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LICHTBLICK/158: Eine Geschichte des Strafens - Teil 1


der lichtblick - Gefangenenmagazin der JVA Berlin-Tegel
Heft Nr. 339 - 2/2009

Serie: VollzugsVisionen
Eine Geschichte des Strafens
Teil 1: Von der Urzeit zur ersten Hochkultur

Von Hartmut Bochow


Wer seine Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, ihre Fehler zu wiederholen!
Verfasser unbekannt


Die Geschichtswissenschaft ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit Ereignissen, Personen, Objekten und Entwicklungen der Vergangenheit, gemeinhin Geschichte genannt. Die Beschäftigung mit menschlicher Geschichte ist nur dann wissenschaftlich, wenn ihre Gedankengänge und Ergebnisse nachprüfbar sind, wenn man kritisch und mit dem Streben nach Objektivität vorgeht. Grundlage sind historische Quellen.

Somit soll im Rahmen unserer Vollzugsvisionen mit der heutigen "Geschichte des Strafens" der Versuch gewagt werden, im Rahmen einer journalistischen Reportage, aus der Vergangenheit lernend, einen leuchtenden Weg in die Zukunft des sperrigen Themas "Vollzug von Strafe" zu weisen, denn "Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien", Oscar Wilde.

Doch dazu mehr in späteren Heften.

Ein nicht ganz unbedeutender Mann der menschlichen Geschichte sagte einmal: "Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat." Der Mann, der dies sagte, war Kaiser Napoleon I., einer der größten Kriegstreiber Europas, verantwortlich für hundertausende von Toten. Er war aber auch Schöpfer des "Code Civil" - des schriftlichen Zivilgesetzbuches -, das Zivilrecht in allen von Frankreich dominierten Staaten dieser Zeit (und das war quasi ganz Europa) erstmals verbindlich erklärte.

Womit drei Dinge deutlich werden:

1. "Die Geschichte ist nur ein Gemälde von Verbrechern und Drangsalen. Die Menge unschuldiger und friedlicher Menschen tritt auf diesem ungeheuren Schauplatz fast immer in den Hintergrund. Die Hauptpersonen sind nur ehrgeizige Schurken.", wie Voltaire es treffend formuliert hat,

2. Geschichtsschreibung ist niemals statisch, sondern entwickelt sich. Sie ist oft auch nur aus dem Blickwinkel des Verfassers gültig und erklärlich und

3. Geschichte wird nicht zurückgedreht, nur der Blick darauf mag sich ändern.

Wir wollen jetzt eintauchen in ganz, ganz tiefe Vergangenheit.

Wir befinden uns etwa zwei Millionen Jahre vor unserer Zeit. Eine etwas merkwürdige Gruppe von Gestalten wandert durch die steppenartige Landschaft Ostafrikas. Sie sind revolutionär. Sie gehen aufrecht. Sie tragen selbstgefertigte Werkzeuge bei sich. Sie sind auf der Suche nach Nahrung. Ein junges Mitglied der Gruppe hat sich ein wenig abgesondert und findet auf einmal in einem Gebüsch ein totes Tier. Doch statt die anderen zu verständigen, behält es seine Entdeckung für sich und, als sich der Anführer der Gruppe nähert, geht es auf diesen zu und führt ihn von der Nahrung weg. Als es zu späterer Stunde zu dem Aas zurückkehrt, um davon zu fressen, wird es von einem anderen Mitglied der Gruppe beobachtet, das alle anderen informiert. Die Aufregung ist groß, und der Anführer der Gruppe, gleichzeitig auch der Stärkste, vertreibt unter lautem Geschrei und mit heftigen Schlägen den Einzelnen und frisst gemäß des Gruppencodexes zuerst, dann die im Rang Nachfolgenden. Unser unglücklicher junger Entdecker der seltenen fleischlichen Nahrung kommt, seinem Rang entsprechend, erst in der letzten Gruppe an die Reihe.

Ob es so gewesen ist - wir wissen es nicht.

Wohl wissen wir aber, dass vor zwei Millionen Jahren der Homo habilis in Afrika - der Wiege der Menschheit - lebte, der als erster Hominide (Vorläufer des modernen Menschen) nicht nur den aufrechten Gang beherrschte, sondern auch eigene, einfache Werkzeuge fertigte. Der Homo habilis war kein Jäger, sondern lebte von Pflanzen und von Aas.

