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AUSSTELLUNG/9316: Hamburg-Harburg - "I'm not here to make friends", Galerie BRD bis 11.02.2018


Pressemitteilung von: Kunstverein Harburger Bahnhof

"I'm not here to make friends"

25. November 2017 - 11. Februar 2018
Eine Ausstellung der Galerie BRD


Mit Beiträgen von Katja Aufleger, Johannes Bendzulla, Carsten Benger, FORT, Philip Gaißer & Niklas Hausser, Thorben Mämecke, Dorit Margreiter, Stefan Panhans, Moritz Sänger, Nicolaas Schmidt, Pilvi Takala

Die in Hamburg gegründete Galerie BRD ist ein Zusammenschluss von Künstler_innen, die seit 2013 regelmäßig mit thematischen Ausstellungsprojekten in Erscheinung treten. Wiederkehrende Themen sind das Verhältnis von Subjekt, Gesellschaft und Technologie, neokapitalistische Kreativitätsparadigmen und das Dogma permanenter Selbstoptimierung. Mit "I'm not here to make friends" bringt die Galerie BRD im Kunstverein Harburger Bahnhof Videoarbeiten eingeladener Künstler_innen und Found-Footage-Material zusammen, um über die Funktion von Authentizitätskonzepten in postkapitalistischen Gesellschaftssystemen und das Prinzip der Nachahmung als affirmative wie subversive Praxis zu reflektieren.

Der Titel der Ausstellung "I'm not here to make friends" ist Klischee gewordenes Mantra von Teilnehmer_innen unterschiedlichster Reality-TV-Formate: Postuliert in dramatisierten Momenten des Konflikts verdeutlicht es, dass man sich der Bedingungen seines Zusammenkommens bewusst ist, eine klares Ziel vor Augen hat und sich nicht verstellen muss, um dieses zu erreichen. Als Ausdruck eines Unbehagens an der Gruppe beschreibt es in Rückversicherung der eigenen Authentizität gleichzeitig Teilnahme und Abgrenzung von der Gemeinschaft. Es ist Fluchtbewegung, Bestätigung der eigenen Identität und Affirmation untragbarer Zustände in einem. Im Kunstverein Harburger Bahnhof transferiert die Galerie BRD diese Bedeutung auf die selbst längst hyperreal erscheinende Gegenwart postkapitalistischer Gesellschaften.

In Werbung und Medien produzierte Konzepte von 'Reichtum', 'Reise', 'Abenteuer' und 'Spaß' vermitteln Ideen von Luxus, Naturverbundenheit, Rausch oder kindlicher Unschuld: Ihr gemeinsamer Ansatz ist die Suggestion von Authentizität, Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und Freiheit, die als begehrenswerte Güter erzeugt und als Produkte einer Erlebnisökonomie in die Wertschöpfungskette zurückgeführt werden. Eng verknüpft mit Lebensstilen und Identitäten sind es diese ewigen (Re-)Produktionen von Erfahrungen, die ein aktuelles Unbehagen ausmachen. Im Prozess zunehmender Ökonomisierung aller Lebensbereiche bieten die so erzeugten Sehnsuchtsorte keinen Ausweg und verwischen zunehmend die Grenzen zwischen einem 'authentischen' Selbst und seinen medialen Simulakren.

Mit den im Kunstverein Harburger Bahnhof versammelten Videoarbeiten von FORT, Philip Gaißer & Niklas Hausser, Dorit Margreiter, Stefan Panhans, Nicolaas Schmidt und Pilvi Takala sowie zusammengetragenem Found-Footage-Material befragt die Galerie BRD diese Logiken von Imitation, Simulation, Affirmation und Wiederholung als Strukturprinzipien kapitalistischer Verwertungssysteme, aber auch als Werkzeuge der Subversion und des Widerstands aus dem Inneren des Systems heraus.

