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INTERVIEW/030: Aus dem Dunkel der Geschichte - nach vorne voran ...    Tucké Royale im Gespräch (SB)


Teilen und Herrschen beenden

Interview am 18. März 2015 in Hamburg


Der Erste Sprecher des Zentralrats der Asozialen in Deutschland (ZAID), Tucké Royale, hat an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Zeitgenössisches Puppenspiel studiert und bewegt sich als Performancekünstler zwischen Theater, Installation, Literatur und Musik. Das Thema Ausgrenzung beschäftigt ihn aus politischen wie persönlichen Gründen, wie er im Gespräch mit dem Schattenblick erklärt, das am Rande der feierlichen Inauguration des ZAID auf Kampnagel in Hamburg [1] geführt wurde.


Im Gespräch - Foto: © 2015 by Schattenblick

Tucké Royale
Foto: © 2015 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Du kleidest deine künstlerische Aktivität in eine eigene Identität. Gibt es dazu einen lebensgeschichtlichen Hintergrund?

Tucké Royale (TR): Ich könnte natürlich sagen, daß ich mich von Haus aus mit gesellschaftlicher Ausgrenzung beschäftige bzw. in meinem Leben Erfahrungen mit Diskriminierung und Aussonderung gemacht habe, weswegen dies in meiner künstlerischen Arbeit einen zentralen Platz einnimmt. Tatsächlich bin ich meines Wissens die erste offizielle Transperson, die eine staatliche Schauspielschule durchlaufen hat und in diesem Beruf arbeitet. So gesehen habe ich auch auf beruflicher Ebene Erfahrungen mit Ausgrenzung gesammelt.

SB: War es problematisch, als Transperson eine Schauspielausbildung zu machen?

TR: Ja, absolut. Wenn bekannt gewesen wäre, daß ich eine Transperson bin, hätte ich den Ausbildungsplatz gar nicht erst bekommen. Das heißt, ich mußte es erst einmal verschweigen. Erst nach zwei Jahren habe ich es nachgeholt und bin damit nicht unbedingt auf große Freude gestoßen. Man wußte nicht, was man mit mir beruflich machen sollte, weil man mich innerhalb der vorgegebenen Marktsituation sozusagen nicht verwerten konnte. Ich habe dann versucht, mir ein eigenes Rollenfach zu schaffen bzw. mich als Marke zu installieren, quasi Selbstverantwortung zu übernehmen, damit ich beruflich arbeiten kann. Die Situation hat sich mittlerweile verbessert, wobei man allerdings sagen muß, daß ich in der deutschsprachigen Theaterlandschaft allein bin, auch wenn ich natürlich hoffe, in diesem Bereich nicht die einzige Transperson zu sein. Vor diesem Hintergrund ist meine Empathie allen Ausgegrenzten gegenüber, die die Identitätprothetik nicht weitertragen wollen, von vornherein gegeben. Diesen Mißstand der Entsolidarisierung versuche ich auch in meiner Arbeit hier zu überwinden.

SB: Wie haben dein persönliches Umfeld, deine Familie und Freunde darauf reagiert, als du deinen beruflichen Weg eingeschlagen hast?

TR: Sehr gut, ich bin glücklicherweise von meiner Familie ohne jeden Vorbehalt unterstützt worden. Allerdings habe ich bestimmte Freunde verloren, weil sie nicht mitgegangen sind und ich irgendwann sagen mußte, daß ich als jemand, der auf die 30 zugeht, keine Lust mehr habe, mich noch länger zu assimilieren und kleinzuhalten. Dann muß man leider Abschied nehmen, aber man lernt auch immer wieder neue Leute kennen. Die eigentliche Frage ist doch, ob man zusammen weitergeht und bei welcher Lebensgestaltung man sich innerhalb des Freundeskreises unterstützen kann, auch wenn man damit nicht identisch ist.

SB: Nun könnte man die Frage der Ausgrenzung aus humanitären, empathischen, politischen oder Glaubensgründen stellen. Wie würdest du das für dich definieren?

TR: Ich würde sagen, daß es bei mir ein empathisches und insofern ein politisches Anliegen ist, als ich diese Teile-und-Herrsche-Kontinuität auf keinen Fall weiterführen und mich mit allen Ausgegrenzten, auch in meiner Arbeit, solidarisieren will.

