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MODELLE/009: Kriegskunst der Indianer? - Teil 3 (MA)


Kriegskunst der Indianer? - Teil 3

von Helmut Barthel


Wenn man die gravierenden Veränderungen, von denen das Gruppen-, Clan- und Stammesleben zumeist halb nomadisierender oder auch seßhafter Indianer getroffen wurde, unterschlägt, dann läßt sich das zur Zeit der Kolonisation beliebte Schreckensbild des aggressiven Wilden, dessen Hauptinteresse und Geschicklichkeit im Morden und Töten bestand, leicht erklären. Gerne hat man die wirkliche Lebensweise der Indianer hinter die Fassade des stolzen, unnahbaren und mit seinem Leben dem Kampf verpflichteten indianischen Kriegers verdrängt. Nur so war es möglich, sich mit gutem Gewissen im nachherein die Zerstörung der im wesentlichen mit Jagd und Nahrungsanbau befaßten Kleinkulturen und Lebensgemeinschaften erklärlich zu machen.

Daß die Entstehung von Kriegergesellschaften der Indianer ein Produkt hemmungslosen Landraubes und tödlicher Verfolgungssucht der weißen Siedler war, die die Stämme in die Zwangslage engsten Zusammenlebens in den bis dahin kaum besiedelten Prärien und damit auf für sie fremden und unergiebigen Boden brachte, ist seitens der früh- und spätkolonialistischen Anthropologie nie angemessen gewürdigt worden. Berücksichtigt man die Errungenschaften des Zusammenpralls beider Welten für die Indianer - Pferde, Feuerwasser und in geringem Ausmaß auch Werkzeuge und Schußwaffen -, so waren ganz besonders die Pferde gleichzeitig auch schon ein Mittel der Not. Sie wurden eingesetzt, die grausamen Folgen großer Fluchtbewegungen und den Verlust der sicheren Umgebung, vertrauter Jagdreviere und Anbauflächen, geringfügig zu lindern, waren aber sicherlich alles andere als ein Einsatz für die Überlebenssicherheit, den Frieden und den natürlichen Reichtum, den die Indianer für immer zurücklassen mußten.




Für die Weißen vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts war die Existenz des Prärie-Indianer eine Überraschung. Die Spanier waren ihrer nie ansichtig geworden, und zwar aus gutem Grund. Es gab die Prärie-Indianer nämlich erst seit nicht ganz hundert Jahren. Sie waren ein Volk, das sein Dasein buchstäblich dem Pferd verdankte, einem Tier, das es in Nordamerika früher nicht gab.

Der Conquistador Cortez, der 1519 in Amerika landete, brachte zehn Hengste und sechs Stuten mit. Die Pueblos, die Shoshonen und andere Indianerstämme des Südwestens waren verblüfft von den "Riesenhunden"; es waren, mit Ausnahme der Bären und Büffel, die größten Tiere, die sie je gesehen hatten. Die Spanier achteten streng darauf, daß die Eingeborenen nicht in die Nähe der Pferdekoppeln kamen, aber die Kunde von diesen fremdartigen Tieren verbreitete sich mit Windeseile. Die Ebenen waren damals ebenso leer wie weit, das Grasmeer war ebenso unüberwindlich wie ein Wassermeer. Die Indianer wagten sich nur selten hinein; sie zogen es vor, seßhaft zu leben, Mais anzubauen, Fische zu fangen und gelegentlich am Rand der Ebene Büffel zu jagen. Das Pferd änderte das für alle Zeiten.

1640 erhoben sich die Pueblos gegen die Spanier, töteten viele von ihnen und setzten in den Prärien mehrere tausend Pferde frei. Bei nachfolgenden Revolten, die zum größten Teil fehlschlugen, gelangten weitere tausende Pferde in die Prärie. Sie bildeten wilde Herden, welche von den Spaniern "mestenos" genannt wurden - daraus wurde später das anglisierte Wort "Mustang". Die Wirkung, die diese Tiere auf die furchtsamen Indianer ausübten, war unglaublich. Mit dem Pferd als unermüdlichem Reittier wurde das Grasmeer so passierbar wie eine Straße. Von Norden, Osten und Süden schwärmten Indianer aus dem Waldland hervor und fegten über die Ebene wie separate, kollidierende Hurrikane. Alte Stämme verschwanden, verschmolzen mit anderen oder formierten sich neu.
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Die Jagdgewohnheiten und -techniken der Indianer, die vor der Zeit der Pferde ein fester Teil ihres Lebens waren, unterschieden sich schon aufgund der geringeren Reichweite wesentlich von derjenigen, die - durch die bereits beschriebene Veränderung aufgezwungen - uns Abendländern meist als indianertypisch mißverstandene Jagdmethode zu Pferde aufgedrängt wird. Es hat nichts Rätselhaftes, wenn als soziale Folge Clans und kleine Lebensgemeinschaften - vor dem Hintergrund des Verlustes von Nahrungsressourcen und sicheren Überlebenstechnologien, die nicht nur an eine bestimmte Lebensweise, sondern auch an eine bestimmte Umgebung gebunden waren - dann zu ihnen vormals völlig fremden Strukturen und Orientierungsmustern greifen mußten, welche die als Stammesgesellschaft zu bezeichnende Zwangslage behelfsweise zu ordnen und organisieren vermochten. Dazu gehört u.a. auch die Entstehung von sogenannten Kriegergesellschaften. (2)

Man könnte sagen, daß halt- und wurzellos gewordene Individuen, die vormals in der angestammten Umgebung und in kleinen Clans in ihre Aufgaben und Selbstverwirklichung natürlich hineingewachsen waren, in diesen Kriegergesellschaften ein sozial hoch bewertetes Feld der Betätigung und Selbstbestätigung finden konnten.