Und wir wissen aus der Beobachtung von Affengruppen, dass diese in bestimmten Situationen dazu neigen, Nahrungsfunde vor der Gruppe im Allgemeinen und dem Boss im Besonderen zu verheimlichen und sich erst wieder der Futterquelle zu nähern, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Werden sie dann ertappt, erfolgt eine unmittelbare Bestrafung durch lautes, vertreibendes Geschrei und durch Schläge.

Somit lässt sich der Schluss ziehen, dass das Konzept der Strafe, insbesondere der Körper- oder Leibesstrafe, bereits in der Urzeit der Menschwerdung verankert wurde.


Geschichte ist das Muster, das man hinterher in das Chaos webt.
Carlo Levi


Was sind drei Tage gegen eine Ewigkeit ? Von den wahrscheinlich sieben Millionen Jahren unserer Existenz haben die Menschen nur zehntausend Jahre nicht als Sammler und Jäger gelebt. Viele Millionen Jahre haben wir unsere Nahrung nicht planmäßig produziert, sondern nur gesammelt - die Altsteinzeit. In dieser hat sich herausgebildet, was heute noch Grundstruktur menschlicher Gesellschaft und auch für das Recht und daraus resultierende Strafe nicht ohne Bedeutung ist.

Wir befinden uns nun einhundertausend Jahre vor unserer Zeit. Der Homo sapiens hat seinen Siegeszug zur Eroberung der ganzen Welt bereits angetreten. Er lebt in Horden. Die Horde ist aufgebaut auf dem Prinzip der Verwandtschaft. Meistens sind es enge Verwandte, die zusammenleben, etwa zwanzig bis fünfzig Personen. Doch Fluktuation ist in einem zweifachen Sinn von Bedeutung, als Existenzgrundlage der Horde. Sie sorgt, durch Zugang oder Weggang, für die ökologisch richtige Größe der Horde und dient ferner, als äußerstes Mittel der Konfliktlösung, zur Erhaltung des gesellschaftlichen Gleichgewichts - etwas, das man heutzutage als Rechtsfrieden bezeichnen könnte.

Das Kollektiv der Horde bestimmt sich selbst. Alle Entscheidungen über die Jagd, den Abbruch des Lagers und den Ort des nächsten werden gemeinsam getroffen. Einzelne haben größere Autorität, besonders die erfolgreichen Jäger. Diese müssen die anderen überzeugen, sind immer, wenn sie es nicht tun, in Gefahr, sich lächerlich zu machen, und sie können jederzeit überstimmt werden. Manche Horden haben Anführer, andere nicht.

Wie es bei unseren Urvätern gewesen ist - wir wissen es nicht.

Aber wir können über die Beobachtung von archaischen (urtümlichen) Jägergesellschaften sagen, dass der Anführer oft nur der Wortführer ist. So wurde auf die Frage, was der Anführer des Volksstammes der Guayaki zu tun hat, geantwortet: "Er tut überhaupt nichts. Er ist derjenige, der gewöhnlich spricht."

So war es wohl auch bei unseren Altvorderen. Alle sind gleich. Männer und Frauen sind trotz Arbeitsteilung gleichgestellt. Die Frauen sammeln, die Männer jagen, beides hat das gleiche Sozialprestige. Die Gruppe behält ihre Souveränität. Jäger sind anarchistisch, herrschaftsfrei. Alles wird geteilt. Jäger begnügen sich mit einem Minimum an Gerätschaften. Konflikte darüber gibt es kaum. Es gibt persönlichen Besitz, aber wenn der eine etwas mehr hat, wird erwartet, dass er davon abgibt. Das nennt man Reziprozität, die Gleichheit in der Verteilung von Eigentum. Indem die Menschen sich mit Gaben aufeinander beziehen, wird Gesellschaft hergestellt und Kultur ermöglicht. Die Reziprozität hat eine Art Friedensfunktion. Sie ist ein täglich erneuerter Gesellschaftsvertrag. Ein Waldjäger sagt dazu: "Das Schlimmste ist, wenn keine Gaben gegeben werden. Wenn Leute sich nicht leiden können, aber der eine etwas gibt und der andere muss die Gabe annehmen, das bringt Frieden zwischen ihnen. Wir geben einander immer. Wir geben, was wir haben. Das ist unsere Weise zusammenzuleben."