Im Video "Real Snow White" (2009) untersucht Pilvi Takala durch eine performative Intervention die unsichtbaren Differenzierungsprozesse des Disneyland Paris. Verkleidet als Schneewittchen posiert sie mit Besucher_innen vor dem Eingang des Vergnügungsparks. Jedoch wird ihr der Einlass verwehrt, da ihre Kostümierung zur Verwechslung mit offiziellen Darstellerinnen der Zeichentrickfigur führen könnte. Authentizität und Authentifizierung werden hier als Methoden der Reinhaltung kollektiver Narrative zum Zweck ihrer ökonomischen Verwertung vorgeführt. Auch Dorit Margreiters "Broken Sequence" (2013) macht einen Vergnügungsparkt zum Protagonisten. Das um die Imitation eines Disneys Prinzessinnenschlosses errichtete Areal außerhalb Beijings existiert nur noch als Ruine, in der kapitalistische Traumlandschaften und ihre kommunistische Realität aufeinander treffen. Das Künstlerduo FORT (Jenny Kropp & Alberta Niemann) nimmt mit "The Shining" (2012) ebenfalls Motive von verlorener Unschuld auf: Die Arbeit zeigt eine Gruppe von Kindern, die in einem Nachtclub zu düsterem Techno tanzt. Die erlernten Posen einer Jugendkultur, die Identität im kollektiven Erleben von Revolte, Affirmation und Ekstase findet, erzeugen in der Imitation einen zunehmenden Zustand der Beklemmung. Nicolaas Schmidts "Final Stage" (2017) folgt dem pathetisch übersteigerten Plot einer Trennung, ihren emotionalen Auswirkungen und dem Wiedertreffen im Sonnenuntergang. Ihre ästhetische Überzeichnung und die Rahmung in Europas längster Shoppingmall lassen Emotionen als nur mehr über ihre externalisierten, warenförmigen Requisiten und als Teil einer Lifestylekultur erfahrbar aufscheinen. Stefan Panhans' "Freeroam Rebours, Mod#I.1" (2016) zeigt Sequenzen, in denen Tänzer_innen Bewegungen und Glitches von Avataren nachstellen. Muskulöse Körper bewegen sich scheinbar ohne Kraftaufwand durch entleerte Stadträume, posieren vor luxuriösen Rennwagen, berühren sich, ohne zu interagieren. Eine die Bewegungen eines Computerspiels nachahmende, den Akteuren folgende Kamera verstärkt dabei den Eindruck eines authentischen Falschen. Mit "I Believe They Live Upon Air" (2011) nehmen Philip Gaißer & Niklas Hausser die Verwischung zwischen künstlichem Pastiche und natürlicher Mimikry auf. Ihre Arbeit zeigt mit einem Blumenbouquet ein scheinbares Stillleben, welches sich nur durch leichte Windbewegung als Bewegtbild erkennen lässt. Erst bei genauerem Hinsehen lassen sich im Blumenstrauß sogenannte "Lebende Blätter" - sich der Mimikry bedienende Insekten - ausmachen.

Die Arbeiten werden in einer eigens für die Ausstellung entwickelten Architektur präsentiert, die Positionen und Besucher_innen um ein "digitales Lagerfeuer" herum versammelt. Ergänzt werden die Videobeiträge um den Text "Wir reden hier von 'Irreführung der Maschinen'" des Soziologen Thorben Mämecke.

Öffnungszeiten:
Mittwoch - Sonntag, 14 - 18 Uhr
Eintritt frei
Führungen durch die Ausstellung auf Anfrage an info@kvhbf.de

Termine:
Samstag, 2. Dezember 2017, 14 - 18 Uhr
Track Academy: Track_7, "Mechanical Turks"

Mit Beiträgen von Lauren Huret & Hunter Longe (Künstler_innen, Genf), Sebastian Schmieg (Künstler, Berlin), Thorben Mämecke (Soziologe, Universität Paderborn) und der Galerie BRD

Angesichts simulierter zwischenmenschlicher Interaktion, mit Eigenleben ausgestatteter Algorithmen oder menschlicher Ressource, die die Arbeit von Bots übernimmt, ist die Grenzziehung zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz schwierig geworden: Wer imitiert hier wen und wie soll umgegangen werden mit authentisch erscheinenden Simulationen von Leben?

Die Reihe "Track Academy" umfasst ein diskursives Programm mit Formaten aus Wissenschaft, Kunst und Vermittlung. Durch eine zeitliche und räumliche Verdichtung von Veranstaltungen werden kommunikative Situationen angeboten, die Aneignungen von Handlungsräumen sowie die Aktivierung von spezifischem Wissen ermöglichen. Die "Track Academy" leitet ihre Themen aus den Ausstellungsprojekten des Kunstvereins ab und reflektiert sie über das Kunstfeld hinaus zurück in den gesellschaftlichen Raum.

Die Ausstellung wird gefördert durch die Hamburgische Kulturstiftung und die NORD/LB Kulturstiftung.

Die Reihe "Track Academy" wird gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.

Das Programm des Kunstvereins Harburger Bahnhof wird ermöglicht durch die Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg.

Kunstverein Harburger Bahnhof von 1999 e.V.
Im Bahnhof über Gleis 3 & 4
Hannoversche Straße 85, 21079 Hamburg
www.vhbf.de

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Quelle:
bpar - Beisel Public Art Relations
Eine Initiative der Healthcom GmbH
Agrippinawerft 22, 50678 Köln
Telefon: 0221 / 222 83 - 181, Fax: 0221 / 222 83 - 322
E-Mail: info@bpar.de
Internet: www.bpar.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 30. November 2017

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