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MODELLE/001: Das CH'I-Konzept - Teil 1 (MA)



CH'I - Ein umstrittener Begriff

CH'I







In den chinesischen und japanischen Kampfkünsten ist der Begriff CH'I oder KI scheinbar eine feststehende Größe. Zumeist kann CH'I in seiner Bedeutung für die einzelnen Kampfkünste als hintergründige Energie identifiziert werden, deren Kausalnexus bis in die kosmische Unendlichkeit reicht. Diese Energie wird damit ebenso umfassend und absolut wie geheimnisvoll.

Man kann auch sagen, daß überall dort, wo unsere Neugier oder unser Wissensdrang aufhört, in kausaler Logik das CH'I als letzte Instanz für Energiewirkung und -ursachen eingesetzt wird.

Koichi Tohei schreibt in seinem "Ki-Buch":

Der Mensch entstammt wie jedes andere Geschöpf und jeder Gegenstand dem "Fast Nichts", der unteilbaren Substanz, aus der das Universum geschaffen ist. Das ist KI. Die Christen nennen es "Gott", die Buddhisten "Buddha", die Anhänger des Soka Gakkai "Gohonzon". Dies alles sind Namen aus verschiedenen Sprachen und Kulturen für die gleiche Sache, genauso wie wir im Japanischen "te" und im Deutschen "Hand" sagen.

Das absolute Universum war ursprünglich eins. Zwei entgegengesetzte Kräfte traten auf, und die Welt des Relativen war erschaffen. Wir neigen dazu zu glauben, die Welt des Relativen, die wir um uns herum sehen und hören, sei die einzige, und so vergessen wir die Welt des Absoluten dahinter. Die absolute Menge des KI des Universums ist konstant und immer im Fluß. So heißt es im Buddhismus: "Es gibt keine Geburt und kein Vergehen, weder Beschmutzung noch Reinheit, weder Zunahme noch Abnahme."
(1)

Die Absicht einer solchen Denkweise ist deutlich und durchaus, wie von Tohei auch angedeutet, zeit- und kulturunspezifisch. Das heißt: Der darin enthaltene Trick, sein Denken und Handeln zu verbiegen und vermeintlichen Instanzen (Stärkeren, Mächtigeren) zwecks Orientierung anzugleichen, ist alt. Furcht vor Verlust und Unsicherheit verführen dazu, die Grenzen des vertrauten Wissens bestenfalls zu modifizieren und dahinter das Absolute oder Unendliche anzusiedeln, z. B. Gott, KI bzw. CH'I. Eine daraus folgende Urkraft oder Urwirkung entspräche dann der Grenze unseres Wissens.

Dazu sagt Chang Chun-Yuan in,"Tao, Zen und schöpferische Kraft":

Wir dürfen uns nicht durch die Erwähnung von solchen Begriffen wie GEIST und Himmel täuschen lassen. Die gesamte Ausrichtung der Schule des CH'I ist rein materialistisch.
Bis in die Zeit von Chang Tsai, den ich oben erwähnt habe, betrachtete man die Schöpfung in rein materialistischer Sicht als eine Angelegenheit der Entstehung der Ursubstanz, d.h. in Begriffen des CH'I oder Äthers. Später gaben sich die Philosophen mit dieser Sicht der Schöpfung jedoch nicht zufrieden. Chen Yi und Chu Hsi aus dem elften und zwölften Jahrhundert glaubten, hinter dem Materialismus des CH'I müsse es noch ein letztes Prinzip geben, welches seinen schöpferischen Charakter bestimmt. Dieses Prinzip bezeichneten sie als LI.
Chu Hsi sagt: "Die Schöpfung des Menschen hängt einfach ab von der Vereinigung des Prinzips mit dem Äther. Wahrlich, das Himmlische Prinzip (T'IEN LI) ist endlos und unerschöpflich. Alles menschliche Vermögen der Sprache, Bewegung, des Denkens und Handelns stammt allein vom Äther her. Und doch ist diesem Äther das Prinzip inhärent." LI ist die formale Ursache, CH'I die materielle Ursache. In der metaphysischen Welt, jenseits von Substanz, ist LI oder Prinzip. Alle Dinge, der Mensch eingeschlossen, müssen im Augenblick ihrer Schöpfung LI empfangen, um ihr einzigartiges Wesen zu begründen.
Die Welt des Prinzips ist endlos und rein, aber leer. Sie ist in sich selbst gestalt- und formlos, obwohl sie alle Formen hervorbringt. Sie ist ohne Wille oder Macht. Nur in Verbindung mit der materiellen Welt des CH'I manifestiert sie sich in der Welt der Sinne. Prinzip ist ewig und transzendiert Zeit und Raum. Baut man ein Haus, so wird es aus substantiellen Gegenständen zusammengesetzt, aus Ziegeln, Holz und Mörtel. Aber es muß einen Plan geben, der diese Substanzen zu einem sinnvollen Ganzen versammelt. Das Material ist CH'I, der Plan ist LI. Wenn das Haus dem Plan entsprechend gebaut ist, dann manifestiert es LI in seiner konkreten Form.
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Tohei wird in seinen Schlußfolgerungen noch deutlicher:

