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LICHTBLICK/159: Eine Geschichte des Strafens - Teil 2


der lichtblick - Gefangenenmagazin der JVA Berlin-Tegel
Heft Nr. 340 - 3/2009

VollzugsVisionen
Eine Geschichte des Strafens
Teil 2: Abschweifung über Macht, Herrschaft und Staat

Von Hartmut Bochow


Macht hat Legitimität nur im Dienst der Vernunft. Allein von hier bezieht sie ihren Sinn. An sich ist sie böse.
Karl Jaspers


Wie entstehen staatliche Gesellschaften? Aus egalitären (gleichen) Gesellschaften solche, in denen es Ungleichheit gibt, Herrscher und Beherrschte? Wie entsteht aus einer anarchischen Ordnung die organisierte Macht, Herrschaft, Staat? Wie entsteht Recht und Gesetz? Wie Richter und Henker? Wie Leibstrafen und sogar Todesstrafe? Das ist eines der spannendsten Kapitel in der Geschichte der Menschen, und es hat auch schon viele Antworten gegeben auf diese Fragen. Generationen von Philosophen, Historikern und Anthropologen (Menschenforscher) haben sich mit ihr beschäftigt. Wie es genau gewesen ist - wir wissen es nicht.

Die vielen Antworten, die die Wissenschaftler gegeben haben, bedeuten wohl auch heute noch einen Teil der Lösung dieses Problems. Es gibt eben viele Möglichkeiten. Eine einheitliche Antwort ist nicht möglich. Die erste stammt von Heraklit, die erstaunlichste von Ibn Chaldun. Für Heraklit war der Krieg der Vater jeder Entwicklung. Ibn Chaldun aus Tunis hat in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine Einführung in die Geschichte geschrieben und vor sechshundert Jahren schon formuliert, was heute als eine der wenigen gesicherten Erkenntnisse der Ethnologie (Völkerkunde) über die Entstehung von Herrschaft angesehen werden kann, dass nämlich der Staat entsteht aus der Unterwerfung friedlicher Ackerbauern durch kriegerische Hirtenvölker. Rousseau nahm an, der Staat sei ein Vertrag gewesen von friedlichen Menschen. Für Hobbes war er die einzige Möglichkeit, von Anfang an den Krieg aller gegen alle zu verhindern. Für Hegel war er das Ergebnis der Entwicklung einer objektiven Idee. Und Morgan und Engels haben ihn, ähnlich wie Hobbes, erklärt aus der Notwendigkeit eines schützenden Daches für die Gesamtgesellschaft, deren einzelne Segmente durch das entstehende Privateigentum der Männer zerschlagen wurden und deshalb für die Menschen nicht mehr der Schutz waren, den sie bisher gegeben hatten. Soweit die Geschichte der Theorien zu diesem Problem.

Schwellenzeit für die Entstehung des Staates sind das dritte und zweite Jahrtausend v. Chr. Die ersten Staaten sind im 3. Jahrtausend in Mesopotamien, Ägypten und China entstanden. Im 2. Jahrtausend kommen Indien dazu, Griechenland und Kreta, Mexiko und Peru.

Die Morgan-Engelsche Theorie zur Entstehung des Staates enthält eine allgemeine Beobachtung, die auch heute noch richtig ist. Es ist die Beschreibung des äußeren Vorgangs: Kephalität (s. Erklärungsblock) entsteht durch Zerstörung der mittleren Instanzen, durch Zerstörung der Segmente. Stattdessen wird auf der unteren Ebene eine Vielzahl von Individuen aus der segmentären Bindung freigesetzt, und es entsteht über ihnen, als einheitliches Dach, eine herrschaftliche Zentralinstanz, deren Ziel es immer sein muss, die Segmente völlig zu beseitigen und die Individuen zu individualisieren, zu atomisieren. Der Staat.

Das ist das äußere Bild, das immer dasselbe ist. Aber wenn man versucht, die inneren Ursachen dieser Entwicklung zu erkennen, dann beginnt das große Rätselraten.

Was genau gewesen ist - wir wissen es nicht.

Auch der Krieg als "Vater jeder Entwicklung" muss nicht unbedingt der Grund für die Bildung von Staaten und Herrschaftssystemen sein. So lässt sich nämlich aus Beobachtung sagen, dass es auch heute noch kriegerische Stämme gibt, die im Stammesverbund nur Egalität, also die Gleichheit aller Stammesangehörigen kennen, andererseits aber gibt es welche, die aus der Notwendigkeit der Verteidigung im Krieg einen zentralen Herrscher ernennen, so z. B. auch im republikanischen Rom, das in Not- und Bedrohungszeiten die Ernennung eines Diktators auf Zeit praktiziert.

