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MELDUNG/524: Nachrichten aus Forschung und Lehre vom 16.03.12 (idw)


Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilungen


→  Weitere Fördermillionen für Inkubator-Projekte der Leuphana Universität Lüneburg
      Konzepte für betriebliches Gesundheitsmanagement
→  Neue Allianz soll Hannovers Biomedizintechnik an Europas Spitze bringen


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Leuphana Universität Lüneburg - 15.03.2012

Weitere Fördermillionen für Inkubator-Projekte der Leuphana

Mediale Grundversorgung im digitalen Zeitalter - Technologien für wissenschaftliche Veröffentlichungen im Internet - Konzepte für betriebliches Gesundheitsmanagement

Mit drei neuen Forschungsprojekten werden die Themenschwerpunkte Digitale Medien und Gesundheit des Innovations-Inkubators der Leuphana Universität Lüneburg weiter ausgebaut. Das hat eine Strukturkommission unter dem Vorsitz von Dr. Josef Lange, Staatsekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, gestern beschlossen. Das zuständige Entscheidungsgremium des Landes Niedersachsen sprach sich dafür aus, die Forschungsprojekte in den nächsten drei Jahren mit rund 7,8 Millionen Euro zu fördern. Insgesamt sind damit jetzt Projekte im Umfang von rund 96 Prozent des Fördervolumens auf den Weg gebracht. Im Schwerpunkt Digitale Medien werden Forscher das Hybrid Publishing untersuchen. Dabei geht es um neue Technologien für internetgestützte Veröffentlichungen von Wissenschaftlern. Ein weiteres Projekt zielt auf die mediale Grundversorgung im digitalen Zeitalter. Angesichts der immer stärkeren Abkehr des jungen Publikums von klassischen Rundfunkmedien wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie die künftige Grundversorgung bei Bewegtbild-Formaten aussehen kann. Der Themenschwerpunkt Gesundheit des Inkubators wird mit einem Projekt zum betrieblichen Gesundheitsmanagement bei psychosozialen Erkrankungen gestärkt. Der Innovations-Inkubator Lüneburg verfügt über ein Finanzvolumen von annähernd 100 Millionen Euro. Er soll den Wissenstransfer aus der Universität in die regionale Wirtschaft beschleunigen und so neue Arbeitsplätze schaffen. Der Inkubator wird stark von der Europäischen Union gefördert.

"Hybrid Publishing" und "Grundversorgung 2.0"

Das Forschungsprojekt "Hybrid Publishing" beschäftigt sich mit den veränderten Bedingungen für wissenschaftlichen Austausch und Weiterbildung im digitalen Zeitalter. "Heutzutage tauschen sich Wissenschaftler nicht mehr ausschließlich in Forschungslaboren, Hörsälen und Fachzeitschriften aus, sondern immer intensiver auch digital auf Blogs, Listservern und in wissenschaftlichen Foren," beschreibt Prof. Dr. Martin Warnke die aktuelle Situation. Er leitet das neue Projekt gemeinsam mit seinem Kollegen Professor Dr. Timon Beyes. Statt über Buch und Zeitschrift werde zunehmend mittels E-Journals, E-Books oder Videos von Vorträgen und Symposien kommuniziert, so Warnke weiter. Damit änderten sich die Formate für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse und die Vermittlung von Weiterbildungsangeboten. Das stellt das wissenschaftliche Verlagswesen vor neue Herausforderungen. Gemeinsam mit Verlegern und Softwareentwicklern wollen die Wissenschaftler neue Technologien für das so genannte digital publishing erforschen und unter anderem ein tragfähiges Geschäftsmodell für einen digitalen Universitätsverlag entwickeln. Dabei wollen sie der Forderung nach einem freien Zugang zu Wissen, Wissenschaft und Forschung gerecht werden.

