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AUSSENHANDEL/215: Kambodscha - Fahrradexporte in EU sprunghaft gestiegen (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland GmbH
IPS-Tagesdienst vom 29. Januar 2013

Kambodscha: Fahrradexporte in EU sprunghaft gestiegen - Niedriglöhne ziehen Unternehmen an

von Michelle Tolson


Bild: © Michelle Tolson/IPS

Kambodschas Fahrradexporte kommen Arbeiter teuer zu stehen
Bild: © Michelle Tolson/IPS

Phnom Penh, 29. Januar (IPS) - Kambodscha hat in den vergangenen zwei Jahre seine Fahrradexporte in die EU kräftig angekurbelt. Das südostasiatische Land gehört mittlerweile zu den zehn größten Fahrradlieferanten nach Europa. Die Erfolgsgeschichte hat den europäischen Fahrradherstellerverband EBMA neugierig gemacht und zu einer Untersuchung veranlasst. Das Ergebnis: Es sind die Hungerlöhne und geringen Steuern, die die Produzenten nach Kambodscha treibt.

2011 verkaufte Kambodscha 366.000 Fahrräder in der EU und konnte diese Zahl in der ersten Hälfte von 2012 nahezu verdreifachen, wie das Online-Magazin 'Bike Europe' berichtete. Von Januar bis Juni vergangenen Jahres wurden somit 520.000 Fahrräder nach Europa ausgeführt, während es im gleichen Zeitraum des Vorjahres noch 140.000 gewesen waren. Der Preis für ein Fahrrad lag demnach bei 200 Euro.

Wie EBMA herausfand, haben mehrere Hersteller ihre Produktion inzwischen von Thailand und China nach Kambodscha verlagert. Sie hätten dies mit dortigen Kostensteigerungen begründet. Schätzungen zufolge hat die Entscheidung ihnen 14 Prozent Steuern eingespart. Gemäß dem Allgemeinen Präferenzschema (GSP) der EU profitiert Kambodscha als eines der weltärmsten Länder (LDC) von Sonderregelungen. Das Übereinkommen 'Alles außer Waffen' ('Everything But Arms - EBA) gestattet den 48 LDCs, ihre Erzeugnisse zollfrei in die EU-Länder zu exportieren. Nur Waffen und Munition sind von der Regelung ausgenommen.

Das Anfang 2011 in Kraft getretene EBA sorgte dafür, dass Kambodscha seine Ausfuhren in die EU um 53 Prozent steigern konnte. Damit ist die Europäische Union nach den USA der zweitgrößte Exportpartner des südostasiatischen Landes geworden, heißt es in kambodschanischen Medien.

Die steigenden Produktionskosten in Thailand und China wurden teils mit Lohnerhöhungen in Verbindung gebracht. Der Mindestlohn in Thailand stieg kürzlich auf umgerechnet zehn US-Dollar täglich. In China verdienen Arbeiter in der Fahrradproduktion inzwischen 400 Dollar im Monat. In Kambodscha dagegen liegt der monatliche Mindestlohn bei nur 61 Dollar.

'Strongman and A&J', das als Tochterfirma von 'Atlantic Cycle Co.' registriert ist, hat Berichten zufolge bereits 2005 eine Fabrik in Kambodscha eröffnet. Auf einer Website der Regierung, auf der die im Land getätigten Investitionen verzeichnet sind, finden sich die Namen mehrerer Fahrradfabriken in der Provinz Svay Reing: A&J, Atlantic Cycle Co., 'Smart Tech' und 'Best Way Industry'. Sie liegen in den Sonderwirtschaftszonen 'Tai Seng' und 'Manhattan'.


Freihandelszonen locken Investoren an

Laut einem Bericht der US-Entwicklungsbehörde USAID bieten diese Freihandelszonen Unternehmen attraktive Vergünstigungen wie niedrige Steuern und Löhne, Erleichterungen bei der Abwicklung von Geschäften sowie eine "junge und gebildete Bevölkerung". In dem 2008 verbreiteten Report war von 1.500 Beschäftigten in der Fahrradindustrie die Rede.

Der Mindestlohn wurde damals mit 60 Dollar im Monat angegeben, das bedeutet 33 Cent pro Stunde. Um auf 60 Dollar monatlich zu kommen, war eine Sechs-Tage-Arbeitswoche notwendig. Die Informationen zeigen, dass die Löhne in Kambodscha in den vergangenen vier Jahren nicht gestiegen sind. Kambodschanischen Medien zufolge sollen die Löhne in den Textilfabriken wegen des Arbeitskräftemangels erhöht werden.

In allen Bereichen der Fertigungsbranche ist zu beobachten, dass die Produktion von China und Vietnam nach Kambodscha verlagert wird, wo es allerdings nicht genug Arbeitskräfte gibt. Das Sozialministerium hat die Gewerkschaften aufgefordert, die Löhne auf 93 bis 150 Dollar im Monat anzuheben.

Srun Srorn, der Nichtregierungsorganisationen in sozialen Fragen berät, erklärte, dass viele Fabrikarbeiter nicht mehr als zwei Dollar am Tag verdienten. Einige Fabriken zahlen zu dem Monatsgehalt auch einen Essenszuschuss. Die Arbeiter haben nur kurze Pausen und kaufen ihr Essen meist bei Straßenverkäufern, die vor den Fabriktoren warten. Manche Arbeitgeber beteiligen sich zudem an den Fahrtkosten. In Kambodscha gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, sodass die Arbeiter mit Motorradtaxis kommen müssen, die für eine Fahrt zwischen 50 Cent und einem Dollar berechnen.


Streiks wegen geringer Löhne

Mitte Dezember berichteten lokale Zeitungen, dass etwa 1.000 Arbeiter in einer Fahrradfabrik von Smart Tech in Svay Rieng in den Streik getreten waren, um eine Lohnerhöhung durchzusetzen. Zwei Monate zuvor hatte es ähnliche Proteste in einer Produktionsanlage von A&J gegeben.

Nach Angaben von Moeun Tola vom 'Community Legal Education Centre' (CLEC), das die Streikenden beraten hat, waren die Arbeiter nicht gewerkschaftlich organisiert und hatten den Ausstand allein organisiert. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO hat zudem das Programm 'Better Factories' aufgelegt, das derzeit Beschäftigte in Textilfabriken berät.

Nhanh Kosol, einer der streikenden Arbeiter, berichtete, dass er zwar nach wie vor nur 61 Dollar monatlich verdiene, sich der Arbeitgeber jedoch immerhin bereiterklärt habe, einen Fahrtkostenzuschuss von 13 Dollar pro Monat zu leisten. Mehrarbeit ab fünf Überstunden täglich werde mit drei Dollar vergütet. Die in den letzten beiden Jahren durchgeführten Streiks hätten "ein bisschen geholfen, mehr nicht". (Ende/IPS/ck/2013)


Links:

http://www.bike-eu.com/Sales-Trends/Market-trends/2012/10/EU-Bike-Import-Shows-Huge-Shifts-1081701W/
http://ec.europa.eu/trade/wider-agenda/development/generalised-system-of-preferences/
http://www.cambodiainvestment.gov.kh/KM/list-of-sez.html
http://pdf.usaid.gov/pdf_docs/PNADN802.pdf
http://www.ipsnews.net/2013/01/better-to-ride-these-bikes-than-make-them/

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IPS-Tagesdienst vom 29. Januar 2013
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veröffentlicht im Schattenblick zum 30. Januar 2013