Eine mögliche Ursache ist bisher kaum in Betracht gezogen: die sexistische. Besonders die Vertreter der "Anthropologie" sind durch die segmentären Gesellschaften gegangen und haben das hohe Lied ihrer Egalität gesungen, sicherlich auch zu Recht - soweit sie die Situation der Männer beschrieben haben. Die Freiheit der Männer ist bei ihnen in der Tat sehr groß. Aber ebenso groß ist oft die Unfreiheit der Frauen. Mit zunehmender Unterdrückung der Frau beobachtet man ein aggressiveres Verhalten der Männer zueinander. Die Gewalt nimmt zu. Konflikte entstehen. Mit der männlich dominierten Gesellschaft verändert sich der Status der Frau. Sie nimmt ihren Platz im Dorf des Mannes ein. Die Kinder bleiben im Falle einer Trennung bei ihm, in seiner Sippe. Diese Entwicklung ist an sich schon ungünstig für Frauen und sie wird durch die Entstehung von Brautpreisen massiv verstärkt. Ihre ursprüngliche Funktion ist in der segmentären Gesellschaft sinnvoll, nämlich als Ausgleich für den Verlust der Arbeitskraft der Frau und ihrer Kinder. Von diesem ist ihre Sippe betroffen durch den Umzug der Frau in das Dorf des Mannes, durch die Integration in die Verwandtschaft des Mannes. Aber die weiteren Folgen sind verheerend: Es entstehen Vorstellungen über den "Sachwert" von Frauen, die ihre gesellschaftliche Stellung weiter verschlechtern.

Der Druck auf die Frauen wird stärker. Verlassen sie ihren Mann, bevor Kinder geboren sind, dann muss die Verwandtschaft den Brautpreis zurückgeben. Selbst wenn es kein wirtschaftliches Ziel für das Streben nach Machtpositionen gibt, weil die egalitären Mechanismen insoweit funktionieren, so gibt es doch ein sexistisches: die Häufung des Besitzes an Frauen. Außerdem haben Macht und Herrschaft infizierende Eigenschaften. Wenn es in einer Gesellschaft erst einmal institutionalisierte Macht gibt, breitet sie sich leicht in andere Bereiche aus. Und diese Herrschaft gibt es eben auch in den egalitären segmentären Gesellschaften in der Form der institutionalisierten Macht des Mannes über die Frau. Warum sollte sie sich von dort nicht auch in den Bereich der Männer ausdehnen, zu Macht von Männern über Männer werden? Konkurrenten sind sie insoweit immer gewesen. Als ökonomische Konkurrenten haben sie sich in frühen Gesellschaften nie verstanden. Herrschaft ist sicher nicht nur dadurch entstanden, dass es zu einer Anhäufung von Land und Tierherden in den Händen Einzelner kam, dass die Reziprozität (gegenseitiger Austausch) der Güter verfälscht wurde. Denn wahrscheinlich ist Herrschaft in höherem Maße, als wir es heute ahnen, ausgebreitet worden durch die Verfälschung der in segmentären Gesellschaften beschriebenen Zirkulation der Frauen und Heiratsgüter.

In ersten Ansätzen läßt sich das in "melanesischen big man systems" verfolgen. Eines der besten Felder für die Beobachtung der Entstehung von Herrschaft sind Melanesien und Polynesien, weil dort auf den vielen Inseln mit ähnlicher gesellschaftlicher Grundstruktur verschiedene Stufen der Entwicklung anzutreffen sind, die man in eine Reihe bringen kann, an deren Ende erbliche Königreiche stehen wie in Tonga oder Hawaii. Am Anfang steht der "melanesische big man". Er lebt in der traditionellen egalitären Verwandtschaftsstruktur, die er radikalisiert, indem er zunächst selbst anfängt, hart zu arbeiten, von früh bis spät seine Felder zu bestellen. Er erhöht seine Produktivität durch Polygamie, den "Erwerb" vieler Frauen, deren Brautpreis nur er bezahlen kann, und die daraus resultierende Zeugung vieler Kinder.

Zusätzlich verschafft er sich durch vorsichtige Verteilung seiner eigenen Ressourcen innerhalb seiner Verwandtschaft langsam eine Gefolgschaft, deren Produktion seinen Ehrgeiz unterstützt. Er feuert sie an. Schließlich überschreitet er diesen engen Kreis und veranstaltet große Feste, "baut sich seinen Namen", wie die Melanesier sagen. Mit dem "big man" überschreitet die egalitäre Gesellschaft die Grenzen ihrer autonomen Einheiten, stellt größere Felder von Beziehungen her und einen höheren Grad der Zusammenarbeit. Diese Selbstausbeutung des "melanesischen big man" ist eine Art ursprünglicher und unterentwickelter Ökonomie des Respekts. Was hier damit beginnt, dass er seine Produktion zugunsten anderer verteilt, endet dann nach einer langen Entwicklung damit, dass die Leute ihre Produktion zugunsten des Häuptlings abliefern, der allerdings davon auch wieder den größten und wichtigsten Teil zurückgibt. Der Rest, der bei ihm bleibt, ist nicht so wichtig. Wichtig ist die Macht, die er durch die Rückverteilung erwirbt. Schon beim Aufbau der Macht des "melanesischen big man" spielt in diesem Zyklus die Umverteilung des Heiratsguts eine nicht unwesentliche Rolle. Er selbst zahlt für die Frauen, die seine Söhne heiraten, den üblichen Brautpreis. Wegen seines inzwischen gewachsenen Prestiges kann er nach einiger Zeit aber für seine Töchter einen höheren verlangen. Hier beginnt eine Verfälschung der Zirkulation, die zur Entstehung von Herrschaft führt, als Verfälschung der Zirkulation von Frauen und Heiratsgütern. Im übrigen macht man eine Beobachtung, die sich verallgemeinern lässt: Herrschaft entsteht in den meisten Fällen als Radikalisierung der segmentären Verwandtschaftsstruktur.