Diese Lebensweise ist Ausdruck der Solidarität, der Freundschaft und der engen Verwandtschaft. Eine Gabe muss nicht unbedingt erwidert werden, jedenfalls nicht gleich und auch nicht immer in gleicher Höhe. Auch wenn keine Gegengabe erfolgt, bleibt die persönliche Verbindung noch lange aufrechterhalten. Extremes Beispiel ist das saugende Kind.

Falsch wäre es, Gaben als Geschenke zu verstehen. Das Geben und Nehmen beruht auf selbstverständlichen Erwartungen der miteinander verwandten Hordenmitglieder. Man teilt, weil es sich gehört. Deshalb gibt es auch keine Dankbarkeit. Es sind Verpflichtungen.


Geschichte ist eine Philosophie, die uns durch Beispiele lehrt.
Henry Bolingbroke


Wie erwähnt, einhundertausend Jahre vor unserer Zeit: Eine Horde moderner Menschen sitzt am Feuer und unterhält sich. Man hat zu abend gegessen. Plötzlich hört man lautes Geschrei vom Nebenlager. Die Horde siedelt in einem größeren und einem kleineren Lager, verbunden durch einen schmalen Pfad. Auch auf dem Pfad hört man lautes Rufen. Dann kommt ein junger Mann in das Hauptlager gestürzt, wütend verfolgt von einigen Altersgenossen, die mit Speeren und Steinmessern bewaffnet sind. In dem großen Lager laufen alle in ihre Hütten. Einige der Jüngeren rennen zu den nächsten Bäumen und klettern auf die Äste. Sie sehen, wie der junge Mann versucht, in einer der Hütten Unterschlupf zu finden. Er wird mit zornigen Bemerkungen abgewiesen und ein brennender Holzscheit hinter ihm her geworfen. Jemand schreit ihm zu, er solle in den Wald fliehen. Dorthin verschwindet er dann auch, seine Verfolger direkt auf den Fersen. Als sie nicht mehr zu sehen sind, kommen drei Mädchen von nebenan in das Hauptlager gestürmt, unter ihnen die Kusine des jungen Mannes. Auch sie tragen Messer, kleine Schälmesser aus Feuerstein. Sie sind in Tränen aufgelöst und schreien laut, verfluchen den jungen Mann und seine Familie. Als sie ihn nicht finden, wirft seine Kusine ihr Messer auf den Boden, schlägt sich mit den Fäusten und schreit immer wieder: "Er hat mich getötet, er hat mich getötet", und dann, nach einer Atempause: "Ich werde nie wieder leben können." Dann wirft sie sich auf den Boden, wälzt sich herum, schlägt sich selbst, rauft sich das Haar. Alles unter lautem verzweifelten Weinen. Ein Ruf kommt aus dem Wald. Einer der Verfolger hatte den jungen Mann gefunden, dicht am Lager versteckt. Die Mädchen hören das, schwingen drohend ihre Messer. Andere Rufe kommen vom Nebenlager, jetzt zum erstenmal von Erwachsenen. Man kann nicht verstehen, worum es geht, aber es lodern Flammen. Ein älterer Mann kommt aus dem Nebenlager. Er sieht sehr ernst aus. Er sagt, das sei die größte Schande, die ein Hordenmitglied auf sich laden könne. Der junge Mann habe einen Inzest begangen, mit seiner Kusine, das sei fast so schlimm wie zwischen Bruder und Schwester. Niemand fragt, ob sie ihn töten würden, denn sie würden ihn nicht finden (wollen) - obwohl sie ja wissen, wo er ist. Der ältere Mann ruft: "Sie haben ihn in den Wald getrieben, und er wird dort allein leben müssen. Niemand wird ihn aufnehmen, nach dem, was er getan hat. Und er wird sterben, weil man im Wald nicht allein leben kann. Der Wald wird ihn töten. Und wenn er ihn nicht tötet, dann wird er an Krankheiten sterben." Dann, in typisch menschlicher Weise, bricht er in ein unterdrücktes Lachen aus, klatscht in die Hände und sagt: "Er hat es monatelang gemacht. Er muss sehr dumm sein, sich erwischen zu lassen. Kein Wunder, dass sie ihn in den Wald gejagt haben." Für den älteren Mann - scheint es - ist die größere Sünde, sich erwischen zu lassen.

