mal ("Und der Sonntagmorgen trifft, / schmauchend bei der Gartenrose, / unser'n Frosch, der fröhlich kifft..."), frühstückt bei den Fischen im Teich oder zelebriert genüßlich seine Kaffeekränzchen. Träge und faul wird er am Strand - oder wenn ihm die Schwierigkeiten über den Kopf wachsen:

Tief auf einer Untersprosse
schützt der Frosch Gesicht und Kinn
mit der Hand, gespreizt zur Flosse,
denn im Schirm sind Löcher drin.
(April 2003)

Noch mehr will ich über seine ausgeprägte Persönlichkeit nicht verraten, zumal eine Darstellung gar nicht vollständig sein könnte, denn Wetterfrosch steckt auch in Zukunft voller Überraschungen.

Eins ist klar, man muß einfach zu ihm halten und auf seiner Seite stehen. Das merkt man spätestens dann, wenn der Frosch über mehrere Tage Schicksalsschlägen ausgesetzt ist, denn er ist klein und lebt in seiner Verkennung oft gefährlich:

Frosch macht wieder einmal Witze
über unser'n lieben Gott,
der wird böse und schickt Blitze
und setzt Frosch auf seinen Pott.
(April 2003)

An zwei einschneidende Erlebnisse kann ich mich noch erinnern, denn ich bangte schon, daß es mit ihm nun zu Ende geht:

In den Sturm- und Schauerwirren,
das erkennst du an den Spuren,
mußte sich der Frosch verirren,
und grad dort, wo Autos fuhren.
(Januar 2003)

Bis zur Vorhersage am nächsten Tag die große Ungewißheit, dann:

Und im Dunst- und Nebelreich
sehe ich die Flosse noch,
dann hör' ich vom nächsten Teich:
"Quatsch, du Kopf, hier bin ich doch."
(Januar 2003)

Schlimmer noch, wenn keine greifbaren Feinde (wie zum Beispiel der Suppenkoch) auszumachen sind, sondern ihm die einschneidenden Veränderungen des Klimas zu schaffen machen:

Die Wüste wird von Ferne her
ihr böses Spiel betreiben,
so gibt's bald keine Frösche mehr
und keinen Vers zu schreiben.
(Juni 2003)

Und dennoch liegt der Frosch im Graben,
wie er es einst im Teiche tat,
an Wasserresten sich zu laben,
weil er sonst keine Zuflucht hat.
(Juni 2003)

Ein Porträt wäre nicht vollständig, wenn nicht noch einige Informationen zur beruflichen Seite unseres Helden folgen würden. Denn er nimmt seinen Job ernst, ist immer zur Stelle:

Die frühen Nebel heben sich,
der Frosch streckt seine Flossen,
sein Job, der treibt ihn innerlich,
und er erklimmt die Sprossen,
(November 2002)

und hat eindeutig Wettervorlieben, ja, er ist geradezu
leidenschaftlich parteiisch:

Für manchen ist der Regen heute
nur eine böse Wetterlusche,
doch für den Frosch und seine Leute
Vergnügen pur und Wellnessdusche.
(Mai 2003)

Er ist ein ausgesprochen aufmerksamer Wetterbeobachter:

Werdewetterwendezeit
und der Frosch ist außer sich,
denn wenn's wärmt, so daß es schneit,
ist das doch verwunderlich,
(Oktober 2002)

und ein gewissenhafter Vorhersager:

Keine Zeit, sich hinzusetzen,
für den Frosch der Wetterwarte,
folgt er doch den Wolkenfetzen
auf der großen Himmelskarte.
(April 2003)

Wetterfrosch an seiner Tränke
schaut im warmen Frühlingsdunst
auf die großen Wolkenbänke
und übt die Orakelkunst.
(März 2003)

Auch zu den einzelnen Jahreszeiten hat er immer wieder etwas beizusteuern, aber das sollte man als Leser einfach selber miterleben, besonders wenn es um die Frage geht: Was hält Wetterfrosch vom Winter und was tut er dann?


*


Die Frage liegt nahe, wer denn der Schöpfer und Verseschmieder dieses wehrhaften kleinen Kerlchens ist; aber Wetterfrosch hat sich verselbständigt und ist zu einer so dominanten Persönlichkeit geworden, daß er sogar seinen Urheber in den Schatten stellt. Das einzige, was ich diesem je entlocken konnte, war die Aussage: "Der Wetterfrosch ist ein Franzose."

Wohl wissend, daß ich mit diesem Porträt nicht an die Darstellungskraft heranreiche, die der geistige Vater des Wetterfrosches selbst mit seiner Dichtkunst entwickelt, bleibt mir doch, auf die lyrische Qualität der Verse zu verweisen. Sie sind nicht nur wortgewaltig und formvollendet, sondern der Autor erweist sich als ausgesprochen beweglich und kompetent, wenn es um zeitgemäße Wortwahl oder epochale Sprachverwendung, um treffsichere Wortneuschöpfungen, um außergewöhnliche Reimendungen, verschiedene Rhythmen und dramatische Entwicklungen geht.

