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LITERATURBETRIEB/020: Sprache 1 (SB)


Schlagkräftiger durch Rhetorikkurse?


Sprache gilt als das wichtigste Instrument menschlicher Verständigung. Wie schwierig es ist, einen anderen Menschen mit Worten überhaupt zu erreichen, und daß dies eine ständige Herausforderung darstellt, hat jeder in Situationen, in denen er darauf angewiesen war, schon einmal erfahren. Meistens redet man aneinander vorbei.

Wer aus beruflichen Gründen mit diesen Problemen konfrontiert wird und darauf angewiesen ist, gehört zu werden, den Kollegen oder Kunden zu überzeugen, seinen Standpunkt zusammenhängend darzustellen oder eine beeindruckende Rede zu halten, deren Inhalt nachwirkt, kann sich in Rhetorikkursen weiterbilden.

Rhetorik ist die Kunst der Rede. Mit ihrer Hilfe soll der Sprecher wirksam Meinungen beeinflussen oder Mitmenschen überreden können. Dazu gehört unter anderem, daß er seine Gedanken und Erkenntnisse nach bestimmten Regeln sprachlich geordnet ausformulieren kann. Im öffentlichen Leben kommt ihr eine außerordentliche Bedeutung als politische Rede zur Beeinflussung der Massen und Gewinnung der Wähler zu, als Gerichtsrede zur eigenen Verteidigung und Überzeugung der Richter oder als Festrede.

Beredsamkeit, heißt es, kann man lernen und sogenannte Rhetorikschulen gab es schon in der Antike, aus der diese alte Technik auch stammt. Die Kenntnis rhetorischer Mittel, sogenannter "rhetorischer Figuren", gehört zum Allgemeinwissen und ist Grundlage für jeden, der selbst schreibt. Viele verwendet man mündlich und schriftlich, ohne zu wissen, daß sie ursprünglich gezielt eingesetzt wurden und bestimmte Wirkungen erzielen sollten. Inzwischen haben sie sich verselbständigt und aus inhaltlichen Zusammenhängen herausgelöst (gute Beispiele findet man in der Werbung). Eigentlich wollte man mit diesen Mitteln einzelne Teile der Rede hervorheben, etwa durch eine bestimmte Betonung der Wörter oder ihre besondere Stellung im Satz, durch rhythmisch betonte Wiederholungen und sogenannte "rhetorische Fragen" zur größeren Eindringlichkeit und Belebung des Vortrags.


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Geht es darum, möglichst konfliktlos und individuell seine Interessen durchzusetzen, sind historische Vorkenntnisse und Vorüberlegungen zu Sprache und Sprechen kaum gefragt. Man zieht der alten Tradition des Sprachstreites eine Art Instantrhetorik vor; sie soll ausreichen, um erfolgreich zu sein. In den angelsächsischen Ländern ist es üblich, daß sich der akademische Nachwuchs aus Eliteschulen und Universitäten in sogenannte Debating Clubs begibt, um sich den nötigen Sprachschliff für die Karriere zu verschaffen. Aber auch in Deutschland werden sogenannte Rhetorik-Kurzseminare (zweitägig) angeboten wie "Sprache als Führungsinstrument", in denen sprachliche Techniken vermittelt und der "lebendige" Vortrag geübt werden. Neben Tips für Vorgesetzte zum gezielteren Einsatz der Worte, um sich Autorität zu verschaffen, wird auch gelehrt, wie man Ansprachen hält, vor Zuhörern den eigenen Standpunkt formuliert oder in Diskussionen besteht. Körpersprache, Gestik und Stimmeinsatz finden dabei ebenso viel Beachtung wie Aufbau und Inhalt. Der Schwerpunkt solcher Kurse liegt in der Regel auf der Entwicklung des eigenen Profils.


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Allerdings wird eine solche Erweiterung der sprachlichen Möglichkeiten recht schnell auf Grenzen stoßen und der ersehnte Erfolg bei den Mitmenschen enttäuschend gering ausfallen. Die Vorstellung, daß die in solchen Kursen vermittelten Techniken eine Verständigung möglich machen, läßt sich nicht praktisch umsetzen. Eine Kurzdarstellung des Kommunikationsmodells, der entsprechenden wissenschaftlichen Theorie zu diesen Vorstellungen, macht das deutlich: Der Ablauf eines Gesprächs beruht demnach auf einem unüberschaubaren, differenzierten System von "encodieren" (sprechen) und "decodieren" (verstehen). Encodierung und Decodierung sind an ein gemeinsames Ordnungssystem gebunden, das das Sprechen einschränkt. Um als Zuhörer oder Empfänger den Sprecher oder Sender "decodieren" zu können, stellt man sich einen gemeinsamen Sprachcode vor, eine Überschneidung der "Sprachen" von Sprecher und Hörer, die einzeln für sich viel umfangreicher sind. Das Zuhören bleibt darauf beschränkt, im Code des Empfängers bedeutungsgleiche Teile des Senders wiederzuerkennen, genannt Verständnis. Dieses Wiedererkennen ist nichts anderes als eine Wiederholung eigener Inhalte. Sprechen zwei Menschen miteinander, suchen sie das Bekannte, also Eigene, und grenzen sich damit logischerweise voneinander ab. Man nennt das auch "Verständigungsgrenzen". Als Sprecher kann man sich nicht sicher sein, ob man überhaupt das zum Ausdruck bringen kann, was man meint.

Die Absicht, mittels Sprache Menschen erreichen oder sogar zu etwas bewegen zu können, erweist sich als umfassendes Problem, das sich sicher nicht durch den Besuch von Rhetorikkursen beseitigen läßt. Sprache ist gleichzeitig ein Instrument, um den Zugang zum anderen Menschen zu öffnen oder um Zugriff auf ihn zu nehmen. So ist sie auch ein Herrschaftsinstrument, mit dem Gewalt ausgeübt wird. Schon in der Antike wurde die Kunst der Rhetorik von der herrschenden Klasse mit der Absicht der Verfügung über andere Menschen geübt - was sich bis heute nicht geändert hat.


Erstveröffentlichung am 8. Dezember 2000

29. Dezember 2006