Die Menschen im Hauptlager sind noch in ihren Hütten. Die Jüngeren rufen nach einem erfolgreichen Jäger, einem der einflussreichsten der Älteren. Aber der weigert sich herauszukommen, will damit nichts zu tun haben. Einige der Jüngeren gehen zurück zum Nebenlager. Eine der Hütten steht in Flammen. Es ist die vom zweiten Onkel des jungen Mannes, der ihn seit dem Tod seines Vaters aufgenommen hat. Das Feuer hat der Vater des Mädchens gelegt. Leute stehen drumherum, Rufe und Schreie sind zu hören. Einige Männer raufen sich und Frauen drohen mit Fäusten. Im Hauptlager steht man nun herum und diskutiert, in Gruppen von Männern und in anderen von Frauen. Dann kommt ein Trupp aus dem Nebenlager und verlangt eine Diskussion. Man schimpft auf die Kinder, die das Ganze genießen und nun die heldenhafte Flucht des jungen Mannes nachahmen. Die Erwachsenen können das alles gar nicht lustig finden, setzen sich zusammen und besprechen das Ganze. Es geht allerdings nicht so sehr um die Verfehlung des jungen Mannes, sondern um das Niederbrennen der Hütte. Der Onkel weint: "Der Junge hat nur getan, was jeder Junge tun würde. Und nun, wo man es bemerkt hat, haben sie ihn in den Wald getrieben. Der Wald wird ihn töten. Da ist er erledigt. Aber mein eigener Bruder hat meine Hütte niedergebrannt und ich habe nichts zum Schlafen. Und was ist, wenn es regnet ? Ich werde an Kälte und Nässe sterben, von der Hand meines Bruders." Der Bruder protestiert leicht. Er sei beleidigt worden. Der andere Onkel hätte sich mehr um den jungen Mann kümmern und ihn besser erziehen sollen. Auch er spricht nicht mehr vom Inzest. Es geht immer noch um den Brand der Hütte. Beide Familien klagen sich gegenseitig für mehr als eine Stunde an. Dann fangen die Älteren an zu gähnen. Sie gehen schlafen. Man könne die Sache auch noch am nächsten Tag beilegen.

Am folgenden Tag im Nebenlager: Die Mutter des Mädchens ist damit beschäftigt, die Hütte ihres Schwagers wieder aufzubauen. Die beiden Brüder sitzen einträchtig nebeneinander. Die Jüngeren machen sich auf den Weg, dem jungen Mann heimlich was zu essen zu bringen. Er ist im Wald, nicht weit weg. Drei Tage später, als die anderen nachmittags von der Jagd zurückkommen, trottet er langsam hinter ihnen ins Lager, so als ob er mit auf der Jagd gewesen sei. Er sieht vorsichtig umher. Niemand sagt etwas. Man beachtet ihn nicht. Er setzt sich zu den Jüngeren ans Feuer. Die Unterhaltung geht weiter, als ob er nicht da wäre. Dann kommt ein kleines Mädchen, von seiner Mutter mit gibt sie ihm und lächelt ihn dabei an. Der junge Mann wird nie wieder mit seiner Kusine flirten. Die Sache ist erledigt. Fünf Jahre später wird er heiraten, Vater zweier Kinder und ein erfolgreicher und angesehener Jäger.

Ob es so gewesen ist - wir wissen es nicht.

Aber wahrscheinlich war es so, denn so passierte es vor wenigen Jahren bei einem Pygmäenstamm, und in heutigen Jägergesellschaften läuft es auch immer noch so ab. Und an diesem Beispiel ist Vielerlei bemerkenswert. Zunächst: Es sind nicht die Älteren oder die erfolgreichen Jäger, die sich um die Verfolgung des Verstoßes gegen ihre Ordnung kümmern. Zweitens wird der Inzest nur als Delikt des Mannes angesehen. Das Mädchen, dem wir den gleichen Vorwurf machen würden, gilt als Verletzte, die sogar Rache fordern kann. Drittens haben wir Menschen durchaus auch "Spaß" an bestimmten Straftaten anderer Menschen, lassen uns durch diese unterhalten oder empfinden Respekt, vielleicht sogar Ehrfurcht vor dem Täter (Robin-Hood-Effekt). Typisch ist, viertens, der Ausgang. Nach einiger Aufregung und einem heilsamen Schreck des Täters läßt man die Sache einfach auf sich beruhen. Das findet man oft in Jägergesellschaften.