Die Entwicklung staatlicher Herrschaft ist untrennbar verbunden mit der des Eigentums am Land. Der Radikalisierung der Verwandtschaftsstruktur entspricht die Radikalisierung der Eigentumsstruktur und diese konzentriert sich auf einige wenige oder einen einzigen. Das hat zur Folge, dass sich aus dem Obereigentum an Land regelmäßig eine Abgabenpflicht derjenigen ergibt, denen es zur Nutzung zugewiesen bleibt. Es entstehen Vorstaaten und daraus resultieren Klassengesellschaften, in denen sich Adel in Form von reichen, mächtigen Familien herausbildet, deren männliche Mitglieder viele Frauen ihr "eigen" nennen und auch über andere Männer herrschen. Insgesamt läßt sich die Entwicklung von Vorstaaten als Prozess der Entsegmentarisierung begreifen. Er findet nicht nur beim Eigentum statt. Seine Durchsetzung ist besonders wichtig bei den Mechanismen der Konfliktregelung. Deren Elemente waren in segmentären Gesellschaften die Verhandlung und Schlichtung, an deren Ende der Konsens stand oder die Selbsthilfe. Die meisten Konflikte entstehen aus Streitigkeiten um Frauen oder über die Zahlung der Brautpreisschulden. Verträge in unserem Sinne gibt es nicht. Die Streitigkeiten haben also deliktischen Charakter (unrechtmäßige Tat). Konflikte werden entweder friedlich beendet oder unfriedlich.

Zu den unfriedlichen Mitteln gehören die Selbsthilfe und die Rache, die Blutrache und die Fehde. Wichtigstes Mittel der friedlichen Beilegung sind Verhandlungen. Sie können direkt zwischen den streitenden Parteien stattfinden oder unter Einschaltung von Dritten. Bei ihnen hat man zu unterscheiden zwischen Vermittlern und Schiedsrichtern. Der Schiedsrichter entscheidet selbständig, nach Anhörung der Parteien und von Zeugen. Der Vermittler dagegen hat keine Entscheidungsbefugnis. Seine Aufgabe ist es, eine Einigung herbeizuführen. Eine Einigung, die übrigens immer notwendig ist. Beim Schiedsrichter liegt sie am Beginn des Verfahrens, indem man sich über seine Einsetzung verständigt und darauf, dass man seinen Spruch akzeptieren wird. Beim Vermittler liegt sie am Ende, nämlich im materiellen Ergebnis der Verhandlungen, das durch seine Vermittlung erreicht wurde. Schiedsrichter sind selten in segmentären Gesellschaften. Man findet sie nur dort, wo es schon Anfänge von Herrschaft gibt und Einzelne stärker aus der allgemeinen Sozialstruktur ausgegliedert sind.

In der Mitte zwischen friedlicher und unfriedlicher Beendigung liegen Streitlösungen durch Ritual oder Ordal. Das Ordal ist eine Sonderform des Orakels - ein Gottesurteil, der Wahrheitsspruchs eines höheren Wesens, eines Geistes oder einer Gottheit. Beim Ordal fallen Wahrheitsspruch und Sanktion zusammen, indem man Leben oder Gesundheit riskiert, wie bei afrikanischen Giftordalen oder bei dem ältesten historisch verbürgten Gottesurteil, dem Flussordal, der Wasserprobe, bekannt aus dem Codex Ur-Nammu.

Selbsthilfe ist die meist unfriedliche Durchsetzung von Recht, ohne Einigung. Die eigenmächtige Wegnahme von Sachen gehört ebenso dazu wie die Rache.

Rache ist Ausgleich für Verletzung durch Angriff auf den Verletzer, seine Verwandtschaft oder sein Hab und Gut. Sie muss nicht immer maßlos sein, wie man oft meint. In vielen Gesellschaften gibt es Regeln, die bestimmen, wie weit man gehen darf, besonders für ihre gefährlichste Form, die Blutrache. Wird Blutrache durch Gegenrache erwidert, spricht man von Fehde. Unsere Kenntnisse der Einzelheiten sind spärlich. Die ethnologischen Berichte sagen regelmäßig nur, dass es in bestimmten Gesellschaften die Blutrache gäbe und ihr häufig die Fehde folge. Es gibt keine Zahlen über das Verhältnis von friedlichen und unfriedlichen Lösungen.

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass die friedlichen auch in segmentären Gesellschaften sehr viel häufiger sind.

Der Ausgleich für unrechtmäßige Verletzungen besteht in Bußen, für die sich oft feste Regeln entwickeln. So ist diese Bußzahlung für Tötungen häufig identisch mit einem Brautgeld, weil damit der Verwandtschaftsgruppe des Getöteten die Möglichkeit gegeben wird, dass einer von ihnen eine Frau heiraten und durch die Geburt von Kindern den Verlust wieder ausgleichen kann. Privatrecht und Strafrecht gehen also noch ungetrennt ineinander über. Normverstöße werden immer noch verstanden als Verletzungen von individuellen Rechten der Betroffenen, nicht als Verstoß gegen die Allgemeinheit von Recht und Ordnung. Feste Bußen gibt es häufig auch für Ehebruch und Körperverletzungen. Ehebruch gilt als Verletzung von Rechten des Ehemannes. Er erhält also Bußleistungen von dem Mann, der mit seiner Frau die Ehe gebrochen hat. Der Inzest ist - wie bei Sammlern und Jägern - ein Verstoß gegen allgemeines Recht, gleichzeitig aber auch Verletzung von individuellen Rechten der Frau oder ihrer Familie, und zwar durch den Mann, der mit ihr den Inzest begeht.