Was braucht man alles zum Leben? Essen, Wohnung, Kleidung, Wasser, Luft. Aber fehlt da nicht etwas? Doch, KI - etwas so Grundlegendes für das Leben, daß wir es oft genug einfach vergessen.
Jemand geht ans Meer, schöpft mit seinen Händen etwas Wasser heraus und ist überzeugt: "Das ist mein Wasser." In einem gewissen Sinn hat er natürlich recht, eine Zeitlang gehört es ihm. Aber eigentlich und Ietztiich gehört es dem Meer. Ob er es am Strand durch die Hände in den Sand rinnen läßt oder ob es verdunstet, als Teil einer Wolke kondensiert und als Regen wieder zur Erde fällt - "sein" Wasser wird immer ins Meer zurückkehren.
Genauso ist es auch mit unserem Leben. Mit unserem Körper umschließen wir einen kleinen Teil des Universums und sagen: "Das bin ich." Aber das KI, das uns Leben gibt, ist ein Teil des KI des Universums - in genau demselben wirklichen und konkreten Sinn wie die Tatsache, daß jene Handvoll Wasser ein Teil des Meeres ist.
Der Spaziergänger am Strand muß sich jedoch eigens hinabbeugen, um Wasser aus dem Meer zu schöpfen, während man die Lebenskraft andauernd und unwillkürlich empfängt. Unser persönliches KI ist untrennbar mit dem KI des Universums verbunden und tauscht sich ständig mit ihm aus. So ist die Essenz des Lebens ein dauerndes wechselseitiges Strömen und Zurückströmen zwischen unserem KI und dem des Universums. Ist der Strom stark und wird er nicht behindert, sind wir gesund. Hält der Fluß zeitweise an, werden wir bewußtlos. Hält er ganz und endgültig an, so sterben wir.
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Wird hier nicht die Einsicht vermieden, daß wir uns, wieviel wir auch spekulieren mögen, tatsächlich auf unsere Körpermaße beschränken? Mit dieser vermiedenen Einsicht ist gleichzeitig der Versuch verbunden, doch noch über seine Grenzen zu stoßen und eine Verbindung zur Unendlichkeit des Absoluten, d.h. zum Universum herzustellen. Auf diese Weise scheint selbstverständlich die eigene Unendlichkeit gesichert.

Tohei findet auch hier einen passenden Vergleich:

Wird ein Auto oft gefahren, bleibt die Batterie geladen. Ebenso wird das KI, das man durch die tägliche Arbeit verbraucht, immer wieder von Grund auf durch das KI des Universums erneuert. Läßt man das Auto lange unbenutzt stehen, so führt das zum gleichen Ergebnis, wie wenn man KI nicht kraftvoll fließen läßt, nämlich zu einer leeren Batterie. Natürlich muß auch eine Batterie in gewissen Abständen nachgeladen werden. Dasselbe gilt für unser KI. Beim Schlafen, der einzigen Zeit, in der die meisten Menschen fähig sind, sich wirklich zu entspannen, wird unser KI vollständig erneuert.
In den Phasen tiefer Entspannung, wenn die Gehirnwellen gleichmäßig ruhig geworden sind, empfängt das Gehirn das KI des Universums.
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Die Grenze unseres Wissens als Ursache der Ursachen oder als Urkraft bzw. Urmaterie (CH'I) wahrgenommen, wird dann zu einer Vermittlungsinstanz zwischen unserer Beschränkung (Körper) und dem Absoluten (LI) oder Geist erhoben.

