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MODELLE/006: Yin & Yang - Teil 3 (MA)


YIN & YANG - Teil 3

von Helmut Barthel












Wenn wir noch einmal zusammenfassen, aus welchen Vorstellungen sich möglicherweise schon in der Frühgeschichte das grundsätzliche Ordnungs- und Denkgefüge Yin und Yang herleitet, und wie wenig sich die uns bis heute bekannte Ausgestaltung von der eigentlichen Grundaussage entfernt hat, dann wird es uns leichter fallen, die unselige Verbindung zwischen der gesellschaftlichen Funktion dieses Anpassungsreflektors und seines ursprünglichen Vermeidungscharakters zu erkennen. Die später zunehmende Differenzierung und Abstrahierung dieses Begriffspaares und seiner geradezu zwingenden Schlußfolgerung, mit formalen Operationen einen höheren Standpunkt zu erwirtschaften, ist einfach mit den entsprechenden Ansprüchen und Innovationen im Bereich der Geschichte gesellschaftlicher Verfügungsgewalt und Produktionsweisen synonym. Leicht wird man darüber hinaus auf diese Weise zu der grundsätzlichen Position verführt, das in Wahrheit nackte Raub- und Machtverhalten des Menschen gegen den Menschen und gegen seine Umwelt auf die Stufe göttlicher Unvermeidlichkeit zu erheben. Dazu müssen wir uns vor Augen führen, daß mit dem ursprünglichen Yin die Erde, das Dunkle, das Weiche und Nachgiebige - mithin die unergründliche Ressource oder das ewige Objekt - gemeint wäre gegenüber dem Yang, das in einseitiger Abhängigkeit als Himmel, Klarheit, Schärfe, Härte und Unbeugsamkeit die uneingeschränkte schöpferische Gewalt darüber behält.

Auf eine kurze Frage gebracht: Wer schöpft woraus, warum? Sicher ist auf jeden Fall, daß sich darin eine kosmologische Determination oder Ordnung des sich in "oben oder unten", "hart oder weich", "nachgeben oder durchsetzen" etc. präsentierenden Yin- und Yang-Symboles darstellt, welches die Unterschiede von "Oben" und "Unten" in der gesellschaftlichen Ordnung plausibel erscheinen läßt.

Das Ausbeutungs- und Machtstreben des Menschen gegen den Menschen und des Menschen gegen seine Umwelt wird jedoch nicht, wie allgemein vermutet, durch diese himmlische Ordnung "Oben und Unten", "Tag und Nacht" etc. etwa begründet, sondern nur reflektiert. Das seiner Grundlegung immanente Versprechen, einen höheren Sinn zu erfüllen, oder zu guter Letzt den schmerzlichen Gegensätzen und Widersprüchen eine absehbare Endstruktur - also Harmonie - zu verleihen, bleibt naturgemäß ein Versprechen. Formal betrachtet unterstellt der harmonisierte Gegensatz die Freiheit des Wechsels, den Raum in der Enge und den Sinn in der Qual.


Das ist ein äußerst attraktives Angebot gegenüber der bloßen Erkenntnis, Gegensatz und Widersinn als die absehbare Auflösung einer als Eigentum bzw. Sicherheit geordneten - also im wesentlichen unberührbaren - Identität zu begreifen. Der in einem derartigen Harmonisierungskonzept in Erscheinung tretende Zugriff, namentlich Anfang und Ende und Ende und Anfang, auf in diesem Denken ansonsten unabsehbare Prozesse, erweist sich als, wenn auch verständliche, so doch hilflose Beschwörung.