SB: Du hast dich in der Vorbereitung auf dieses Projekt intensiv mit der Geschichte der sogenannten Asozialen befaßt. Bist du bei deiner Recherche bis in die NS-Zeit zurückgegangen?

TR: Ja durchaus. Allerdings ist die Recherchephase längst noch nicht abgeschlossen, zudem versuchen wir gerade, ein Archiv aufzubauen. Darüber bin ich selber nach wie vor mit den Gedenkstätten im Gespräch. Ich bin sehr froh, wenn mir Informationen zugetragen werden oder sich Leute mit uns zusammentun und für die Sache eintreten. So etwas kann natürlich nie abgeschlossen sein, aber es geht auch darum, nachzuforschen, wo zum Beispiel ein Begriff wie asozial herkommt und mit welchen Kriterien man es dabei zu tun hat. Wahrscheinlich geht er auf einen protestantischen Arbeits- und Leistungsbegriff zurück, der zum Beispiel das Geben von Almosen, das ja ein Teil der gemeinschaftlichen Zirkulation ist, verunmöglicht hat.

SB: Es gibt verschiedene Organisationen und Gruppen, die zu dem Thema bereits arbeiten. Du fängst im Grunde etwas Neues an, das aber an Traditionen anknüpft. Gibt es eine konkrete Zusammenarbeit?

TR: Mit manchen ja. Zum Beispiel stehe ich in einem sehr guten Kontakt mit der Gedenkstätte Ravensbrück, und mit Neuengamme gibt es freundschaftliche Gespräche. Wir durchlaufen gerade verschiedene Phasen. Natürlich gibt es aus für mich nachvollziehbaren Gründen erst einmal eine allgemeine Skepsis auch der Form gegenüber, es als Kunstprojekt zu installieren. Zumindest sind diese beiden Gedenkstätten sehr offen für eine neue Form der Präsentation, was uns hoffnungsvoll stimmt. Interesse hat auch das Archiv in Dachau signalisiert. Ich hoffe, es wird mehr Initiativen geben, mit denen wir zusammenarbeiten können.

SB: Worin siehst du den entscheidenden Vorteil, als Kunstprojekt neue Impulse der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema zu setzen?

TR: Wir machen im Prinzip ein Pre-Enactment. Das heißt, wir versuchen nicht, historische Ereignisse nachzustellen, sondern sie herzustellen. Damit greifen wir eine Form auf, die schon von Joseph Beuys als Soziale Plastik formuliert wurde. Man könnte es auch Durational Performance oder Social Hacking nennen. Kunst soll hier auf jeden Fall die Methode sein, um gesellschaftliche Realitäten zu verändern. Als jemand, der vom Theater kommt, geht es mir darum, mit Fiktion zu arbeiten und Realitäten dadurch eventuellerweise auch zu verschieben.

SB: Heutzutage spielen politische Fragen in der Kunst nicht mehr so eine wichtige Rolle wie in den 60er und 70er Jahren. Könnte eure Arbeit wieder einen Aufbruch in Richtung einer Repolitisierung der Kunst auch hinsichtlich sozialer Fragen initiieren?

TR: Das verspreche ich mir jedenfalls davon, weil Kunst immer die Frage danach stellt, wer wen repräsentiert. In der Regel gibt es ein großes Unverhältnis zwischen Performern und Publikum bzw. Künstlern und Rezipienten. Bei unserem Projekt geht es auf jeden Fall darum, diese Barriere aufzulösen. Wir arbeiten hier gemeinsam daran bzw. mit allen, die sich beteiligen möchten. Es ist ein politisches Kunstprojekt bzw. wird durch Kunst politisch gemacht.

SB: Glaubst du, daß ihr die Subjekte des sogenannten Asozialen, nämlich die Leute, die auf der Straße leben und massiv ausgegrenzt werden, die weder Stimme noch Gesicht haben, dafür mobilisieren könnt?

TR: Das wird hoffentlich zu Teilen gelingen, zumal ein paar Leute von der Mission mitkommen werden, wenn wir morgen den Film "Die Akte meiner Mutter" zeigen. Dieser Film ist in Zusammenarbeit mit Angehörigen über ihre als asozial verfolgte Mutter gemacht worden. Leider können die beiden Angehörigen morgen nicht dabei sein. Natürlich versuchen wir, mit Betroffenen zusammenzuarbeiten, was nur auf freiwilliger Basis gelingen kann. Ich habe dennoch Verständnis dafür, wenn jemand nach einem anstrengenden Tag auf der Straße abends nicht noch zu einer Kunstaktion gehen mag. Wir haben mit einigen Leuten tagsüber gesprochen, die durchaus Sympathien dafür haben, aber aus besagten Gründen eventuellerweise nicht hier sein werden. Das ist natürlich auch eine Frage der Repräsentation oder Identifikation. Daher darf man sich nicht wundern, wenn jetzt keine in der Obdachlosigkeit Lebenden hier sichtbar sind. Wir sind schließlich keine Menschenschau.

