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MODELLE/005: Yin & Yang - Teil 2 (MA)


YIN & YANG - Teil 2

von Helmut Barthel












In den Mittelpunkt des zweiten Teils des Yin & Yang-Artikels möchten wir beispielhaft Geschichten und Aussagen zum Thema stellen, die sich in der Literatur- und Philosophiegeschichte Chinas niederschlagen, allerdings ohne sie besonders zu interpretieren. Selbstverständlich haben wir diese Zitate, soweit es der Platz überhaupt möglich macht, gezielt gewählt, um damit unter anderem später die wesentliche Schlußfolgerung, zu der wir in der Auseinandersetzung mit dem Problembegriffspaar Yin und Yang gekommen sind, zu begründen.

Auffällig sind sicherlich in jeder der vorliegenden Geschichten oder Abhandlungen über Yin und Yang aus den Klassikern die positivistischen, auf Ordnung und Verfügbarkeit gerichteten Grundmerkmale. Wir können an dieser Stelle bereits aufdecken, daß wir im dritten Teil dieser Serie eine Erklärung anstreben, die die Begriffe Yin und Yang auf den frühgeschichtlichen Platz gesellschaftlicher Aneignungs- und Verwaltungsprozesse verweist. Zusätzlich kann jetzt schon in dieser Hinsicht festgestellt werden, daß sich die an Besitz- und Teilungsprinzipien orientierte Entwicklung menschlicher Zivilisation den mit dem Verständnis von Yin und Yang erhofften Erkenntnis- und Befreiungsprozessen geradezu widersetzt. Bekannt ist eher, daß die erkenntnistheoretisch differenzierte Weiterentwicklung der Prinzipien von Yin und Yang bislang immer nur die apparativ-technologische Qualifizierung und bessere Organisation der Umlastung der ungebrochenen Schwierigkeiten menschlicher Existenz bedeutet. Das große Versprechen der Lösung aller Fragen in der Harmonie oder im Einklang bzw. in der Auflösung aller Widersprüche, bleibt bei nüchterner Betrachtung ein bloßes Versprechen.

Der nützliche Anteil unserer Überlegungen und Folgerungen nun zielt darauf ab, dieses große, leere Versprechen als Methode und System transparent zu machen und den Nimbus der unerklärlichen Herkunft und der letzten, verborgenen Antworten zu brechen. Wir sind sicher, daß sich eine ganze Reihe unerträglicher Wiederholungen und Zirkelschlüsse menschlichen Denkens bei entsprechend konsequenter und interessierter Bemühung auf diese Weise entfesseln läßt.

Bevor wir uns jedoch diesen Überlegungen genauer widmen, sollen an dieser Stelle, nach einer Erläuterung ALFRED FORKES aus seiner "Geschichte der chinesischen Philosophie" zum chinesischen Verständnis der Welt, die angekündigten Klassiker folgen:

Die beiden wichtigsten Trigramme sind das erste und das letzte, Himmel und Erde darstellend. Diese nahmen, wie wir sehen, auch im Kultus der ältesten Zeit die erste Stelle ein. Was bedeuten nun die drei ungebrochenen und die drei gebrochenen Linien, aus denen sie gebildet sind? In den Yiking-Kommentaren werden die ganzen Linien als harte oder starke, die gebrochenen als weiche oder schwache bezeichnet, oder aber die ungebrochenen als yang, die gebrochenen als yin. Die Existenz der Yin-Yang-Theorie läßt sich nur bis zum 12. Jahrhundert v. Chr. nachweisen, aber daraus folgt keineswegs, daß sie nicht schon lange vorher bestanden hat. Die Quellen für die älteste Zeit der chinesischen Kultur sind so spärlich, daß aus der Nichterwähnung irgendeiner Institution nicht ohne weiteres auf ihr Nichtvorhandensein geschlossen werden darf. Eitel ist der Ansicht, daß die Begriffe Yin und Yang erst zwischen dem Beginn der Tschou-Zeit und Lao-tse entstanden, daß aber die Idee eines Dualprinzips, welches von den Symbolen Himmel und Erde noch nicht scharf gesondert wurde, schon in ältester Zeit vorhanden gewesen und in den Trigrammen zum Ausdruck gekommen sei.

