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BERICHT/135: Wissenschaftsjournal "Nature" unter Hitler (idw)


Friedrich-Schiller-Universität Jena - 17.10.2007

"Nature" unter Hitler

Wissenschaftler der Universität Jena helfen "Nature", die eigene Geschichte aufzuarbeiten


Jena (17.10.07) Die Bedeutung der Medien war den Nationalsozialisten in Deutschland wohl bewusst. Zwischen 1933 und 1945 waren Radio und Zeitungen fest in ihrer Hand - nationalsozialistische Propaganda beherrschte die Medien in dieser Zeit. "Kritische Stimmen wurden dagegen wirkungsvoll zum Schweigen gebracht", sagt PD Dr. Uwe Hoßfeld von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der Leiter der Arbeitsgruppe Biologiedidaktik und Wissenschaftshistoriker hat das Verstummen einer der prominentesten kritischen Stimmen aufgedeckt: Das renommierte Wissenschaftsjournal "Nature" wurde 1938 in Nazi-Deutschland verboten.

"Diese Tatsache war nach Kriegsende völlig in Vergessenheit geraten", so Hoßfeld. Selbst die Redaktion des traditionsreichen Wissenschaftsmagazins in London war überrascht, als der Jenaer Wissenschaftler gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Dr. Lennart Olsson die Geschichte des Verbots in Nazi-Deutschland aufdeckte. "Das hat ,Nature' veranlasst, dieses Kapitel der eigenen Geschichte aufzuarbeiten." Hoßfeld und Olsson wurden gebeten, die Geschichte des Verbots in einem Essay zu dokumentieren. Auf der von der Nature-Redaktion betriebenen Internet-Seite "History of the Journal Nature" ist der Beitrag der Jenaer Wissenschaftler soeben veröffentlicht worden (http://www.nature.com/nature/history/full/nature06242.html).

Alles begann Mitte der 1990er Jahre im Archiv des Ernst-Haeckel-Hauses der Jenaer Universität. Bei Recherchen über den Zoomorphologen Victor Franz und zur Jenaer Universitätsgeschichte im Nationalsozialismus stieß Dr. Hoßfeld erstmals auf ein Dokument, das auf das Verbot der Zeitschrift hindeutete. Hoßfeld ging den Hinweisen nach und rollte den gesamten Prozess auf. Demnach begannen deutsche Politiker und Wissenschaftler bereits 1936 mit gezielten Angriffen auf das Journal. So wurde "Nature" beispielsweise in der "Zeitschrift für die gesamte Naturwissenschaft" als "jüdisches Greuelblatt" bezeichnet. Dem Korrespondenzdienst von "Nature" warf man vor, seit 1933 systematisch eine "antifaschistische Spitzel- und Spionageorganisation" aufgebaut zu haben. Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Bernhard Rust begründete das Verbot schließlich damit, dass "Nature" unerhörte und niederträchtige Attacken gegen die deutsche Wissenschaft und den nationalsozialistischen Staat verbreite.

Wie das Verbot in den einzelnen Regionen Deutschlands umgesetzt wurde, bleibt jedoch weitgehend ungeklärt. "Unseren Recherchen nach wurde das Verbot unterschiedlich durchgesetzt", erläutert Prof. Olsson. Während an der Universität Jena einige "Nature" Ausgaben des Jahrgangs 1937 fehlten, seien sie in den Archiven der Unis in Göttingen, Gießen und Berlin nahezu komplett erhalten, so der Professor für Spezielle Zoologie. "In den 1940er Jahren begannen aber auch die Bibliothekare in Jena, Bücher und Zeitschriften vor der Zerstörung zu bewahren", ergänzt Dr. Hoßfeld. Die "Nature" Bände aus diesen Jahren sind bis heute erhalten.

Originalpublikationen:
Hoßfeld, U. und L. Olsson (2007): Nature under Hitler. History of the Journal Nature,
http://www.nature.com/nature/history/full/nature06242.html
Hoßfeld, U. und L. Olsson (2006): Freedom of the mind got Nature banned by Nazis. Nature 443 (7109): 271

Weitere Informationen unter:
http://www.nature.com/nature/history/full/nature06242.html
http://www.uni-jena.de

Kontaktdaten zum Absender der Pressemitteilung unter:
http://idw-online.de/pages/de/institution23


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Quelle:
Informationsdienst Wissenschaft e. V. - idw - Pressemitteilung
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Dr. Ute Schönfelder, 17.10.2007
WWW: http://idw-online.de
E-Mail: service@idw-online.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 19. Oktober 2007