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ERNÄHRUNG/998: Gentechnik - Risiko im Essen (Securvital)


Securvital 5/2009 - September/Oktober Das Magazin für Alternativen im Versicherungs- und Gesundheitswesen

Gentechnik
Risiko im Essen

Von Norbert Schnorbach


Verbraucher wollen keine Gentechnik in Lebensmitteln. Aber die Genmanipulation kommt durch die Hintertür: Gen-Mais und Gen-Soja werden - ungekennzeichnet - in großen Mengen an Kühe, Schweine und Hühner verfüttert.


Beim Thema Gentechnik sind die meisten Verbraucher in Deutschland ausgesprochen kritisch. Weil genmanipulierte Lebensmittel massiv abgelehnt werden, gibt es bis heute kaum einen Hersteller, der Nahrungsmittel mit Zutaten aus genveränderten Pflanzen herstellt.

Das ist die gute Nachricht. Sie hängt mit der abschreckenden Wirkung der gesetzlichen Pflicht zur Kennzeichnung zusammen. Denn seit 2004 sind Lebensmittelhersteller gesetzlich verpflichtet, ihre Produkte zu kennzeichnen, wenn sie gentechnisch veränderte Zutaten verwenden. Das findet sich dann meist versteckt auf dem Etikett in der Zutatenliste und heißt zum Beispiel: "aus genetisch veränderter Soja hergestellt" oder "enthält genetisch veränderten Mais".

Aber die Kennzeichnungspflicht ist lückenhaft, kritisieren Verbraucherorganisationen ebenso wie Umweltschützer. Produkte von Tieren (Milch, Eier, Fleisch), die mit Gentechnik-Pflanzen gefüttert wurden, müssen nicht gekennzeichnet werden. Das Ausmaß dieser Lücke ist beträchtlich, denn 80 Prozent der weltweit angebauten gentechnisch veränderten Pflanzen werden zu Tierfutter verarbeitet.

Um mehr Klarheit zu schaffen, hat Greenpeace einen Einkaufsratgeber "Essen ohne Gentechnik" zusammengestellt und jetzt in aktualisierter Neuauflage veröffentlicht. Greenpeace ist 350 Lebensmittelherstellern auf die Pelle gerückt und hat hartnäckig Informationen gesammelt. Manche Unternehmen - auch bekannte Marken - sehen dabei gar nicht gut aus und sind auf der "roten Liste" im Einkaufsratgeber gelandet.

"Das sind Unternehmen, die sich besonders hartnäckig weigern, auf Gentechnik zu verzichten", berichtet Greenpeace. "So erwecken Marken wie 'Bärenmarke' der Hochwald-Molkerei oder 'Weihenstephan Alpenmilch' von Müllermilch den Anschein, naturnah zu produzieren. Tatsächlich aber kümmern sie sich nicht darum, dass das eingesetzte Tierfutter gentechnikfrei ist. Im Gegenteil: Sie erlauben ihren Landwirten den Anbau von Gen-Mais und die Verfütterung von Gen-Pflanzen an die Milchkühe."

Andere Unternehmen verhalten sich vorbildlicher und verbraucherfreundlicher, wie zum Beispiel die anerkannten Bio-Betriebe, die garantiert gentechnikfrei arbeiten. Seit 2008 können Hersteller ihre Produkte ausdrücklich als gentechnikfrei kennzeichnen, wenn sie tatsächlich auf genveränderte Pflanzen in der Tierfütterung verzichten. Für diese Positiv-Kennzeichnung ist der Wortlaut "ohne Gentechnik" vorgeschrieben, aber es gibt noch kein einheitliches Siegel dafür. Eine gute Orientierung bietet das sechseckige Bio-Siegel und die Marken der konsequenten Öko- und Bio-Hersteller. Außerdem veröffentlicht die Verbraucherzentrale Hamburg (www.vzhh.de) eine Liste von gentechnikfreien Produkten.

Doch bisher stehen erst wenige Namen auf dieser Positivliste. "Die Verbraucher suchen fast immer vergeblich nach diesen begehrten Produkten im Supermarktregal", klagt die Verbraucherzentrale. Dabei könnte das Versprechen "Ohne Gentechnik" ein echtes Argument zur Verkaufsförderung sein. Drei Viertel der Bundesbürger würden sich laut Meinungsumfragen dafür entscheiden, tierische Lebensmittel "ohne Gentechnik" zu kaufen, falls diese gekennzeichnet wären.