Und es lässt sich ein bemerkenswerter Schluss aus dem Beispiel ableiten: Menschen, die in Horden leben und alle eng miteinander verwandt sind, bilden wohl mit als erstes Rechtsgut überhaupt ein Inzesttabu aus - geheiratet wird ausschließlich in eine andere, fremde Horde hinein. Und das Konzept der Strafe ist erweitert worden: In einem extremen Fall wird als einzig mögliche Konfliktlösung ein Mitglied von der Gruppe verstoßen. Es wird verstoßen und damit dem sicheren Tod preisgegeben - aber die Horde käme niemals auf die Idee, den Tod durch eigene Hand herbeizuführen, dazu ist das menschliche Leben zu wichtig und zu wertvoll. Außerdem gab es wohl schon zu Urzeiten der Menschheit neben dem Konzept der Strafe ein ebensolches der Vergebung!


Welchen Weg mußte nicht die Menschheit machen, bis sie dahin gelangte, auch gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen Unmenschliche menschlich zu sein!
Johann W. von Goethe


Die neolithische Revolution

Ein Wimpernschlag in der Geschichte der Menschheit. Und eine Revolution, die keine ist. Die Jungsteinzeit, das Neolithikum, ist eine Epoche in der Menschheitsgeschichte, deren Beginn mit dem Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen zu sesshaften Bauern mit domestizierten Tieren und Pflanzen definiert ist. Beginn und Ende sind weltweit unterschiedlich. Für Mitteleuropa datiert das Auftreten des gesamten "neolithischen Bündels" (Sesshaftigkeit, domestizierte Tiere und Pflanzen, Keramik, geschliffene Steingeräte wie z. B. Beile), die sogenannte neolithische Revolution, auf etwa 7.500 Jahre vor unserer Zeit. Dabei bildet Mitteleuropa eine Ausnahme. In Afrika liegen zwischen dem Auftreten der einzelnen Merkmale des "Bündels" viele tausend Jahre.

Mit der Sesshaftigkeit der Menschen veränderte sich ihre Gesellschaftsstruktur. Sie entwickelten sich zu segmentären Gesellschaften. Deren Hauptbindeglied ist immer noch die Großfamilie, der Großclan. Doch etwas war anders: bedingt durch die fortschreitende Arbeitsteilung entstand so etwas wie eine Hierarchie unter den Menschen. Im Prinzip waren noch alle Menschen gleich, doch einige wurden ein wenig gleicher ...

Es bildeten sich zwei neue Rechtskonstrukte heraus, ohne dass die Menschen diese als solche bezeichnet hätten. Es entwickelte sich das Privateigentum und die damit einhergehende Möglichkeit, etwas zu vererben, was es in vorheriger Zeit nicht gegeben hat. Nur so war es möglich, dass Menschen mit der Zeit immer größere Herden von Nutztieren ihr Eigentum nannten, denn ein Generation allein hätte kaum eine Großherde aufbauen können. Damit entwickelte sich auch privater Reichtum und damit zusammenhängender Einfluss, ja Macht. Und noch etwas war neu: Da nun nicht mehr alles geteilt wurde, da einige mehr hatten als andere und dies auch für sich behielten, kam es zu Diebstahl, Raub und sogar zu Mord aus Habgier. Daraus resultierten veränderte Strafsysteme.

Neben dem Recht auf Eigentum gab es für die von Ackerbau und Viehzucht lebenden sesshaften Menschen ein für diese Gesellschaftsform völlig neues Problem zu lösen: Der Zugang zu Wasser und die Versorgung der Äcker und der Tiere mit diesem lebenswichtigen Nass. Somit kann das Wasserrecht als eine der ersten Rechtsformen überhaupt gelten, denn es gab zwar schon vorher ein ungeschriebenes "Recht auf Wasser", jedoch zeigte sich diese Ressource in den "Jäger-und-Sammler-Kulturen" nicht besonders beschränkt, so dass Konflikte wohl eher selten waren.

So ist es sicher auch kein Wunder, dass die Entwicklung von der segmentären Gesellschaft zu Protostaaten und zu ersten Stadtstaaten als menschliche Hochkulturen in den fruchtbaren und wasserreichen Gegenden von Mesopotamien am Euphrat und Tigris entstanden sowie in Ägypten am Nil.

Diese Gesellschaftsform ist geprägt von einer völlig neuen, tatsächlich revolutionären Entwicklung: der Schrift!

