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AUSSTELLUNG/9341: Kunsthalle Münster - "beyond future is past", 8.12.2017 - 10.3.2018


KUNSTHALLE MÜNSTER
Beyond Future Is Past (8.12.2017-10.3.2018)

Filmwechsel: 15. Dezember
Nathaniel Mellors *1974 (GB/NL)

The Sophisticated Neanderthal Interview
15. - 21. Dezember 2017


Im Dickicht sozialer Realität, dessen Wurzeln von der Moral wie eine zähe klebrige Nährlösung allseits umflossen werden, tauchen die Filme von Nathaniel Mellors zwischen Poesie und Absurdität gleichermaßen humorvoll und respektlos in die Untiefen der westlichen Gegenwart zu Themen, die zumeist auf den Oberflächen unseres kollektiven Bewusstseins dümpeln. Von dort werden Geschichten über Macht und Besitz, Selbstermächtigung in Wissenschaft, Philosophie, Kunst und Kultur abgeschöpft und unter Anwendung solcher cineastischen Mittel ins rechte Licht gerückt, die an die kolorierten B-Movies der 1950er und 1960er Jahre erinnern. Im Durcheinander unzähliger Referenzen wie verrückter Anspielungen aus Bildern und Sprache scheinen dabei immer wieder einzelne Requisiten der Filme regelrecht den Halt zu verlieren und aus der Leinwand zu purzeln, um dann im Betrachterraum platziert wie forensische Beweise die Evidenz des so aufgeführten unumstößlich zu belegen.

"Was passiert, wenn ein filmender Homo Sapiens einen eher schroffen, aber sanftmütigen Neandertaler trifft? Nun, sie reden über Kunst, ein bisschen angetrunken vom Ameisensaft und bunte Nat Sherman Zigaretten rauchend. - Wie könnte es auch anders sein?" (Nathaniel Mellors)

"The Sophisticated Neanderthal Interview" zeigt einen jungen Mann, der aus dem Stauraum der Gegenwart einem blinden Passagier gleich in einer prähistorischen Landschaftskulisse ausgesetzt wurde - ein öder Ort namens "E-Den", so steht es zumindest handschriftlich auf einem Felsblock, der kurz im Bild erscheint. Dieser junge Mann, Truson, ist eine Figur, die ganz in der Tradition nichtlinearer Erzählverläufe fantastischer Geschichten, etwa von Lewis Carroll oder Jules Verne, bereits in einem früheren Film von Nathalie Mellors auftaucht ("Ourhouse", 2010). Gekleidet in ein lächerliches Kostüm, ein Hybrid aus Strampelanzug und sowjetisch anmutendem Space-Overall aus einer low-budget Science-Fiktion-Produktion, ist er in Raum und Zeit unterwegs, auf der Suche nach den wahren Ursprüngen menschlicher Kultur. Vor einer großen Höhle trifft dieser Amateuranthropologe zufällig einen mürrischen Neandertaler, der sich als Voggen Heidelberg des Nordens vorstellt, bevor er sich daran erinnert, dass er tatsächlich Voggen Williams, ein Südländer ist. Truson, bewaffnet mit Kamera und Messgerät, versucht ebenso eifrig wie leichtgläubig Informationen über die Biologie, Kultur und Kunst des Neandertalers zu sammeln, um diese später als handfeste Beweise seinem Vater vorlegen zu können.

In der Erwartung einer kaum intellektuellen, zumal von der Geschichte getilgten nebenmenschlichen Spezies zu begegnen, erweist sich der grobschlächtige urmenschliche Verwandte, dessen Gene sich nach neuesten Erkenntnissen e urmenschliche Verwandte, dessen Gene sich nach neuesten Erkenntnissen immerhin bis zu 2,6% beim modernen Menschen wiederfinden, aber rasch weitaus intelligenter und listiger als der tollpatschige Truson. So gewinnt Voggen sowohl physisch als auch sprachlich die Oberhand, gleichwohl er kokett den Eindruck vermittelt, ein wenig berauscht und verwirrt zu sein. Voggen erzählt Truson, dass er aus "E-Den" von einem mysteriösen Wesen namens "The Sporgo", das alle Höhlenkunst kontrolliere, verbannt worden wäre. Voggen selbst sei früher ein allseits geachteter Künstler gewesen, als seine Arbeiten noch mehr "Sporgo-ey" waren.

Truson ist von der Höhle magisch angezogen. Jedoch warnt der Neandertaler vor der Gefahr, sie zu betreten. Stattdessen schlägt er vor, die Höhle in Trusons Bewusstsein zu öffnen. Er ermutigt ihn, an einem schamanistisch-performativen Kunstwerk namens "Farben und Fett" teilzunehmen, das mit der Einnahme einer bewusstseinsverändernden Substanz beginnt. Halluzinierend glaubt Truson, dass sein fettverschmiertes Gesicht zwecks Verzehr im Feuer geschmort werden soll und flieht in die Höhle. Voggen, der noch ruft: "Geh nicht hinein, du wirst Sporgo-ed!", hält plötzlich wie von einem Geistesblitz getroffen inne, greift einen Felsen und verkündet prophetisch: "Ich werde diese höhlenartigen Materialien benutzen, um meine eigene Höhle zu bauen. Ich werde sie auf dem Boden errichten. Lass' sie Haus sein!"

