Schattenblick → INFOPOOL → MEDIZIN → FAKTEN


ERNÄHRUNG/956: Mangelernährung - schwerwiegendes Risiko für ältere Menschen (aid)


aid - PresseInfo Nr. 10/09 vom 4. März 2009

Mangelernährung kostet 13 Milliarden Euro

Erhöhtes Krankheitsrisiko und höhere Sterblichkeit sollen bald der Vergangenheit angehören


(aid) - Alle Welt spricht von Problemen mit Übergewicht. Die gesamte Medienlandschaft von Printprodukt bis Fernsehformat ist seit Jahren voll von Tipps zum Abnehmen, präventiven Maßnahmen für Kinder und teilweise Geißelungen von bestimmten Lebensmittelgruppen. Und doch gibt es in der Wohlstandsgesellschaft ein paralleles und völlig gegenteiliges Problem: Mangelernährung. Ein schwerwiegendes Risiko, das insbesondere ältere Menschen betrifft. Den aktuellen Stand der Dinge diskutierte die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. (DGEM) Ende Februar in Berlin.

Nach Dr. Matthias Pirlich, Oberarzt der Charité - Universitätsmedizin Berlin, gehen schwere und chronische Erkrankungen häufig mit einem schlechten Ernährungszustand einher. Mangelernährte Patienten in Langzeitpflege haben zudem ein erhöhtes Risiko für infektiöse Erkrankungen oder Stürze und Frakturen, die wiederum die Sterblichkeit erhöhen. Studien haben gezeigt, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Verschlechterung des Ernährungszustandes und funktionellen Defiziten, z. B. weniger Kraft in den Händen oder schlechtere Fähigkeit zur selbstständigen Versorgung gibt. "Alte Menschen benötigen eine ausreichend hohe Nährstoffdichte, weil häufig nur noch kleine Portionen gegessen werden können", so Pirlich. Sein Vorschlag: Mehr Energie durch Sahne, Butter oder Öle oder auch ein höherer Einweißanteil durch hochwertige Proteinpulver in Süßspeisen oder Soßen. Wenn die natürliche Kost nicht mehr ausreiche, könnten mögliche Defizite durch Energie- und proteinreiche Trinknahrung ausgeglichen werden.

Die ernüchternde Realität zeigt oft genug, dass in Kliniken und Pflegeheimen die Ernährung nur noch als Kostenfaktor gesehen wird, bei dem als erstes die Sparschraube angezogen wird. Wie falsch diese Entwicklung ist, zeigt sich alleine schon an nackten Zahlen. So kostet die Behandlung von Mangelernährung laut Professor Herbert Lochs, wissenschaftlicher Beirat der DGEM, in Deutschland rund 13 Milliarden Euro. Jedes Jahr.

Auch andere Zahlen lassen aufhorchen. So hat der jährlich durchgeführte "nutrition day" ergeben, eine Datenerhebung in europäischen Krankenhäusern und Pflegeheimen, dass eine stark verminderte Nahrungsaufnahme den Zeitpunkt der Entlassung aus dem Krankenhaus verzögert. So bleiben nach dem internationalen Koordinator dieser Erhebung, Prof. Michael Hiesmayr, Patienten in der Gruppe zwischen 53 und 66 Jahren fünf Tage länger. So stehe die Gewährleistung einer genügenden Nahrungszufuhr in einer wichtigen Beziehung zur effektiven Nutzung der vorhandenen Krankenhausbetten.

Angesichts der harten Fakten hat nun auch der Europarat das Thema Mangelernährung auf die politische Agenda gesetzt. Ein regelmäßiges Screening in Pflegeheimen und durch Pflegende zu Hause soll durchgeführt werden, damit Mangelernährung frühzeitig erkannt werden kann. Auch der Wunsch älterer Menschen, im Alter zu Hause zu leben, müsse stärker gewährleistet werden, zum Beispiel durch eine regelmäßige Versorgung. Lochs Apell an alle Beteiligten: "Wichtig nach der Entscheidung des Europarates ist es, nun in allen europäischen Ländern an die Umsetzung von Maßnahmen zu gehen."

aid, Harald Seitz

Weitere Informationen:
www.nutritionday.org
www.espenblog.com
www.dgem.de


*

Quelle:
aid PresseInfo Nr. 10/09 vom 4. März 2009
Herausgeber: aid infodienst
Verbraucherschutz, Ernährung, Landwirtschaft e. V.
Heilsbachstraße 16
53123 Bonn
Tel. 0228 8499-0
E-Mail: aid@aid.de
Internet: www.aid.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 6. März 2009