|
||
|
Schattenblick → INFOPOOL → MEDIEN → ALTERNATIV-PRESSE GEGENSTANDPUNKT/186: Schlaglichter auf das marktwirtschaftliche Verhältnis von Ökonomie und VersorgungGEGENSTANDPUNKT Geld oder Leben - Schlaglichter auf das marktwirtschaftliche Verhältnis von Ökonomie und Versorgung. Über den "Agrarausblick 2009" der OECD wird berichtet:
Lebensmittel werden immer reichlicher hergestellt, und "dennoch" wächst die Lebensmittelknappheit. Genug Nahrungsmittel wären für die Hungernden schon da; das einzige, was ihnen fehlt, ist der "Zugang" - dass damit das Geld gemeint ist, ist jedem so klar, dass man es gar nicht explizit aussprechen muss. So zeigt sich, dass Geldverdienen und nicht Versorgung der ausschließliche Zweck der Herstellung von Bedarfsgütern ist; marktwirtschaftliche Armut, Hunger und Elend verdanken sich allein dieser Zweckbestimmung der Produktion. Um sie aus der Welt zu schaffen, muss folglich der herrschende Produktionszweck, das private Geldverdienen, durch eine planmäßige Versorgung der Leute mit Dingen ihres Bedarfs ersetzt werden. Oder? Der marktwirtschaftliche Sachverstand denkt anders: Wenn schon alles nur gegen Geld zu haben ist - die Lebensmittelknappheit zahlungsunfähiger Menschen gilt ihm als selbstverständlichste Grundtatsache allen Wirtschaftens -, dann brauchen die Armen nichts anderes als Geld. Nur fehlendes Geld verhindert, dass die produzierten Güter dorthin gelangen, wo sie am dringendsten gebraucht werden; sobald es da ist, ermöglicht es den Zugang. Wenn Hunger in Geldmangel übersetzt ist, dann heißt das erste Bedürfnis der Armen: eine erfolgreichere Geldwirtschaft muss her! Erst einmal müssen mehr Geschäfte laufen, bevor sich der elende Teil der Menschheit Hoffnung machen kann. Milliarden hungernder Menschen beweisen, wie unverzichtbar ein in Geld bilanziertes Wirtschaftswachstum ist. Was die Sache mit dem Hunger selbst angeht, so kennt die für ihre Effizienz und Menschengemäßheit berühmte soziale Marktwirtschaft nur eine Perspektive: Hungernde finden, wenn überhaupt, dadurch Zugang zu ihren Nahrungsmitteln, dass sie daran beteiligt werden, landwirtschaftliche Produkte zu Geschäftsartikeln zu machen und dorthin zu bringen, wo die Zahlungsfähigkeit beheimatet ist, weil sie nur so die Chance haben, sich ein Geld zu verdienen, mit dem sie sich dann wieder Nahrungsmittel kaufen können. Etwas anderes als eine Förderung der Geldakkumulation kann man nicht für sie tun. So wird sich marktwirtschaftlich mit Fragen des Lebens und Überlebens befasst. Für den professionellen Blick beginnt und endet Ökonomie beim Geld, er kennt kein anderes Bedürfnis und kein anderes Produkt als das Geld, keine andere Frage und kein anderes Problemlösungsmittel. Egal wo er anfängt, er endet bei seinem ewigen Mantra vom Wirtschaftswachstum, das unverzichtbar ist. Dafür steht exemplarisch noch eine weitere, hier in ganzer Länge wiedergegebene Sumpfblüte des Wirtschaftsressorts, in der am Fall der jüngsten südostasiatischen Naturkatastrophen erneut zur Anschauung kommt, in welchem Verhältnis das, was "die Wirtschaft" genannt wird, zum Überleben der Leute steht.
Überlebens- und Versorgungsprobleme der Leute und das, was "die Wirtschaft" heißt, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Was ein menschliches "Desaster" ökonomisch heißt, ist erstmal die Frage. Im gegebenen Fall lässt die "menschliche Tragik" "die wirtschaftlichen Auswirkungen" verblassen. Menschlich ist das Geschehen natürlich schrecklich - Wirtschaftsredakteure sind ja keine Unmenschen -, aber rein sachlich, nach der wirtschaftlichen Seite gesehen, ist es gar nicht so schlimm. Die massive Vernichtung von Leben und Lebensgrundlagen ist zwar eine Katastrophe, aber keine ökonomische. Im Gegenteil:
Womit hat man es - einfach mal nüchtern marktwirtschaftlich betrachtet - bei massenhaften Zerstörungen zu tun? Erstens mit guten Geschäftsaussichten für Bauwirtschaft und Spekulation. In den südostasiatischen Katastrophengebieten steht dem noch nicht mal ein wirtschaftlicher Schaden gegenüber, da nur Lebensgrundlagen, nicht aber Betriebe und Infrastruktur oder sonst was fürs Geldverdienen Relevantes vernichtet wurden.
Zweitens gibt es also auch einen Sektor Ökonomie, den menschliche Nöte und Katastrophen nicht kalt lassen, weil er davon betroffen ist. Im Versicherungssektor verblasst keine Geldrechnung "hinter der menschlichen Tragik", im Gegenteil: jede menschliche Tragik hat ihren exakten Preis, mit dem sie sich in den Bilanzen niederschlägt. Rein ökonomisch betrachtet sind Katastrophen eine Frage der Assekuranz. Insofern war die aktuelle menschliche Katastrophe geradezu ein Schnäppchen. Weil keiner versichert war, ist auch hier kein nennenswerter ökonomischer Schaden entstanden.
Drittens also sind auch unversicherte arme Menschen wirtschaftlich nicht ganz und gar bedeutungslos. So wenig die Lebensmittelabteilung dafür da ist, Leute mit Lebensmitteln zu versorgen - da hätte sie was zu tun! -, so wenig verschmäht sie die kleine Zahlungsfähigkeit, um ihre Produkte zu Geld zu machen. Im vorliegenden Fall entspricht die entfallene Kaufkraft ungefähr der Höhe der von der Regierung erhobenen Überweisungsgebühren und ist insofern problemlos kompensierbar, so dass auch hier der Wirtschaft keine Einbußen entstehen. In Sachen Kaufkraft lässt sich sogar ein erfreuliches Resümee ziehen:
Der Bausektor leistet schon seit dreißig Jahren seinen Beitrag zum Wirtschaftswachstum in Südostasien. Tragischerweise gab und gibt es unter den Bauunternehmern auch solche, die bloß darauf schauen, mit Bauaufträgen möglichst viel Geld zu verdienen. Chinesen, kommunistische! Quelle: Gegenstandpunkt erscheint viermal im Jahr. veröffentlicht im Schattenblick zum 19. Januar 2010 |