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ERNÄHRUNG/1067: Gesunde Lebensmittel - Klüger essen (Securvital)


Securvital 5/2010 - September/Oktober
Das Magazin für Alternativen im Versicherungs- und Gesundheitswesen

Gesunde Lebensmittel
Klüger essen

Von Norbert Schnorbach


Wie wir durch unsere Essgewohnheiten die Gesundheit stärken, Krankheiten verhindern und Umwelt und Klima schützen können.

Der "Spiegel" hat den Trend der Zeit erkannt: "Jahrzehntelang galt die Gier aufs Tier als Ausdruck guten Lebens. Lebenskraft durch Leberwurst. Mit Wirtschaftswunder und neuem Wohlstand kam immer mehr Tier auf den Tisch. Sich große Mengen Wurst, Hack und Schnitzel reinzuschaufeln, ist längst nicht mehr sexy. Der Verzicht auf Fleisch hingegen wird nicht länger nur akzeptiert - er gilt sogar als chic und vorbildlich."

Und als gesund. Denn zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass weit verbreitete Ernährungsgewohnheiten auf Kosten der Gesundheit gehen. Zu viel Fleisch. Zu viel Pizza, Cola, Hamburger. Zu viele Kalorien. Zu wenig Gemüse. Zu viele Industrielebensmittel von fragwürdiger Qualität mit Zutaten, die man lieber nicht so ganz genau kennen möchte, und mit chemischen Zusatzstoffen aller Art. Die Liste ist lang.

Im Alltagsleben kommt die vernünftige Ernährung oft zu kurz. Mal fehlt morgens die Zeit zum Frühstücken, vielleicht gibt es in der Kantine keine Auswahl, abends hat man keine Lust mehr zum Kochen, die Süßigkeiten sind gar zu verlockend, naturnahe Lebensmittel kriegt man nicht an jeder Ecke und so weiter. Gründe für Fastfood und Tiefkühlkost gibt es viele. Aber Zweifel an der Vorherrschaft der industriell verarbeiteten Nahrungsmittel sind angebracht.


Beste Bio-Qualität

Es geht auch anders. Wir sollten das Essen wieder mehr schätzen lernen, empfehlen Ernährungsexperten. Wer gutes Essen genießt, macht automatisch den ersten Schritt zu einem bewussten und gesunden Lebensstil. Gute Lebensmittel auswählen, Essen selbst zubereiten, sich Zeit nehmen, auf die innere Stimme des Körpers hören, Wohlbefinden genießen - das im Alltag zu beherzigen wäre ein wesentlicher Beitrag zur Eindämmung mancher Krankheitsbilder, die man als "Zivilisationskrankheiten" umschreibt.

Zum Glück ist Bio weiterhin im Kommen. Biolebensmittel gibt es in höchster Qualität beim Demeter-Bauern und mittlerweile auch zu Niedrig-Preisen bei Aldi. Heutzutage bestreitet niemand mehr ernsthaft, dass Bio besser ist für Mensch, Tier und Umwelt. Die Landwirtschaft ohne Pestizide ist zukunftsweisend, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Nachhaltige Landwirtschaft ist eindeutig der beste Weg angesichts der absurden Situation, dass wir unter dem Übermaß an Kalorien ächzen und gleichzeitig eine Milliarde Menschen auf der Welt nicht genug zu essen hat.


Drei Kilo Fleisch in Indien

In den USA isst jeder Einwohner im Durchschnitt 123 Kilo Fleisch, in Deutschland sind es 89 Kilo, in Indien 3 Kilo pro Jahr. Diese ungleiche Verteilung macht deutlich, welcher Ressourcenverbrauch dahinter steht. Denn für jedes Kilo Steak müssen zehn Kilo Getreide verfüttert werden. Dafür werden im Schnitt 1,6 Liter Erdöl benötigt, allein für den Kunstdünger. Bei der Abholzung der Tropenwälder geht es zu 90 Prozent darum, Flächen für Viehfutter oder -weiden zu gewinnen. Die Kohlendioxid-Bilanz für Obst und Gemüse ist zehn Mal besser als für Fleisch.