Somit war es den Menschen erstmals möglich, verbindliche Regeln - Gesetze - für alle schriftlich zu fixieren und bekannt zu machen. Und es war möglich, die Differenzierung der Menschen untereinander noch mehr zu verfeinern und eine Herrschaftskaste mit einem König an der Spitze auszubilden.

Das bekannteste Beispiel für diese frühe Art der Gesetzgebung bildet der Codex Hammurabi des Königs Hammurabi von Babylon um das Jahr 1.700 vor Christus, in dem neben umfassenden Rechtsvorschriften auch Normen für die Pflege der Bewässerungsanlagen enthalten sind. Ähnliche Gesetze gab es auch schon früher - den Codex Ur-Nammu und der Codex Lipit-Ishtar - nur sind sie nicht vollständig erhalten, und somit bildet der Codex Hammurabi die erste vollständig erhaltene schriftliche Gesetzessammlung der Menschheitsgeschichte und enthält auch, wie die beiden anderen Codices, ein völlig neues Konzept menschlichen Strafhandelns: die Todesstrafe!

Wissenschaftler erklären die Ausbildung einer Herrschaftskaste, die Möglichkeit des Königs zum Erlassen von Gesetzen und die Unterdrückung von Menschen durch andere - insbesondere durch u. U. tödliche Strafsanktionen - mit der kriegerischen Unterwerfung friedlicher Ackerbauern durch räuberische Hirtenvölker.

Ob es so gewesen ist - wir wissen es nicht.

Aber wir wissen, dass es die selben Menschen - Homo sapiens - waren, die sich von der gleichberechtigten, alles teilenden Horde entwickelt haben zum räuberischen Hirtenvolk.

Und so gesehen war es ein weiter Weg vom saugenden Kind der Urzeit zum erwachsenen Räuber ...


Die Geschichte des Strafens geht weiter


*


Jahreszahlen und Höhepunkte

7.000.000 vor Christus (v. Chr.)

Es wurde ein Schädel im Tschad gefunden, der als Wurzel des menschlichen Stammbaumes gilt. Der sogenannte Sahelanthropus tchadensis. Forscher sind sich uneinig, ob er schon Mensch oder noch Affe ist.


2.000.000 v. Chr.

Großer Entwicklungssprung der Menschheit. Der Homo habilis ist der Erste, der eigene Werkzeuge anfertigen konnte. Er ist kein Jäger, sondern ernährt sich von Pflanzen und Aas.


1.500.000 v. Chr.

Es entwickelt sich der Homo erectus, die erste Menschenart, die Afrika verlässt und über den vorderen Orient Europa und Asien besiedelt. Der erste Mensch der eigenständig Feuer machen und nutzen kann.


300.000 v. Chr.

In Europa entwickelte sich aus dem Homo erectus der Neandertaler, eine auf die Umweltbedingungen der letzten Eiszeit hervorragend angepasste Menschenart. Entgegen früherer Annahmen war der Neandertaler kulturell hoch entwickelt. Bei ihm sind in Mitteleuropa zum ersten Mal kultische Praktiken nachweisbar, so sind z. B. Bestattungen mit Grabbeilagen belegt, was zeigt, dass diese Neandertaler sprachfähig waren. In der Gudenushöhle wurde sogar eine Knochenpfeife gefunden. Der Neandertaler entwickelt ein Technik der Steinbearbeitung, bei der nicht mehr nur der Kern der Steine das Werkzeug ergaben, sondern bei der die vom Stein abgehauenen Abschläge selbst Werkzeug (Klingen) waren. Der Neandertaler ist später ausgestorben, er wurde verdrängt vom Homo sapiens.


150.000 v. Chr.

Dokumentierte fossile Funde belegen, dass der Homo sapiens sapiens - der moderne Mensch (also "wir") - in Süd- und Ostafrika existierte und von dort aus die ganze Welt zu besiedeln und zu beherrschen begann (Out-of-Africa-Theorie).


37.000 v. Chr..

Noch 2004 n. Chr., vor wenigen Jahren, waren wir davon überzeugt: "So etwas gibt es nicht !" Das "Etwas" war eine Flöte, gefertigt aus Elfenbein und rund 37.000 Jahre alt. Vor etwa vierzigtausend Jahren explodierten die kognitiven und künstlerischen Fähigkeiten des Homo sapiens in einer Art kulturellen Urknalls. Und Musik scheint dabei eine der ältesten kulturellen Fähigkeiten des Menschen zu sein, neben der Fähigkeit der Malerei.

