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ERNÄHRUNG/1035: Das Mißverständnis von der gesunden Schokolade (aid)


aid-PresseInfo Nr. 14/10 vom 7. April 2010

Das Missverständnis von der gesunden Schokolade

Oder: Wie viel Informationen braucht der Mensch


(aid) - "Schokolade mindert das Risiko von Herzerkrankung" tickerte kurz vor Ostern eine Meldung der deutschen und europäischen Gesellschaften für Kardiologie durch die Presselandschaft. Diese erfreuliche Nachricht verbreitete sich unreflektiert mit der ersten Ostersonne von Potsdam bis Österreich.

Bei genauerer Betrachtung der Studienbedingungen schmilzt der Gesundheitseffekt allerdings dahin. Wir rechnen nach: Der Durchschnittsdeutsche isst - je nach Datenquelle - zwischen vier und acht Kilogramm Schokolade im Jahr. Die Studie bezieht sich aber auf eine sehr bewusst essende Bevölkerungsgruppe, die nur 2,7 Kilogramm pro Jahr isst. Das sind weniger als zwei Stückchen täglich. (Schaffen Sie das?) Dann und nur dann sinkt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall von 2,2 Prozent auf 1,2 Prozent und auch nur verglichen mit einer Gruppe von gesunden Personen, die nur 630 Gramm Schokolade im Jahr isst, also weniger als ein halbes Stückchen täglich! Leider gibt es derzeit keine Daten, auf wie viel Prozent der Deutschen dieses Szenario zutrifft.

Die wahre Botschaft, die gleichzeitig verantwortungsvolle Kommunikation mit dem Verbraucher wäre, müsste lauten: Bürger reduziert euren Schokoladenverbrauch, dann habt Ihr vielleicht einen kleinen Benefit von einem Prozent, verglichen mit denen, die fast gar keine Schokolade essen. Ob sich dann noch jemand für dieses Ergebnis interessieren würde? Entsprechend vorsichtig äußert sich im übrigen auch der Forschungsleiter, Dr. Brian Buijsse zu den Ergebnissen: "Die Botschaft ist, dass eine ganz kleine Menge Schokolade positiv auf die Gesundheit wirkt - so sieht das jedenfalls im Moment aus", sagt der Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung gegenüber dem aid infodienst. "Ich würde noch keine Empfehlung geben, dass Menschen Schokolade essen sollen, um ihren Blutdruck zu senken, das ist zu früh." Im Gegenteil: Ganz hinten im letzten Absatz der Meldung kommt der Hinweis, man möge eine Gewichtszunahme vermeiden. Denn die erhöht bekanntermaßen das Risiko für Herzkreislaufkrankheiten.

Leider lässt sich nicht feststellen, wie viele Menschen nun möglicherweise gesundheitliche Nachteile haben, weil sie die frohe Schokoladenbotschaft nur halb gelesen oder missverstanden haben und zuviel essen. Oder wie viel Prozent der Bevölkerung es jetzt besser geht, weil sie kein schlechtes Gewissen beim Schokoladenkonsum mehr haben. Dabei sind noch völlig unberücksichtigt solche Personen, die nun - wie empfohlen - zur Bitterschokolade greifen und damit ihre Cadmiumzufuhr erhöhen. Hierzu hätte sicherlich das Bundesinstitut für Risikobewertung einen Beitrag leisten können, denn dunkle Schokoladen gaben 2007 noch Anlass zur Warnung wegen ihres Cadmiumgehaltes. Möglicherweise tut sich hier auch ein völlig neues Forschungsfeld auf: Lebensmittelinformationsbedingte Krankheiten, sprich Unwohlsein durch Überinformation. In diesem Kontext ist die Meldung zum Oster-Schokoladenei nur ein Beispiel von vielen. Grundsätzlich ungeklärt bleibt: Müssen Verbraucher über jedes Forschungsdetail informiert werden oder sollte man nicht auch prüfen, welche Informationen wirklich hilfreich sind?

aid, Gesa Maschkowski, Britta Klein


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Quelle:
aid-PresseInfo Nr. 14/10 vom 7. April 2010
Herausgeber: aid infodienst
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veröffentlicht im Schattenblick zum 10. April 2010