Die wesentlichste Aufgabe der Männerbünde aber lag darin, die heranwachsende Generation im Rahmen der gesellschaftlichen Formen zu erziehen. Ein junger Mann, der in einen Bund eingetreten war, lebte praktisch voll und ganz dort; er schlief, aß, tanzte und sang mit seinen älteren Genossen und lernte auf diese Weise die Wertvorstellungen und Verhaltensnormen kennen.
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Es liegt sicherlich in der Logik der Entfremdung, daß die spontanen und für die Gesamtgesellschaft an sich oft unnützen Großtaten kleinerer Gruppen solcher Krieger bei der am Krieg zumeist uninteressierten Mehrheit eng zusammenlebender Stämme nicht selten ein mit Unverständnis und Furcht gekoppeltes Erstaunen hervorriefen. Als Folge sind Respekt und Achtung und der hohe soziale Wert des Erwerbs von Coups und damit von Privilegien dann durchaus nachvollziehbare Entwicklungen. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, daß der Einfluß der Kriegergesellschaften manchmal bis zur Wahrnehmung von Polizeifunktionen geriet. Dennoch handelte es sich in keinem bekannten Fall um mit Militärorganisationen vergleichbare Gemeinschaften, noch waren diese aus der tradierten Lebensstruktur der Indianer zu taktischen und strategischen Einsätzen zu organisieren. Vielmehr war die Regel, daß kleinere Gruppen dieser Gesellschaften sich zur Erlangung sozialer Vorteile in der großen Stammesgesellschaft, der sie mehr oder weniger locker zugehörten, zu spontanen und unorganisierten Großtaten berufen fühlten. Weder die Häuptlinge noch einzelne Führer hatten gewöhnlich die exekutive Gewalt bzw. die administrative Autorität, diesen in der Gestalt von Kriegergesellschaften erst spät entstandenen Formen entfremdeten Lebensausdrucks und damit den sogenannten Kriegern ein zielgerichtetes oder militärisch sinnvolles Operieren aufzuzwingen. Schon damit erübrigt sich die Frage nach einer Kriegskunst der Indianer.

Was nun die Kampfkunst, d.h. den kultivierten Umgang mit und ohne Waffen in Form des Zweikampfes betrifft, so ist eine regelrechte Kunstfertigkeit schon deshalb auszuschließen, weil der Zweikampf unter den Indianern und die Verletzung oder sogar Tötung eines Stammesmitgliedes als eines der strafwürdigsten Verbrechen angesehen wurde. Es wurde immer mit einem befristeten oder gar lebenslangen Ausschluß aus der Stammesgemeinschaft geahndet.

Das zum Vergleich anstehende Duell mit seiner Technologie und Kunstfertigkeit, wie wir es in Asien und im Abendland als ein soziales Gewaltregulativ kennen, fehlt damit bei den Indianern als basis-innovative Voraussetzung zur Entwicklung von etwas Ähnlichem oder Vergleichbarem wie dem, was wir im allgemeinen als Kampfkunst begreifen. Interessant ist, daß es ursprünglich zwischen den Jagdwerkzeugen und den dann auch als Kriegswaffen genutzten Instrumenten in den Händen der Indianer nie nennenswerte Unterschiede gab. Das Duell und die Waffentechnologie des Zweikampfes sind ein typisches Merkmal ziviler Gesellschaften und Staaten zum Zwecke der Regulation und Kontrolle individueller Gewalt. Sie haben - in der Geschichte des Duells nachweisbar - erzieherische Funktionen zur hochgradigen Anpassung rebellischer Regungen. Bei den Indianern gab es aufgrund mangelhaft organisierter und instabiler Herrschaftsstrukturen auch in den Zwangsgemeinschaften großer Stämme und Stammesansammlungen keine Grundlage für ein derartiges Regulativ und deshalb auch keine Voraussetzung für Duelle und damit verbundene Kunstfertigkeiten.


Redaktionelle Anmerkungen:
(1)  Thomas Page: Geheimnisvolle Indianer. München, Berlin 1979, S. 66 ff.
(2)  Kriegergesellschaften waren Männerbünde innerhalb eines Stammes oder Volkes.
(3)  Wolfgang Lindig, Mark Münzel: Die Indianer - Kulturen und
      Geschichte der Indianer Nord-, Mittel- und Südamerikas. München 1976, S. 102


Weitere Literatur:
(1)  George A. Dorsey: The Cheyenne. Chicago 1905
(2)  Bil Gilbert: Die Wegbereiter. Time-Life (Nederland) B.v. 1979
(3)  George Bird Grinnell: The Cheyenne Indians -
      Their History and Ways of Life. Vol. 1,2, New York 1962
(4)  Robert H. Lowie: Indians of the Plains. New York 1954
(5)  Otis Tufton Mason: North American Bows, Arrows and Quivers. Washington 1894
(6)  René Oth: Das große Indianerlexikon. Würzburg 1979
(7)  B.O.K. Reeves: Sechs Jahrtausende Bisonjagd. In: Spektrum der Wissenschaft 12/1983
(8)  John Stands In Timber and Margot Liberty: Cheyenne Memories. Yale University Press 1967


Erstveröffentlicht in MARTIAL ARTS Nr. 9, August/September 1988
Magazin für Kampfkunst und Philosophie
Herausgeber: MA-Verlag
Dorfstr. 41, 25795 Stelle-Wittenwurth
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veröffentlicht im Schattenblick zum 30. März 2007