Prof. Dr. Claus Pias vom Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien der Leuphana, leitet das zweite neue Vorhaben im Themenschwerpunkt Digitale Medien, "Grundversorgung 2.0". Für ihn steht fest, dass die mediale Grundversorgung bei den Bewegtbild-Formaten nicht mehr zeitgemäß ist. Er verweist dazu auf die Generation der nach 1980 Geborenen. Die ziehe das Internet zunehmend den klassischen Rundfunkmedien vor. "Seit zwanzig Jahren bereits registrieren ARD und ZDF einen 'Generationenabriss', also den Verlust einer gemeinsamen Medienerfahrung zwischen den Generationen in Form des öffentlich-rechtlichen Fernsehens", sagt der Medienexperte. Gemeinsam mit seinem Kollegen Professor Timon Beyes, weiteren Wissenschaftlern und Experten aus der Wirtschaft will er unter anderem neue Finanzierungs- und Organisationsformen in der digitalen Kultur erforschen.

Supported Employment - "SEplus"

Das neue Vorhaben "SEplus" im Themenschwerpunkt Gesundheit beschäftigt sich mit betrieblichem Gesundheitsmanagement und Arbeitsintegration von Menschen mit psychosozialen Erkrankungen. Das Team um den Psychiater Prof. Dr. Wulf Rössler richtet in Unternehmen Maßnahmen wie Coachings und Beratungen ein, mit denen Arbeitgeber der Entstehung psychischer Störungen bei Arbeitnehmern vorbeugen können. Ein weiterer Baustein von "SEplus" sind Konzepte für die Reintegration von ehemals erkrankten Arbeitnehmern in den Arbeitsmarkt. Das Angebot orientiert sich vor allem an den Bedürfnissen kleiner und mittlerer Unternehmen in der Region. Beide Ansätze werden von der Forschungsgruppe auf ihre Wirksamkeit hin überprüft. Ziel des Projektes ist es, Arbeitsplätze zu erhalten und Ausfallzeiten psychisch Kranker zu verringern. Mit den Themen psychosoziale Erkrankungen und betriebliches Gesundheitsmanagement schlägt "SEplus" die Brücke zu drei bereits bestehenden Vorhaben zur Gesundheitsforschung im Innovations-Inkubator.

Neben Staatssekretär Lange gehören der Strukturkommission an: Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit (BA); Dieter Imboden, Professor für Umweltphysik an der ETH Zürich, Präsident des Nationalen Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds; Manfred Prenzel, Professor für Pädagogik und Pädagogische Psychologie, Inhaber des Susanne Klatten-Stiftungslehrstuhls für Empirische Bildungsforschung an der TU München und nationaler Projektmanager für die PISA-Studien 2003 und 2006; Jürgen Kluge, Vorstandsvorsitzender der Haniel & Cie. GmbH; Sir Peter Jonas, Kulturmanager und Opernintendant, von 1993 bis 2006 Staatsintendant der Bayerischen Staatsoper in München.

Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.leuphana.de/inkubator

Kontaktdaten zum Absender der Pressemitteilung stehen unter:
http://idw-online.de/de/institution136

Quelle: Leuphana Universität Lüneburg, Henning Zuehlsdorff, 15.03.2012


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Medizinische Hochschule Hannover - 15.03.2012

Neue Allianz soll Hannovers Biomedizintechnik an Europas Spitze bringen

- Verbund will Implantat-assoziierte Infektionen bekämpfen
- Niedersächsisches Zentrum für Biomedizintechnik, Implantatforschung und Entwicklung heißt jetzt NIFE

Das Niedersächsische Zentrum für Biomedizintechnik nimmt erneut seine Vorreiterrolle wahr: Am Mittwochabend ist in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) die Internationale Interdisziplinäre Allianz gegen Implantat-assoziierte Infektionen (I4A) gegründet worden - ein europäischer Verbund, der eng mit der nordamerikanischen "Multidisciplinary Alliance against Implant-Related Infections" kooperiert. "Mit unserem Zusammenschluss wollen wir die Forschung zu Diagnostik und Therapie dieser Infektionen zielgerichtet vorantreiben, Behandlungsansätze interdisziplinär definieren und geeignete Strategien mit Vertretern der Industrie und des Gesundheitssystems diskutieren", betont Professorin Dr. Meike Stiesch, Wissenschaftliche Leiterin der I4A-Allianz und Direktorin der MHH-Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Biomedizinische Werkstoffkunde.