Die folgende Einstellung zeigt Truson und Voggen in einem höhlenähnlichen Raum, in dem sich zahlreiche Gegenstände wie poetische Anomalien befinden: unter andern eine Shakespeare Büste und ein waffenartiges Objekt - Artefakte, die einer längst vergangenen Zukunft zu entstammen scheinen. Unklar bleibt, ob es sich um die Höhle des Sporgo, um eine Illusion Trusons oder gar um das Innere des Hauses handelt, das Voggen zu bauen beabsichtigt. Gesteigert wird die Unbestimmtheit dieser Sphäre durch ein auf Trusons Kleidung projiziertes Gitternetz, erinnert dieses doch sowohl an das geheimnisvolle Raster im Sience-Fiction-Klassiker "Tron" (1982/2011) als auch an das "Holodeck", eine virtuelle Freizeit- und Lernumgebung, die auf den Raumschiffen- und Stationen der neuaufgelegten Star-Trek-Serien anzutreffen ist. Während Truson wie in Trance zu unhörbarer Musik tanzt, verweist Voggen auf seinen großen Kopf, und erklärt, dass dieser "hohe Auflösung" sei.

In der Gemengelage aus Initiationsreise und Gehirnwäsche, aus Illusion und Halluzination zeigt sich, dass die Sehnsucht des Menschen, Gegenwart und Vergangenheit zu verstehen und kontrollieren zu können nicht nur ins Leere läuft. Vielmehr noch landet er immer nur wieder an dem Punkt, von dem aus er aufgebrochen ist. So wie der Neandertaler in Trusons Wahn versucht, das Gesicht seines menschlichen Besuchers zu essen, womöglich um durch diesen rituellen Akt einem prähistorischen Facebook vergleichbar Macht an sich zu binden, will Truson die Höhlenkunst konsumieren, um sie als unumstößlichen Legitimationsbeweis in sein eigenes Wissen und Glaubenssystem zu integrieren. Dabei scheint der moderne Mensch von der Vorstellung geleitet, dass die nachhaltige Form des Lebens in der Altsteinzeit als Jäger und Sammler eine (paradiesische) Alternative darstellt zum neolithischen Modell menschlicher Existenz. Zumal diese den Ausgangspunkt für die moderne Wirtschaft des Besitzes und das Abgleiten in die ökologische Unhaltbarkeit markiert, worauf zumindest die Wahl des ebenso paradoxen wie metaphorischen Namens "E-Den" für das Territorium der Filmhandlung deutet.

Aber wurde nicht auch der Neandertaler aus seiner Höhle geworfen, von jemandem, der behauptet, die Höhle zu besitzen und der über die Kunst als Ursprung des menschlichen Bewusstseins entscheidet? Wäre dann nicht der Ort vor der Höhle ein Ort der Erkenntnis, an dem eine Existenz außerhalb der konventionellen menschlich determinierten Welt vorstellbar wäre? Demzufolge läge die von Truson verkörperte Tragik des noch jungen modernen Menschen darin, dass er wider die Programmatik seines eigenen Namens, an diesem Ort steht, ohne ihn zu erkennen, und stattdessen in das Innere der Höhle strebt - nur wieder dorthin zurück wo er herkommt.

In einer solchen, sich absurd perpetuierenden Fiktion ist die Filmhandlung unentrinnbar gefangen. Sie beschreibt eine elliptische Umlaufbahn um sich selbst, in die auch die Betrachter unversehens durch die Wahl des Filmsets katapultiert werden. Ist die hier vorgeführte Raum-Zeit-Interferenz doch in die sogenannten "Bronson-Höhlen" verlegt, ein Areal nahe Hollywood, das zu einem vormaligen Steinbruch gehörte und seit den 1960er Jahren für zahlreiche Filmproduktionen genutzt wurde, etwas als Bat-Cave und Parkplatz für das Bat-Mobile... Allein in dieser Verwirbelung aus realem Ort und filmischer Fiktion mag man sich an eine der nachhaltigsten Szenen der Filmgeschichte erinnert fühlen, an die Schlusssequenz von "Planet of the Apes" (1968), wenn der irdische Astronaut (George) Taylor und die menschliche Äffin Nova auf ihrer Flucht in der "Verbotenen Zone" in einer am Meer gelegenen Höhle auf die Überreste der Freiheitsstatue stoßen. Erst da begreift Taylor, dass er keineswegs auf einem fremden Planeten gestrandet ist, sondern tatsächlich die inzwischen von Menschen zerstörte Erde nie verlassen hat: Ein tautologischer Eskapismus in Futur II, dessen Destination von Beginn an im Scheitern siedelt.

Kuratoren: Dr. Gail B. Kirkpatrick und Marcus Lütkemeyer Organisation: Isabelle von Schilcher

Die Ausstellung "beyond future is past" ist durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Die Kunsthalle Münster wird unterstützt von dem Freundeskreis der Kunsthalle Münster und den Stadtwerken Münster.

KUNSTHALLE MÜNSTER
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Quelle:
Pressemitteilung: 13.12.2017
Verena Voigt | PR
v.voigt@t-online.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 19. Dezember 2017

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