Neu ist also, dass es ein Delikt des Ehebruchs gibt und sich daraus im engeren ein Bußanspruch des Ehemannes ableitet - sowie im weiteren ein Besitzanspruch an der Frau! Wissenschaftler erklären dies damit, dass aus dem Umstand des Privateigentums der Männer und ihrem Wunsch dieses zu vererben, sich die Notwendigkeit ergibt, unbedingt und sicher zu wissen, dass ihre Kinder - insbesondere die erbberechtigten Söhne - auch wirklich nur von ihnen stammen. Der "big man" vererbt Besitz und Macht auf den Sohn. Dieser hat ein Interesse am Machterhalt. Männer herrschen jetzt autoritär über andere.

Nun entstehen staatliche Gerichte, die nicht mehr im Konsens schlichten, sondern autoritär entscheiden. Zunächst übernimmt der Herrscher oft nur die Verfolgung von Tötungen. Aber schon dadurch wird ein entscheidender Teil der alten Autonomie zerstört.

Als nächstes wird das private Land enteignet, verstaatlicht. Es steht dann am Ende dieses Prozesses die Vernichtung der gesamten alten Verwandtschaftsstruktur. Ihre Solidarität war ein Hindernis für den direkten Zugriff des Staates auf das Individuum, das nun als Rechtssubjekt erst entsteht. Dies gibt der Zentralinstanz die Möglichkeit, ihre Herrschaft unmittelbar auszuüben, direkt gegen jeden einzelnen, ohne das Hindernis der mittleren Instanzen - der Clan-Führer. Das ist es, was schon Henry Maine beschrieben hat als die Entwicklung von der Verwandtschaftsoder Stammesorganisation zu territorialer oder politischer Organisation. Durch die Tätigkeit staatlicher Gerichte verändert sich das Recht. Das deliktische Privatstrafrecht der segmentären Ordnung verwandelt sich dort in reines Strafrecht, wo die Gerichte staatliche Todes- oder Verstümmelungsstrafen aussprechen. Das gibt es bei Tötungsdelikten, Zauberei, schweren Tabubrüchen - wie Ehebruch und Beleidigungen des Häuptlings oder Königs.

Nun ist das Allgemeine verletzt, nicht mehr der Verletzte. Dabei ist staatliches Strafrecht am Beginn seiner Entstehung häufig außerordentlich hart und grausam.

Warum dies so ist - man weiß es nicht genau. Aber wir haben eine These, doch dazu später. Teilweise bleibt auch vor den Gerichten der segmentäre, privatstrafrechtliche Charakter erhalten, nämlich dann, wenn sie zugunsten des Verletzten oder seiner Verwandtschaft zu Bußzahlungen verurteilen. Dann ist beides verletzt, das allgemeine und das individuelle Recht des Betroffenen. Von den Bußleistungen geht allerdings oft ein nicht unbeträchtlicher Teil an die Zentralinstanz als Träger der Gerichtsbarkeit.

Wenn die Gerichte nur einen Teil der Konfliktregelung an sich ziehen, bleiben daneben für den Rest die Mechanismen der segmentären Ordnung bestehen. Dann wird also weiter zwischen Verwandtschaftsgruppen über Ausgleich verhandelt, und es gibt auch noch Selbsthilfe.

Die Entwicklung für das Recht ist abgeschlossen, wenn die segmentäre Ordnung in ihm völlig verdrängt ist. Wenn z. B. Verhandlungen zur Beilegung von Streitigkeiten im eigenen Haus bei Todesstrafe verboten werden. Dies ist meistens der Fall, wenn der König auch der oberste Priester ist, wenn es zu einer engen Verbindung von Recht und Religion kommt, die für Vorstaaten nicht untypisch ist, wenn die Zentralinstanz in erster Linie religiös legitimiert wird. Ob das alles so gewesen ist - wir wissen es nicht.

Wohl wissen wir aber, dass mit den ersten Stadtstaaten und religiösen Hochkulturen in Mesopotamien und Ägypten eine neue Rechtsform Einzug gehalten hat, die wir heute auf der Diorit-Stele als Codex Hammurabi nachlesen können: das Talion-Prinzip. Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn.

Dabei hatte König Hammurabi offenbar Rechtsfrieden und Gerechtigkeit im Sinn, und zwar als soziale Gerechtigkeit im Sinne einer patriarchalischen (väterlichen) Fürsorge für alle Untertanen, insbesondere die Armen und Schwachen. Nunmehr entsteht also auch staatliches Strafrecht, dass auf die Bestrafung des Täters gerichtet ist als Verwirklichung eines staatlichen Strafanspruchs. Es entsteht das privat(straf)rechtliche Delikt mit der Folge von Schadensersatz und das öffentliche Verbrechen mit der Folge von Strafe als Spiegelstrafe nach dem Talion-Prinzip.

Das babylonische Strafrecht unter Hammurabi ist sehr viel härter als das der Könige von Ur, bei den Sumerern. Bei Körperverletzungen gibt es die Talion, wo im sumerischen Recht noch Bußen ausreichten. Die Wiedervergeltung wurde von Staats wegen durch Gerichte angeordnet und von königlichem Personal vollstreckt (Paragraphen 196-200 Codex Hammurabi), womit sich Henker belegen lassen. Auch sonst sind Verstümmelungsstrafen und Prügel häufig und die Todesstrafe - durch Erhängen, Ertränken, Verbrennen oder Pfählen - erscheint sehr viel öfter als bei den Sumerern. Das babylonische Strafrecht macht insgesamt einen blutrünstigen Eindruck. Die Sumerer sind nicht zimperlich gewesen. Aber die Steigerung in Babylon ist unverkennbar. Noch schlimmer ist es dann später bei den Assyrern. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Wir wissen ja auch nicht, warum das Strafrecht im europäischen Mittelalter so grausam gewesen ist. Niemand hat das bisher plausibel erklärt.