SB: Du schneidest ein in der neoliberalen Arbeitsgesellschaft virulentes Thema an, das der immer stärker werdenden Prekarisierung der Arbeit. Nicht zufällig gab es im NS-Staat die Aktion "Arbeitsscheu Reich". Könnte das Thema Lohnarbeit im Kapitalismus nicht auch ein wichtiger Bestandteil einer Kunst sein, die sich als Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft versteht?

TR: Durchaus. So kommt uns am Freitag Inge Hannemann besuchen. Ihr wurde als Sachbearbeiterin in Hamburg gekündigt, weil sie sich geweigert hatte, Sanktionen gegen Leute zu verhängen, die im Amtsjargon als Kunden bezeichnet werden. Es ist ja auffällig, daß es zwischen Kunden des Jobcenters und Sachbearbeitern des Jobcenters oft ein sehr ungleiches Verhältnis gibt. Daß von vornherein Strafandrohungen ausgesprochen werden, falls jemand mit seinem Geld nicht richtig umgehen sollte, ist eigentlich völlig absurd, weil man damit eine spekulativ in der Zukunft liegende eventuelle Straftat zur Grundlage einer Sanktionsandrohung macht.

SB: Die Black Triangle Campaign [2] in Großbritannien wehrt sich dagegen, daß im Rahmen sogenannter Sozialreformen Behinderte wieder in Arbeit gebracht werden, selbst wenn ihnen ein Arzt dauerhafte Arbeitsunfähigkeit attestiert hat. Kannst du dir vorstellen, daß der ZAiD mit solchen Gruppen und Menschen zusammenarbeitet?

TR: Ja klar. Wir könnten in Korrespondenz mit dieser britischen Gruppe gehen und in Erfahrung bringen, was sie machen. Vielleicht ergibt sich darüber eine gemeinsame Schnittstelle. Es muß nicht so sein, daß wir uns nur an der bundesdeutschen Grenze orientieren. So habe ich heute eine E-Mail von einer dänischen Gruppe bekommen, die uns vorab zur Gründung des Zentralrats gratuliert und damit signalisiert hat, mit uns in Kontakt treten zu wollen.

SB: Heute hat das Blockupy-Bündnis in Frankfurt gegen die Finanzpolitik der EZB protestiert. Überhaupt gibt es in Europa eine Fülle sozialer Bewegungen gegen ein Arbeitsregime, das Menschen ausgegrenzt und verarmen läßt. Nun müssen sogenannte Asoziale heute keine schwarzen Winkel mehr tragen, aber durch ihre Armut sind sie um so sichtbarer. Könntest du dir auch eine Zusammenarbeit mit linken Bewegungen vorstellen?

TR: Absolut. Auf der Ebene der Kontinuität von Ausgrenzung oder Maßnahmenandrohung - da spielen auch Ideen des Besserns mit hinein - hätten wir mit Sicherheit einen gemeinsamen Nenner. Das gilt auch für Menschen, die zwar einen erlernten Beruf haben, aber in diesem nicht arbeiten können und denen die berufliche Identität dadurch entzogen wird, daß man ihnen sagt, sie müßten sich für alle möglichen Arbeiten bereithalten, weil sie nicht erwarten könnten, in dem erlernten Beruf weiter zu arbeiten.

SB: Tucké, vielen Dank für das Gespräch.


Tucké Royale bei der Eröffnungsveranstaltung auf Kampnagel - Foto: © 2015 by Schattenblick

Schwarzer Winkel ... für eine Zukunft ohne Ausgrenzung
Foto: © 2015 by Schattenblick


Fußnoten:


[1] BERICHT/044: Aus dem Dunkel der Geschichte - und viele am Rande ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/kunst/report/kurb0044.html

[2] Black Triangle Campaign - Anti-Defamation Campaign in Defence of Disability Rights
http://blacktrianglecampaign.org/


7. April 2015


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