In dieser Denkmethode werden tatsächliche Schranken bis zur Unkenntlichkeit verwischt. In moderneren Denkschulen des Abendlandes gilt gerade dieses als die Stärke der idealistischen Position, verknüpft mit Denkern wie Hegel, Kant, Schelling, Schopenhauer, Leibniz, Fichte usw. (oder klassisch Plato). Es ist nicht verwunderlich, daß eine solche Denkweise in der Folge Vorstellungen einer nicht faßbaren Energie CH'I, die im Körper zirkuliert, hervorrufen konnte.

Die Überlegung, dieses CH'I dann zur ungehinderten Zirkulation zu bringen, um Energie zu optimieren, liegt ebenso nahe, wie die Idee, CH'I (Ursubstanz/Energie) zu sammeln und dadurch größere Fähigkeiten zu entwickeln. Dieses soll durch das fleißige Einüben und tiefere Kennenlernen bestimmter Formen (CH'I KUNG) oder Bewegungsformen (TAI CHI CHUAN / PAKUA / HSING I) geschafft werden. Körperliche Schranken und begrenztes Wissen sollen so überwunden werden.

Eine Grenze kann man nur überwinden, wenn sie als solche erkannt wird. Solange es noch vermutete Übergänge gibt, ist die Grenze unbedeutend. Erst in ihrer ganzen Konsequenz sichtbar, bietet sie einen genügenden Anhaltspunkt, ihre Überwindung zu erforschen. Das wäre - in unserem Bild gesprochen - Wissenserweiterung und hat mit geheimen Wegen und Kräften nichts zu tun.
Wir haben es verlernt, bei einem einfachen Verständnis der Dinge und Begriffe zu bleiben, bis wir sie zu unserem unmittelbaren Nutzen verändern können.

Das Wort "Geist" z. B. ist in seiner ursprünglichen Bedeutung nichts anderes als eine starke Gemütsreaktion des Erschreckens und Erschauerns, die jeder verstehen kann. Erst in der weiteren Entwicklung gab es die Verknüpfung zu Geistern und Gespenstern als unabhängigen Erscheinungen bis hin zur heutigen Bedeutung dieses Wortes. Mit dem Wort "Geist" kann man folglich eine Menge andeuten, aber nichts Genaues sagen.

Nicht anders ist es mit dem ursprünglichen Begriff CH'I: Er setzt sich aus dem Zeichen für Dunst oder Dampf zusammen.

Atemtechniken kennen wohl die meisten als komplizierte Übung, den mechanischen Vorgang des Ein- und Ausatmens mit verschiedenen Methoden zu steuern.

An dem Problem der Atemtechnik kann aufgezeigt werden, wie der Weg von einem einfachen Verständnis zu einer sophistischen Interpretation verläuft:

CH'I ist nicht nur ein philosophischer Begriff, der seinen Standort lediglich im Denken hat. Er wird, da seine Grundbedeutung "Atem" bzw. "Atmen" ist, wesentlich durch Atem-Ü b u n g  lebendig, empfindbar, wirksam.
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Wenn wir dagegen bei der CH'I-Übersetzung tatsächlich einmal von Luft oder Atmen ausgehen, dann gibt es über den alltäglich vertrauten Vorgang der Atmung hinaus keinen besonderen Anhaltspunkt für etwas, das zum Erwerb, Erhalt oder zur Vermehrung von CH'I wichtig wäre.

Danach wäre keine Technik notwendig, die sich unmittelbar auf das Atmen bezieht. Eher könnte der Vorgang der natürlichen und bei einzelnen Menschen durchaus verschiedenen Atmung hier zur Orientierung für das Einfache und Beständige einer Funktion erscheinen, mit anderen Worten, jede Technik bzw. Kunst würde in diesem Falle die einfachste und ständig zugängliche Funktion einer Bewegung - z.B. Atmung - zum Maßstab erheben.

Damit wäre die Möglichkeit eines CH'I-Konzeptes angedeutet, daß eine Methode des Sammelns, Kultivierens und Modifizierens einer - nicht einmal nachweisbaren - Ur- bzw. zirkulierenden Vitalkraft in seiner praktischen und theoretischen Verwendbarkeit weit übertrifft.