Wie es genau zu erklären ist - wir wissen es nicht.

Wohl wage ich aber eine These: Erst mit der Entrechtung von Frauen, ihrem Ausschluss aus den gesellschaftlichen Entscheidungen und Strukturen, ihrer Herabwürdigung zu einem "Sachwert", entsteht Macht. Zuerst über Frauen und in der Folge über Männer. Diese wird gesichert durch immer härtere und grausamere Strafsysteme. Eine Strafindustrie entsteht mit Richtern, Henkern, Schriftgelehrten und Helfershelfern. Je schlechter der Status der Frau in der Gesellschaft, desto härter, brutaler und grausamer die Strafen. Ich behaupte, dass dies damit zusammenhängt, dass die Frau auf ihre Rolle als "Gebärmaschine" für die Weitergabe der Gene des Mannes reduziert wird und somit der Mann ein Interesse hat, die allerschlimmste Abschreckung gegen "Fehltritte" und Ehebruch der Frau zu institutionalisieren.

Auffallend ist nämlich, dass mit einer zunehmenden "Vermännlichung" der Gesellschaften die Strafen härter werden. Das mit der Entrechtung der Frau, mit ihrer Herabwürdigung zur Ware und zum Tauschobjekt, neue Delikte wie Ehebruch entstehen, die mit brutalen Strafen belegt werden. Auch scheint es, dass die männliche Aggression gegeneinander nicht mehr durch das Verbleiben der Kinder bei den Müttern gedämpft werden kann. Insgesamt verlieren die Frauen ihren ausgleichenden Einfluss und ihr eher vermittelnder, auf Konsens angelegter Charakter erleichtert sogar noch ihre Unterdrückung und radikalisiert die Gesellschaft. Und in der Folge daraus auch die Straf- und Sanktionssysteme. Männer herrschen über Männer und halten angstvoll ihr Eigentum zusammen. Eigentum an Vieh, Land und eben auch Frauen.

Auffallend ist, dass, je schlechter der Status der Frau in der Gesellschaft einerseits ist, und je wichtiger der "Besitz" vieler Frauen andererseits, desto brutaler die Konflikte der Männer untereinander sind. Wie beschrieben in Mesopotamien oder eben später auch im europäischen Mittelalter.

Dies lässt sich noch heute am Beispiel des Stammes der Mosuo in China ableiten. So schreibt Ricardo Coler in der taz vom 30. Mai 2009, dass dort die Männer besser leben, "wo die Frauen das Sagen haben. Sie arbeiten weniger als im Patriarchat. Sie sind den ganzen Tag mit Freunden und jede Nacht mit einer anderen Frau zusammen. Niemand beschwert sich oder fordert Geld. Sie leben immer bei der Mutter. ... Die Frau bedient den Mann, obwohl sie über das Geld verfügt , sich ihrer dominanten Stellung sicher ist und sich dabei frei und wohl fühlt."

"Im Dorf laufen die Frauen zwar vorneweg und die Männer hinterher, aber auf die Idee, Vermögen anzuhäufen, kommen Frauen nicht, es reicht ihnen, wenn es der Familie gut geht." Es "scheint, Kapitalakkumulation hat eine männliche Triebfeder." Es erstaunt, "dass in der matriarchalischen (mütterlichen) Gesellschaft keine Gewalt existiert. Gewalt scheint eine männliche Sache zu sein. Die Frauen empfinden Streit als Schande, sie fürchten Ansehensverlust. ... Frauen sagen wo es langgeht. Manche etwas bestimmter, manche etwas freundlicher. Es sind starke Frauen, die klare Anweisungen erteilen. Der Mann muss eingestehen, dass er mit einer Sache nicht fertig geworden ist. Er wird nicht ausgeschimpft oder bestraft, sondern wie ein kleiner Junge behandelt."

Und so gesehen, ist es wohl am besten, wenn wir Männer uns zurücklehnen, den Frauen die Konflikte und Sanktionen überlassen, uns aus allem heraushalten und uns zurückbegeben in die Position des saugenden Kindes.

Ob dann alles besser wird? - Ich weiß es nicht, aber es steht zu hoffen.


Man kann alles von der Weltgeschichte sagen, alles, was der perversesten Phantasie in den Sinn kommen mag, nur eines nicht: Daß sie vernünftig sei.
Feodor M. Dostojewski


Geschichte des Strafens geht weiter


*


Jahreszahlen und Höhepunkte

3.000 vor Christus (v. Chr.)

Beginn der Longshan-Kultur in China.


2.900 v. Chr.

Auftauchen der ersten Frühsumerischen Dynastien. Gründung der Stadt Mari im heutigen Syrien.


2.700 v. Chr.

lgamesch war König von Uruk. Von ihm handelt das weltberühmte Gilgamesch-Epos, einer der ersten Mythen der Menschheitsgeschichte. ündung der Stadt Caral in Peru als älteste Stadt Amerikas.


2.650 v. Chr.

Errichtung des 40 Meter hohen Silbury Hill in Wiltshire, England, des größten durch den Menschen vor dem Industriezeitalter errichteten Hügels in Europa.