Biobank für infizierte Implantate und umgebendes Gewebe

"Bereits jetzt haben wir in Hannover ausgeprägte Grundlagenforschung und klinische Forschung auf dem Gebiet Implantat-assoziierter Infektionen, was sich auch in zahlreichen geförderten Forschungsverbünden zeigt. Der Fokus liegt besonders auf der Entwicklung neuer Implantatoberflächen zur Reduzierung des Risikos derartiger Infektionen", erläutert Professorin Stiesch. Eine wesentliche Plattform der I4A-Allianz bildet nach Aussage der Forscherin die von hannoverschen Wissenschaftlern gegründete Biobank, in der infizierte Implantate und umgebende Gewebe aus verschiedenen medizinischen Disziplinen eingelagert und damit wissenschaftlichen Untersuchungen zugänglich gemacht werden. Dr. Manfred Elff, Vorstandvorsitzender des Niedersächsischen Zentrums für Biomedizintechnik, ergänzt: "Die Gründung dieser Allianz und insbesondere die transatlantische Kooperation bei der Reduzierung Implantat-assoziierter Infektionen ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg hin zu einer ganzheitlichen Bearbeitung der Implantatforschung und Entwicklung, also den Kernzielen unseres Zentrums."

Die europäische I4A-Allianz wird von den bereits bestehenden Strukturen des nordamerikanischen Pendants profitieren, wie Professorin Stiesch erläutert. Professor Dr. Rabih O. Darouiche, Sprecher der nordamerikanischen Allianz, begrüßt die transatlantische Kooperation zwischen den Allianzen und sieht der ersten gemeinsamen Tagung, die bereits für den Herbst 2012 in Hannover geplant ist, mit großem Interesse entgegen. Von 2013 an sollen die gemeinsamen Jahrestagungen der Allianzen abwechselnd in Europa und den USA stattfinden. Zudem wird die I4A-Allianz im Bereich der Grundlagenforschung eng mit den Nordamerikanern zusammenarbeiten, was sich bereits in interdisziplinären Pilotprojekten zwischen der Arbeitsgruppe von Professor Darouiche und der MHH zeigt.

Gründungsmitglieder der I4A-Allianz sind Klinikleiter zahnmedizinischer und chirurgischer Kliniken der MHH sowie Vertreter des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung Braunschweig, der Leibniz Universität Hannover, Technische Universität Braunschweig sowie des Laser Zentrum Hannover.

Imprägnierung spart Millionen

Professor Dr. Axel Haverich, Direktor der MHH-Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie, der mit seiner Klinik ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern gehört, sieht in den Implantat-assoziierten Infektionen neben all dem Leid für die betroffenen Patienten auch einen riesigen Kostenfaktor: "Derartige Infektionen verursachen allein im deutschen Gesundheitswesen Kosten vom mehreren hundert Millionen Euro", sagt Professor Haverich. "Nehmen wir zum Beispiel nur die kardiovaskulären Implantate wie Schrittmacher, Gefäßprothesen und Herzklappen, so schätzen wir die infektionsbedingten Behandlungskosten auf fast 120 Millionen Euro pro Jahr."

Einer seiner Forscher hat nun eine neue Beschichtung für kardiovaskuläre Implantate entwickelt, für die er den Forschungspreis während der 25. Tagung der Europäischen Gesellschaft für Gefäßchirurgie gewonnen hat. "Die Beschichtungen - eine Art Imprägnierung - bieten den Patienten den entscheidenden Vorteil, dass die Implantate besser gegen Infektionen geschützt sind", sagt Dr. Theodosios Bisdas. "Prothesen können während der Implantation kontaminiert werden", erläutert er. Mikroorganismen vermehren sich auf der Prothese und bilden eine mehrzellige Schicht - den sogenannten Biofilm. Er schützt die Keime vor einem Angriff von Antibiotika oder dem körpereigenen Immunsystem.

