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MEMORIAL/127: Friedrich Barbarossa - deutscher Kaiser am Beginn eines historischen Umbruchs (Gerhard Feldbauer)


Friedrich Barbarossa - deutscher Kaiser am Beginn eines historischen Umbruchs

Von Gerhard Feldbauer, 6. Juni 2015


Als Führer des dritten Kreuzzuges fand der deutsche Kaiser Friedrich I. am 10. Juni 1190 in Kleinasien, unweit Seleukia in den Fluten des Saleph (türkisch Göksu), einen ganz unkriegerischen Tod. In der Mittagshitze, als er sich bei einem Bad erfrischen wollte, erlitt er in den kalten Wassern des in den kilikischen Bergen entspringenden Flusses einen Herzschlag. Der Kreuzzug wurde abgebrochen.


gemeinfrei

Friedrich Barbarossa mit seinen Söhnen König Heinrich und Herzog Friedrich. Miniatur aus der Welfenchronik (Kloster Weingarten, 1179-1191). Heute Landesbibliothek Fulda.
gemeinfrei


Mit der Krönung Friedrich I. am 18. Juni 1155 durch Papst Hadrian IV. trat eine der schillerndsten, aber auch widersprüchlichsten Persönlichkeiten der Geschichte des Mittelalters als Imperator an die Spitze des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Charakteristisch für seine 38jährige Regierungszeit wurde, dass eine Epoche historischen Umbruchs einsetzte, der Beginn des mehrere Jahrhunderte währenden Übergangs von der Feudalzeit zur bürgerlichen Gesellschaft.

Drei Jahre vorher war der Schwabenherzog am 9. März 1152 kaum 30jährig zum deutschen König erhoben worden. In Italien, auf das sich das Hauptaugenmerk seiner Politik richtete, wurde der Staufer nach der Farbe seines Barthaares Barbarossa (Rotbart) genannt.


Entschiedener Gegner des Papstes

Er war ein entschiedener Gegner des weltlichen Machtanspruchs der Kurie. Nur widerwillig gab Hadrian IV. ihm deshalb den päpstlichen Segen. Unmittelbar nach der Krönung verwickelte er ihn hinterlistig in die Ermordung Arnolds von Brescia, welcher der Herrschaft des Papstes entgegentretend, die römische Republik ausgerufen hatte. Das blutige Omen belastete das Streben des neuen Kaisers nach einer Verständigung mit dem aufsteigenden italienischen Bürgertum.

Zu den Widersprüchen dieser Epoche gehört, dass die städtischen Bürger, das heißt, "die Klasse, in der die Fortentwicklung der Produktion und des Verkehrs, der Bildung der sozialen und politischen Institutionen sich verkörpert fand" (Friedrich Engels), entscheidend auf die sozialökonomische Entwicklung einwirkten, damit aber auch die Blüte des Rittertums herbeiführten. Die weitgehend unabhängigen Städte wurden als "Glanzpunkt des Mittelalters" (Karl Marx) innerhalb der Feudalgesellschaft zum vorwärtsweisenden Element des Geschichtsprozesses. Die von ihnen hervorgebrachten Ware-Geld-Beziehungen drängten die bis dahin vorherrschende Naturalwirtschaft zurück.


Literatur und Wissenschaften erlebten einen nie gekannten Aufschwung

Unter Friedrich I. gedieh die Dichtkunst. Es entstanden erste Universitäten. Sprache, Literatur und Wissenschaften erlebten einen nie gekannten Aufschwung. Das Nibelungenlied erhielt seine endgültige Form. Die großen Epiker Walther von der Vogelweide (die politischen Lieder), Wolfram von Eschenbach (Parzival), Hartmann von Aue (Der arme Heinrich) und Gottfried von Straßburg (Tristan und Isolde) ergriffen bewusst Partei in den politischen Streitfragen, indem sie gegen die feudale kirchlich-religiöse Auffassung des Daseins Werke schufen, die nicht nur ihre Zeitgenossen beeinflussten, sondern alle nachfolgende deutschsprachige Literatur und so frühe Grundlagen für den langwierigen Weg der Formierung der deutschen Nation legten.


Expansionsdrang von Byzanz gezügelt

Barbarossa trat nicht nur dem Anspruch der Päpste auf die weltliche Herrschaft entgegen, den er aufhalten und partiell zurückdrängen konnte, sondern auch dem abendländischen Expansionsdrang Kaiser Emanuel I. von Byzanz. Gemessen an feudalstaatlichen Kriterien gewann das aus der Teilung von Verdun 844 hervorgegangene deutsch-römische Reich unter ihm an Macht und Ansehen. Er unterwarf den polnischen Staat seiner Lehnshoheit und nahm die Huldigung der Könige von Böhmen (das Teil des Reiches war) sowie Dänemarks und Englands entgegen. Von seinem strategischen Weitblick zeugt, dass er der Versuchung widerstand, die Expansion nach Osten voranzutreiben und sich stattdessen auf Italien konzentrierte. In dem Mittelmeerland, auf das sich sowohl die Gelüste von Byzanz als auch der sizilianischen Normannen richteten, sah er ein Kernstück seines Imperiums. In Deutschland konnte er zwar die Vormachtstellung des Welfen Heinrich des Löwen (1129-1195) brechen, den Einfluss der Herzogtümer aber nicht entscheidend einschränken.