Auf den ersten, zweiten und dritten Blick mag der Harmonie- und Ausgleichsgedanke jedem einleuchtend erscheinen, es sei denn, es wird dem Menschen angesichts größter Schwierigkeiten und Probleme unausweichlich deutlich, von welchem gesellschaftlichen Interesse die Mär von endlicher Gerechtigkeit und Lösung aller menschlichen Fragen beansprucht und vorgetragen wird, nämlich nur von denjenigen sozialen Gruppierungen, die das Freisein von Problemen und Zwängen als ihr Eigentum und ihren Besitz deklarieren und damit dem gemeinschaftlichen oder gesellschaftlichen Zugang entziehen. Dem gesellschaftlichen Hunger nach Ausgleich wird dieser Anspruch auf Erfüllung, einem Fixstern gleich, als Ideal und Ziel erreichbar an den Zenit des Strebens gesetzt. So behalten Götter, Geister und Dämonen, tiefster Aberglaube und heilige Versprechungen, mit dem stetigen Wiederbeleben der sich am Beispiel des Yin- und Yang-Symboles konzentrierenden Harmoniefunktion, in der Tat ihre Macht über die Mehrheit der Menschen.

Der Logik, die nicht selten auch in Kampfkunstkreisen gerne philosophisch plaziert wird, daß nämlich Gewalt Gegengewalt auslöse und deshalb nicht gut sei, kann man doch nur auf die Spur kommen, wenn man einen Blick darauf wirft, aus welchem Grund ein so unangenehmer Begriff überhaupt zur Debatte steht. Der sich aufdrängende Eindruck im ersten Moment, es gebe hier Gewalt und dort nicht, teilt die Wirklichkeit willkürlich und mit sicher erwogenem Interesse in zwei ungleiche Hälften. Ganz einfach also läßt sich die Gewaltfrage nicht dadurch harmonisieren oder lösen, daß man die Gegengewalt erfindet, weil nämlich Gewalt der Inbegriff des Gegensatzes ist.

Wenn wir nun auf das hergebrachte Verständnis von Yin und Yang zurückgreifen, so finden wir ein Übermaß an Angebot für Lösungen und Erklärungen all' jener Dinge, die der Lösung und Erklärung nicht bedürfen. Da dieses Konzept von Anbeginn ein positivistisches war, das bedeutet in unserer Sprache ein Anpassungskonzept, stellt sich die Frage nach der Beseitigung bzw. Veränderung der Ursachen für die Zwangslage der Anpassung selbstverständlich von vornherein nicht. Diese nützliche Lösung für all' jene Menschen, die durch unbedenkliche Weitergabe der Zwänge auf sozialem Wege bei sich selbst den befristeten Eindruck kultivieren, sie wären - angesichts der aus der Umlastung entstandenen Vergleichssituation - in grundsätzlichen Fragen menschlicher Existenz in eine Dimension ausgewichen, die gemeinhin auch als Privateigentum ausgewiesen wird, läßt sich leicht als Illusion durchschauen.

Es ist nicht verwunderlich, daß die wirklichen Probleme der Menschheit und ihrer Gesellschaften in einem anwachsenden Maße noch der Lösung harren, solange Denkweisen und Inhalte des partiellen Zugriffs mit universellem Anspruch das offensichtlich geteilte Interesse der Menschen bestimmen. Ebensowenig ist es erstaunlich, daß, mit der wachsenden Entfernung angestrebter Wünsche und Ziele für alle Menschen, die wirkliche Gestalt des partiellen Anspruchs in Form zunehmender Persönlichkeitsdifferenzierungen und -abgrenzungen sowie verstärkten Individualitätsstrebens in Erscheinung tritt und das unheilvolle Werk der Kultur der Unterschiede neue Dimensionen erhält.

Die Unterschiede zu determinieren und jede Frage ihrer Berechtigung für menschliche Lebensinteressen von vornherein zu neutralisieren, wäre in diesem Sinne die eigentliche Funktion des Yin- und Yang-Zeichens. Es darf an dieser Stelle nicht vergessen werden, daß das Symbol immanenter Teilung bzw. Unterscheidung und die Behauptung, es handele sich dabei um eine höhere Ordnung, geradezu auf archaische Weise das Prinzip sozialer Verwaltung wiedergibt. Es bedarf von daher eigentlich keiner besonderen Recherche, um herauszufinden, daß das Symbol für Yin und Yang im Raum höfischer und beamteter Gelehrsamkeit in China erfunden wurde. Jeder weiß, daß einen Schritt weiter zurück in der Qualifizierung der Herrschaft des Menschen über den Menschen in Richtung auf zivilisationsgebärende Staatsformen, immer die Innovation der bereits in überschaubaren Zusammenhängen herrschenden Gewalt zu einer die Grenzen der bis dahin entwickelten Kommunikations- und Herrschaftsordnung sprengenden Einflußsphäre nötig war.