Das herausragendeste Beweisstück menschlicher Fertigkeiten ist dabei die Luxusflöte aus Elfenbein. Aber sie ist nicht nur Luxus, sondern auch ein "High-Tech-Produkt" der damaligen Zeit. Denn anders als die parallel verwendeten Flöten aus Tierknochen ist Elfenbein nicht hohl. Somit musste der Flötenbauer zunächst ein Stück spröden Mammutstoßzahnes zurechtschnitzen, den Rundling dann längs der Mitte halbieren und aushöhlen. Vermutlich hat er die beiden Hälften mit Birkenpech - dem damaligen Alleskleber - zusammengeklebt und Pflanzenfasern luftdicht verschnürt. Ein wahres Meisterstück!


33.000 v. Chr.

In der Chauvet-Höhle hat man 300 Wandbilder mit 400 Tierdarstellungen gefunden. Ihr Alter lässt sich mittlerweile mit der Radiokarbonmethode (C 14-Methode) auf ein Alter von dreiunddreißigtausend Jahren vor unserer Zeit datieren. Es handelt sich um die ältesten bisher bekannten Höhlenmalereien und -zeichnungen der Welt. Lange Zeit glaubte man an eine Fälschung. Dieser Eindruck kann sich aufgrund der fast unglaublich hohen Qualität nahezu aufdrängen. Doch die ist schon aufgrund der Versinterung (mineralische Ablagerung) der Farbaufträge auszuschließen. Die Höhle war während der Eiszeitepoche durch einen herabfallenden Felsen völlig von der Außenwelt abgeschlossen und entwickelte ein eigenes Binnenklima. Lediglich Insekten hatten Zugang. Die Malereien zeigen Wollnashörner, Wildpferde, Löwen und andere eiszeitliche Tiere. In großer Anzahl wurden Bärenknochen gefunden. Aber seltsamerweise kaum Mammutknochen, obwohl diese auch abgebildet sind. Es gibt eine Vielzahl von in feuchtem Lehm erhalten gebliebenen Fußspuren von Menschen und vielleicht Hunden. Daher rätseln Wissenschaftler derzeit, ob dadurch nachweisbar wird, dass die Domestikation von Hunden schon mehrere tausend Jahre früher belegbar ist, als der bisherige Forschungsstand ausweist.


13.000 v. Chr.

Die bislang ältesten Spuren von möglicherweise domestiziertem Getreide (nämlich Roggen) fand man in Abu Hureira am syrischen Euphrat. Aufgrund einer langanhaltenden Dürre begann der Mensch wahrscheinlich mit der Domestikation des widerstandsfähigen Roggens.


10.500 v. Chr.

Gegen Ende der Eiszeit war die Sahara ein grünes und fruchtbares Land und wurde von jenen Menschen besiedelt, die sich zuvor weiter südlich aufgehalten hatten. Doch mit der Zeit wurde diese immer trockener, und so begannen die Bewohner in klimatisch günstigere Gegenden abzuwandern. Sie gründeten am Nil erste dauerhafte Siedlungen.


8.300 v. Chr.

Die Domestikation von Tieren lässt sich erstmals ableiten. Es handelt sich um Schafe und Ziegen, die anfangs ausschließlich als Fleisch- und Felllieferanten gehalten werden, wie archäologische Rückschlüsse ergeben. Milch findet keine Verwendung.


7.500 v. Chr.

Erst jetzt lässt sich die Nutzung des Sekundärproduktes der Schaf- und Ziegenhaltung belegen: die Nutzung von Milch. Außerdem wurde Wolle verarbeitet. Genetisch ist der Mensch nicht in der Lage, Milch als Nahrung beschwerdefrei zu verwerten - die sogenannte Laktoseintoleranz. Diese wurde in Europa und Afrika in den letzten Jahrtausenden immer mehr abgebaut. Asiaten (Chinesen) vertragen heute noch keine Milch, weil die Verwendung von z. B. Kuhmilch in ihrer Entwicklung nicht vorkam.


6.000 v. Chr.

Archäologische Funde belegen, dass im Niltal die Menschen mit Ackerbau begonnen haben. Gefunden wurden auch zahlreiche Tonscherben, die die Verwendung von verzierten Keramiken beweisen.