Der Zusammenstoß mit dem Mailänder Städtebund

An die Grenzen seiner Macht stieß Barbarossa in der Auseinandersetzung mit dem von Mailand geführten Lombardischen Städtebund, einem Vorläufer der künftigen kapitalistischen Gesellschaftsformation. Seine Absicht, die ökonomische Basis der Lombardei zur Stärkung der von ihm angestrebten deutschen Zentralgewalt zu nutzen, stieß auf hartnäckigen Widerstand, da das Bürgertum dort auf seine wirtschaftliche und politische Selbständigkeit pochte. Über viele Jahre herrschten kriegerische Auseinandersetzungen vor, in denen die Kaiserlichen mit Augen ausstechen, Kopf und Hände abschlagen sowie Folterungen von Gefangenen und Brandschatzungen der eingenommenen Städte wüteten, aber auch die lombardischen Befehlshaber, die oft aus dem Adel kamen, mit gleicher Münze heimzahlten.


Wo der Kaiser vom Pferd stürzte

Im Kampf gegen Barbarossa verbündeten sich die Lombarden mit dem Feind jeden Fortschritts, Papst Alexander III. Der 1159 von der Antikaiserpartei gewählte Pontifex belegte Friedrich 1160 mit dem Bann. Am 29. Mai 1176 stieß das Ritterheer Barbarossas in der Schlacht bei Legnano nahe Mailänd mit dem des Lombardischen Städtebundes aufeinander. Barbarossas Ritter, die sofort angriffen, schlugen die lombardischen Reiter nach einem "wilden Kampf", wie es die Chroniken berichten, in die Flucht. Rotbart wähnte sich bereits als Sieger und preschte mit seinen Mannen zum Carrogio, dem Fahnenwagen der Mailänder, vor. Dort trafen sie völlig überrascht auf das Fußvolk, das sie mit eingelegten Lanzen und vorgehaltenen Schilden in geschlossener Formation erwartete. Nun begann erst die eigentliche Schlacht, die sich über mehrere Stunden hinzog. Als der kaiserliche Bannerträger fiel und auch Barbarossa vom Pferd stürzte, flohen die Ritter vom Schlachtfeld. Der Erzbischof Philipp von Köln, Herzöge und Grafen gerieten in Gefangenschaft. Friedrich entging nur knapp demselben Schicksal.

Das herausragende militärische Ereignis bestand darin, dass erstmals ein Ritterheer vom verachteten städtischen Fußvolk besiegt wurde. Das von der bürgerlichen Geschichtsschreibung unterschlagene Gesellschaftliche war, dass die Feudalmacht auf dem Höhepunkt ihrer Macht die erste Niederlage erlitt, zugefügt von der gerade die Bühne der Geschichte betretenden und sie, wenn auch erst Jahrhunderte später, ablösenden bürgerlichen Klasse.


Er hinterließ ein gefestigtes Reich

Die Auseinandersetzungen endeten mit Kompromissen - dem Verständigungsfrieden 1177 mit dem Papst und 1183 mit dem Lombarden-Bund. Friedrich erkannte die Selbstverwaltung der italienischen Städte an, diese ihrerseits die kaiserliche Oberhoheit. Mit dem Heiligen Stuhl herrschte ein Patt. Durch die Zusicherung der Anwartschaft seines Sohnes Heinrich VI. auf den normannischen Königsthron in Sizilien konnte sich Friedrich jedoch 1186 ein Übergewicht über das Papsttum sichern. Insgesamt hinterließ er bei seinem Tode das von der Nordsee bis Mittelitalien ausgedehnte Reich wesentlich gefestigter, als er es vorgefunden hatte.


Eine herausragende Persönlichkeit der deutschen und europäischen Geschichte

Es war das Ende eines feudalen Herrschers, der eine herausragende Persönlichkeit sowohl der deutschen als auch der europäischen Geschichte des 12. Jahrhunderts und noch darüber hinaus darstellt. Ihn mit allem Reaktionären in der deutschen Geschichte gleichzusetzen, was durch die Identifizierung militaristischer Kriegervereine seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit der Kyffhäuserlegende und durch den Missbrauch seines Namens für die Aggression Hitlerdeutschlands gegen die UdSSR befördert wurde, geht an der historischen Realität vorbei. Ebenso abwegig sind seine Idealisierung und Heroisierung, die seit dem 19. Jahrhundert das Geschichtsbild vom Kaiser Rotbart, von der alten deutschen Kaiserherrlichkeit sowie von deutscher Macht und Einheit prägten.


Eine Zierde der Welfenchronik in der Hessischen Landesbibliothek

In der Hessischen Landesbibliothek in Fulda gehört zu den bewunderten Kleinodien die Welfenchronik aus dem 12. Jahrhundert mit der Miniatur Kaiser Barbarossas und seiner Söhne, über der zu lesen ist: "In medio prolis residet pater imperialis" (Inmitten seiner Nachkommen thront der kaiserliche Vater). Die Handschrift wird mit einem Nekrolog eröffnet, zu dem auch der Welfenstammbaum gehört.

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Quelle:
© 2015 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors


veröffentlicht im Schattenblick zum 8. Juni 2015

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