"Fast alles Fleisch stammt aus Massentierhaltung. Die Landwirte selbst hassen das System."
Jonathan Safran Foer, Buchautor ("Tiere essen")

Viel Fleisch zu essen gilt hier und da immer noch als Zeichen des Wohlstands. Dabei ist ein übermäßiger Fleischkonsum wie etwa in den USA viel eher ein Gesundheitsrisiko. Mitgefühl für die Tiere kommt dabei zu kurz. Massentierhaltung mit elenden Lebensbedingungen für die Tiere ist die Kehrseite der Medaille. Beispiel Hühner: In Deutschland kommen 750 Millionen Kilogramm Masthähnchen pro Jahr aus den Schlachthöfen. Die Tiere haben ein kurzes Leben. Masthühner sind bei der Schlachtung oft erst fünf Wochen alt. Wenn man sie artgerecht leben lässt, werden Hühner bis zu sechs Jahre alt.

Es geht bei der Ernährung um mehr, als nur den Magen voll zu kriegen. Sich nachhaltiger zu ernähren ist eine Frage des bewussten Lebensstils. Gesunder Genuss wird immer mehr zum Vorbild. Der "Lohas"-Stil (Lifestyle of Health and Sustainability) zeigt die Richtung: Verantwortungsvolles Verhalten gegenüber Mitmenschen, Tieren, der Umwelt und sich selbst. Das ist ganz im Sinne der Weisheit des indischen Ayurveda: Das "Wissen vom langen und gesunden Leben" achtet seit alters her auf gesunde Ernährung und Achtsamkeit beim Lebensstil.

Frauen - wen wundert es - sind den Männern voraus. Frauen ernähren sich ausgewogener, rauchen weniger und trinken sehr viel weniger Alkohol als Männer, hat die jüngste Deutschland-Gesundheitsstudie der Sporthochschule Köln festgestellt. 75 Prozent der Frauen essen täglich Obst und Gemüse, bei den Männern nur 57 Prozent. Doppelt so viele Frauen wie Männer leben vegetarisch. 37 Prozent der Frauen, aber nur 27 Prozent der Männer befolgen den vernünftigen Ernährungsratschlag, nicht öfter als zwei Mal pro Woche Fleisch zu essen.

Kluge Ratschläge gibt es zuhauf, Bücher über Diäten und Ernährung füllen die Regale in jeder Buchhandlung, Experten von den Weight Watchers bis zu Ernährungskommissionen überbieten sich mit Empfehlungen. Was davon ist richtig und wichtig? Welche Orientierung gibt es in diesem Ratgeber-Dschungel? "Essen soll Genuss sein, und ganz nebenbei auch noch gesund. So schwer ist das nicht - selbst mit Job und Kindern, mit Kantine und Supermarkt", meint die Stiftung Warentest im neuen Spezial-Ratgeber Ernährung (Juni 2010).


Krankheiten vermeiden

Zwei einfache, klare Ratschläge ragen heraus: Erstens den Fleischkonsum halbieren und das Gemüse verdoppeln. Und zweitens möglichst viele naturnahe Lebensmittel in Bio-Qualität verwenden.

Würden alle Betroffenen allein diese beiden Empfehlungen befolgen, wäre der Gesundheitsfortschritt enorm. Nach Meinung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) wäre dies außerordentlich hilfreich gegen die verhängnisvollen Volkskrankheiten, unter denen immer mehr Menschen leiden. Das Risiko von Herz-Kreislauf-Attacken und Stoffwechselkrankheiten würde sinken. Und es wäre ein Segen für die Umwelt, weil Überdüngung der Felder, Massentierhaltung, CO2-Entstehung und Wasserverbrauch verringert werden könnten. "Eine gesunde Ernährung tut nicht nur den Menschen, sondern auch der Umwelt und dem Klima gut", meint dazu das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.


CO2-Verbrauch

Wie viel CO2 die Produktion verursacht, wird beim Kauf von Lebensmitteln nicht mitgeteilt. Einige Händler wie Frosta, Tengelmann und dm haben es in Zusammenarbeit mit dem Öko-Institut und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung für einige Produkte wie Freilandeier und Früherdbeeren ausgerechnet (siehe www.pcf-projekt.de). In anderen Ländern ist man schon weiter: Englands größte Supermarktkette Tesco zum Beispiel hat bereits hunderte Produkte mit einem Etikett versehen, das Auskunft über den CO2-Verbrauch gibt.