2.640 v. Chr.

Altes Reich in Ägypten, Pyramidenzeit. Pharao Djoser ist Erbauer der Stufenpyramide von Sakkara. Erstmalige Ausgestaltung des Königgrabes als Pyramide durch den Bauleiter Imhotep. Pharao Cheops lässt die Cheops-Pyramide errichten, die größte Pyramide der Zeitgeschichte und eines der 7 Weltwunder!


2.500 v. Chr.

Erstmalige Besiedelung von Grönland.
Mitte des Jahrtausends besiedeln, aus dem südchinesischen Raum kommend, Proto-Malaien die malaiische Halbinsel und Borneo.

2.300 v. Chr.

- Indogermanen besiedeln Griechenland.
- Vermutlich erste Schiffsreise der Ägypter.


1.775 v. Chr.

Die berühmte Gesetzessammlung, der Codex Hammurabi, wird geschaffen vom König Hammurabi, Herrscher von Babylon in Mesopotamien. Es ist die einzige vollständig erhaltene Gesetzessammlung der Frühgeschichte. Sie umfasst einen Prolog sowie 282 Paragrafen und einen Epilog. Eingemeißelt in Keilschrift auf einer 2,25 Meter hohen Steinstele aus Diorit. Neben der Todesstrafe wird erstmals das Vergeltungsrecht, das Talion-Prinzip - "Auge um Auge" - schriftlich fixiert. Babylon wird unter König Hammurabi zum regionalen Machtzentrum.
Stonehenge: Bauabschluss der Sternwarte (Observatorium) 13 km südlich von Salisbury
Mittleres Königreich in Ägypten

1.700 v. Chr.

Aussterben der weltweit letzten Mammuts auf der ostsibirischen Wrangelinsel.


1.630 v. Chr.

Erste nachweisbare Silbenschriftzeichen, ein kultureller Entwicklungssprung der Menschheit.


1.500 v. Chr.

Hatschepsut, ein Frau, wird Pharaonin der 18. Dynastie, sie hat sich später "vermännlicht", mit traditionell-pharaonischem Herrschaftsbart darstellen lassen.


1.400 v. Chr.

Echnaton, ägyptischer Pharao und revolutionärer Reformer. Verlegt den Hauptsitz der Dynastie in eine vollständig neu erbaute Reichshauptstadt in der Wüste Ägyptens. Begründer der ersten bekannten monotheistischen Religion mit dem Gott "Aton", symbolisiert durch die Sonne. Ehemann der Nofretete. Vater von Tut-Ench Aton, der sich später in Tut-Ench Amun umbenennt und die Vielgötterei mit "Amun" an der Spitze wieder einführt. Echnaton wird durch ihn und die Amun-Priester zur "Unperson" erklärt.
Erste nachweisbare griechische Schrifterzeugnisse.

Erfindungen und Entdeckungen

3.000 v. Chr. - 1.400 v. Chr.

Töpferhandwerk, erfunden in Amerika (30. Jahrhundert v. Chr.)
Metrologische Tabellen und Rechentabellen in Mesopotamien.
In China werden um 2.800 v. Chr. von der Dawenkou-Kultur Schriftzeichen auf Keramik entwickelt.
Domestikation des Pferdes.
erste Segelschiffe (20. Jh. v. Chr.)
Der Bewässerungsanbau von Reis findet, aus China kommend, in Südostasien Verbreitung. dien entwickelt das Kastensystem.
Die Chinesen verzeichnen einen Kometen.
Domestikation des Kamels, in der Folge Beginn des Karawanenhandels.

Historisch Umstrittenes

4.004 v. Chr.

23. Oktober: Entsprechend der "genauen Berechnungen" des Theologen James Ussher soll an diesem Tag exakt um 14:30 Uhr Gott das Universum erschaffen haben.


2.501 v. Chr.

Nach Berechnung von Ussher fand die Sintflut statt.


1.800 v. Chr.

Gefangenschaft der Juden in Ägypten, anschließend Befreiung und Empfang der 10 Gebote durch Moses!


*


Personen & Hintergründe

Kephalität

griechisch 'képhalos' = "Kopf, Haupt" ist eine Bezeichnung für die Eigenschaft von Gesellschaften, einen Herrscher/ Führer zu haben, der alles bestimmt. Entscheidungen werden nicht mehr im gemeinsamen Gespräch gefällt.


Segmentäre Gesellschaft

Familien bilden eine Horde, Horden bilden Clans, Clans bilden Gruppen, Gruppen werden zu Segmenten der Gesellschaft. Es könnten mehrere gegliederte Segmente von Gruppen verschiedener Größenordnung nebeneinander bestehen (z. B. auf verwandtschaftlicher, lokaler und kultischer Grundlage). Dieses Prinzip der Verschachtelung von Segmenten gewährleistet die weitgehende Selbstregulierung von Zusammenarbeits- und Konfliktbeziehungen ohne die Einschaltung eines übergeordneten Herrschers oder einer Regierung.


Die Blutrache

Die Blutrache ist ein Prinzip zur Sühnung von Verbrechen, bei dem Tötungen durch Tötungen gerächt werden. Es stellt die Ultima ratio der Konfliktbewältigung innerhalb der Fehde dar. Hierbei straft die Familie des Opfers den Täter und seine Familie.

Unter Familie ist dabei zum Teil nicht nur die biologische Verwandtschaft zu verstehen, sondern der Clan.

