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ERNÄHRUNG/1061: Sekundäre Pflanzenstoffe - Gesundheitsfördernd ja, aber wie und warum? (SH Ärzteblatt)


Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 7/2010

Sekundäre Pflanzenstoffe
Gesundheitsfördernd ja - aber wie und warum?

Von Uwe Groenewold


Ernährungswissenschaftler diskutierten in der Kieler Kunsthalle über den protektiven Effekt von Tee, Rotwein, Schokolade und Äpfeln.


Nahrungspflanzen enthalten außer den klassischen Nährstoffen wie Kohlenhydrate, Proteine, Fette und Ballaststoffe eine Fülle weiterer biologischer Substanzen. Sie kommen in nur geringen Mengen vor und werden als sekundäre Pflanzenstoffe (SPS) bezeichnet. Ob und welche positiven gesundheitlichen Wirkungen SPS im menschlichen Körper vermitteln, darüber diskutierten Wissenschaftler der Universität Kiel Mitte Juni in der Kieler Kunsthalle im Rahmen eines vom Institut Danone für Ernährung ausgerichteten Journalisten-Workshops mit weiteren nationalen Experten.

Pflanzen produzieren SPS als Schutz gegen Schädlinge und Krankheiten, als Wachstumsregulatoren und als Farbstoffe. Mehr als 10.000 dieser Stoffe kommen in der Nahrung vor; sie sind jedoch nur in geringen Mengen und in bestimmten Pflanzen vorhanden. Mit einer gemischten Kost nimmt der Mensch täglich etwa 1,5 g SPS auf. Chemisch gesehen handelt es sich dabei um eine Vielfalt unterschiedlichster Verbindungen wie Carotinoide, Polyphenole, Phytosterine oder Sulfide. Vor allem tierexperimentelle und epidemiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass es Zusammenhänge zwischen den Ernährungsgewohnheiten und dem Risiko für bestimmte Erkrankungen gibt, die allein mit der Nährstoffzufuhr nicht zu erklären sind. Aus diesem Grund sind sekundäre Pflanzenstoffe in den vergangenen 20 Jahren in den Mittelpunkt der ernährungswissenschaftlichen Forschung gerückt. Inzwischen weiß man, so Prof. Bernhard Watzl vom Max-Rubner-Institut in Karlsruhe, dass sekundäre Pflanzenstoffe ein breites Spektrum physiologischer Wirkungen besitzen und zur Gesundheit bzw. zur Prävention verschiedener Krankheiten beitragen.

Grundsätzlich sind SPS für den menschlichen Organismus Fremdstoffe, die das Entgiftungssystem ankurbeln und damit ihre gesundheitsfördernde Wirkung entfalten. Der protektive Effekt zielt vor allem auf chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislaufleiden, neurodegenerative Störungen oder Krebs ab. Auch werden günstige Einflüsse auf den Alterungsprozess diskutiert. Carotinoiden werden krebshemmende, antioxidative, immunmodulierende und cholesterinsenkende Effekte zugesprochen, Flavonoiden darüber hinaus auch antimikrobielle und antithrombotische Wirkungen.

Analysen aus retrospektiven Fall-Kontroll-Studien haben laut Watzl bei vermehrter Aufnahme von Flavonoiden eine Risikoreduktion um 13 bis 46 Prozent für Brustkrebs und um 20 bis 50 Prozent für Darmkrebs ergeben. Das Lungenkrebsrisiko verringere sich den Analysen zufolge um 25 bis 34 Prozent, die Gefahr eines Herz-Kreislaufleidens um zwölf bis 55 Prozent. "Nährstoffbasierte Zufuhrempfehlungen für Verbraucher gibt es jedoch noch nicht", so Watzl. Vielmehr bringe die "botanische Vielfalt" den gesundheitsfördernden Effekt: Nicht ein einzelner sekundärer Pflanzenstoff, sondern die Vielzahl der in Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten enthaltenen Stoffe beuge schweren und chronischen Erkrankungen vor. Die Kampagne "Fünf am Tag", die auf die Aufnahme von fünf Portionen Obst und Gemüse abziele, sei in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Auf das Schälen von Äpfeln oder die Entfernung der äußeren Salatblätter solle man aber verzichten, so Watzl, denn gerade in diesen Bereichen befinde sich die größte Konzentration an SPS.

Bei den Flavonoiden handelt es sich um biologisch sehr potente Verbindungen, die eine Vielzahl von Effekten im Organismus auslösen können, erläuterte Prof. Siegfried Wolffram vom Institut für Tierernährung und Stoffwechselphysiologie der Universität Kiel. Die Tatsache, dass bei in Südfrankreich lebenden Menschen im Vergleich zur deutschen Bevölkerung trotz eines ähnlich hohen Konsums tierischer Fette eine deutlich geringere Häufigkeit von Herz-Kreislauferkrankungen besteht, wird auf die sogenannte mediterrane Ernährung zurückgeführt. Eine exakte wissenschaftliche Erklärung hierfür gibt es bis heute jedoch nicht, auch eine eindeutige Dosis-Wirkungs-Beziehung konnte noch nicht festgestellt werden. Laborversuche haben ebenfalls nur eingeschränkte Aussagekraft: "Die meisten Hinweise hinsichtlich biologischer Wirkungen von Flavonoiden stammen aus In-vitro-Studien bzw. Zellkulturstudien unter Einsatz unphysiologisch hoher Konzentrationen der Flavonoide", sagte Wolfframm. Ein weiteres Problem bei der Interpretation der Daten bestehe darin, dass die Flavonoide nach Aufnahme mit der Nahrung umfangreichen metabolischen Transformationen unterliegen und daher in Zellkulturen meist nicht die relevanten Formen verwendet werden. Hier bestehe insgesamt noch erheblicher Forschungsbedarf, so der Kieler Experte.

