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VORWÄRTS/1068: Englische Studies auf der Strasse


vorwärts - die sozialistische zeitung, Nr. 43/43 vom 12. Dezember 2014

Englische Studis auf der Strasse

Von David Hunziker



Die britische Studierendenbewegung lebt! Nachdem vor vier Jahren die Verdreifachung von Bachelor-Studiengebühren auf 9000 Pfund nicht verhindert werden konnte, wehrt sich nun die Generation der Direktbetroffenen. Die Geschehnisse in Grossbritannien sind weit über die Insel hinaus von Interesse, denn der radikale Umbau der Hochschulen - und die Proteste dagegen - könnten ein Vorbild für andere Länder sein. Ein Bericht von der Front.


Überall im Königreich gehen die Studierenden auf die Barrikaden, um gegen die horrenden Studiengebühren - 13.750 Franken pro Jahr für ein Bachelorstudium - zu protestieren. Nachdem die britische Studentenbewegung am 19. November mit einer erfolgreichen Grossdemo in London unter dem Slogan "Free Education" wieder zum Leben erweckt wurde, haben Studierende am 3. Dezember im Rahmen eines "National Day of Action" zahlreiche Universitätsgebäude besetzt. Mit dabei waren die Unis von Lancaster, Manchester, Sheffield und Warwick. An vielen anderen Universitäten marschierten Studierende durch den Campus und forderten die Abschaffung der Studiengebühren.

Nachdem die University of Sussex in den letzten Jahren die militantesten Proteste hervorgebracht hatte, hat sich die Aufmerksamkeit nun nach Warwick verschoben, wo Protestierende bei einem friedlichen Sit-in von PolizistInnen mit Pfefferspray und Tasern (!) angegriffen wurden. Das brutale Einsteigen der Polizei wurde von den bürgerlichen Medien aufgegriffen und sogar von Amnesty International kritisiert. Am Tag darauf reisten zahlreiche Studierende anderer Universitäten zur Unterstützung nach Warwick und fanden sich zu einer spontanen Demo zusammen. Es ist zu hoffen, dass der Vorfall zur Radikalisierung der Proteste beitragen wird.


Der militante Herbst 2010

Die jüngste Protestwelle in England nahm ihren Anfang 2010, als die Regierungskoalition aus Konservativen und LiberaldemokratInnen bekanntgab, die Gebühren für Bachelor-Studierende von 3000 auf 9000 Pfund zu erhöhen. Erst zwölf Jahre zuvor waren überhaupt Studiengebühren eingeführt worden - damals von einer Labour-Regierung. Die Reaktion war eindrücklich: Bis zu 50.000 Menschen zogen durch London. Den Höhepunkt erreichten die Proteste, als nach der ersten Grossdemo am 10. November 2010 das Hauptquartier der Konservativen Partei gestürmt und besetzt wurde. Tausende strömten in das Gebäude, entfachten ein riesiges Feuer im Innenhof und hissten eine rote Flagge auf dem Dach des Gebäudes.

Die Proteste sind eine Reaktion auf einen Umbau der britischen Hochschulen, der in seiner Radikalität in Europa bisher ohne Vergleich ist. Skizziert wurde dieser Umbau im sogenannten "Browne Review", bei dem Lord Browne of Madingley, ehemaliger CEO der britischen Öl-Firma BP, federführend war. Was der Bericht forderte, ist im Kern die Transformation der Hochschulbildung von einem allgemeinen Gut zu einer Ware. Statt dass die Regierung den Universitäten direkt Geld gibt, wird dieses in Form von Darlehen an die Studierenden weitergegeben. Nach dem Studium muss das geliehene Geld ab einem bestimmten Einkommen inklusive Zinsen zurückbezahlt werden. Was der Staat an Ausgaben für die Bildung spart, wird in Form von Schulden auf die Studierenden umgewälzt.


Bildung als Investment

Statt dass Bildung zur Verfügung gestellt wird, muss sie gekauft werden. Die Darlehen fungieren dabei als Startkapital, die dann in die eigene Bildung investiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich. dass die hohen Schulden, die nach dem Studium Tatsache sein werden, die Wahl des Studiums beeinflussen, da es unter diesen Bedingungen unattraktiv ist, ein Studium in Geisteswissenschaften und ähnlichen Fächern anzutreten. Gerade auf dem harten englischen Arbeitsmarkt, der sich durch tiefe Löhne auszeichnet, kommt man mit einem Abschluss in jenen Fächern kaum aus dem Tieflohnbereich heraus. Diesen Sachzwängen entfliehen können nur die Wohlhabenden: Sie können sich die teuersten Universitäten leisten und können studieren, was sie wollen. Hinzu kommt, dass immer mehr private Hochschulen in den Kreis jener Hochschulen aufgenommen werden, an denen Studierende mit staatlichen Darlehen studieren können. So werden Steuergelder direkt an Private verteilt.

Dagegen braucht es eine starke und militante Allianz. Die vielen Mobilisierungen in England machen Hoffnung. An vielen Orten scheint zu klappen, was hier an der Uni von Sussex durch Streitigkeiten innerhalb der Linken zwischenzeitlich vereitelt wurde. Als sich ein Mitglied der Socialist Workers Party (SWP), die sich wegen einer vertuschten Vergewaltigung viele Feinde geschaffen hat, an einer geplanten Besetzung auf dem Campus beteiligen wollte, hat sich die anarchistische Fraktion geweigert, die Besetzung durchzuführen.

Die Sussex-Studis haben letztes Jahr gezeigt, dass es auch ganz anders geht: Als die Uni angekündigt hat, dass 10 Prozent des Unterhaltspersonals an eine externe private Firma ausgelagert werden sollen, haben Personal und Studierende zusammen eine wochenlage Kampagne geführt, die in einer Demo mit 4000 Protestierenden auf dem Campus und einer Besetzung geendet hat. Davon wollen wir mehr sehen!

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Quelle:
vorwärts - die sozialistische zeitung.
Nr. 43/44 - 70. Jahrgang - 12. Dezember 2014, S. 7
Herausgeberin: Verlagsgenossenschaft vorwärts, PdAS
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veröffentlicht im Schattenblick zum 23. Dezember 2014


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