Der MHH-Forscher hat mit seinem Team die Prothesen experimentell imprägniert. Dies soll die Kontamination der Gefäßprothesen vor und während der Operation und die entsprechende Ausbildung von Biofilmen minimieren. "Solche Infektionen innerhalb der ersten Tag nach der Operation sind für die meisten Komplikationen verantwortlich", erklärt Dr. Bisdas. Der Mediziner hat die Biofilme vier verschiedener Bakterien (Staphylococcus epidermidis und aureus, Pseudomonas aeruginosa, Escherichia coli) dargestellt und untersucht wie drei Antibiotika (Daptomycin, Rifampicin, Nebacetin) als Imprägnierungsmittel wirken. Dieses Experiment zeigte eine sehr gute antibakterielle Wirkung von Nebacetin gegen alle vier Bakterien. "Wenn wir die kardiovaskulären Implantate damit tränken, können wir die frühen Infektionen um fast die Hälfte reduzieren", erklärt Professor Haverich, "und allein damit 77 Millionen Euro pro Jahr sparen."

Im Verbund erfolgreich

"Erfolge dieser Art werden im Niedersächsische Zentrum für Biomedizintechnik möglich, weil Mediziner, Naturwissenschaftler und Ingenieure an einem Strang ziehen", sagt Professor Dr. Thomas Scheper, Direktor des Instituts für Technische Chemie der Leibniz Universität Hannover, der ebenfalls in dem Zentrum forscht. Eine Beschichtung von Implantaten mit Silbernanopartikeln hat gezeigt, dass Bakterien über einen Zeitraum von mehreren Wochen in ihrem Wachstum vollständig behindert werden ohne dass die menschlichen Zellen negativ beeinflusst werden, nennt der Chemiker als ein weiteres Beispiel. Gemeinsam mit Medizinern der MHH forschen die Chemiker an Implantatoberflächen, die die Bakterienanhaftung minimieren und gleichzeitig gut bioverträglich sind. "Hier führt eine gezielte spezifische biokompatible Modifikation der Oberflächen dazu, dass keine Infektionen oder Abwehrreaktionen hervorgerufen werden", sagt Professor Scheper. "Unser Ziel ist es, organ- und patientenspezifische Lösungen zu finden."

Das Niedersächsisches Zentrum für Biomedizintechnik wurde im November 2008 als gemeinsame wissenschaftliche Einrichtung der MHH, der Leibnizuniversität Hannover, der Tierärztlichen Hochschule Hannover und des Laser Zentrum Hannover gegründet, um die Kompetenzen der Implantatforschung an einem Standort zu bündeln. "Im Juni wollen wir den Grundstein für den vom Land Niedersachsen geförderten, 53,8 Millionen Euro teuren Forschungsbau am Stadtfelddamm legen", erklärt der Vorstandsvorsitzende Dr. Elff. Ende 2013 sollen die knapp 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter fast 80 Ingenieure und Physiker, in den 7000 Quadratmeter großen Neubau einziehen.

Auch die Suche nach einem neuen Namen war erfolgreich, wie Dr. Elff betont. "Das kaum auszusprechende Kürzel NZ-BMT ist Geschichte. Das niedersächsische Zentrum für Biomedizintechnik, Implantatforschung und Entwicklung heißt ab sofort NIFE." Auch ein neues Logo wurde kreiert.

Weitere Information erhalten Sie bei
Tanja Hesse
Öffentlichkeitsarbeit NIFE
hesse.tanja@mh-hannover.de

Kontaktdaten zum Absender der Pressemitteilung stehen unter:
http://idw-online.de/de/institution121

Quelle: Medizinische Hochschule Hannover, Stefan Zorn, 15.03.2012


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Quelle:
Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
WWW: http://idw-online.de
E-Mail: service@idw-online.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 17. März 2012