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LICHTBLICK/148: 40 Jahre lichtblick - eine etwas andere Sichtweise


der lichtblick - Gefangenenmagazin der JVA Berlin-Tegel
Heft Nr. 337 - 5/2008

40 Jahre lichtblick - eine etwas andere Sichtweise
Nein! Leider nicht!

Von Hartmut Bochow, lichtblick-Redakteur


So muss wohl die Erwiderung lauten auf einen Wunsch der Redaktion des lichtblicks vor 5 Jahren im Artikel zum Erscheinen der Jubiläumsausgabe "35 Jahre lichtblick". Denn im Schlusswort dieses Berichtes heißt es:

"35 Jahre lichtblick dokumentieren in ihrer Gesamtheit Rückschritt statt Fortschritt im Strafvollzug. Das war es nicht, was Gründervater Glaubrecht sich wünschte, als er 1968 in geradezu revolutionärer Weise Deutschlands erste und bis heute unzensierte Gefangenenzeitschrift (...) ermöglichte. Es kann nur besser werden! In diesem Sinne hofft die Redaktionsgemeinschaft, dass es zum nächsten Jubiläum auch wieder mal etwas zu feiern gibt." -

Gibt es nicht.

Da uns nichts ferner liegt, als liebe und hoch geschätzte ehemalige Redaktionskollegen als vielleicht ein bisschen "naiv" abzustempeln, wollen wir an dieser Stelle deutlich betonen, dass es wohl aus damaliger Sicht kaum noch vorstellbar war, dass es tatsächlich abermals schlimmer werden könnte. Doch das wurde es! Angefangen von immer schlechterer Gruppenleiterbetreuung (s. die Artikel in diesem und vorhergehenden Heften) bis zu einer immer größeren Ausdünnung des AVD (Allgemeiner Vollzugsdienst) gibt es zahlreiche Details, die nur exemplarisch angerissen werden sollen, um die Feststellung zu verdeutlichen:

Das neue Konzept der JVA Tegel sieht vorgezogenen Nachtverschluss für die Inhaftierten vor. Dieses wird kommen, allerdings den Aussagen der Vollzugsleitung nach, nicht mehr in diesem Jahr. Es wird propagiert, dass dies aber nicht automatisch erweiterte Einschlusszeiten für die Gefangenen bedeutet. Dafür soll zur Kompensation an anderen Stellen mehr Aufschluss gewährt werden. Tschuldigung, aber das ist mathematischer Blödsinn. Das klappt - wenn überhaupt - nur für die Verwahrvollzüge, in den Wohngruppenvollzügen kann ein ausreichender Ausgleich gar nicht erfolgen. Dann heißt es, dass man durch den Nachtverschluss mehr Betreuungszeit für Inhaftierte schaffen will. Dazu äußerte ein Beamter sinngemäß: "Was nützt es, wenn wir mehr Beamte in der Vormittagsschicht sind. Dann wird nur mehr gequatscht. Und die Inhaftierten, die ich dann intensiver betreuen 'soll', kann ich 'nicht' betreuen, denn die sind arbeiten."

Das ganz neue Strukturkonzept der Senatsverwaltung sieht wohl vor, dass die EWA wieder (ab ca. 2010/11) nach Moabit zieht, was zu begrüßen ist. Wie wir hörten, ist der Belegungsdruck derzeit und vielleicht künftig in der UHA Moabit so gering, dass man plant ca. 400 - 500 Strafgefangene 'dauerhaft' dort unterzubringen. Dabei soll es sich um Drogenabhängige handeln. Stünde zu hoffen, dass die dann nicht wie in Tegel überwiegend sich selbst überlassen bleiben. Spannend ist noch zu erwähnen, dass man sich bei dem ganzen tollen Strukturkonzept bisher überhaupt keine Gedanken zu den offenen Vollzügen gemacht hat. Unglaublich!

Auch wenn wir schon seit ewigen Zeiten (also seit noch nicht ganz 40 Jahren) darauf herumreiten, dass in Berlin der Regelvollzug immer noch der offene Vollzug sein soll, dann ist das doch so und wir sind über die Denkweise der Konzeptionäre in der Senatsverwaltung für Justiz fassungslos. Der offene Vollzug ist der Grundbaustein des gesamten Vollzuges. Hier plant man also bildlich gesprochen ein neues Haus, stellt die Pläne vor und hat dann das Fundament vergessen. Es steht nun zu befürchten, dass das Haus ohne Fundament versinkt, sich, wäre es ein Schiff, quasi selber versenkt und damit sind wir wieder bei dem schlingernden Tanker Tegel.

Wir haben ja einen neuen Kapitän auf der Brücke und nun ist alles gut. Es gibt keine Rechtsbrüche mehr in Tegel, wenn doch, kommt das den Inhaftieren nur subjektiv so vor. Wir verweisen auf den Leserbrief in der letzten Ausgabe. Dort wurde festgestellt, dass der vorherige Anstaltsleiter mit seinen über 25 Jahren Erfahrung, vor dem Rechtsausschuss Rechtsbrüche eingeräumt hat...

Wo wir schon beim Thema Anstaltsleiter sind: Gerne gestehen wir, dass sie alle ihre schützende Hand über uns "Hofnarren" vom lichtblick gehalten haben und auch aktuell halten. Dazu gehört schon Mut, sich permanent von uns kritisieren und manchmal auch ein wenig "ans Bein pinkeln" zu lassen. Dafür zollen wir ihnen Respekt.

Weniger respektvoll sehen wir, wie gesagt, das Treiben hier in der Anstalt. Es gäbe über so vieles zu schreiben, doch das sprengte den Rahmen. Also nur stichwortartig: Mangelnde Resozialisierung, Entlassung ins Nichts, schlechtes Essen mit weiterer Reduzierungen "gesunder" Anstaltskost wie Obst, Frischgemüse und Vollkornprodukte, reduzierte Meetingzahl, unzumutbare Unterbringung in "Kleinstzellen" etc. etc. pp.

40 Jahre lichtblick bedeuten also doch 40 Jahre Dokumentation der immer gleichen Mängel, na nicht nur, zum Teil sind die Mängel nämlich noch größer geworden. Und so kann man es kaum besser, als der ehemalige Richter H. Ostermeyer sagen:

"Der Strafvollzug ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit. Spätere Geschlechter werden die Zellen der Anstalten mit dem selben Entsetzen betrachten, wie wir mittelalterliche Verliese und Folterkammern. Wer das weiß und nichts dagegen tut, macht sich mitschuldig."
(*)

Um dieses Wissen weiter zu verbreiten gibt es den lichtblick und das ist auch gut so. Auch wenn wir manchmal deprimiert sind, resigniert sind wir noch lange nicht. Und so werden wir nicht aufhören weiter mit spitzer Feder, glasklarer Sprache und beißender Ironie die Missstände anzuprangern. Damit es in 10 Jahren zum 50. Jubiläum (zu dem der Bundespräsident ein Grußwort versprochen hat) nicht wieder heißen muss: Nein! Leider nicht!

(*)Quelle: der lichtblick 05/1985


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Quelle:
der lichtblick, 40. Jahrgang, Heft Nr. 337, 5/2008, Seite 32-33
Unzensiertes Gefangenenmagazin der JVA Berlin-Tegel
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veröffentlicht im Schattenblick zum 6. Januar 2009