Der Maler Wang YANG-MING sagt:

"Worauf wir nicht in Liebe zugehen (also mit einfachem Verständnis - Anmerkung des Verfassers), bleib(t) für uns ein Land des Todes."
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Im 2. Teil dieses Artikels über CH'I werden wir noch weitreichender, als dieses Zitat es ahnen läßt, nachweisen, daß ein derartiges Verständnis von CH'I methodisch und mit großer Effizienz in bestimmten Schulen der Taoisten oder später CHAN-Buddhisten auf Künste oder Techniken angewendet wurde.

Die chinesischen Umschreibungen "darauf herumkauen" oder "begießen" für das Üben einer Technik oder Kunst (shu) deuten auf ein solches einfaches Verständnis von Technik und Übung hin.

Auch hier zeigt sich, daß der einfach gefühlte Kontakt mit der Atmung (etwa wie "auf der Luft herumkauen") nur ein abstraktes Konzept zur Erreichung eines Zieles bedeutet, für das wir in unserem Kulturkreis etwa die Begriffe "Konzentration" oder "geringfügigster Aufwand mit größtmöglicher Wirkung" einsetzen würden.

Es könnte gut sein, daß bei der Komplizierung einer einfachen Übung mit einfachem Sinn (Atmung als direktester Kontakt mit der Luft) eben dieses Ziel ins Geheimnisvolle abgleitet und natürlich auch die Methode (z.B. Kauen der Luft).

Der Meister einer Kampfkunst verfügt möglicherweise über eine große Körperkontrolle. Seine Bewegungen sind verschleißarm. Durch langes Üben und praktische Kenntnisse der statischen Verhältnisse im Körper (Körperhaltungen und -posituren) und innerer Körperräume (Gelenke) ist es wahrscheinlich, daß er Bewegungen von solcher Effizienz und Kürze mit geringstem Kraftaufwand verbindet, daß dieses einem Laien, der weniger Wissen darüber hat, äußerst geheimnisvoll erscheinen mag.
In unserer Sprache und unserem Verständnis wie auch in unseren Wissenschaften gibt es durchaus genügend Begriffe und Wege, eine hoch entwickelte Körperbeherrschung zu beschreiben, zu verstehen und weiterzuentwickeln. Dazu braucht man keinen dampfenden Reis (CH'I) zu bemühen.
Man könnte aber auch das ursprüngliche CH'I als ein Konzept verstehen, das immer wieder auf die einfachsten Dinge (Luft, Atmen etc.) zurückführt. Im positiven Sinne eine Rückkehr auf erkannte Grenzen des Wissens und des Denkens, um von dort das ursprüngliche Denken bzw. Wissen wiederaufzunehmen und weiterzuentwickeln und es nicht im Nebel der Spekulation zu ersticken.

CH'I wäre auf diese Weise weniger eine geheimnisvolle Kraft als vielmehr eine Methode, in Verbindung mit dem zunehmenden Wissen um den Körper und die Natur, in unmittelbarster Form bzw. Einfachheit die Technik, d.h. den kontrollierten Zugriff auf vorhandene und verstehbare Energie und Kräfte, zu verfeinern und zu verbessern.


(Redaktionelle Anmerkung: MARTIAL ARTS setzt diese Serie in seiner nächsten Ausgabe mit einer vertiefenden Untersuchung des technischen CH'I-Begriffs und seiner technischen Verwendung im traditionellen Taoismus fort.)



CH'I Anmerkungen:
1) Koichi Tohei, Das KI-Buch, Kristkeitz Verlag, Berlin 1981, S.15f.
2) Chang Chung-Yuan, Tao, Zen und schöpferische Kraft, Eugen
   Diederichs Verlag, Düsseldorf/Köln, S. 57f.
3) Koichi Tohei, a.a.O., S. 12f.
4) Koichi Tohei, a.a.O., S. 13
5) Erich W. und Ilse R. Stiefvater, Chinesische Atemlehre und
   Gymnastik, Haug Verlag, Ulm/Donau, 2. Auflage 1980, S. 29
6) Erich W. und Ilse Stiefvater, a.a.O., S. 30



Erstveröffentlicht in MARTIAL ARTS Nr. 1, November 1982
Magazin für Kampfkunst und Philosophie
Herausgeber: MA-Verlag
E-Mail:ma-verlag@gmx.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 18. Februar 2007