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ERNÄHRUNG/1140: Auch Putenfleisch häufig mit antibiotikaresistenten Keimen belastet (BfR)


Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) - 21. Februar 2012

Auch Putenfleisch häufig mit antibiotikaresistenten Keimen belastet

BfR hat Ergebnisse des bundesweit durchgeführten Zoonosen-Monitorings 2010 bewertet


Das Zoonosen-Monitoring 2010, das insbesondere Puten und Putenfleisch untersucht hat, bestätigt das häufige Vorkommen antibiotikaresistenter Bakterien entlang der Lebensmittelkette. Putenfleisch war mit Salmonellen, Campylobacter und Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) belastet, die häufig resistent gegen Antibiotika waren. "Die Keime stammen ursprünglich aus der Tierhaltung und werden während des Schlachtprozesses und der Weiterverarbeitung auf das Fleisch übertragen", sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. Diese Erkenntnis verlangt aus Sicht des BfR Maßnahmen auf mehreren Ebenen. Da von antibiotikaresistenten Keimen ein Gesundheitsrisiko ausgehen kann, müssen Anstrengungen unternommen werden, eine Ausbreitung resistenter Bakterien entlang der Lebensmittelkette zu vermeiden.

Das BfR hat 3.748 Isolate verschiedener Bakterien im Rahmen des Zoonose-Monitorings 2010 auf ihre Resistenz gegen antimikrobielle Substanzen untersucht und nach epidemiologischen Kriterien bewertet. Diese erlauben, frühzeitig Abweichungen von einer unbelasteten Bakterienpopulation, der sogenannten Wildtyppopulation, zu erkennen. Diese Bewertungen treffen keine Aussagen zur Therapierbarkeit einer Infektion. Die Isolate stammen von Proben aus Puten-, Hähnchen- und Mastkälberbeständen sowie Putenfleisch, Rohmilch und Eiern.

Bei der Resistenztestung der Keime wurde deutlich, dass es große Unterschiede zwischen den Tiergruppen und Lebensmitteln hinsichtlich der Belastung mit antibiotikaresistenten Bakterien gibt: Mehr als 90 % der E. coli-Isolate aus Puten-, Hähnchen- oder Mastkälberbeständen sowie aus Putenfleisch waren gegen mindestens eine, häufig auch mehrere Antibiotikasubstanzklassen resistent. Dagegen waren E. coli aus Rohmilch oder aus Legehennenbeständen seltener resistent (24 bzw. 40 %). Ebenso waren Salmonellenisolate aus Masthähnchenbeständen im Vergleich zu denen aus Putenbeständen seltener resistent.

Im Vergleich zum Vorjahr wurde für E. coli bzw. Salmonellen bei Legehennen-, Masthähnchen- und Mastkälberbeständen und Putenfleisch ein Anstieg der Resistenzraten gegenüber Antibiotika der Wirkstoffklasse der Cephalosporine der 3. Generation ermittelt. Bei Salmonellen und E. coli in Masthähnchenbeständen sowie aus Putenfleisch waren die Resistenzraten gegen Antibiotika der Substanzklasse Fluorchinolone wie im Zoonosen-Monitoring 2009 unverändert hoch. Bei Salmonellen und E. coli aus Hähnchenfleisch, das nur in 2009 getestet wurde, wurden ebenfalls häufig Resistenzen gegen Fluorchinolone ermittelt. Fluorchinolone und Cephalosporine sind für die Therapie von Infektionen des Menschen von besonderer Bedeutung. Die Ausbreitung von Keimen, die gegen diese Antibiotika resistent sind, kann daher erhebliche Auswirkungen auf das Gesundheitswesen haben.

Im Rahmen der Resistenzuntersuchungen hat das BfR auch einen besonders resistenten Stamm von Salmonella Kentucky im Putenfleisch gefunden. Dieser Stamm hat in mehreren europäischen Mitgliedstaaten zu Erkrankungen bei Menschen geführt und weist eine hochgradige und stabile Resistenz gegenüber Fluorchinolonen auf. Erste Studien des Nationalen Referenzlabors für Salmonellen am BfR zeigten, dass der Stamm mit Isolaten aus den anderen EU-Mitgliedstaaten identisch ist.

Mehr als 70 % der Campylobacter jejuni und 90 % der Campylobacter coli-Isolate aus Putenbeständen und Putenfleisch waren resistent gegen mindestens eine Antibiotikaklasse. Resistenzen gegen Fluorchinolone wurden bei beiden Arten häufig gefunden. Infektionen mit Campylobacter sind seit Jahren die häufigste Ursache bakteriell bedingter Durchfallerkrankungen des Menschen. Geflügelfleisch ist als eine der wichtigsten Quellen für diese Infektionen identifiziert worden.

Fast alle MRSA-Isolate aus Putenbeständen und Putenfleisch zeigten neben der Resistenz gegen Beta-Laktam-Antibiotika auch eine oder mehrere Resistenzen gegen weitere Wirkstoffklassen. Das Vorkommen von Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) in den Tierbeständen führt insbesondere für Beschäftigte in der Tierhaltung zu einer häufigen Besiedlung mit MRSA. Die Rolle der aus diesen Tieren erzeugten Lebensmittel für die Ausbreitung der nutztierassoziierten MRSA ist nach derzeitiger Einschätzung des BfR jedoch aufgrund der meist niedrigen Keimzahlen gering.

Resistente Erreger in der Tierproduktion können vor allem über den Kontakt mit Tieren sowie über kontaminierte Lebensmittel tierischen und pflanzlichen Ursprungs zum Verbraucher gelangen.

Verbraucherinnen und Verbraucher können sich gegen resistente und krankmachende Keime in Lebensmitteln durch eine sorgfältige Küchenhygiene schützen. Das BfR empfiehlt, Fleisch nur gut durcherhitzt zu verzehren.


Zoonosen sind Erkrankungen, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können oder umgekehrt. Im Zoonosen-Monitoring werden nach einem Stichprobenplan in jährlich wechselnden Programmen gezielt wichtige Bereiche der Lebensmittelproduktion auf das Vorkommen von Zoonoseerregern untersucht. Der Plan für das seit 2009 jährlich stattfindende Monitoringprogramm wird vom BfR erstellt und mit den Behörden des Bundes und der Länder abgestimmt. Er schreibt neben Art und Umfang der Probennahme auch die anzuwendenden Untersuchungsverfahren vor, so dass ein Höchstmaß an Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern und über die Jahre erzielt wird. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) koordiniert die Berichterstattung.


Die detaillierten Ergebnisse des Zoonosen-Monitorings sowie der Bewertung des BfR können eingesehen werden unter:
http://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/01_Lebensmittel/Zoonosen_Monitoring/Zoonosen_Monitoring_Bericht_2010.pdf?__blob=publicationFile&v=2


Über das BfR
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eine wissenschaftliche Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV). Es berät die Bundesregierung und die Bundesländer zu Fragen der Lebensmittel-, Chemikalien und Produktsicherheit. Das BfR betreibt eigene Forschung zu Themen, die in engem Zusammenhang mit seinen Bewertungsaufgaben stehen.


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Quelle:
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
BfR Pressedienst 06/2012 vom 21.02.2012
Presserechtlich verantwortlich: Dr. Suzan Fiack
Bereich Presse, Öffentlichkeitsarbeit, Risikokommunikation
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veröffentlicht im Schattenblick zum 23. Februar 2012