Mir scheint, daß die ungebrochene, starke Linie den Stoff darstellen soll, aus welchem der Himmel gemacht ist, und die gebrochene, schwache die Erdsubstanz bedeutet. In späterer Zeit verstand man darunter einfach die beiden Urelemente Yin und Yang, in der Urzeit aber war diese Abstraktion noch nicht rein durchgeführt. Woraus bestand nach Ansicht der ältesten Chinesen die Erde? Die Ku-wên-Form des Schriftzeichens

Erde gibt uns darüber Auskunft. Diese ist

"Erde und Berge" und

"Erde und Wasser", also man faßte die Erde als aus Erde oder aus Erde und Wasser bestehend auf. Dem müssen beim Himmel nach dem Gesetz der Antithese und des Parallelismus auch zwei Substanzen entsprechen. Die eine war jedenfalls trocken und hart, worauf das Zeichen

für die Yang-Linie hinweist. Die Chinesen im Altertum stellten sich den Himmel als eine sich drehende harte Kuppel vor, an welcher die Sterne befestigt waren. Der Himmelsstoff war also die Substanz dieser blauen Kuppel oder Glocke. Dem Wasser der Erde entsprach dann weiter das Sonnenfluidum, die von der Sonne ausgestrahlte Wärme, das Feuer, welches nach der späteren Theorie als himmlisches Fluidum oder Yang galt. Wir haben also zwei Elemente, Erde und Wasser, welche die Erdsubstanz, und zwei andere, Himmelsstoff und Feuer, welche die Himmelssubstanz bilden. Die ungebrochene Linie

symbolisiert den harten Himmelsstoff, die gebrochene

die weichere Erde. Beim Wahrsagen mit der Schafgarbe wurden die Yang-Linien durch ungebrochene, die Yin-Linien durch geknickte Stengel dargestellt.
(1)


Im LIKI werden die Entstehung der Welt und des Menschen so erklärt:

"Also haben die Gebräuche ihren Grund in der Großen Einheit. Diese spaltet und wird zu Himmel und Erde. Indem sie sich im Kreise dreht, gehen daraus Yin und Yang hervor, durch beständigen Wechsel entstehen die vier Jahreszeiten und durch eine Scheidung Geister und Dämonen."
(2)

"Der Mensch ist das Erzeugnis von Himmel und Erde, entstanden aus dem Zusammenwirken von Yin und Yang, durch die Vereinigung von Geist und Vernunft und die feinste Substanz der fünf Elemente."
(3)

Bei TSCHUANG-TSE lesen wir:

"Das vollendete Yin ist kühl und ruhig, das vollendete Yang glühend und feurig. Das Kühle kommt vom Himmel, das Feurige aus der Erde, beide vereinigen sich und aus ihrer Harmonie entstehen die Dinge. Irgend jemand mag dies regeln, aber noch niemand hat seine Gestalt gesehen. Zu- und Abnahme, Fülle und Leere, bald Dunkelheit, bald Helligkeit, der Wechsel der Sonne und die Phasen des Mondes, alle diese Dinge gehen täglich vor sich, aber niemand sieht, wie sie zustande kommen. Leben hat seinen ersten Anfang, von wo es ausgeht, und der Tod einen Ort, wohin er zurückkehrt. Anfang und Ende lösen sich ab ohne Ausgangspunkt, und man weiß nicht, wo sie enden werden. Wenn dieses nicht so sein sollte, wer ist es, der alles leitet?"
(4)

"Des Menschen Leben ist eine Zusammenfassung der Lebenskraft. Solange sie zusammengefaßt ist, lebt er, sobald sie sich zerstreut, stirbt er. Weshalb klagen wir also, wenn Tod und Leben aufeinander folgen? Also sind alle Dinge eins. Das, was wir an ihnen bewundern, ist das Geistige, Außerordentliche, und, was uns mißfällt, ist Fäulnis und Verwesung: aber Fäulnis und Verwesung geht wieder in das Geistige und Außerordentliche über, und dieses wieder in jenes. Daher heißt es, daß die ganze Welt von ein- und derselben Lebenskraft erfüllt ist, und die Weisen verehren deswegen die Einheit."
(5)

Selbst der als der größte Skeptiker der chinesischen Philosophiegeschichte bezeichnete WANG TSCH'UNG kann am Ende seiner auf Polarität und Gegensatz gegründeten Auffassung im "Lun-hêng" dem Zwang zu fatalistischen Schlußfolgerungen nicht entrinnen. Beschwert er sich noch zu Beginn im Ansatz darüber, daß die unterstellte Ordnung von Himmel und Erde so viel Schmerz, Leid und Elend auslöse, so flieht er am Ende, wie alle Denker, denen daran liegt, dem hilflosen Allgemeinverständnis entgegenzukommen, um begriffen zu werden, in das übliche, rhetorische Ritual der Schicksalsbeschwörung und der offenen Fragen.