Ohne Gentechnik

Wer keine Gentechnik auf dem Teller haben will, kann
diesen Unternehmen und Marken vertrauen:

• Allos
• Alnatura
• dennree
• Gepa Fair Handelshaus
• Hamfelder Hof
• Hipp Babykost
• Landliebe
• Rapunzel Naturkost
• Ritter Sport Bio
• Seitenbacher
• Tegut
• Wiesenhof

Sie garantieren, dass ihre Produkte keine tierischen Rohstoffe wie
Milch, Eier oder Fleisch von Tieren enthalten, die mit
genmanipulierten Pflanzen gefüttert wurden.
(Auswahl.Quelle: Greenpeace)


Wenn die Anbieter nicht freiwillig dem weit verbreiteten Bedürfnis nach Wahlfreiheit nachkommen, sollte nach Auffassung der Verbraucherzentrale die Politik Nägel mit Köpfen machen und eine konsequente Pflicht zur Kennzeichnung einführen. Allerdings lässt die bisher geringe Verbreitung des Labels "ohne Gentechnik" vermuten, meint Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg, "dass gentechnisch veränderte Futtermittel in großem Umfang eingesetzt werden, ohne dass dies die Verbraucher erfahren."

Das gilt vor allem für Soja und Mais, die bereits in Nord- und Südamerika in großem Stil gentechnisch verändert angebaut werden. So kommen 40 Millionen Tonnen Soja jährlich nach Europa und werden hier zu 90 Prozent als Kraftfutter für Rinder, Schweine und Hühner verwendet.

Greenpeace fordert, dass Lebensmittelhersteller nur gentechnikfreies Soja importieren sollten. Außerdem sollte es nicht aus Plantagen stammen, die auf Urwaldzerstörung basieren. Die bessere Alternative sei, Soja durch heimische Futterpflanzen zu ersetzen. Die Verbraucher können das Anliegen unterstützen. Der Greenpeace-Einkaufsratgeber empfiehlt: "Essen Sie weniger Fleisch und kaufen Sie Fleisch aus ökologischer Landwirtschaft!"

"Die Genmanipulation ist eine Risikotechnologie."
Alexander Hissting, Gentechnik-Experte von Greenpeace

Genmanipulierter Mais wird in Deutschland zurzeit nur auf kleinen Flächen angebaut. Die meisten Bauern halten nichts von dem "Designer-Mais", der sie zudem auch in größere Abhängigkeit von Agrarkonzernen bringt. Außerdem zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass es ernsthafte Sicherheitsbedenken gegen den Gentech-Mais gibt. Umweltrisiken können nicht ausgeschlossen werden. Deshalb hat Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner im Frühjahr 2009 die Aussaat und den Handel mit dem Gen-Mais "Mon810" der Firma Monsanto wegen Umweltrisiken verboten.

Ebenso schädliche Auswirkungen wie der Gen-Mais, der in Deutschland verboten wurde, hat der Anbau von Gen-Futtermitteln auch in anderen Weltgegenden. "Die Genmanipulation ist eine Risikotechnologie. Durch den Eingriff in die Pflanze können unerwünschte Stoffe mit Nebenwirkungen entstehen", kritisiert Alexander Hissting, Gentechnik-Experte von Greenpeace. "Zudem wird Gen-Soja stärker gespritzt als herkömmliche Soja. Die giftigen Pestizide können das Trinkwasser verunreinigen und bedrohen die Pflanzenvielfalt."

Diese Gefahr unterstreicht auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Gentechnik-Konzerne erwirtschafteten den Löwenanteil ihres Umsatzes mit chemischen Spritzmitteln. "Ihr vorrangiges Interesse ist es, herbizidresistente Pflanzen und das dazugehörige Spritzmittel in Kombination zu verkaufen", sagt Heike Moldenhauer, Gentechnik-Expertin des BUND. "Wenn diese Gentech-Sorten auf die Äcker kommen, führt das zwingend zur weiteren chemischen Aufrüstung der Landwirtschaft." Außerdem bedroht Gentech-Saatgut die Existenz von landwirtschaftlichen Betrieben, die gentechnikfrei arbeiten wollen.


Weitere Informationen:

Der Einkaufsratgeber "Essen ohne Gentechnik" (11. Auflage 2009) ist
kostenlos bei Greenpeace erhältlich. Tel. 040 / 30618-120.
Zum Download auf www.greenpeace.de

Eine aktualisierte "Rote Liste" von Produkten, die Gentechnik enthalten,
befindet sich auf www.greenpeace.de/gen-alarm

Eine Positivliste von Produkten mit der Kennzeichnung "ohne Gentechnik"
veröffentlicht die Verbraucherzentrale Hamburg: www.vzhh.de/ohnegentechnik

Weitere Informationen des BUND und Aktionen zum Thema Gentechnik:
www.bund.net


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Quelle:
Securvital 5/2009 - September/Oktober, Seite 16-18
Das Magazin für Alternativen im Versicherungs- und Gesundheitswesen
Herausgeber: SECURVITA GmbH -
Gesellschaft zur Entwicklung alternativer Versicherungskonzepte
Redaktion: Norbert Schnorbach (V.i.S.d.P.)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 30. September 2009