Auch Prof. Ute Nöthlings vom Kieler Institut für experimentelle Medizin wünscht sich weitere Untersuchungen, vor allem Interventionsstudien, um den Zusammenhang zwischen sekundären Pflanzenstoffen und chronischen Erkrankungen zu untermauern. Sie präsentierte eine Reihe von aktuellen Analysen: In einer gesammelten Auswertung von zehn randomisierten, kontrollierten Studien war der Verzehr von flavonolreichen Kakaoprodukten, insbesondere dunkler Schokolade, mit einer signifikanten Absenkung des systolischen und diastolischen Blutdrucks assoziiert. Täglich drei oder mehr Tassen schwarzer oder grüner Tee waren einer anderen Analyse zufolge mit einem um 20 Prozent reduzierten Schlaganfallrisiko assoziiert; auch die KHK-Mortalität scheint durch erhöhten Teekonsum um einen ähnlichen Wert gesenkt zu werden. Aber welche gesundheitsfördernden Effekte auf welche speziellen Einflüsse zurückzuführen sind, lässt sich, so Prof. Nöthlings, mit diesen Untersuchungen nur eingeschränkt belegen. "Hier handelt es sich um den klassischen epidemiologischen Ansatz: Wer grünen Tee trinkt, lebt eventuell auch sonst gesünder oder trinkt keinen Kaffee - was nicht unbedingt in allen Untersuchungen berücksichtigt wird."

"An apple a day keeps the doctor away": Diese inzwischen 150 Jahre alte, aus Wales stammende Redewendung scheint sich, bezogen auf das Darmkrebsrisiko, aufs Neue zu bewahrheiten. Dr. Clarissa Gerhäuser vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg (DKFZ) führt derzeit entsprechende Untersuchungen im Rahmen eines vom BMBF geförderten Netzwerkprojekts durch. Apfelsaft enthält ein komplexes Gemisch von mehr als 30 verschiedenen polyphenolischen Verbindungen. Zum Nachweis einer darmkrebspräventiven Wirksamkeit verabreichten die Forscher Mäusen, die durch einen genetischen Defekt zahlreiche Adenome im Dünndarm entwickeln, trüben Apfelsaft bzw. einen Apfelsaftextrakt. Beide Interventionen reduzierten die Krebsentwicklung um etwa 40 Prozent. In einer Pilotstudie mit Ileostoma-Patienten konnten die DKFZ-Forscher den Nachweis erbringen, dass bestimmte Inhaltsstoffe des Saftes auch nach Passage durch den Dünndarm antioxidativ wirkten. Nach vierwöchiger Intervention mit naturtrübem Apfelsaft war die antioxidative Kapazität auch im Dickdarm im Vergleich zu einer Placebogruppe erhöht. Gerhäuser: "Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass regelmäßiger Apfelkonsum oxidativen Stress im Darm reduzieren und damit das Krebsrisiko senken könnte." Möglich sei darüber hinaus ein positiver Effekt auf die Darmflora und damit auf die Stabilisierung des Immunsystems, so Gerhäuser. Dieser Faktor sei jedoch noch nicht explizit untersucht worden. Welchen Einfluss sekundäre Pflanzenstoffe tatsächlich auf die Karzinogenese haben - darüber lässt sich bislang allenfalls spekulieren. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass eine hohe Aufnahme von Kohlgemüsen das Risiko für Lungen-, Magen- und Darmkrebs senkt, erläuterte Gerhäuser. Auch sprechen epidemiologische Daten für einen lungenkrebspräventiven Einfluss von Gemüsen, die reich an Carotiniden sind. Andererseits erhöhte in einer klinischen Studie Beta-Carotin das Auftreten von Lungenkrebs bei starken Rauchern. Gerhäusers ernüchternde Bilanz: "Insgesamt ist der experimentelle Nachweis einer krebspräventiven Wirkung sekundärer Pflanzenstoffe beschränkt. Nur wenige große klinische Studien wurden bisher durchgeführt, mit enttäuschenden Ergebnissen."

Die Lebensmittelindustrie scheint vom Erfolg sekundärer Pflanzenstoffe überzeugt zu sein, bringt sie doch entsprechende Produkte seit einiger Zeit auf den Markt. Prof. Watzl aus Karlsruhe kann da nur warnen: "Der gegenwärtige Trend, funktionelle Lebensmittel auf der Basis einer Anreicherung mit sekundären Pflanzenstoffen auf dem Markt anzubieten, bringt die Gefahr einer Überdosierung mit sich, wenn ein immer breiteres Spektrum an Lebensmitteln mit denselben sekundären Pflanzenstoffen angereichert wird. Mögliche Folgen können heute noch nicht abgeschätzt werden." Er empfiehlt stattdessen einen hohen Verzehr pflanzlicher Lebensmittel und verweist auf die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.


Gesamtausgabe des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatts 7/2010 im Internet unter:
http://www.aeksh.de/shae/2010/201007/h10074a.htm

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Quelle:
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Juli 2010
63. Jahrgang, Seite 36 - 37
Herausgegeben von der Ärztekammer Schleswig-Holstein
mit den Mitteilungen der
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veröffentlicht im Schattenblick zum 12. August 2010