Ein Ausgestoßener, für den der Clan keine Blutrache üben würde, ist in diesem System schutzlos.

Die Blutrache ist ein wesentliches Element vieler archaischer Gewohnheitsrechts-Ordnungen und gilt heute noch in vielen Teilen der Welt.

Das erste Verbot der Blutrache findet sich bereits in verschiedenen babylonischen Gesetzessammlungen (ab ca. 2000 v. Chr.), wie dem Codex Hammurabi.


Das Ordal

Das Ordal oder auch Gottesurteil (lat. ordalium) reicht weit in die Anfangsphase der menschlichen Zivilisation zurück. Erste schriftlich überlieferte Beschreibungen von Gottesurteilen bzw. Ordalen stammem aus Mesopotamien:

- Im 10. Paragraphen des Codex Ur-Nammu, der um 2100 v. Chr. vom sumerischen König Urnammu von Ur aufgestellt wurde, ist die Rede von einem Flussordal, einer Art Wasserprobe.

- Im Gesetzbuch von Hammurabi (Codex Hammurabi) aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. sind ebenfalls Gottesurteile mit Hilfe des Wassers aufgeführt.

Gottesurteile gab es in Indien, dem alten China, Japan, Ägypten und bei den alten Germanen, etwas weniger gebräuchlich waren sie in der griechischen und römischen Kultur.


König Hammurabi
geb. 1792 v. Chr. gest. 1750 v. Chr.

Hammurabi war der 5. König der ersten Dynastie von Babylon und König von Sumer und Akkad. Er war einer der bedeutensten altorientalischen Herrscher.

Hammurabi verfügte über ein ausgeklügeltes Netz von Botschaftern und Agenten in allen wichtigen Stadtstaaten. So konnte er durch gezielte Bündnisse gefährliche Gegner politisch und militärisch isolieren, um sie dann mit seinem 30.000 Mann starken Heer zu besiegen. Obwohl er zu Beginn seiner Regentschaft nur ein kleines Gebiet hatte, konnte er während seiner Herrschaft seinen Einfluss über große Teile Mesopotamiens ausweiten.

Berühmt geworden ist Hammurabi für die älteste, vollständig erhaltene Rechtesammlung, den Codex Hammurabi mit 282 Gesetzesparagraphen und einem Prolog, der wie folgt beginnt: "Als Anu, der Erhabene ... und Enlil, der Herr der Himmel und der Erde, er, der die Geschichte des Landes bestimmt, dem Gott Marduk, dem erstgeborenen Sohn der Ea, die Herrschaft über die gesamte Menschheit übertrugen, ihn über die Iggi erhoben, Babylon bei seinen erhabenen Namen nannten, es übermächtig werden ließen innerhalb des Weltkreises ... - damals haben mich, Hammurabi, den gehorsamen Fürsten, ergeben den Göttern, damit ich das Recht im Lande erstrahlen lasse, die Bösen und Ruchlosen vernichte, den Schwachen vom Starken nicht entrechten lasse ..."


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Das Talion-Prinzip

Unter Talion (lat. ius talionis) versteht man eine Rechtsfigur, nach der zwischen dem Schaden, der einem Opfer zugefügt wurde, und dem Schaden, der dem Täter zugefügt werden soll, ein Gleichgewicht angestrebt wird. Der Begriff 'ius talionis' setzt sich aus lateinisch 'ius' = "Recht", und 'talio' = "Vergeltung", bzw. griechisch 'talios' = "gleich", zusammen. Die Talion ist ein Unterfall der Vergeltung, eine Spiegelstrafe.

Als ältester Beleg für die Verschriftlichung der Talion gilt der Codex Urnammu Der erste Rechtssatz lautet: "Wenn ein Mann einen Mord begangen hat, soll der besagte Mann getötet werden."

Auch der Codex Lipit-Ishtar wendet diesen Grundgedanken an: "Wenn jemandes Sklavin oder Sklaven im Inneren der Stadt entflohen ist und nachgewiesen wird, dass er sich im Haus eines Anderen einen Monat lang aufgehalten hat, wird er Sklaven für Sklaven geben."

Beim Codex Hammurabi ist in der Regel der Spezialfall "Auge-um-Auge" angeordnet. Als geprägte Formel taucht die Talion auch auch in der jüdischen Tora, dem seit ca. 1000 v. Chr. verschrifteten Hauptteil des hebräischen Tanach auf: "Du sollst geben ein Leben für ein Leben, ein Auge für ein Auge, einen Zahn für einen Zahn, ... Wunde für Wunde."

Forscher nehmen oft an, dass die Talion sich aus der mit nomadischem Sippenrecht verbundenen Blutrache entwickelt habe und diese eindämmen sollte. Die bis dahin mehrfache Vergeltung an der Sippe des Täters sollte auf das Ausmaß des erlittenen Schadens begrenzt und nur an der Person des Täters vollzogen werden. Aber es ist aus der Zeit vor der Verschriftlichung des Rechts kein derartiger Brauch über eine überschießende Rache als historisch vollzogen überliefert. Die überschießende Rache könnte daher schon immer missbilligt worden sein.

Die Talion setzt voraus, dass in einer Gesellschaft zu ahnende Taten als Konflikte zwischen Menschen angesehen werden, die nur durch einen Ausgleich behoben werden können. So soll Rechtsfrieden hergestellt werden, auch wenn die Gesellschaft die Idee des Rechtsfriedens als solche noch nicht entwickelt haben muss. So hat auch dann, wenn das Recht nicht dem Frieden in der Gesellschaft dient, sondern der Durchsetzung eines Staatszieles, eine solche Gewichtung keine Funktion. Daher gibt es keine Belege für eine Talion im alten Ägypten.