4.500 v. Chr.

Die ältesten Funde von domestizierten Rindern stammen aus Nordafrika. Unter den domestizierten Tierarten waren auch Schafe und Ziegen. Parallel zu den sesshaften Ackerbauern und Viehzüchtern gab es herumziehende Hirtengruppen und auch weiterhin Jäger- und Sammlerkulturen.


3.500 v. Chr.

In Mesopotamien sind zuerst Anzeichen von Bewässerung feststellbar. Vermutlich wandern kurz darauf von Osten kommend die Sumerer nach Mesopotamien ein. Sie errichten die erste Hochkultur überhaupt. In kurzen Abständen werden die Schrift, die sich schnell drehende Töpferscheibe und der Lehmziegel erfunden. Große Fortschritte auf kultureller Ebene.


3.000 v. Chr.

Mit dem Tempelbau von Uruk wird der erste bekannte Monumentalbau der Menschheitsgeschichte errichtet.

Erfindung der Bronze, der nächste epochale Entwicklungsschritt der Menschheit. Gemeinsam ist den bronzezeitlichen Kulturen, dass die Notwendigkeit, eine Verarbeitungs-, eine Metallurgiekette zu organisieren, zu gravierenden Umwälzungen der Gesellschaftsstruktur führte. Der Zugang und die Beherrschung dieser wertvollen Ressourcen führte zur Entstehung von sozialen Differenzierungen und zur Herausbildung einer Oberschicht. Es ist mit der Bronze erstmals richtig möglich, "nichtlebenden", also quasi unvergänglichen Reichtum anzuhäufen, der auch vererbt werden kann und der leicht zu transportieren ist. Bronzebarren werden zunehmend als Zahlungsmittel eingesetzt. Die Entstehung von stark befestigten Siedlungen, die Stadtstaaten der Hochkulturen und die Erfindung des Schwertes werden oftmals als Hinweis auf die Zunahme kriegerischer bzw. räuberischer Auseinandersetzungen gedeutet.


2.100 v. Chr.

In Mesopotamien wechselt die Vorherrschaft der jeweiligen Stadtstaaten regelmäßig. Mal dominiert die Stadt Uruk das Land, mal Ur. 2100 v. Chr. ist Ur das Zentrum Mesopotamiens, und es herrscht der König Ur-Nammu. Er oder sein Sohn ist Auftraggeber der derzeit ältesten schriftlich überlieferten Rechtssammlung, des Codex' Ur-Nammu. Das Gesetzeswerk ist nicht vollständig erhalten, aber es gibt gut 40 Paragrafen. Behandelte Themen sind im Wesentlichen in dieser Reihenfolge: Mord, Raub, falsche Anschuldigung, Ehebruch, Vergewaltigung, Scheidung, Körperverletzung, Wasserdiebstahl und diverse zivilrechtliche Regelungen. Die Kapitalverbrechen Mord, Raub, Ehebruch und Vergewaltigung wurden mit dem Tode bestraft. Alle anderen Strafen sind Geldstrafen.


1.930 v. Chr..

In Mesopotamien herrscht der König Lipit-Ishtar von Isin. Er schuf den Codex Lipit-Ishtar. Auch dieser ist nur unvollständig erhalten und ähnlich aufgebaut wie der Codex Ur-Nammu. Allerdings fehlt die Behandlung schwerer Kapitalverbrechen völlig.

1.775 v. Chr.

Die berühmte Gesetzessammlung, der Codex Hammurabi, wird geschaffen vom König Hammurabi, Herrscher von Babylon in Mesopotamien. Es ist die einzige vollständig erhaltene Gesetzessammlung der Frühgeschichte. Sie umfasst einen Prolog sowie 282 Paragrafen und einen Epilog. Eingemeißelt in Keilschrift auf eine 2,25 Meter hohen Steinstele aus Diorit. Neben der Todesstrafe wird erstmals das Vergeltungsrecht, das Talion-Prinzip - "Auge um Auge" -, schriftlich fixiert.


Mehr dazu im nächsten Heft


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Quelle:
der lichtblick, 40. Jahrgang, Heft Nr. 339, 2/2009, Seite 6-11
Unzensiertes Gefangenenmagazin der JVA Berlin-Tegel
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veröffentlicht im Schattenblick zum 1. Oktober 2009