Im Teichzigarrenzimmer
steht man zum Regen unter,
Pompeselrauch und -glimmer
macht müde Frösche munter.
(September 2002)

Sollte man sich angesichts der Zerstückelung von Dichtung in der Rap- und Slamkultur fragen, wie und wo heute noch die Tradition und Kultur des Verseschmiedens im Sinne von "Verdichten" des Inhalts fortgeführt wird, erzielt man beim Studium dieser Froschverse einen Volltreffer. Es spricht für sich selbst und für die Fähigkeit des Autoren, wenn es bei nunmehr 2850 Wetterversen (ab August 1995 täglich ohne Ausnahme) keine einzige Wiederholung gegeben hat und jede Strophe das Wesentliche und Typische des Tageswetters genauer und nachvollziehbarer trifft als eine meteorologische Formulierung, auch wenn der Dichter-Frosch unter den Wetterfröschen manchmal die Nase voll hat:

Weil es kalt wie gestern bleibt,
ganz besonders in der Nacht,
hat der Frosch, der Verse schreibt,
heut' auch keinen mehr gemacht.
(Februar 2003)

In diesen kleinen Versen steckt eine hochentwickelte Dichtkunst, die meiner Meinung nach unbedingt in die BRILLE-Editionen gehört, weshalb ich hier in der BRILLE darauf aufmerksam machen möchte.

Zum Schluß will ich es mir nicht nehmen lassen, die Wetterfrosch- Verse mit anderen Wettervers-Editionen in den Vergleich zu schicken. Jeder, der es einmal versucht hat, weiß, wie schwierig es ist, das Handwerk der Dichtkunst zu erlernen, bevor man innerhalb einer so streng vorgegebenen Form wie der eines Gedichts (mit Reim und Versmaß) eine Aussage zustande bringt, die jeder Hörer oder Leser unmittelbar versteht und die sich auch noch mit dem beabsichtigten Inhalt deckt. Davon wissen alle ein Lied zu singen, die "Schreiben" unterrichten oder die sich den Buh-Rufen des Publikums oder Literaturkritikers ausgesetzt sehen. Mancher schriftstellerische Höhenflug und manch Tiefempfundenes entpuppen sich als introvertiert assoziativ und damit wirres Zeug:

Wo gestern unter Fenster glommen: Nebel;
was vertraut, zeigt sich in neuer Sicht:
fast nicht. Getuscht, laviert, der
offene Ort ist mir genommen.
(aus der FAZ, 29. Oktober 1999)

Würde man sich mit Sorgfalt dem Inhalt des Textes widmen, stellte sich heraus, daß es überaus schwierig wird, herauszufinden, wovon die Rede ist. Es ist nahezu unmöglich, solch einem Gedicht einen Zusammenhang bzw. eine Dramaturgie abzugewinnen. Das Problem sind die "Dichter", die bei genauerem Hinsehen weder in der Lage sind noch offensichtlich einen Grund dafür sehen, eine komprimierte, deutliche Vorstellung der Inhalte zu vermitteln, die eigentlich die Substanz ihrer Gedichte sein sollten. Hingegen kann man beim Autoren des Wetterfrosches spüren, daß er genaue inhaltliche Kenntnisse über meteorologische Zusammenhänge besitzt.

Gemessen allerdings an den Ansprüchen, die - vom Zeitgeist bestimmt - heute an Lyrik gestellt werden, brauchen Dichter diese Herangehensweise wohl nicht mehr. Gedichte sind vorurteilsbelastet: sie scheinen wesensmäßig aus unverständlichen, verwirrenden Worten mit bedeutungsschweren, unbegreiflichen Zusammenhängen zu bestehen.

Welche Farbe hat der Lärm der Laster?
Der graue Himmel schweigt so laut, daß
er noch jedes Bild von Muße auf dem
Weg vertreibt. Die Gräue bleibt.
(aus der FAZ, 14. Januar 2000)

Nicht die "imaginative" Unfähigkeit des Lesers ist somit die Ursache für gähnende Langeweile, sondern die Uneinsichtigkeit von Dichtern in die Tatsache, daß ein Zuhörer ihre Sprache nicht versteht. So kommt es nicht nur zu Mißverständnissen, sondern letztlich zu einem Unverständnis für Gedichte. Ich meine, der Wetterfrosch arbeitet dieser Entwicklung entgegen.

H.C.

veröffentlicht im Schattenblick im Juni 2003

übernommen in den SB im Internet zum 12. Dezember 2006