Die Dimension der Zahlen, Zeichen und Schrift war das Modul dieser Entwicklung. Verwaltung, Übersichten und Abstraktionen in vorher nicht bekannten Ausmaßen wurden möglich. Es liegt in der Logik der auf Gewalt basierenden Herrschaft des Menschen über den Menschen, diese Art von Fortschritt zu dynamisieren, um den tieferen Zweck, nämlich Sicherung der Herrschaft und damit vermeintlicher Sicherheit und Dauerhaftigkeit im grundsätzlichen Sinne, zu erzielen. Daß diese angestrebte Sicherheit der im klassischen Sinne herrschenden, bevorteilten oder daran partizipierenden gesellschaftlichen Kräfte das Ergebnis eines - aus eben dieser Unterschied schaffenden Gewaltvoraussetzung folgenden - Vergleichs ist, und nicht etwa ein wirkliches Resultat, wird geflissentlich übersehen.

In Sicht auf den Sinn und Zweck des durch das Yin- und Yang-Zeichen dargestellten Symboles positivistisch gebrochener Logik brauchen alle Folgespekulationen und -abstraktionen philosophischer oder semantischer Herkunft nicht berücksichtigt zu werden. Der Zweck erschließt sich in den Funktionen "Wiederholung" und "Bestätigung", denen das wichtige Merkmal eigen ist, Kontinuität und Dauerhaftigkeit vorzutäuschen. Das Streben nach Sicherheit und Freiheit im allgemeinsten Sinne ist mit der auch in der Literatur unterschiedlicher Kulturen immer wieder verarbeiteten Sehnsucht nach Dauerhaftigkeit und Endgültigkeit in irgendeiner Form identisch.

Der aktualisierende Rückgriff auf Gewesenes - also die Wiederholung - oder das stetige Arrangieren von Faktoren, die den Anschein einer unabänderlichen Orientierung erwecken - also Bestätigung - erfüllen den Anspruch der Dauerhaftigkeit keinesfalls. Als philosophisch hochentwickelte Kunstgriffe mögen sie für diejenigen Menschen von Interesse sein, die sich auf dem Rücken anderer von den die Menschen allgemein betreffenden Bedrängnissen in Sicht auf Zeit und Energie freigesetzt haben. Nichts jedoch verbraucht Energie und Zeit konsequenter und intensiver, ohne Nutzen für irgend jemanden außer dem sich selbst spiegelnden Individuum, als Sophisterei.

Zur Lösung ernsthafter Fragen kann die Betonung von Unterschieden, Grenzen oder vermeintlichen Distanzen und damit die grundlegende Verwendung des Yin- und Yang-Symboles nebst aller seiner Implikationen nicht ein Mikromaß beitragen. Die zur angemessenen Überwindung von grundsätzlichen Schwierigkeiten der Menschheit notwendige Kontinuität des Denkens ist dort gewährleistet, wo jegliche Distanz zum Gegenstand der Handlung, des Strebens und der Reflexion aufgehoben wird. Man könnte versucht sein, die verlorene Distanz zum Gegenstand der Handlung des Strebens und der Reflexion als die Erfüllung von Yin und Yang zu betrachten, wenn man bis zu diesem Punkt immer noch nicht erkannt hat, daß Yin und Yang das Produkt dieser Distanz ist.



Erstveröffentlicht in MARTIAL ARTS Nr. 6, Juli 1985
Magazin für Kampfkunst und Philosophie
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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. Februar 2007