Eine weitere Bedingung für eine Talion ist, dass es sich bei den Vergehen nur um vorsätzliche Taten handelt.

Die Sippen- oder Clanverbundenheit der Menschen führte in den alten Kulturstufen dazu, dass sich nicht Täter und Opfer gegenüberstehen, sondern der Clan des Täters und die Sippe des Opfers. Im Codex Hammurabi finden sich dazu in den Paragraphen 209-210 folgende Beispiele: "Wenn ein Bürger eine Tochter eines Bürgers schlägt und dabei eine Fehlgeburt verursacht, so soll er zehn Scheqel Silber für die Leibesfrucht bezahlen." Paragraph 210 fährt dann fort: "Wenn diese Frau stirbt, soll man ihm eine Tochter töten."

In Paragraph 23 Codex Hammurabi haftet die Stadt und der Vorsteher für den Schaden, den ein Einwohner durch einen Raub erlitten hat, wenn der Räuber nicht gefasst wurde.

Auch der Koran scheint von dieser Einbindung zu wissen, wenn er in Sure 2, 179 feststellt: "Oh Gläubige, die ihr meint, euch sei bei Totschlag Vergeltung vorgeschrieben: Ein Freier für einen Freien, ein Sklave für einen Sklaven, ein Weib für ein Weib!"

Im israelitischen Recht schränkte die Tora diese vorher geübte sippenmäßige Verbindung des Täterclans und der Opfersippe ein: Dtn 24,16 verankert die individuelle Zurechenbarkeit eines Vergehens und markiert damit einen entscheidenden Rechtsfortschritt (im Vergleich zu anderen Talion-Regeln - aber ein Rückschritt gegenüber dem Naturrecht der anarchischenKultur der Jäger und Sammler): "Es sollen nicht Väter für die Söhne und nicht Söhne für die Väter getötet werden. Jeder soll für seine eigene Verfehlung getötet werden."

Die Talion selbst soll nur Ausgleich schaffen, selbst wenn die Opferseite die Buße bestimmen durfte. Dies ist auch aus der Tatsache herzuleiten, dass die Vollstreckung von Leibesstrafen durch Bußzahlungen abgewendet werden konnten. Auch geben Bußmaße für Verwundungen an den Geschädigten einen Anhaltspunkt für diese Anwendung der Talion wie im Paragraph 209 Codex Hammurabi aufgezeigt (10 Scheqel Silber für den verlorenen Fötus). Die Talion wurde nicht immer von einem Richter festgesetzt, manchmal waren es "verständige Männer" - Leute, die wir vielleicht heute als "Gutachter" bezeichnen würden: "Wenn jemand einen Mann an der Nase verwundet, soll ein Entstellungsgeld entrichtet werden, und so überall, wo nicht Haar oder Kleidung den Schaden verhüllt. Und das Entstellungsgeld soll soviel betragen, als unparteiische Männer schätzen."

Es gibt aber auch viele Beispiele, wo der Verletzte die Talion unter Zeugen selbst festsetzen durfte. Gleichwohl wird nur selten von unverhältnismäßigen Forderungen berichtet. Offenbar wusste der Verletzte, in welchem Rahmen er sich zu bewegen hatte, und eine unbillige Forderung hätte seine Ehre innerhalb der Gemeinschaft vernichtet, oder der angestrebte anschließende Friede käme nicht zustande.

Anzumerken ist, dass bei der Tötung eines Sklaven durch einen Freien ein Bußgeld an den Herren des Sklaven zu bezahlen war; tötete jedoch ein Sklave einen Freien, so war das Strafmaß immer die Todesstrafe.

Interessant ist, dass sich die Strafen mit der Zeit verschärften, in erheblichem Maße brutalisierten. So heißt es in dem Codex Eschunna aus der Zeit vor Hammurabi: "Wenn ein Mann die Nase eines Mannes abbeißt und abtrennt, zahlt er eine Mine Silber. Für ein Auge zahlt er eine Mine, für einen Zahn ein halbe Mine."

Im Codex Hammurabi heißt es dagegen: "Gesetzt, ein Mann hat das Auge eines Freigeborenen zerstört, so wird man sein Auge zerstören ..., gesetzt, ein Mann hat einem anderen ihm gleichgestellten Manne einen Zahn ausgeschlagen, so wird man ihm einen Zahn ausschlagen ..., gesetzt, er hat ein Auge eines Sklaven zerstört ..., so zahlt er eine Mine Silber an den Herren des Sklaven." Somit hat König Hammurabi das Talion-Prinzip für diese Fälle eingeführt oder zumindest bestehendes Gewohnheitsrecht schriftlich rechtsverbindlich gemacht. Und es gab ein Klassenrecht, das für Sklaven andere Maßstäbe anlegte als für Bürger.

Generell bleibt aber festzuhalten, dass das Talions-Prinzip, "Auge-um-Auge", nicht automatisch eine Gegenverstümmlung des Täters bedeuten muss, sondern dass auch entsprechender Ausgleich als Bußzahlung erfolgen kann.


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Quelle:
der lichtblick, 40. Jahrgang, Heft Nr. 340, 3/2009, Seite 6-8
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veröffentlicht im Schattenblick zum 5. November 2009