"Wenn der Himmel alle Geschöpfe mit Absicht erschüfe, dann müßte er darauf hinwirken, daß sie sich untereinander innig liebten, und er dürfte nicht zulassen, daß sie sich gegenseitig schädigen und vernichten. Darauf könnte jemand erwidern: 'Der Himmel bringt die Wesen alle durch die Fluida der fünf Elemente hervor. Daher haben sie die Fluida der fünf Elemente in sich, es ist nun aber das Wesen dieser Elemente, daß sie sich gegenseitig bekämpfen und vernichten.' Ich antworte: 'Dann müßte der Himmel die Geschöpfe mit dem Fluidum eines einzigen Elements schaffen und ihnen die gegenseitige Zuneigung einpflanzen und nicht den Fluida der fünf Elemente gestatten, daß sie sich bekämpfen und zerstören.'" -

"Vielleicht sagt jemand, wenn man Dinge benutzen wolle, dann müsse man sie veranlassen, sich anzugreifen und zu vernichten, denn erst dann erhielten sie die Form, welche sie haben sollten. Daher benutze der Himmel die Kräfte der fünf Elemente, um die Dinge hervorzubringen, und der Mensch verwende diese für seine zahlreichen Zwecke. Wenn die Dinge sich nicht gegenseitig unterjochen, lassen sie sich nicht verwenden, und ohne gegenseitigen Vernichtungskampf sind sie nicht zu formen. Wenn Metall das Holz nicht verletzt, läßt sich das Holz nicht formen, und wenn das Feuer das Metall nicht schmilzt, läßt sich kein Gefäß daraus gießen. So erweist sich der Schaden, welchen sich die Dinge zufügen, schließlich als ein gegenseitiger Vorteil. Wenn die Geschöpfe, welche Blut in ihren Adern haben, sich gegenseitig überwältigen, totbeißen und verschlingen, so sind es die Fluida der fünf Elemente, welche sie dazu treiben."

"Also, wenn der Himmel die Geschöpfe geschaffen hat und wünscht, daß sie füreinander von Nutzen sind, so ist das ohne gegenseitige Schädigung und Vernichtung nicht möglich. Aber der Himmel hat auch Tiger, Wölfe, Vipern, Schlangen, Wespen und Skorpione hervorgebracht, die alle den Menschen angreifen und verletzen, war es also seine Absicht, daß der Mensch ihren Zwecken dienen sollte?"
(6)

"Alle Menschen empfangen ihr Schicksal schon zur Zeit der Erzeugung durch ihre Eltern. Dann schon wird ihnen Glück oder Unglück zuteil. Die natürlichen Anlagen sind vom Schicksal verschieden. Vielleicht ist die Natur gut, aber das Schicksal unglücklich, oder die Natur ist schlecht, aber das Schicksal glücklich. Ob die Handlungsweise gut oder böse ist, hängt von der Natur ab, und ob ihnen Glück oder Unglück, Segen oder Elend beschieden ist, ist Schicksal. Die Taten können gut sein, aber trotzdem wird jemand unglücklich, dann ist der Charakter gut, aber das Geschick ist ungünstig, oder jemand kann trotz seiner schlechten Taten Glück erlangen, dann sind die Anlagen schlecht, aber das Schicksal ist günstig."
(7)

In sehr vereinfachter Form gibt das YIN-FU TSCHING diesem Inhalt dem Anschein nach harmonische Gestalt.

"Der Himmel und die Erde sind Räuber an allen Dingen. Alle Dinge sind Räuber am Menschen, und dieser ist Räuber an allen Dingen. Wenn diese drei Räuber in richtiger Weise verfahren, so sind die drei Mächte in Ordnung."
(8)

Die wohl geradezu als typisch zu bezeichnende Definition von Yin und Yang in zirkelschlüssiger Verklärung und Aussagelosigkeit finden wir bei TSCH'ENG I in der Zusammenfassung von Alfred Forke:

Das Wesen von Yin und Yang ist Bewegung und Ruhe, Öffnen und Schließen. "Der Meister sagte: 'Ruhe und Bewegung sind die Grundlagen von Yin und Yang'." Yin ruht, Yang ist in Bewegung. Bewegung und Ruhe, Yin und Yang folgen aufeinander in einer ununterbrochenen Kette, ohne Anfang und Ende, so daß man nicht sagen kann, daß ein Glied dem anderen vorausgeht. "In der Ruhe ist Bewegung und in der Bewegung Ruhe. Daher sagt man, daß Ruhe und Bewegung dieselbe Quelle haben." Diese Quelle ist der Geist oder die Geister, welche in Yin und Yang wirksam sind. Die Ruhe hat schon die Bewegung als Keim in sich und die Bewegung die Ruhe, oder mit andern Worten, die Bewegung ist potentiell in der Ruhe und diese ebenso in der Bewegung enthalten. Die Ruhe ist latente Energie und diese latente Ruhe. Das Öffnen und Schließen bedeutet, daß das Yang-Fluidum sich öffnet und ausdehnt, das Yin-Fluidum sich schließt und zusammenzieht.