Wer mehr tun will, findet eine Fülle von vernünftigen Anregungen:

Vollkorn bevorzugen (weil es viele gesunde Inhaltsstoffe enthält)
saisonal und regional einkaufen (denn Dezember-Erdbeeren aus Chile schaden dem Klima)
faire Preise akzeptieren (sowohl für die Milch vom hiesigen Bauern wie auch für den Kaffee von Genossenschaften in Entwicklungsländern)
ab und zu einen vegetarischen Tag einlegen (weil es der eigenen Gesundheit, den Tieren und der Umweltbilanz gut tut)
Zucker und Salz verringern (beides ist im Übermaß in Fertignahrung und Getränken versteckt) gehärtete Fette meiden (in Chips, Tütensuppen, Keksen, Blätterteig, Pommes und anderen frittierten Industrielebensmitteln)

Mit der Einsicht über die Bedeutung des Essens steigt auch das Unbehagen über die Industrialisierung der Landwirtschaft und der Lebensmittelherstellung. Eigentlich ist die biologische Landwirtschaft vernünftig und richtig, resümiert der Buchautor Hans-Ulrich Grimm. "Überall auf der Welt wächst die Einsicht, dass die biologische Landwirtschaft die bessere ist - nicht nur, weil sie mit der Natur schonender umgeht, sondern weil sie auch wirtschaftlich sinnvoller ist". Und weil sie der Gesundheit dient.


Lebensmittelskandale

Dennoch haben die Industrialisierung, Rationalisierung und Globalisierung die Lebensmittelherstellung grundlegend verändert. Für viele Verbraucher ist eine neue Ernährungsgrundlage geschaffen worden: Vieles in billig zu haben. Aber der Kampf um den niedrigsten Preis geht auch zu Lasten der Qualität. Lebensmittelskandale belegen das immer wieder aufs Neue. Bei der Industrienahrung werden die Inhaltsstoffe manipuliert, uniformiert und chemisch haltbar gemacht. Künstliche Aromen gaukeln Geschmack vor. Zusatzstoffe machen die Nahrung supermarkttauglich. Aber wenn das die Bausteine des Körpers sind - was tun wir uns mit diesen vielen künstlichen Unbekannten in der Nahrung an?

Die Alternative liegt darin, den guten Lebensmitteln die verdiente Wertschätzung zuteil werden zu lassen. Ungespritztes Gemüse, pestizidfreies Obst, Reis ohne Gentechnik, Brot aus reinem Mehl und auch artgerecht gehaltene Tiere als Wert zu betrachten, der genussvolles und gesundes Essen ermöglicht.

"Eine einfache Ernährung, ausreichend Bewegung und Maß halten in allen Dingen des Lebens ist die beste Garantie, um gesund alt zu werden." Dieser Rat, ebenso klar wie einfach, wird dem griechischen Gelehrten Hippokrates zugesprochen. Er könnte auch aus den indischen Ayurveda-Schriften stammen. Und er ist heute auch für uns Europäer unverändert gültig.


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Empfehlenswerte Bücher

• Jonathan Safran Foer: Tiere essen. München 2010, 19,95 €
• Hans-Ulrich Grimm: Tödliche Hamburger - wie die Globalisierung der Nahrung unsere Gesundheit bedroht. Stuttgart 2010, 19,80 €
• Chris Caldicott: World Food Café: Vegetarische Gerichte aus aller Welt. Stuttgart 2010, 19,90 €
• Bettina Goldner: Umweltfreundlich vegetarisch - Genießerrezepte mit CO2-Berechnungen. Hädecke Verlag 2009, 16,90 €


Weitere Infos im Internet:
Zusatzstoffe: www.zusatzstoffe-online.de
Öko-Siegel: www.label-online.de
Verbraucherschutz: www.foodwatch.de


Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:

- Das Beste aus deutschen Landen: Alte Apfelsorten von pestizidfreien Streuobstwiesen.
- Ein Stück Lebenskraft: Vollkorn macht stark.
- Den Hühnern und der eigenen Gesundheit zuliebe: Bio-Eier - Beste Qualität: Naturnahe Lebensmittel sind es wert. - Gut für Leib und Seele: Essen mit Genuss.


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Quelle:
Securvital 5/2010 - September/Oktober, Seite 6 - 10
Das Magazin für Alternativen im Versicherungs- und Gesundheitswesen
Herausgeber: SECURVITA GmbH - Gesellschaft zur Entwicklung
alternativer Versicherungskonzepte
Redaktion: Norbert Schnorbach (V.i.S.d.P.)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 12. Oktober 2010