Die Welt und alle Dinge in ihr sind durch die Einwirkung von Yin und Yang in beständiger Wandlung begriffen. Diese kann eine teilweise oder eine vollständige sein. Wenn die frühere Gestalt noch zum Teil erhalten bleibt, spricht man von Umgestaltung (pien), wenn eine vollständige Umwandlung erfolgt, wobei die frühere Gestalt verschwindet, von Verwandlung (hua).
(9)

Ein schönes Beispiel literarischer Mystifikation unseres Themas, das in einer romantischen Allerweltsaussage gipfelt, die sich in der Positur des Märchens jedem denkbaren Begreifen aufdrängt, ist eine Geschichte von TSCHUANG-TSE:

Als Konfuzius, der das Tao noch nicht verwirklicht hatte, nach Süden ging, um Lao Tzu zu treffen, fragte ihn dieser: "Ich höre, Ihr seid ein Weiser aus dem Norden. Habt Ihr auch das Tao empfangen?" "Noch nicht", antwortete Konfuzius. Der andere fragte: "Wie habt Ihr es gesucht?" Konfuzius entgegnete: "Ich habe in Riten und Regeln gesucht, und nach fünf Jahren hatte ich es noch nicht erreicht." - "Und wie habt Ihr es dann gesucht?" Konfuzius sagte: "Ich habe es in den Prinzipien von yin und yang gesucht, aber nach zwölf Jahren hatte ich es noch immer nicht erreicht." Da erklärte Lao Tzu: "Dies ist der Grund, warum das Tao nicht einem anderen übertragen werden kann: Wo es im Inneren kein beherrschendes Zentrum gibt, da wird es nicht verweilen." Und Lao Tzu fuhr fort: "Nur gut, daß Ihr nie mit einem Machthaber zusammengetroffen seid, der die Welt hätte beherrschen können. Die Sechs Klassiker, die Ihr erwähntet, sind nur die ausgetretenen Fußstapfen der Weisen der Vergangenheit. Die Fußstapfen stammen von Schuhen, doch sie sind nicht die Schuhe selbst. Die Falken starren einander an, und ohne daß sie ihre Augen rührten, kommen ihre Jungen zustande. Es gibt ein männliches Insekt, das in den Wind zirpt, und das Weibchen zirpt gegen den Wind, und so entstehen ihre Jungen. Es gibt auch hermaphroditische Tiere, die unabhängig voneinander Junge hervorbringen." Konfuzius soll drei Monate lang über die Bemerkungen des Lao Tzu nachgedacht haben. Dann kehrte er zurück und sagte: "Die Elstern und ihre Art brüten die Jungen aus Eiern aus. Fische erhalten ihre Art, indem sie den Rogen befruchten. Die Wespe entsteht durch den Prozess der Metamorphose. Wird der jüngere Bruder geboren, so weint der ältere Bruder." Lao Tzu war so erfreut über diese Antwort, daß er entgegnete: "Sehr gut, fürwahr! Ihr habt das Tao erfaßt."
(10)




Anmerkungen:
  (1) Alfred Forke: Geschichte der alten chinesischen Philosophie.
       Cram, de Gruyter & Co., 1964, S. 22-23
  (2) Alfred Forke a.a.O., S. 170
  (3) Alfred Forke a.a.O., S. 177
  (4) Alfred Forke a.a.O., S. 318
  (5) Alfred Forke a.a.O., S. 318-319
  (6) Alfred Forke: Geschichte der mittelalterlichen chinesischen Philosophie.
       Cram, de Gruyter & Co., 1964, S. 118
  (7) Alfred Forke: Geschichte der mittelalterlichen chinesischen Philosophie.
       Cram, de Gruyter & Co., 1964, S. 120-121
  (8) Alfred Forke: Geschichte der alten chinesischen Philosophie.
       Cram, de Gruyter & Co., 1964, S. 248
  (9) Alfred Forke: Geschichte der neueren chinesischen Philosophie.
       Cram, de Gruyter & Co., 1964, S. 93
(10) Chang Chung-Yuan: Tao, Zen und schöpferische Kraft.
       Eugen Diederichs Verlag, 1975, S. 94


Erstveröffentlicht in MARTIAL ARTS Nr. 5, Februar/März 1985
Magazin für Kampfkunst und Philosophie
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veröffentlicht im Schattenblick zum 26. Februar 2007